Von Sebastian
Bevor ich auf die derzeit im Ludwig-Museum gastierende Ausstellung zu Design und Architektur des Bauhaus-Vertreters Marcel Breuer zu sprechen komme, seien mir ein paar Vorbemerkungen über Budapest verziehen.
Die ungarische Hauptstadt hat sich in den fast vier Jahren, die seit meinem letzten Besuch verstrichen sind, fundamental umgewälzt. Geblieben sind die prachtvoll verzierten Häuser zwischen Historismus und Jugendstil, ein wahrnehmbares jüdisches Leben mit koscheren Supermärkten und Restaurants. Geblieben sind billige Grundnahrungsmittel, wie Brötchen, Milch oder Eier und eine grandiose so-called independent Kinokultur mit unzähligen Filmspielorten.
Ansonsten greift an allen Ecken und Enden der Stadtentwicklungsspaten. Der realsozialistisch, heruntergekommene Charme vieler Straßenzüge musste Designer-Geschäften und perfekt ausgeleuchteten und bestuhlten Bars weichen. Selbst die alten Straßenbahnen mit den kurbelbaren Fensterscheiben sind zu meinem Bedauern mittlerweile verschwunden. Die Stadt wird gelackter, sauberer, aufgeräumter und moderner. Sie nähert sich zusehends bis zur Ununterscheidbarkeit anderen europäischen Metropolen an.
Die zarten Knospen der viel beschworenen Jugendsubkulturen reiften derweil zu stattlichen Früchtchen, die man kaum mehr übersehen kann. Und so stolperte auch ich – früher undenkbar – während meines Kurzbesuchs in Budapest mehr zufällig auf eine Donau-Barkasse, auf der junge aber versierte Musiker etwas zu Gehör brachten, das sich wohl am ehesten als NOFX mit ungarischen Texten beschreiben ließe. Darüber hinaus war in der Stadtzeitung Pesti-Est zu lesen, dass nunmehr wöchentlich ein Punk/Hardcore-Abend im Szocial Club stattfindet. Noch vor vier Jahren versicherte ein Genre-Vertreter, dass es eine »Szene« in Ungarn nicht gäbe. Allenfalls zehn Punkrock-Artgenossen würden in Budapest leben. Dass das heute definitiv anders ist, bestätigen wohl auch die zahlreichen Punk‑, Rockabilly‑, Metal‑, Skate‑ und Urban Art-Shops die im Stadtkern angesiedelt sind. Nur von der Befriedigung touristischer Konsumbedürfnisse könnten sie sich wohl kaum halten.
Der etabliertere Teil der lokalen Kunstszene ist unter anderem im Ludwig-Museum, das sich auf Gegenwartskunst spezialisiert hat, beheimatet. Neben einer Dauerausstellung, die ungarische Künstler wie Ilona Keserü, László Lakner, Krisztián Frey oder György Jovánovics neben Arbeiten von Picasso, Warhol oder Lichtenstein aufreiht, hält das Haus – das übrigens das einzige seiner Art in Ungarn ist – Platz für mindestens zwei weitere Ausstellungen bereit.
Das Ludwigmuseum ausfindig zu machen, stellte sich jedoch als ansehnliches Problem heraus. Nachdem wir ausweislich meines Stadtplans die Metro in Richtung Moskva tér bestiegen, uns über einige Anhöhen hinweg und japanische Reisegruppen hindurch in die Ummauerung der Budaer Burg gekämpft hatten, war vom »Lumu« nur noch ein Hinweisschild übrig. Meine alte Karte hielt auch hier dem Pulsschlag der Stadtplanung nicht mehr schritt. Das Haus hatte inzwischen – so verriet die Tafel – donauabwärts ein neues Quartier bezogen.
Meine redaktionelle Reisebegleitung, die sich in den letzten Monaten bereits im gar nicht kommunistischen kommunistischen Ausland aufhielt, zog am Abend dieser Schlappe dem zweiten Versuch die Selbstverstümmelung vor. Mit dentalhygienischer Hingabe putzte er sich ¾ eines gewichtigen Backenzahns heraus, um anlässlich der nun freiliegenden Wurzel ein one-way-ticket nach Leipzig zur Dental-OP zu lösen. Die Marcel Breuer-Ausstellung sollte mir tags darauf deshalb allein vorbehalten bleiben.
