24.10.2007 / 4:02 pm
108, Emo, Festival, Hardcore, Kaospilot, Maroon, Oi Polloi, These Arms Are Snakes, To Kill, Zero Mentality
Von Pina und Ulrike
Fluff Fest – European Summer Hardcore Camp
Für alle, denen Festivals an sich eher suspekt sind, weil dort in der Regel nur ein Haufen Idioten rumrennen und sich mehr als sonst eh schon betrinken und aufführen, als würden sie den ersten Urlaub ohne Eltern verbringen, gibt es das Fluff Festival bei Pilsen in Tschechien. Monatelange Vorfreude auf Zelten, baden gehen, nette Menschen treffen und Musik en masse. Das Fluff bietet nun zum sechsten Mal an drei Tagen eine überschaubare Menschenmenge, um die sieben Bands an einem Tag, viel sehen und gesehen werden und Essen, als gäbe es kein morgen mehr.
Auch wenn von Jahr zu Jahr mehr Menschen zum Fluff fahren, sind immer noch nicht die Dimensionen erreicht, in denen mittlerweile manch andere Festivals schweben – mit erneut um die zweitausend Punk‑ und Hardcoreguys als Publikum, bleibt es in einem familiären Rahmen. Wie im letzten Jahr fand das Fluff 2007 auf einem kleinen Flugplatzgelände in Rockycany statt, fernab von einer menschlicher Siedlung, die nicht gestört werden will. Gleichwohl nutzten neugierige Kleinstädter ihren Sonntagsausflug, um sich die Freaks anzuschauen.
Trotz des Wissens, dass man mit den Wenigsten auf diesem Festival etwas politisch gemeinsam hat, stellt sich jährlich das Gefühl von »kids unite« ein, denn so klein die deutsche Hardcore-Szene ist, so klein ist sie auch in den Ländern wie Polen und Tschechien, aus denen die anderen Besucher in der Regel kommen. Alle die Straight Edge, Vegan oder Animal Liberation tattoowiert oder für sich Punk oder Hardcore als Lebensmotto entdeckt haben, treffen sich hier. Wahrscheinlich bewirken drei Tage volle Dosis D.I.Y. dieses kuschelige Gefühl, Teil einer besseren Welt zu sein, aber das D.I.Y.-Konzept des Festivals mit seinem irgendwie politischen Anspruch geht auf. Über die Sinnigkeit von D.I.Y. soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden – dennoch beweist das Konzept auch Vorteile und diese sind auf dem Festival deutlich zu merken. Es ist billig, unstressig bis harmonisch und immer noch recht übersichtlich.
Aufgrund meines musikalischen Kurzzeitgedächtnisses und des Überangebotes an Bands habe ich leider viele Konzerte gesehen, aber nur wenige sind mir in Erinnerung geblieben, deshalb folgt nun ein Exkurs einer weiteren treuen Fluffbesucherin:
Für mich war das Fluff dieses Jahr tatsächlich zum großen Teil von Konzertbesuchen geprägt. Nicht, dass sich auf der set-list alle meine favorisierten Bands getummelt hätten, eher das genaue Gegenteil, nämlich fast peinliches Unwissen trieb mich von Band zu Band. Darüber hinaus war nun in diesem Jahr das Wetter so schlecht (oder eben auch genau richtig), dass man den Tag auch auf dem Gelände verbringen konnte ohne einen Hitzeschlag zu bekommen. Lange Rede kurzer Sinn – i listend, they »talked«. Was nun folgt ist ein völlig subjektiver Bericht über eine völlig subjektive Auswahl von Bands von einer völlig objektiv betrachteten Nicht-Musik-Kennerin:
Gestartet hat mein musikalisches Fluff mit Maroon. Mir bisher live noch unbekannt, aufgrund von persönlichen Randbemerkungen und einer viel kommentierten RTL-Sendung eher unsympathisch, hatten die »eigentlich ja ganz normalen Familienväter«-tough-boys wohl Glück so früh zu spielen. Kurz nach Ankunft, ausgehungert und heiß auf Krach, gierig auf starke Jungs, die sich verrenken, mal zeigen wie hoch sie ihr Kickbox-Bein bekommen – in der Welt des Sehen und Gesehen Werdens ankommen – war ich doch überrascht, wie viel Spaß mir ihr Auftritt bereitete. Noch völlig unbedarft, ja fast naiv riss mich die Show tatsächlich mit und ein »na, nach vorne gehen die schon, da kann man jawohl nix sagen« entglitt meinem Gedankengang. Das ist solider Krach, da weiß man was man hat und Überraschungen werden durch klar strukturierte Songs und klare Ansagen zum erwünschten Verhalten des Publikums abgeschlossen. Maroon, für mich das Gitarren-Pendant zu Aerobic-Dancefloor – da passt der move zum Ton, oder eben der Ton zum move – schön!
