Von Hannes
03.02.2004//Club Transmediale, Maria am Ostbahnhof, Berlin
Manche halten das Berliner Monika-Label für eine Art Qualitätssicherungsnetzwerk in Sachen anspruchsvoller handgemachter Elektromusik. In diesem sogenannten Umfeld stehen die ruhmbeladenen Gruppen Mina und Contriva, die man ab und an einem Mitte-Rock-Sound-Of-Berlin zuschreibt. Aus diesen beiden Bands, deren Mitglieder sich überschneiden, ist nun Masha Qrellas Projekt Masha Qrella ausgebüchst, die selbst bei beiden mit von der Partie ist. Als sich Anfang Januar 2004 die CD Luck zum ersten Mal in meinem Medion-DVD-CD-Kombi-Player drehte, dachte ich, sie wäre gerade erst veröffentlicht worden. Dann aber habe ich erfahren müssen, dass sie schon 2002 erschienen ist. Frau Qrellas Auftritt am 3. Februar im Rahmen des Club Transmediale in der Berliner Maria am Ostbahnhof liegt da schon zeitlich näher. Ich nutze nun dieses Durcheinander von Zeitpunkten, die mich mit dieser Musik zusammenbrachten, zu einer Rundumäußerung und ignoriere dabei, dass diese Platte schon vor 2 Jahren eigentlich jedem zugänglich war. Ich hatte das verpasst.
Mashas Musik ist schlicht. Songs aus Gitarren und Elektronik. Sie singt auf Englisch. Eindringlich. Aber immer zurückhaltend. Bei ihrem Liveauftritt betrat sie in unauffälligen Klamotten die Bühne, ohne große Gesten und Sprüche, kurz: wie ein Singer/Songwriter. Inmitten zahlreicher postmoderner Elektronikkünstler meinte sie, sie müsste erstmal von einer extravaganten Videoinstallation im Raum nebenan runterkommen‑ das sei nicht so ihr Style. Masha Qrella wirkte wie jemand, der nicht nur schlichte Musik machte, sondern auch selbst sehr unaufdringlich sein könnte. Und das sah nicht nach inszenierter Zurückhaltung (etwa à la »ich bin ein Tüftler-Nerd«) aus. (Irgendwie antagonistisch an diesem Ort.) Sie spielte nicht ganz eine Stunde mit Laptopunterstützung aus dem Hintergrund (wahrscheinlich Norman Nietzsche, der die Platte auch abgemischt hat) und einem Abschlussstück zusammen mit Freunden aus der Schweiz. Mashas Musik scheint kein großes Trara nötig zu haben. Zeilen wie I thought you look at me, now I know, you won’t be there. I try to calm myself. schweben über gebrochenen Rhythmen und eigenwillig harmonischen Melodien.
Erzählt wird hier nichts, was heißen soll, es wird weder Position, noch Kritik verkündet. Die Texte geben kleine Einblicke, kurze Stimmungsskizzen, oft in Form gedrängter Sätze, die sich innerhalb eines Stückes wiederholen. Eine einzelne Stimme, die da singt und hören lässt, was sie selbst umtreibt. So etwas könnte leicht ins ekelhaft Exhibitionistische abgleiten, aber die Stücke von Luck kommen ohne allen Kitsch aus: Worte, die jeder, ohne Angst zuviel zu sagen, benutzen kann: Don’t wake me up‑ not yet! Hier will niemand Dichter sein und signifikante Ornamente basteln. Das Poetische dieser Platte liegt im zerbrechlichen Gewebe aus Melodie und Text, das jenseits von allem Minimalismus reduziert auf das Filigrane etwas eigentümlich Schönes mitbringt. Vergleicht man das Konzert mit der Konserve, so bekommt man direkt mit, was Masha Qrella in einem Interview bei MTV gesagt hat. Ihre Stücke wurden nicht in endgültiger Form auf CD gepresst, ganz bewusst sind dort Stellen, die ein zweites mal anderes gespielt werden würden.
Die Platte gleicht einer Momentaufnahme‑ an ihr wird weiter experimentiert. Das verleiht ihr etwas angenehm zufälliges und intimes. Vielleicht ist diese seltsame Intimität verantwortlich dafür, dass Masha Qrellas kleine Plastikscheibe Luck ganz schön viel kann. Sie funktioniert. Bei mir als ein bescheidenes Ausland in unserem manchmal auch tatsächlich sonnigen Inland, ein kleines Territorium, in das es sich gern zurückziehen lässt, wahrscheinlich weil es so offen bleibt. Und das hat sie Luck genannt. Keine Glückseligkeit, ein bisschen Glück eben, das einem so zufällt, während man unterwegs ist. Ich bin begeistert.
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