Entlang der Vámház körút über den aufgehackten Kalvin tér ging es an der eingerüsteten Szabadsag híd, der schönen grünen »Freiheits-Brücke«, links das Ufer hinunter. Für eine genaue Ortsbeschreibung wagte ich das Gespräch mit einem Taxifahrer. Dieser simulierte Ahnung, sprökelte aber lediglich die Auskunft »ten kilometers« heraus. Seiner Armbewegung nach zu urteilen musste ich dem Horizont entgegen, der sich aber glücklicherweise bereits nach einem etwa zwei Kilometer währenden Spaziergang in Gestalt eines imposanten Stahl-Beton-Glas-Kolosses vor meinen Füßen ausbreitete. Da war ich nun.
Die in Kooperation mit dem Vitra Design Museum Weil am Rhein realisierte Ausstellung »Marcel Breuer – Design and Architecture« verfolgt das Ziel, erstmals das Werk des Künstlers kombiniert zu zeigen. Der 1902 in der ungarischen Stadt Pésc geborene Breuer, der während seines Studiums von der Wiener Akademie der Künste ans Weimarer Bauhaus wechselte, wo neben Walter Gropius, auch Paul Klee oder Wassily Kandinsky lehrten, hat sich nicht auf eine Formgestaltung beschränkt. Nach wegweisendem Möbeldesign, von dem noch die Rede sein wird, betätigte sich Breuer später als Architekt. Interessanterweise wird diese Spaltung seines Schaffens unterschiedlich konnotiert wahrgenommen. Während Breuer in Europa vor allem als Urheber moderner Einrichtungsgegenstände bekannt ist, hat er sich in den USA hauptsächlich einen Ruf als renommierter Architekt erworben. Intention der KuratorInnen war nun, jene beiden Aspekte im Oevre Breuers zu vereinen.
Nicht wahllos erscheint mir dabei der Ort, an dem das geschieht. Während in Ungarn derzeit ein starker politischer Backlash zu spüren ist, reaktionäre, nationalistische wie antisemitische Tendenzen sich zu gesamtgesellschaftlichen Alltagsideologien verdichten, hält eine Bauhaus-Ausstellung einen Gedanken davon wach, dass sich Budapest einst als pulsierender Ort emanzipatorischer Kunst empfohlen hat. Nicht nur, dass das Bauhaus – von dem Paul Klee hellsichtig sagte, es repräsentiere Kunst in Deutschland, aber nicht deutsche Kunst – seine architektonischen Spuren in Budapest hinterlassen hat, sie ist in Ansehung jüngerer, plump-verkitschter Exponate in der Dauerausstellung des Museums auch ein niederschmetternder Verweis auf die Geistesgeschichte der Stadt: den Sonntagskreis um Georg Lukasz, auf Zeitschriften wie »Ma«, auf die Künstlergruppe »A Nyolcak« (Die Acht) oder die Musik von Belá Bartok.
Die Breuer Retrospektive beginnt mit Möbelarbeiten, die nach dem verwendeten Materials gruppiert sind. Neben Aluminium‑ und diversem Holz-Design lassen sich auch und vor allem die sehr bekannten elastischen Stühle aus gebogenen Stahlrohren betrachten. Diese Sitzgelegenheiten, die noch immer eine halbwegs zeitlose Idee moderner und funktionaler Einrichtung repräsentieren, haben sich in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts indes als wirtschaftlicher Flop erwiesen. Die Einrichtungen der Wohnzimmer diverser Avantgarde-Vertreter verhalf Breuers Entwicklung nicht zu ihrem Durchbruch und zum veritablen finanziellen Erfolg, den das Mobiliar heute zweifelsohne abwirft.