Keine 24 Stunden später trat To Kill auf. Was Plattheit angeht vermutlich gar nicht viel anders als »Maroon« – aber eben 24 Stunden später. Quasi das Pendant zu einem 4-Uhr-Tief eines gediegenen Katersonntags. Der Rausch lässt nach, langsam dämmert einem, was da war, worüber man sich jedes Mal wieder ärgert, und dass es eben so zu bleiben scheint. Genau in diese Stimmung hinein tough-guys aus dem Bilderbuch. »Kennste eine, kennste alle«. Mehr fällt mir zu der Musik nicht ein. Konzept Bollo, sicherlich sauber ausgeführt. Das wirklich Nervige ist aber dabei diese Klischee-Erfüllung in Reinform. Schon der Name, To Kill – wow – böse, und das erste Album, man – die sind sich echt für nix zu schade – heißt tatsächlich »Mosh!«. Optisch natürlich ein männlicher Traum in kurzen Hosen und Ansagen aus dem Bilderbuch. Tierrechte. Straight edge. Hardcore communitiy. Tiere. XXX. Hardcore. Damn. Wäre diese Band Satire. Ich wär Fan. Aber sie nehmen sich mit Sicherheit bitterbitterbitter ernst. Schade.
In eine ähnliche Kategorie, nochmals 24 Stunden später fallen wohl Zero Mentalitiy. Eigentlich schöner Krach, gut zum Depression in Aggression umwandeln – aber da blieb einem live wirklich sogar das Schmunzeln im Hals stecken. Toughtoughtough – bezeichnenderweise bringt der Sänger den Spruch »the next song goes out to the chicks in hardcore. Show the boys how to dance.« Abgesehen davon, dass ich gehofft hätte, dass die »hardcore-chicks« sich vielleicht eh nicht angesprochen gefühlt haben, wäre es zudem nicht möglich gewesen zu »tanzen«, da unmittelbar mit Einsetzen des nächsten Tons wieder die üblichen 10 durch die Luft wirbelten. Hey, aber man hätte ja nur mitmachen wollen müssen. So sind die »chicks« echt selbst schuld. Ich wusste nicht, ob Lachen oder Weinen, so entschied mich für fluchen und die Nerven mit Eis beruhigen!
Nun zu den erfreulichen Entdeckungen. Das erste Highlight waren für mich Kaospilot. Hier entstand zum ersten Mal der Eindruck, es gäbe auf dem Gelände eher zwei Fraktionen. Jene die wegen To Kill, Rise And Fall und Co. angereist waren und die anderen, für La Quiete, Louise Cyphre, Kaospilot und natürlich These Arms Are Snakes. Zu Hause, auf Platte und auch in der Rezeption jener, die beiden Richtungen nicht viel abgewinnen können, kommt die Idee der Langweile immer wieder vor. Es ähnelt sich von Band zu Band, mitunter auch von Song zu Song. Müsste ich mich entscheiden – ich nähme die Emos. Kaospilot. Die Bühne voll, und voll von glühenden Herzen, fast schmerzhaft erschien dieses Musikerlebnis für den Einen oder die Andere. Ich verstehe nun nie die Texte, aber sie schienen bewegend zu sein. Ich war fast beeindruckt von der Toleranz des Sängers, der die Ruhe bewahrte, obwohl ein junger, sehr bewegter Mann ihn mehrmals nahezu angriff, wohl als Ausdruck seines Fan-Seins. Rührend. Gut anzuhören. Schön anzusehen. Hingehen!
