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Immergut Festival

Von Max

28./29.05.2004//Neustrelitz

»Das Gegenteil von gut ist gut gemeint«

Auch wenn schon wieder zwei Monate ins Land gezogen sind, darf hier noch ein wenig die Konzertbericht-Rubrik aufpoliert werden und zwar mit einer packenden -Reportage. Scheiß auf Aktualität und Rechtschreibung und willkommen in der Achterbahn aus »Fun«, einem der ungeschlagenen hässlichsten Phänomene aller Zeiten. Aber zurück zum Thema, bitte:

Die Festivalsaison, die vielbeschworene, nahm in Neustrelitz seinen Anfang. Im Zeichen des Euters rollte am 28./29.Mai laut Fachpresse das heißeste Ding des Jahres in Richtung Poleposition. Bandmässig mit The Notwist, Adam Green, Broken Social Scene, Lali Puna, , Tomte, Marr, um nur einige zu nennen liessen sich gute Gründe für eine Tour ins ferne, düstere Mecklenburg verbuchen. Und so traten wir selbige unerschrocken an und fanden uns nach vier Stunden Autofahrt in einem Pulk von tausenden junger, sexy Menschen wieder, die sich mit Albernheiten, Alkoholika und Pflegecremes den Tag versüßten.

Indes genügte ein kurzer Spaziergang auf dem Festivalgelände zur Vergewisserung, dass man wichtige Produktgruppen übers Wochenende nicht vergisst und so konnte anhand der Bandenwerbung bereits der notwendige Zettel für den Leipzig Großeinkauf verfasst werden. Denn glücklicherweise war Sponsoring auf dem noch großgeschrieben. Der Festivalname ist einer lokalen Milchmarke entliehen und rund 15 Unternehmen versuchen ihre Produkte an die attraktive Käuferschicht zu bringen. Auf dem -Zeitplan ist u.a. zu lesen: »Achte auf die Wrangler-Jeans-Mädels und gewinn deren T-Shirts«, und auch die wasserstoffblonden Red-Bull-Girls sind auf dem Gelände unterwegs, um Fotos von sich und den Energy-Drink-schluckenden Studenten zu schießen. »Und: Nike präsentiert das legendäre Immergutzocken Fußballturnier…«, wobei der komplett schwachsinnige Moderator des Turniers wohl von den lokalen Veranstaltern verbrochen wurde. Amüsanterweise fühlen sich Veranstalter wie Besucher durch die ganze Werbeschau nicht in ihrem »Wir sind so anders/Wir sind die Guten«-Independent-Mythos gestört. Solange mir der Eintrittspreis dadurch niedrig gehalten wird, werd auch ich mich nicht beschweren.

Auf dem Zeltplatz dann eine wahre Augenweide: Da der gemeine -Fan nicht als komplett unpolitisch gelten mag, wurde dort Flagge gezeigt, nämlich die des baathistischen Iraks, knapp neben dem obligatorische PACE-Fetzen. Das Logo des Schnauzbartfaschisten Hussein konnte aber wohl offensichtlich im Schutze der Dunkelheit erfolgreich entfernt werden. Jedenfalls zeigten sich die Baath-Groupies am nächsten Morgen per Pappschild sehr erbost über den feigen Diebstahl ihres Lieblingsdeckchens.

Bandmäßig waren TOMTE die ersten, die am Freitag mein Interesse wecken konnten. Doch leider passt eine Atmosphäre zwischen Bierzelt und Rockstadion mit tausenden außer Takt über den Köpfen klatschender Hände nicht zu der Intimität, die ich mit den Songs der Band verbinde. Dem Sänger Thees Uhlmann fiel dann auch nichts Besseres ein, als zu loben, wie toll und nett doch alle(s) hier ist und wie schlimm die Bands seien, die ihr Publikum nicht lieben. Yo, »Harmony«, sing it loud… Volksfest-Toleranzschwelle durchbrochen. Es blieb nichts weiter übrig, den Rückweg zum Zelt anzutreten und den Kopf mit Bier aufzuschwemmen.

Rechtzeitig zu den war ich wieder zurück um die Gewinner des Abends zu belauschen. Viele Jahre ist es inzwischen her, dass ich die Kanadier zum ersten Mal live erleben durfte. Damals waren die meisten gekommen, um den ehemaligen PROPAGANDHI-Bassisten singen zu hören, um dann enttäuscht festzustellen, dass das Dargebotene nicht nach Fat Wreck-Melodic klang. Die Band hatte an jenem Abend derart Spaß, dass sie am darauf folgenden (Sonn)Tag ein kostenloses Unplugged-Konzert in der Kneipe des Clubs spielte. Sowas gibt natürlich ordentlich Symphatiepunkte. Inzwischen sind x Jahre vergangen, der »Visions empfiehlt«-Aufkleber prangt mittlerweile auf der aktuellen CD und die Herren aus Winnipeg füllen Festivalbühnen. Wobei ich ihnen den Erfolg nur wünschen kann.

