Von Janette
20.01.2005//Magnet, Berlin
ch hör das Kinderzimmer schon seit fast zehn Jahren. Wortakrobatik ohne Gleichen, tolle Beats und großartige Samples begleiten mich seither. Seit dem letzten Album ist einige Zeit vergangen, die Herren sind älter geworden, die Dreadies sind ab und 6–3T nicht mehr da. Das Magnet ist gut gefüllt, meine Begleitung und ich sprengen den Altersdurchschnitt und deshalb stellen wir uns zu den Mitzwanzigern an die Wand. Wir sind ein kleines Grüppchen.
Manges, der Support Act besteht aus einem DJ und einem Mc, sie geben sich schon Mühe nicht so zu klingen wie alle anderen, die Abgrenzung zu SIDO und anderen Hauptstadt Spacken scheint ihnen wichtig zu sein. Ihre Intention in allen Ehren, langweilig sind sie trotzdem. Die üblichen, »du bist die Frau, du bist mein Stern, …blabla« Texte bleiben mir nicht erspart…also noch `ne Diet Coke von der Bar geholt und warten, dass Textor und Quasimodo die Bühne betreten. Den Hip Hop Kiddies scheint das alles ganz gut zu gefallen, also gibt es auch noch eine Zugabe.
Dann endlich, kommen die Kinderzimmer Productions auf die Bühne! Zum Einstieg gibt es Songs von der neuen Platte »Irgendjemand muss doch«. Wieder fühlen meine Begleitung und ich uns nicht so up to date, wir kennen keinen Text. Ich versuche also gut zu zuhören, um die Wortgewandtheit Textors genießen zu können. Da bleibt zum Glück alles beim Alten und ich freu mich über Texte à la
»es kann verhängnisvoll sein, zu lang zu warten
man liegt dann mitunter unter umständen begraben
offene fragen endgültig wie’n totengräberspaten
am ende ist egal, ob schlosspark oder schrebergarten
ob ein lebenstraum im jägerzaunbraun
oder hart auf die kacke hauen, abbeißen, kauen, verdauen
du hast dir das zeug selbst auf den teller gelegt, zeugen belegen es
die überzeugenden erleben es
es gibt immer ein aber, aber was aberst du jetzt
jetzt ja oder nein oder aber bis zuletzt«
Da steh ich nun also und grinse in mich hinein und denk mir, dass das mit dem Alter und dem »sorry, this is not my scene« doch alles gar nicht so schlimm ist. Die Stimmung wird dann aber nach dem dritten Song zunehmend aggressiver, Textor meint sogar, dass er ja gehört habe, dass es in Berlin eher so »Aggro« zuginge. Das Publikum feiert sich selbst. Der da oben auf der Bühne hat ja keine Ahnung, und wird nicht ständig von epileptischen jungen Menschen angerempelt und durch die Gegend geschubst. Mann oh Meter das letzte Mal so angenervt war ich bei irgend einem Punk Soli Konzert…
Vor mir steht dann noch jemand, der mich extrem an meinen Abi Ball und Martin, allein auf der Tanzfläche, verkrampft Luftgittare spielend erinnert, der mir während seiner wilden Hüftakrobatik ständig seine Lockenpracht unter die Nase reibt …naja..
Auf der Bühne passiert derweil nix wirklich mitreißendes, es werden fast nur neue Songs gespielt, obwohl das Publikum deutlich nach Hits brüllt. Die neuen Stücke klingen spannend, aber weil ich das Kinderzimmer eigentlich wegen der tollen Texte lieben gelernt habe, muss ich mir das noch mal anhören. Die Jungs rocken das Magnet auf jeden Fall und dürften es wieder einmal geschafft haben junge verwirrte Menschen von sich zu überzeugen – so um mich geschehen in 1994 (…)
Als dann endlich Hits wie »Doobie« und »Wir sind da wo oben ist« kommen dreht die Meute ziemlich auf, da muss auch schon mal ein Türsteher kommen und eingreifen. Mein Nerv Potential steigt parallel dazu an.
Für mich kommt das KZP längst nicht mehr so locker fetzig wie vor vier Jahren rüber, die vertrackten Samples werden teilweise weggelassen und Patzer sind leider auch keine Seltenheit. Schade drum, aber so ein grosser Zonk war der Abend nun auch nicht. Immerhin gab es helle Momente, die ich auch nur wieder mit einem Zitat belegen kann:
»letztlich sind manche dinge schlicht nicht zu überwinden
eine schwäbische hausfrau wird immer was zum putzen finden
manche haben immer recht, man merkt es nur später
opfer, täter vor‑ und nach‑ und anbeter
alles gesagt oder, was war noch?
wenn dein gott sagt, dass du töten musst, ist dein gott ein arschloch
entweder oder oder weder noch nicht
schwer zu entscheiden wie klar sehen bei gegenlicht«
Wir verzichten auf die Zugabe, gehen zum Auto, hören dort das Kinderzimmer auf Tape und stellen fest, dass wir lieber einen Abend durch die Stadt hätten cruisen sollen und das der Platten Kauf wahrscheinlich dennoch ein Muss ist. Vielleicht sind wir zu alt für die Chose … aber auch nur vielleicht.
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