Von Sebastian
»Es gibt kein Müssen und kein Sollen, wenn wir es wollen«//2.12.03/Conne Island
Nach längerer Bühnenabstinenz zieht es derzeit die alten Herren von Blumfeld erneut quer durch die Lande. Eine kleine aber wohl erlesene Club‑ und Festivaltour soll vom neuen Album mit dem vielsagenden Titel »Jenseits von Jedem« künden und dessen Erscheinen im Spätsommer diesen Jahres einläuten. Eine nette Sache, das‑ zumindest für den, der Jochen Distelmeyer und Mitmusikanten gerne mag. Das sind neben mir netterweise recht viele − genug jedoch, wissen mit der Band nichts rechtes anzufangen. Herr Distelmeyer könne nicht singen, die Musik sei Karl Moik – kompatibel und außerdem hätten die komische Vornamen. Mit Verlaub, das ist doch alles Unsinn, (bis auf die Vornamen, vielleicht).
Man ließ sich von den Nörgeleien im Vorfeld nicht weiter beirren und zog am 16.06.03 zum Leipziger Conne Island, wo die besagte Band an jenem Abend ein Gastspiel gab. Blumfeld in einem Club ist irgendwie etwas anderes, als auf ’nem Festival. Nicht nur, dass der Klang in einer Halle über weit mehr Volumen und Intensität verfügt, als bei einem Open-Air-Gig; die Band weiß auch eher mit einem homogenen Publikum umzugehen, das genau wegen Blumfeld dort ist und nicht versucht die Zeit bis zum Auftritt Ihrer Lieblingsband Eisenpimmel mit »Öhhh, Häwie Mätttel«- Rufen zu überbrücken. Überhaupt ist ein Festivalpublikum eine ganz komische Sorte von Musikliebhabern, die über sehr merkwürdige Arten verfügen, ihre Begeisterung auszuleben. Aber das steht auf einem ganz anderen Blatt Papier.
Auf diesem hier steht nur Blumfeld. Ihr Auftritt begann mit der im August erscheinenden neuen Single „Wir sind frei“, die hier jetzt schon mal abgefeiert werden muss. Der Song ist mehr als brillant. Er bewegt sich musikalisch auf der gleichen Schiene, wie das ganze letzte Album »Testament der Angst« und setzt textlich eine Schärfe fort, die z.B. in der »Diktatur der Angepassten« eingeschlagen wurde. Sozialkritische Texte, fast ohne Plattitüden sind das, was man an Blumfeld mögen muss, auch wenn einem die Musik vielleicht nicht gefällt. Über letztere aber einfach mal so herzufallen, ohne die lyrische Ebene, das Wortspiel, den Gehalt der Band wahrzunehmen, versucht den spätestens durch die Texte ausgehobenen Graben zu den Flippers, Hanne Haller und ähnlichen Volkstumsmusikanten wieder böswillig einzuebnen.
»Wir sind frei« jedenfalls, ist nicht einfach nur so kritisch; meckert nicht hier und da über die Schlechtigkeiten dieser Welt, sondern unternimmt den Versuch eine Sozialutopie zu formulieren, die den Begriff der Negation noch ernst nimmt, anstatt in das Fettnäpfchen des »Bilderverbots« zu treten und irgendwelche komischen Verteilungssysteme und Paradiespläne vorzulegen. Anhand der traurigen Realität stellen Blumfeld richtigerweise fest, dass ein gutes Leben die Umkehrung dessen ist, was ist.
Neben »Wir sind frei« noch unzählige Lieder mehr. Es fiel mir erst bei diesem Konzert auf, wie viele schöne und wichtige Songs Blumfeld in ihrer doch schon recht langen Bandgeschichte geschrieben haben und mit welcher Genauigkeit sie selbige zu intonieren wissen. Wären einige gesangliche Variationen von Jochen nicht gewesen, hätte man wohl nur schwer unterscheiden können, ob hier eine CD durchläuft oder die Band schon spielt. Keine nervigen oder beschissenen Ansagen, sondern einfach nur vier nette Menschen inklusive des neuen Keyboarders Friedebert (?), die sich auf der Bühne eben so geben, wie ihre Musik klingt. Nachdem der Set durchgespielt, brav drei Zugaben bewältigt waren, schien Blumfeld am Ende angekommen zu sein. Ein Ende jedoch, dass niemand so recht akzeptieren wollte und so sahen sich Jochen und Co. gezwungen, Ihr Programm einfach noch einmal von vorne aufzurollen. »Wir sind frei« als Auftakt setzte so ebenfalls den gelungenen Schlußpunkt. Blumfeld verstehen es, wie kaum eine zweite Band einen Club einzunehmen und dabei eine Atmosphäre schaffen, bei der sich prima in der Ecke stehen lässt, ohne dass es einem peinlich sein müsste, bei der man sich gut fühlt, ohne genau wissen zu wollen, wieso.
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