Abgesehen vom Wassily-Stuhl B3, der allein aus Stoffbahnen und Stahlrohren gefertigt ist, steht der heute noch stark verbreitete Freischwinger-Stuhl B55 im Vordergrund. Gerade um dieses Möbelstück bzw. seine Vorformen ranken sich – in der Ausstellung leider, aber in einem internationalen Kontext vielleicht berechtigterweise unangesprochen – einige der bahnbrechendsten juristischen Verfahren des taufrischen deutschen Urheberrechts. Das Reichsgericht hatte im frühen 20.Jahrhundert unter anderem zu entscheiden, inwiefern der Entwicklung eines Möbelstücks ein Urheberrecht zukommt; inwieweit also auch einem an sich technisch-physikalischen Werk eine gehobene Gestaltungshöhe zukommt, das dem Schöpfer gleich einem Musiker oder Maler unabhängig von eingetragenen Patenten die Verwertungsrechte an seiner Entwicklung zuerkennt.
Auch wenn die juristischen Aspekte weniger interessant gewesen sein mögen, so hätte es dennoch gelohnt, die Rolle Breuers bei der Entwicklung eines Freischwingerstuhls klarer zu beleuchten. Die ist nämlich recht umstritten und wurde in benanntem Gerichtsverfahren abgelehnt. Die Idee eines Stuhls ohne Hinterbeine geht eigentlich auf Mart Stamm aus dem Jahr 1926 zurück, dessen »Kragstuhl«-Modell allerdings noch ein wenig steif daher kam. Zeitgleich entwickelte Mies van der Rohe ebenfalls vom Bauhaus ein elastischeres Modell, das Breuer dann mit dem B55 weiterführte.
Hervorhebenswert erscheint mir, dass es die Ausstellung nicht dabei bewenden lässt, Original-Modelle oder Entwürfe der in seiner Bedeutung kaum zu unterschätzenden Stuhlgestaltung vorzuführen, sondern sie zusammen mit Katalogen und technischen Zeichnungen zu präsentieren. Diese stilistische, wie zeitliche Kontextualisierung lässt eine Ahnung davon zu, welchen Stand Design in der Zwischenkriegszeit besaß und wie jäh eine europäische Avantgardetradition mit dem NS abgebrochen ist.
Schön wäre allerdings gewesen, wenn das Mobiliar nicht so artifiziell allein der Betrachtung gedient hätte. Beim Anschauen von Breuers Sitzgelegenheiten bekam man die unerfüllte Lust, zumindest auf Kopien der Modelle probeweise Platz zu nehmen.
Der zweite Teil blieb Breuers architektonischen Arbeiten vorbehalten, die vor allem in den bzw. durch die USA realisiert wurden. Dies liegt wohl nicht allein an der Ausbildung am Weimarer Bauhaus, an dem Begriffe wie »Amerikanismus«, »Fortschritt« und »Metropole« kursierten, sondern auch an dem Umstand, dass Breuer ab 1937 in Harvard als Hochschullehrer und später mit einem eigenen Architekturbüro in New York Fuß gefasst hat.
Wie schon beim Möbeldesign, haben sich die KuratorInnen auch hier um eine anschauliche Zergliederung bemüht – in die Teile »Houses, Spaces and Volumes«. Durch diese Methode wurde Breuers vortastende Bewegung erkennbar. Während er sich zunächst kleineren Wohnhäusern widmete, gelten seine späteren Planungen großen Bibliotheken, Kirchen und Botschaftsgebäuden, die man angenehm musealisiert vorfindet. Neben technischen Zeichnungen und Fotos hat das Ludwigmuseum eigens für die Retrospektive 12 Miniatur-Modelle der Gebäude angefertigt, die einen räumlichen Blick freigeben.
Darüber hinaus scheint man bemüht, den Besucher aus seiner geistfreien Betrachterrolle zu drängen. Statt die Arbeiten nur anschauen zu lassen, die – wie im Bauhaus üblich – durch klare geometrische Formen ohne jegliche Ornamentik charakterisiert sind, findet man Breuers Architekturidee und seinen Gestaltungsprinzipien offen gelegt. Dies bietet die Möglichkeit, die realisierten Gebäude mit der Theorie abzugleichen.
Wer nicht gerade freiliegende Nerven im Mundbereich sein eigen nennt, könnte sich dazu auf einem Budapest-Besuch noch bis zum 2.September 2007 in der Lage fühlen.
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