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Die Schule der Arbeitslosen

Von Sebastian

Ein schöner, geistreicher Abend im Hamburger Polittbüro sieht üblicherweise anders aus. Nach unzähligen wohlgeratenen Vorstellungen der von betreuten Vers‑ und Kaderschmiede, fiel die »« gründlich durch dieses Kompliment-Gewebe.

Nach dem Überwinden einer Schlange, die ähnlich beschwerlich anmutete, wie die vor 18 Jahren im Osten nach veralteten Südfrüchten, nach einem Jever, das die Frage aufwarf, warum es kein Becks war und erneutem Warten auf den Vorstellungsbeginn – versah man sich plötzlich in etwas anderem als einer rauschenden Gala. Auch wenn eben solche nicht ausgewiesen stand, waren es gerade derlei Abende, die den Autor dieser Zeilen immer wieder nach St. Georg führten. Abende, an denen sich Schauspiel‑ oder Lesebeiträge zum Beispiel von Dietmar Muess oder Gustav Peter Wöhler mit musikalischen Einlagen zwischen dem Kabarett-Duo Herrchens Frauchen und der poplinken Lokalkolorit von Peter Thiessen (Kante) und Frank Spilker (Die Sterne), bis zu Knarf Rellöm und Rocko Schamoni die Hand reichten.

Statt dessen bemühte sich das Polittbüro-Umfeld ausnahmsweise in ernstem Theater und präsentierte eine Bühnenfassung des 2006 erschienenen Romans »« von . Die Handlung der nach Selbstauskunft dargebotenen »szenischen Lesung« erinnert an und : im Jahr 2016 begeben sich Arbeitslose mehr oder minder freiwillig in die Fänge von Sphäricon, einem Unternehmen das nichts produziert ausser Profi-Bewerber. In einer Ganztagsschule werden Biografien frisiert und Lebensentwürfe entsorgt, Motivationtiraden gehalten, Individuen abgerichtet und eingeschüchtert. Ihr falsches Leben ist nicht das was die Kapitalverwertung gerade mal eben einlöst, sondern das tatsächlich Gelebte – die Existenz eines langweiligen Durchschnittsmenschen, die sich in ihren profanen Stationen für einen nebulösen Arbeitsgeber wohl kaum attraktiv lesen würde. Ohne jegliche moralingemischte Patina tritt das Wesen der Verhältnisse in Zelters Sphericon hervor, indem der Mensch offen auf das reduziert wird, was ihn gesellschaftlich charakterisiert: auf eine Arbeitsbüchse.

Nicht dass in einer höheren Entwicklungsstufe des Kapitalismus die Unnötigkeit von Arbeit zu einem Mehr an Lebensqualität, an Müßiggang und Genuss führen würde; vielmehr zeichnet Zelter das Fehlen von Arbeit als umso heftiger zu tage tretenden Arbeitsfetisch nach. »Die Arbeit verfolgt uns nicht mehr. Wir verfolgen sie.«, schreibt er in seinem Buch, »Wir fahnden nach ihr. Mit allen Mitteln. Wie nach einem kostbaren Rohstoff. Oder wie ein Jäger nach Beute. Die eigentliche Arbeit ist heute nicht mehr die Arbeit selbst, sondern die Suche nach Arbeit«.

Diese Suche erfolgt in einem durchweg faschistoiden Umfeld, in dem weder der Einzelne zählt, noch das Leben oder dessen Entwürfe. Die Schüler in Sphericon werden permanent mit Sprüchen, wie »Careless talk costs jobs« oder »Work is freedom« oder mit fiktiven Erfolgsstories aus der Fernsehserie »Job-Quest« eingelullt und zum Durchstreichen jeglicher Subjektivität angehalten. Selbst körperliche Nähe wird zum Jobfaktor, zum Selbstwert-Bumsprogramm in der eigens eingerichteten »Weekendsuite I und II«.

Die von Ebermann höchstselbst umgesetzten Bühnenfassung fiel wie eingangs festgestellt etwas blass aus. Nicht nur, dass die Vorbereitung auf die Schauspielerei ähnlich lustvoll vonstatten gegangen sein muss, wie das Präparieren zur Verlesung neuer Medikamente im Morgenkreis der Seniorenresidenz. Bis auf eine hervorzuhebende Ausnahme sahen es alle Mitwirkenden wohl nicht für notwendig an, ihren Part einzustudieren – sie lasen lieber vom Blatt. Wahrscheinlich aus diesem gescheuten Aufwand griff man zur bereits erwähnten Selbstbezeichnung der »szenischen Lesung«.

Hervorheben lässt sich indes die Realisierung von »Job Quest«, die tatsächlich als eingespielter Film für kurze Ermunterung sorgte. Jaques Palminger tritt darin als entschlossener Arbeitsloser auf, der durch einen erlauschten Tipp bei Rocko Schamoni im Goldenen Pudel Club als DJ anheuern will und dafür sozialdarwinistisch über Leichen geht. Das war es dann aber auch schon mit Sehenswertem.

Ein wenig erschreckend breitet sich das Stück zum Ende hin aus. »Zur bitteren Pointe, die natürlich nicht verraten werden soll, sei bloß gesagt: Konsequenter ist die Frage, was denn nun zu tun ist mit dem menschlichen Strandgut, das die strukturelle Arbeitslosigkeit im späten Informationskapitalismus massenhaft produziert – konsequenter ist diese Frage literarisch zuletzt nicht beantwortet worden.«, fand die Süddeutsche Zeitung Zelters Schlussakkord.

Um ihn aber – jedenfalls für die Polittbüro-Inszenierung – dann doch zu verraten: die nicht vernutzbaren Arbeitslosen werden deportiert. Mit deutlichen Metaphern, die klar machen, dass der Nationalsozialismus sich in Sphericon wiederhole, warten die geschulten Profi-Bewerber auf ihre Verschiffung nach Sierra Leone. Eine solche »Konsequenz« – wie es die SZ nennt – nivelliert den Wahn des Dritten Reiches. Auch wenn Zelters Zukunftsvision ein faschistisches Arbeitsregime zeichnet, ist es mit dem Vernichtungswillen des Nationalsozialismus noch lange nicht in Zusammenhang zu bringen. Die sechs Millionen getöteter Jüdinnen und Juden hätten wohlmöglich Hartz IV der Endlösung vorgezogen.


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  1. Bert 29.12.2007 / 2:34 pm

    ..mache ich einen Denkfehler
    wenn ich Assoziationen mit Judenverfolgung und KZ
    schnell im Kopf habe?
    Faschistoid ist ja keineswegs das Buch. Nein, Nein.
    Eher die gesellschaftliche Entwicklung die ja bereits tendenziös da hin(schleicht).
    Ich vermisse den Aufschrei des Entsetzens im Lande.
    Da soll aber keiner nachher mehr sagen
    »….wir haben nichts davon gewußt…«
    Aber mal die Frage…wann gibt es dann die
    2.Nürnberger Prozesse?
    Ich meine in Anlehnung an die ersten, mit der Assoziation, dass die BAfA/BAfA auch in Nürnberg »sitzt«.
    Wer sind dann die Angeklagten?
    Die Chef’s und Handlanger der Regierung(en) Arbeitsverwaltung Bildungsminister Innenminister Arbeitgeberverbände Gewerkschaften….
    Ich denk’ wir bauen schon mal ein Arbeits-Archiv auf, zur Dokumentation der Verursacher dessen….
    getreu dem Gedicht
    Das Tor zum Gesetz von Erich Fried

Reiss die Fresse auf:

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