Navigation

Strike Anywhere, With Honor …

Von Dennis

… A Global Threat, Lock And Key//06.03.2006//ICC, Boston

Boston ist die grösste Baustelle auf der ich jemals gewesen bin. Alles ist angefangen, nichts ist fertig. Die Menschen sprechen lustig, manche haben rote Haare auf dem Kopf, der nächste Dunkin’ Donuts ist immer nur einen Katzenwurf entfernt und wird in seiner Anzahl nur noch von einer omnipräsenten Nationalflagge getoppt.
Nachdem wir den Montag Vor‑ und Nachmittag mit Rumrennen verbracht hatten, stand für den Abend ein viel versprechendes Konzert in einer nicht ganz gewöhnlichen Umgebung auf dem Programm. Ort des Geschehens war nämlich die International Community Church: eine Kirche inmitten eines langweiligen Wohnviertels, die nicht viel mehr als Gott und ein Klo im Keller zu bieten hat.

All Ages Shows fangen stets früh an (6:30) und hören früh auf (9:30), und da es sich wie erwähnt um eine Kirche handelte, waren wir uns der Unwahrscheinlichkeit bewusst, dort eine Bar vorzufinden und haben deshalb schon gegen 5 Uhr in unserer Unterkunft angefangen uns in Stimmung zu bringen.
Ausgestattet mit einer Flasche Old Crow Burbon, zwei Litern Ginger Ale und wenig Zeit zogen wir alle Register und hatten gegen 6 Uhr bereits drei Viertel davon in uns und ein Viertel in Curtis’ Flachmann getan, um dann einigermaßen duhn den Weg zum ICC zu suchen.

Dort angekommen, hatten wir die erste Band Lock And Key aus Boston aber wie üblich fast vollständig verpasst. Lediglich die letzten beiden rockig-flockig unkitschigen Emocore-Songs haben wir noch gehört, gesehen und für gut befunden.
Eine ganz kurze Umbaupause später ward es dunkel im nur mit einem Klavier und einigen Tischen ausgestatteten Saal und A Global Threat ballerten ihr Set los. Massachussets’ A Global Threat sind mir erst seit kurzem bekannt, allerdings eine wirklich gute Live-Band mit viel Power und Engagement. Die Punks im Publikum fingen an im Kreis zu rennen und starteten die ersten Stage Dive-Versuche des Abends, brüllten die Songs mit, hatten Spaß und merklich mehr als wir getrunken. Nach 25 Minuten war dann Schluss, obwohl die meisten Leute wohl noch mehr vertragen hätten.

In den USA wird drinnen nirgendwo geraucht, im Gotteshaus schon gar nicht, weshalb wir den Weg vor die Tür antraten. Doch da gab es die ersten Probleme: no re-entry! Wer rausgeht, kommt nicht wieder rein. Konsequenz einer Übereinkunft zwischen Veranstaltern und den Anwohnern um die abendliche Ruhe im Viertel zu bewahren, wie wir aufgeklärt wurden. Damit konnten wir uns jetzt aber nicht befassen, schließlich ist nur kurz Pause. Sydneys Chefdiplomat Pullinger verhandelte deshalb auch kompromisslos und hartnäckig – sicher beflügelt durch Old Crow – mit dem netten Menschen an der Tür, der uns schließlich vor dem Eingang rauchen ließ.

Danach waren endlich With Honor an der Reihe, für mich der Hauptact dieses Abends und spannendstes Victory-Pferd momentan. Und dann eine Überraschung: der neue Sänger. Nicht er war jedoch die eigentliche Überraschung (schließlich war bekannt, dass Gründungsmitglied Todd vor kurzem ausgestiegen ist), sondern die Tatsache, dass der Neue wie der Alte klingt. Sicherlich unterscheidbar in Nuancen, eventuell auch noch ein wenig unsicher bei den sehr melodischen Parts, aber im Grossen und Ganzen war kein gravierender Unterschied zum Vorgänger zu erkennen. Kevin White heißt der neue Mann, der sichtlich als Bandsprachrohr in der ersten Woche auf Tour seinen Spaß hatte, auch weil ihn das Publikum gebührend unterstützte. Gespielt wurden vor allem Lieder der aktuellen Hitmaschine »This is our revenge«, gepaart mit älteren von der Split (mit The Distance), der ersten 7“ (die an diesem Abend noch irgendwie in meinen Besitz gelangt ist) und einem auf der vergangenen Tour entstandenen, ganz neuen Song.

Durchgehend großer Sport auf und vor der Bühne. Die gut 200 Besucher feierten die Youth Crew und With Honor lieferten den perfekten Soundtrack. Leider wieder viel zu kurz.1

Dummerweise sah man sich von Seiten der Veranstalter her nicht in der Lage während der letzten beiden Bands die Deckenbeleuchtung auszuschalten, was sich zwar nicht negativ auf die Stimmung auswirkte, aber trotzdem auf Kosten der gewohnten Gemütlichkeit ging und nebenbei dafür gesorgt hat, dass die Fotos, die ich gemacht habe, nicht so geil geworden sind wie ich wollte.

»I wish to all the good cops the very best. And a bullet for all the rest.«

(Strike Anywhere)2

Nach bandeigenen Angaben wird es im September ein neues Strike Anywhere-Album geben. Neue Lieder werden allerdings schon auf dieser und den kommenden Touren ausprobiert und wider Erwarten bedienen diese weniger die Kuschel-Hardcore-Fraktion, sondern stehen viel mehr in der Tradition älterer Sing-a-long-Geschosse á la To The World. Demzufolge schossen jetzt auch die Stage Diver unaufhörlich durch den Horizont, gingen im chaotischen Wirr-warr vor der Buhne verloren und fanden sich in den Polit-Hymnen der Band aus Richmond wieder. Richtig heiß wurde es in der Kirche, mit jedem weiteren Lied stellten Strike Anywhere ihren Jünger die Aufgabe lauter als die PA zu singen und es hatte den Anschein, dass sich an diesem Abend fast alle Leute auf diese Band einigen könnten. Viele standen zwar hinten und haben sich einfach »nur« die Bands angeschaut, aber keine/r wird bereut haben auf dieses Konzert gegangen zu sein.

Anmerkungen

  1. Auf anderen Fanzine-Seiten wurde ja inzwischen mehrfach behauptet, dass With Honor ihren schweinemelodischen Hardcore mit christlichen Inhalten auffüllen würden, jedoch blieb man bislang jeden Beleg dafür schuldig. Dem sei von meiner Seite aus widersprochen. Weder geben die Texte ausreichend Anlass für diese Annahme, noch ein eher ironischer Kommentar seitens Sänger Kevin, dass man hier und heute in einer Kirche zum circle pit anstifte. Ex-Sänger Todd Mackey sagte zwar einmal in einem Interview, er hätte auch über spirituelle Themen geschrieben, aber der Band eine christliche Einstellung zu attestieren geht meines Erachtens zu weit.()
  2. Hiermit geht ein Gruß an Johannes aus Rostock, der mit dem »keep the fire burning« ein interessantes und manchmal kritisches HC-Fanzine macht, in dem er sich (neben Reviews, Interviews etc.) auch mit den politischen Notständen in der Szenelandschaft beschäftigt.()

Artikel: versenden versenden   Drucken Drucken

Technorati Del.icio.us Digg Yigg Mr.Wong Webnews Netselektor Blogmarks Linkarena Newsvine 

Es wurde noch kein Kommentar abgegeben.

Reiss die Fresse auf:

XHTML: Du kannst die folgenden Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>




Schubladen
Surftipps
  • Communique1
  • Kittkritik
  • Found Magazine