Von Dennis
…Modern Life Is War, The Banner,…//31.10.05//El Salon, Montreal
Am 31. Oktober wird in Montreal, wie anderswo wohl auch, Halloween zelebriert. Das heißt, entsprechende Partyankündigungen, Tonnen von totem Obst und unzählige verkleidete Leute hatte ich eigentlich das ganze vorhergehende Wochenende schon zu Hauf gesehen. Auch die meisten Kneipen, Einkaufsläden und Friseure waren bereits Wochen vorher mit widerlichem Kunstschnee und mindestens 200 grinsenden Kürbisköpfen verziert. Schließlich wurde mir dann von Einheimischen erklärt, daß Halloween hier fast größere Bedeutung als Weihnachten hat. Da fand ich es dann eigentlich doch ganz lustig.
Als Curtis und ich uns am Montagabend gegen 19 Uhr in Richtung El Salon aufmachten, waren schreckenerregende Kinder in Kostümen und mit Taschen voller Süßigkeiten auf den Straßen aber eher rar gesäht, wenn nicht sogar kaum vorhanden, was nicht zuletzt auf die Tatsache zurück zu führen ist, daß kanadische Eltern ihre Sprößlinge – berechtigterweise – nicht im Dunkeln durch Downtown schicken.
Diesmal waren wir überpünktlich, ja sogar so viel zu früh, dass wir noch eine gute dreiviertel Stunde Zeit hatten, bis das Konzert offiziell um Acht anfangen sollte, die wir, nachdem wir uns unseren Eintritt mit einem Stempel aufs Handgelenk hatten besiegeln lassen, mit ausgiebigen, allerdings etwas hastigen Bierkonsum, im nahen Park zu vertreiben versuchten. Hätten wir das besser mal nicht getan: dann hätten wir nämlich die lokale Old-School-Hoffnung Power, die natürlich nicht angekündigt waren, sehen können und uns sicher gefreut. Warum hatte der Arsch am Einlass nicht mal einen Ton gesagt? Ist er auch nicht informiert gewesen? Ich glaube es kaum.
Pünktlich um Acht fingen dann The Banner aus New Jersey an, Hardcore zu spielen. Nicht schlecht, wirklich nicht, aber auch nicht mitreißend genug um mehr als nur Warmmachübungen beim moshwilligen Publikum, beim übrigen zumindest Kopfnicken, auszulösen und trotz wirklich engagiertem Auftretens spätestens bei der nächsten Band fast wieder vergessen zu sein. Eine düstere Mischung aus krachigem Gitarrenbrett und Endzeit-Groove, angeführt von eindringlichem Geschrei boten Modern Life Is War. Deren 2,60 Meter große Sänger hatte zwischen den Liedern immer eine nachdenkliche, manchmal sogar poetische Ansage über den folgenden Song parat, womit er dem aufmerksamen Publikum kaum eine Chance liess sich abzulenken und vom Eigentlichen der Veranstaltung abzukommen. Erst als das Licht wieder an ging, fielen die Fesseln ab, man war sich einig eine spannende Band gesehen zu haben, und wir konnten ganz nachdenklich rausgehen um uns verschiedenen Rauchwaren zu widmen.
Etwas beruhigt begaben wir uns danach wieder ins Innere. Dankbarerweise hatten die Innenausstatter des El Salon nicht versucht am Dekorationskrieg dieses sehr fragwürdigen Feiertags teilzunehmen: die Einrichtung bestach, mit der schlichten Schönheit einer beliebigen Schulaula, den Betrachter lediglich mit einem, dem äußeren Zwang verpflichtet, unscheinbaren und doch zentral aufgehängten Papp-Kürbiskopp. Früher am Abend war ich einigermaßen überrascht zu sehen, daß El Salon kein besonders großer Club ist. Noch überraschter war ich von der Tatsache, daß an diesem Abend etwas weniger als 250 Leute gekommen waren, womit der Laden noch lange nicht ausverkauft war.
Als nächstes standen With Honor auf dem Plan, die lediglich wegen ihres Bassers bzw. dessen Earth Crisis-T-Shirts unangenehm aufstießen, ansonsten aber mit sehr prima Old School-Musik aufgefallen sind. Schneller, intensiv vorgetragener HC/Punk, mit der ein oder anderen Anleihe an Rise Against, wußte die Stimmung anzuheizen und die Zielgruppe dankte der Band ihr Bemühen auch ausgiebig mit Gesang und Tanz und ordentlich investierten Dollars in die Reisesparbüchse.
Walls Of Jericho nahmen sich dann unverschämt viel Zeit für ihre Umbaupause, wobei auffiel, dass die Band eigentlich nur auf Sängerin Candace wartete. Als diese dann schließlich startbereit und in Halloweenbemahlung neben der Bühne erschien, wurde, nach kurzem Rausch-Intro, mit »All Hail The Dead« der erste Schritt zu einem knallharten Konzert getan. Mit dem Bewegungdrang eines jungen Mehmet Scholl (mit Verlaub) und ihren schier unerschöpflichen Energiereserven steckte Candace an diesem Abend alle anderen Akteure vergleichsweise tief in den Sack und dominierte die Bühne und die davor von Anfang an. Die Lieder waren – ausgenommen Curtis, dem fucking Australier – allen Anwesenden bekannt und so gab es kein Halten und Zögern mehr im Pit, der sich in einen Kessel voll brodelnder Erregung verwandelte und vielen bald zu aggressiv wurde. Neue Songs wurden, soweit ich weiß, keine gespielt. Aber das war egal, denn die alten fetzen ja genug. Nach 40 Minuten war dann Schluss. Ohne weitere Zugabe, aber mit ein paar warmen Worten entließ die Band das zufriedene Publikum in eine wenig gespenstische Nacht.
Außerdem erwähnenswert, außer einem höchstens zehnjährigen Bengel mit Kappe und Comeback Kid-Shirt, der als einziger stage diven war, wäre noch, dass anstelle des eigentlichen Walls-Bassisten, an diesem Abend ein Freund der Band als Ersatz herhalten musste, da es dem Erwähnten wichtiger war, ganz im Sinne der Familie, mit seiner einjährigen Tochter zu Hause Halloween zu feiern.
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