Getopt wurde das Fluff 07 für mich nur noch durch These Arms Are Snakes. Ich hatte nicht allzu große Erwartungen, oft die beste Voraussetzung für eine gute Zeit. Mich hatte aber auch niemand gewarnt. Eine winziger-ein-Mann-Show mit Gitarrenchaos-Begleitung. Recht schnell wurde deutlich, dass dieser Herr Sänger einen Hang zum Exhibitionismus und Ekel hat. Während er sang, zog er sich aus, robbte auf dem Boden – alles hochsexuell, wenn er grad nicht sang, ließ er so ziemlich alles, was sich an Flüssigkeiten in einem Gesicht befinden kann rauslaufen: spuckte sich voll, Auto-Bierdusche, Rotzfäden – Konzert mit Würgreizgefahr. Ich jedenfalls war wie gebannt in diesem schmalen Grad zwischen Faszination und Ekel. Der Zuckerguss des ganzen bestand in der Situation des Fluff. 3 Tage lang saubere Menschen, duftende Menschen, Menschen mit strahlend weißen Tennissocken (verdammt, wie machen die das?), Menschen, die tough und männlich sind, bei denen schwul vermutlich eine schlimme Beleidigung ist und dann so was. Ganz reizend war es mit anzusehen, wie der ein oder andere immer angespannter wurde, ob dieser Obszönität, dieser (Homo)Erotik und dem ganzen Schmutz. Ich weiß nicht, wie es gewesen wäre, die Band in einem zu kleinen Jugendzentrum zu erleben – in diesem Rahmen, gibt es von mir 10 von 10 möglichen Punkten. Dennoch insgesamt durchwachsen, sowohl musikalisch als auch menschlich, und trotz Aufregung positiver und negativer Natur – am Ende bleiben die netten Erinnerungen im Kopf und veranlassen einen jeden Jahr aufs Neue dazu ein Auto zu besorgen und einen Kurztrip nach Tschechien zu starten.
Zwei Bandauftritte müssen aber noch ergänzt werden. Zum einen 108, eines der vielen Revivals dieses Jahr und ich muss sagen, Glück für mich, weil sie in meiner Jugend ziemlich an mir vorbeigegangen sind, was an meinem jungen Alter liegen könnte. Diese Band spielt Musik, die aus einem Konzert eine Show macht. Auch wenn die Inhalte der Songs und die Ansagen nicht tragbar waren, weil es um irgendwelchen religiösen Quatsch ging, fand ich das Konzert wirklich beeindruckend. Wenn man den Spagat zwischen Verdrängung der inhaltlichen Ebene und Betonung der musikalischen erst mal hinbekommen hat, konnte man sich an den abwechslungsreichen Liedern erfreuen.
Zum anderen Oi Polloi. Eine Band, die ich bisher auch noch nicht gesehen hatte, aber schon immer auf der Liste von Bands stand, die man doch einmal gesehen haben sollte. Es war eine Freude, den Musikern anzusehen, wie gerne sie noch immer auf der Bühne stehen und versuchen, Inhalte durch ihre Lieder zu transportieren. Und mal ehrlich, die Diskriminierung von rothaarigen Frauen geht uns alle an. Sehr angenehm fand ich aber, dass sich Oi Polloi nicht dazu hinreißen ließen, beim Fluff die USA zum Übel der Welt zu erklären, womit sich die Meisten auf dem Festival hätten identifizieren können. Die Band findet einfach jede Politik scheiße und so musste Punk in den 80ern auch noch sein. Die Welt hat sich aber weitergedreht und Oi Polloi lassen es sich bis heute nicht nehmen bei ihren Konzerten auch mal Israel‑ und USA-Fahnen zu verbrennen. Auch wenn sie aus ihrer rotzigen Punkpolitik jeden Politiker und jeden Staat kritisieren, bleibt eine Ahnung, wen sie am fiesesten finden. Die Grätsche zwischen Punk und emanzipatorischer Politik endet in einem gut-gemeint, aber dennoch falsch. Musikalisch kann man sehr schnell den Anschluss finden und dann auch ordentlich mitgrölen, weil die Texte teilweise auch auf Pappschildern mitpräsentiert werden.
Auch wenn dieses Jahr keine großartigen musikalischen Highlights zu verorten waren, blieben immer noch die abendlichen Diskos – dieses Jahr sogar mit kurzer Karaokeshow. Hardcorejungs sind in der Regel nicht für Tanzbereitschaft in der örtlichen Disko bekannt, aber beim Fluff scheinen alle Gesetze der Coolness aufgehoben. Nicht das schlechteste Lied scheint die Leute nun mehr davor zu schützen auf viel zu engem Raum quasi durchzudrehen und das umfunktionierte Bierzelt verwandelt sich in einen Disko-Pit. Niceguys klettern die Zeltwände hoch und machen Klimmzüge, Mädchen werden zu Madonna auf Händen getragen und die Wenigen die betrunken sind, müssen keine Angst haben umzufallen, weil dafür kein Platz ist – und das bis morgens um vier und länger. Es wirkt, als ob viele Fluffbesucher ein volles Jahr die Tristesse ihrer städtischen Subkulturszene aufsaugen, um an diesen beiden Abenden alle Partymuffelei wieder von sich zu lassen.