Nach dem Gig zogen wir den Menschenmassen und der nächtlichen Kälte das warme Auto vor, das mit relaxter Musik und guten Gesprächen das Tagesende einläuten durfte. Wieder auf dem Zeltplatz angekommen, wurde der naive Versuch unternommen, etwas Schlaf zu tanken. Wesentlich schlimmer als die erbärmliche Kälte im Zelt waren dabei die singwütigen Feier-Hippies in unserer unmittelbaren Nähe, die, mit Akkustik-Gitarre bewaffnet, ihren nicht vorhandenen Musikgeschmack in die Nacht plärren mussten. Überhaupt gaben sich die -BesucherInnen sichtlich Mühe, auch den dämlichsten -Klischees gerecht zu werden. So wankten bereits nachmittags vom Alkohol ermutigte Studenten HELGA schreiend über den Zeltplatz, berauscht von der eigenen humoresken Höchstleistung. Wie sie im Studium als fleißige Bienchen ständig klugscheißend den elterlichen Erwartungen gerecht werden, muss in der Freizeit das Soll an Spaß übererfüllt werden. So wird jedem die aufgesetzte gute Laune entgegengeschrien: wir sind ja alle so nett, harmlos und total »one family«. »Das bedeutet Freundschaft und Harmonie« bzw. »Atmosphäre, Dankbarkeit, Ehrlichkeit, Emotion, Erinnerung und Liebe«, schreibt’s diesbezüglich der -Flyer mit schwülstigem Pathos.

Der nächste Morgen. Mit etwa drei Stunden Schlaf im Gepäck und ›nem Fussballspiel auf dem Programm, bei dem ich (Sebastian) meine sagenhaften Ballkünste der Leipziger Up unterstellte und mit einer Dribbling Perfektion, der Zinédine Zidane zur Ehre gereicht hätte, maßgeblichen das frühe Ausscheiden meiner Mannschaft besiegelte. Der einzelne Spielverlauf ist unspektakulär bzw. lässt sich nicht in Worte kleiden. Man raunte was von Kunst, als ich den ledernen Nike-Ball mit meinen Füssen liebkoste. Aber das sollte man sich bei Gelegenheit persönlich anschauen, anstatt auf eine billige Beschreibung verwiesen zu sein.
Darum lieber wieder zurück zum , dem wir nach dem Ballsport erstmal den Rücken kehrten. Der Musikoverkill bei einem reizt mich regelmäßig im Vorfeld zeigt dann allerdings relativ schnell seine nervige Seite, wenn ich seinem Eindruck ausgesetzt bin. Aus diesem Grund kreuzten wir am frühen Nachmittag , Adam Green und Notwist auf unserer Nicht-Verpassen-Liste an und zogen uns in Richtung eines tatsächlich sehr schönen Sees zurück, wo ich mein Erholungsbillet einlöste und beim Baden und etwas Gutem zu Lesen den Festivalrotz wegkurrieren konnte. Auf dem Weg dorthin, konnten wir eine besonders herausragende mecklenburgische Sehenswürdigkeit festhalten. Die örtliche Kameradschaft hatte sich nämlich redlich Mühe gegeben, ihre Kritik an der SPD möglichst umfassend an die Vorbeifahrenden zu bringen. Doch anstatt die sozialdemokratische (Friedens)Macht zu befeiern, warteten die Heimatschützer mit einer hochkomplizierten Rechnung auf: »sozialdemokratisch = international = jüdisch. Wir wollen kein Esperanto« hatten sie krakelig an die Plakatwand gesprüht. Hier war die Realität der Satire mal wieder einiges voraus. Während die Festivalveranstalter »der Stadt Neustrelitz und der grandiosen Mecklenburger Seenplatte« in Ihrem Guide dafür danken, »dass sie unsere Heimat ist«, waren wir dann doch reichlich dankbar, nicht in einem derart erbärmlichen Kuh-Dorf leben zu müssen.

Vorzugswürdiger als selbiges fanden wir dann doch den Auftritt von , bei dem bereits einige neue Songs ihres bald veröffentlichten neuen Albums live angecheckt werden konnten. Gute Sache, das – blieb als Fazit zurück. Die neue Platte hat mit dem Konzert bereits mein Interesse auf sich gezogen, auch wenn man noch ein wenig darauf warten muss.
Das Highlight des Festivals kam ein paar Acts später und hieß THE NOTWIST. Bei deren Konzert hätte ich mir allerdings händeringend eine legere Couch gewünscht anstatt dutzende Feierfighter, die sich im Stagediving üben und einem dann noch mitten in den Nacken geworfen werden. Da die Weilheim-Posse hierfür nichts konnte, genug vom Publikumsspaß und ab zur Musik. Denn die war richtig gut – Notwist verstanden es, ihre Alben hinter sich zu lassen und ein markantes Liveset zu spielen, der manchmal nur noch Zitate der einstmals aufgenommenen Songs aufwies. Ich bin immer wieder überrascht, wie unstatisch die Band ist, wie sich Ihre Lieder auch nach vielen Jahren noch entwickeln und ihnen neue Ideen zur Hand gegeben werden. So z.B. ein Samplingbonbon, bei dem die Stimme per Plattenspieler gescratcht kam, rückwärts lief oder im Loop zur Box rausknallte. Nach diesem Auftritt war für mich Schluss mit Abend. Mir hing die Innovation noch im Kopf, auf Motorikschule im Partyzelt hatte ich nur kurzzeitig Lust und so bin ich früh schlafen gegangen. Alles in allem ein mit wirklich guten Bands, aber ›nem grandios schlechten Karma (Hallo Esotherik!) wegen zumeist nervigen Gästen.


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  1. lola 29.03.2008 / 10:30

    Dieser überhebliche Zynismus ist echt zum kotzen. Mein Beileid gilt dem Autor. Wer seine Umwelt und vor Allem das Immergut so wahrnimmt und kommentiert ist echt ›ne traurige Seele.

Reiss die Fresse auf:

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