28.02.2008 / 1:07 am
Von Abel vB
Das Internet, Das Internt, das Internet.
Nur Leute von gestern, mit dicken, hässlichen Brillen – solchen die nicht schick, sondern nur dick sind – gehen noch in Geschäfte, gehen einkaufen, fragen nach Waren und warten auf Antworten. Der moderne Mensch, der seine Aufklärung als Verständnis des Marktes und seines Angebotes begreift, nutzt schon längst das Internet, das Internet, das Internet.
Klickt sich eifrig durch MySpace und YouTube Profile und vergönnt sich selber nicht nur die oft beschworene »gute Zeit«, sondern nährt damit den Mythos des Internets als ersten, echten Gegenentwurf zu den bestehenden Geschäftsmodellen etablierter Plattenfirmen. Denn beworben werden die konsumierten Produkte nicht auf Plakatwänden und Monitoren in der U-Bahn, sondern von all deinen Freunden; die mit den tollen Bildern, dem besseren Geschmack und den geistreichen Blogeinträgen.
Trotz physischer Unzulänglichkeiten bietet das Internet kulturindustrielle Zerstreuung in nie geahnter Verfügbarkeit und postiert sich durch die Nutzer und ihre Mitmachversuche unter dem Label Web2.0 eben nicht als Ausstiegsmöglichkeit und Dissonanz, sondern als Spucknapf für die ewiggleiche Suppe.
Das Koordinatensystem des Geschmacks ist nicht unbeeinflusst, es ist geprägt von dem Leben in der analogen Welt und findet sich im Internet nur in digitaler Form wieder. Es macht einzig für die Wahrnehmung der Kultur im gesellschaftlichen Kontext einen Unterschied ob »die neue Band« oder »der neue Film« durch digitale Freundschaftsanfragen und dem mitschwingenden Sujet des Authentischen beworben wird oder den Aufstieg zur massenakzeptierten Berieselung ganz klassisch in Form von »redaktionellen« Beiträgen und gekauften Rezensionen meistern.
Das Ergebnis – Ablenkung, Abwechslung und gut schlafen – ist dasselbe.
Doch der Pessimismus ist ja kein guter Freund, stets schlecht gelaunt kann man ihn nirgends mit hinnehmen ohne böse Blicke zu ernten und – ja klar – die Band war schon gut. Fatalistisch und weil der Tag eh nicht so Posi war, klickt man sich also nicht ohne Spass durch Videoblogs, spielt Flashgames und chattet sinnentleert mit sinnhaften Freunden und bearbeitet die ganze Palette der Emoticons bis man endlich mal wieder einen Link findet der das Prädikat
verdient.
Zum Beispiel bei YouTube, dem Videoportal für Ausschnitte:
Hier zeigen sich dann auch wieder die klassischen Strategien und Arbeitsschritte der »Großen« im Internet die so gar nicht zu dem naiv-idealistischen Weltbild der Gemeinde Web2.0 passt. Für eine Publicity-trächtige Summe übernahm Google trotz fehlendem Geschäftsmodell und roten Zahlen im hübschen Bereich die Website, um sich anschliessend über die Gratiswerbung der Medien zu freuen, die mit ihren Berichten YouTube vollends zu einer der meistfrequentierten Seiten im Netz machten. Kapitalkönig schlägt Mitmachbauern, denn hier wird das Internet nicht als Spielwiese für Innovationen und freie Meinungsäußerung betrachtet, wie es die Kuschelkommunikation von Google nahe legt, sondern einzig nach dem bekannten ökonomischen Verwertungsprinzip. Denn was Ware und was Währung ist, mag im Netz variieren, doch die Mechanismen von Angebot und Nachfrage werden nicht neu justiert. Die Währung ist zumeist Aufmerksamkeit und die Ware wird von den Nutzern gestellt, diese erlangen im Idealfall dann die Währung Respekt, die sie mit ein wenig Fingerspitzengefühl schon bald in klingende Münzen verwandeln können. Also dasselbe wie ein Musiker in einer Fußgängerzone und das ist ja mal gar nichts Neues.
Angeklickt wird, was lustig respektive gut, schlecht, sinnvoll oder schlicht bemerkenswert ist. Das erfolgreichste Video bei YouTube ist übrigens »Evolution of Dance«, ein Komiker mit Hang zur Bewegung tanzt und schunkelt sich durch 4 Jahrzehnte Popmusik. Wie passend.
Unter den Kuriositäten tummelt sich auch ein gewisser Alexander Marcus, der für sich beansprucht, den Musikstil Electrolore – also eine Fusion aus Electro und Folklore – erfunden zu haben und diesen nun mit großen Schritten definiert. Knarzige, teils gesamplete Beats, funktionieren überraschend gut mit den eingängigen Lindenberg’esken Textzeilen und ringen dem Betrachter ohne großen Kampf ein Lächeln ab. Denn ob man mit oder über ihn lacht, macht alleine vor dem Monitor erstmal keinen Unterschied. Unentschlossen, doch gut unterhalten, verfolgt man die visuelle Melange aus Porsche, rosa Hose, Pomade und Breakdance.