Ob es an der Größe, dem geringen Fluss von Alkohol oder an dem difusen Gefühl liegt, alle zu einer Subkultur zu gehören, dass es bis jetzt keinen Stress in Form von Schlägereien gibt, sei dahingestellt. Vielleicht liegt die relativ entspannte Stimmung zwischen den Festivalbesuchern an dem kleinsten gemeinsamen Nenner, welcher spürbar über dem Gelände hing – Toleranz. Die Grenzen von Toleranz werden hier bis zum Erbrechen ausgereizt, denn es gibt hier ein nettes Miteinander von Bierstand und Straight Edge, von Punk und Hardcore, von politischer Emanzipation und Vegan-Jihad. Nett ist ja bekanntlich die kleine Schwester von Scheiße, aber zu ernsthaften Diskussionen oder Auseinandersetzungen politischer Natur ist es auf dem Fluff bisher noch nicht gekommen. Bands, die ganz klar das Existenzrecht Israels nicht anerkennen und sogar in guter alter antinationaler Manier die armen palästinensischen Kinder gegen die israelischen Soldaten ausspielen, traten immer wieder auf. Auch das Schwenken von Nationalfahnen kommt ab und an mal vor und auch daran stört sich keiner. Die allgemeine Urlaubsstimmung und das Fallenlassen in die Zugehörigkeit einer vermeintlich emanzipatorischen Subkultur macht anscheinend faul und träge. Das Fluff scheint wie eine Oase der Nicht-Auseinandersetzung und geschluckter Kritik. Die Gründe sind mir selber nicht ganz klar. Als erstes steht vielleicht die Unsicherheit, wie viele Menschen überhaupt eine Kritik an beispielweise antizionistischer Äußerungen teilen und die nicht sehr verlockende Vorstellung letztlich allein einem Gedankenaustausch zwischen schlagkräftigen Argumenten und Fäusten aktiv beizuwohnen.
Zudem herrscht bekanntermaßen eine gewisse Kritikresistenz – einige Positionen deshalb nicht diskutierbar sind. Vielleicht haben sich einige Fluffbesucher auch bereits in eine Spaltung zwischen Subkultur und Politik gerettet um das überhaupt noch ertragen zu können. Um in einer spaßfeindlichen Welt Nischen der kurzen Freude zu erhalten, werden dann mal alle Augen zugedrückt. Cool ist das nicht, aber es schützt vor frühzeitigen Herzinfarkten.
Ein weiterer Höhepunkt des subkulturellen Kurzurlaubs ist noch das ganz in der Nähe liegende Freibad, welches von fast allen Festivalbesuchern an diesem Wochenende genutzt wurde um die neusten Tattoos zu präsentieren oder einfach mal zu duschen. Förderlich für Kurzurlaube dieser Art, damit der erhoffte Entspannungseffekt eintritt, ist auf jeden Fall den ganzen Tag an nahegelegenen Schwimmmöglichkeiten zu verbringen.
Ein ähnlich aufregendes, aber auch entspannendes sich jährlich wiederholendes Ereignis sind die Sojashoppingtouren in die örtlichen Tescos. Wer noch nicht in den Genuss gekommen ist: Tescos sind riesige Malls, die aber sehr billig Sojaprodukte verkaufen. Von der polnischen Bevölkerung belächelt, ziehen dann Horden von Festivalbesuchern durch die Regale auf der Suche nach dem billigen Gut der Ernährung, die oftmals bereits nach wenigen Stunden ausverkauft ist.
Ob die Veranstalter mit dem Gewinn – sollte es denn überhaupt einen geben – die örtliche Antifa-Szene unterstützen oder sich ein Jahr in der Karibik tummeln, ist mir relativ egal, Hauptsache D.I.S.C.O. Auf einer Skala von eins bis zehn Punkten gibt es dieses Jahr acht Punkte.
24.10.2007 / 4:02 pm
… aber zu ernsthaften Diskussionen oder Auseinandersetzungen politischer Natur ist es auf dem Fluff bisher noch nicht gekommen. Bands, die ganz klar das Existenzrecht Israels nicht anerkennen und sogar in guter alter antinationaler Manier die armen palästinensischen Kinder gegen die israelischen Soldaten ausspielen, traten immer wieder auf. Auch das Schwenken von Nationalfahnen kommt ab und an mal vor und auch daran stört sich keiner. Die allgemeine Urlaubsstimmung und das Fallenlassen in die Zugehörigkeit einer vermeintlich emanzipatorischen Subkultur macht anscheinend faul und träge. Das Fluff scheint wie eine Oase der Nicht-Auseinandersetzung und geschluckter Kritik.
ich war dieses jahr nicht auf dem fluff aber doch, letztes jahr gab es ne sehr hitzige politische auseinandersetzung mit den leuten von new winds aus portugal. also nich nur alkohol‑, hitze‑, burgerleichen und unglaubliche toleranz. zum glück. wer das noch mal nachlesen will inkl. text an den veranstalter
24.10.2007 / 4:04 pm
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