Schnell machten die Clips (1/2/3) im Bekanntenkreis die Runde, die Emoticons strahlten und als die Zugriffszahlen nach oben gingen hatte man das Gefühl, dem ersten deutschsprachigen YouTube-Star, der das auch so möchte, bei der Arbeit zuzuschauen. Und das bald auch Live, in echt, ohne Monitor. Denn »Auf die Freundschaft!«, die schönste WG-Party Hamburgs feierte nach langer Pause wieder mal ein Fest der guten Laune und alles, was Rang und Namen hatte, strömte Richtung Prinzenbar. Neben hochkarätigen DJ’s und Live-Musik gab es natürlich auch das besondere Etwas, das dieser Veranstaltungsreihe den gewissen Charme verleiht. Nicht nur eine Tombola, bei der ich einen Plastikdrachen mit Schwert (mit Schwert! So wie Haie mit Lasern!) gewann, sondern auch eine Liveperformance des Herrn Alexander Marcus.
Gut gelaunt machte ich mich also auf den Weg Richtung St. Pauli um erstmal an der einzigen Tankstelle Deutschlands die mehr Liter Bier als Benzin verkauft (Danke Spiegel TV!) ein paar eben solcher zu trinken. Wir mussten da eh noch Schlange stehen, weil die Vorband ihre Parallelklasse eingeladen hatte und wir erstmal warteten, bis die Röhrenhosen-Apparel Clique weiterzog. Klingt so negativ, wie es gemeint ist: die haben einige relevante Regeln des zwischenmenschlichen Zusammenlebens nicht verstanden. Wo sind die S-Bahn-Schläger wenn man sie braucht? Bestimmt bei Spiegel TV…
Aber dann ging es direkt rein. (Noch eine Anmerkung: Super Plan von der Prinzenbar-Organisation eine einzige Bedienung die Party schmeissen zu lassen. Ich glaube, ich musste in meinem Leben noch nicht so viel arbeiten, wie die Dame an diesem Abend. Tz.)
Durch die architektonischen Eigenheiten des Ladens konnten wir uns trotz »Ausverkauft!« erhöhte Stehplätze mit gutem Bühnenblick und doch nicht mittendrin sichern und warteten gespannt auf den Internetstar, der jetzt gleich, ganz in echt auf die Bühne sollte. Wie überall dieser Tage hätte man angesichts der Masse an so genannten Glow-Sticks das Licht direkt ausmachen können. Jenseits dieser angeblich party-fördernden Spassstöckchen war das Publikum jedoch erstaunlich unhipp. Eher »du hast die Haaaaaare schön!«, als »we are your friends«. Aber hat mich nicht gestört.
Und kaum ertönten die ersten Beats, schlug eine Welle der guten Laune durch das Etablissement und verwandelte die Prinzenbar in das Oberbayern, die Wiwi-Party oder auch eine beliebige Schlagerparty im norddeutschen Flachland. Wendler’esk krachten die Beats auf das vorbereitete Publikum, das bereitwillig alle Texte mitsang und mit ausgelassenen Schreien die dargebotenen Tanzschritte adelte. »Exzess« stand in großen Buchstaben über dem Auftritt des Internetstars. Soweit so gut, doch was allein zuhause mit der dann doch nötigen Distanz und dem unbestimmten Glauben an die Ironie der Darbietung so manche Male amüsierte, weckte spätestens als der Klassiker »1, 2, 3« erklang, nur noch eine Assoziation: WM ’06.
Die Masse singt »Schwarz, Rot, Gold, das sind unsere Farben, der Wagen rollt«. Im Video sind alle verkleidet und fahren eine Horde Kinder quer durch Deutschland; ein Narrenkostüm und die Darth Vader Maske karikieren den Text. Aber so direkt, so live, mit der WM noch in den Knochen. Das singende Publikum. Das war geschmacklich dann doch recht schal. Von oben betrachtet vermengen sich die Menschen zu einer Masse mit glühenden Punkten.
Sieht aus wie eine Satellitenaufnahme von Deutschland bei Nacht. Und wir mitten drin. Oha.
28.02.2008 / 1:07 am
[…] ernst meint, oder es sich um eine in diesem Fall wirklich gut gemachte Verarsche handelt. Abel VB schreibt bei Beatpunk, wie es ist, Alexander Marcus im echten Leben zu treffen und hat «nur noch eine Assoziation: […]
26.04.2008 / 7:35 pm
Mehr Bier als Benzin, wieder was gelernt!
Zu Alexander Marcus: Er ist einfach ein guter Entertainer, der seine Zielgruppe mit dem bedinet, was sie verlangt: Unterhaltung. Höher muss der Anspruch nicht (immer) sein.
Hier gibt’s noch ergänzende Infos zum Electrolore-Marcus:
http://tickets4fans.wordpress.com/2008/04/25/alexander-marcus-electrolore/
Cheers,
Marc
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