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Projektionen

Von Sebastian

Die israelische Videokünstlerin im Hamburger . Von Sebastian.

Der Sommer in ist wohl so heiß wie überall. Drückend und unangenehm mag man kaum etwas anderes tun, als seinen lieb gewonnenen halbwegs kühlen Raum alle paar Tage aufs Neue mit den Blicken zu vermessen. Nichts weiter. Allein das. Nur wird letztlich selbst diese Tätigkeit nach fast zwei Wochen denkbar unangenehm, weil sterbenslangweilig. Man sollte doch mal, könnte eigentlich und überhaupt. Während des Listings der abhilfeversprechenden Möglichkeiten schlug die Waage nicht ganz unplausibel schnell zugunsten einer Ausstellung aus. Es könne ja sein – parlierte meine Begleitung – dass Museen zur Pflege der Kunstwerke Klimaanlagen besitzen, so dass ein Besuch an einem solchen Ort geradezu unbeschwerlich, wenn nicht erfrischend daherkommen müsste. Jedoch sollte sich herausstellen, dass diese Annahme irgendwo zwischen Wunschdenken und Mythos zu platzieren ist. Aber das konnten wir ja nicht ahnen, als wir in Richtung aufbrachen, wo derzeit eine sehr sehenswerte Ausstellung von gastiert.

Gezeigt werden dort acht Arbeiten, in denen die in Amsterdam und Tel Aviv lebende Künstlerin eine Skizze der israelischen Gesellschaft kratzt, die aus Alltagssequenzen gefertigt ist.

Nach einer kurzen Treppe und einem unsäglichen Aushang, von dem später noch die Rede sein wird, findet sich der Besucher in ausladenden Räumen wieder, in denen allein die Projektionen Bartanas flimmern und rauschen. Im Vordergrund steht dabei ihre Bildsprache, die sie zurückhaltend aus Verlangsamung und Wiederholung gepuzzelt hat. Der Ton wabbert zumeist wie ein mahlender Soundklumpen um den Betrachter herum und leitet seine Aufmerksamkeit auf die Ausdrucksstärke des Filmmaterials über.

Letzteres lässt sich thematisch in zwei verschiedene Fässer schütten, die recht durchlässig nebeneinander stehen. Mal offen, mal eher subtil versucht Bartana allgemein das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft und konkret unter den besonderen Bedingungen in audio-visuell abzustecken.
Im Folgenden geht es nun nicht darum, Kunst nacherzählen zu wollen – ein ebenso bescheuerter, wie vermessener Anspruch, da kein Rezeptionsweg existiert, der zweifelsfrei zu bestimmen weiß, was der Künstler mit seinem Werk nun wirklich sagen will. Es bleibt immer ein Reflektionsraum, der eine Fehlinterpretation wohl oder übel zulassen muss. Ungeachtet dessen, sei dennoch der Versuch unternommen, sich Bartana inhaltlich zu nähern.

I.

Die Ausstellung beginnt mit der Arbeit »Odds and Ends«. Sie spielt in einem Einkaufscenter, in dem Leute Plastiktüten wegschleppen, Geld über die Theke schieben und über Schnäppchenstände herfallen. In dieser nicht allzu einladenden Szenerie, taucht immer wieder eine junge Frau auf, die als Einzige gänzlich deplaziert und unroutiniert im Gedränge verharrt. Es scheint, als hätte sie irgendwelche Besorgungen zu verrichten, ohne dass es ihr gelänge, sich durchsetzungsfähig Gehör zu verschaffen.

Das Motiv der Vereinzelung, des Danebenstehen, der Einsamkeit, winkt hektisch auch aus solchen Momenten größter menschlicher Bedrängnis heraus. Was sich auf den ersten Blick auszuschließen scheint, macht Bartana sichtbar – die entfremdete, entrückte Position des Individuums, das weder mit dem konkreten Geschehen noch mit den Verhältnissen, in die es sich einzufinden gezwungen sieht, umzugehen weiß.

Während »Odds and Ends« zugegeben als ein wenig platte Kapitalismuskritik daherkommt; sind die anderen Projektionen meines Erachtens nach um Einiges gelungener. Dazu zählt vor allem eine Arbeit zum jüdischen Purim-Fest. In einer verdoppelten Perspektive, schaut man einem Jungen beim Zuschauen zu. Mit dem Rücken zur Kamera gedreht, betrachtet man ihn, wie er in einem geöffneten Türrahmen steht und mit einer Mischung aus Faszination und Abstand einer Gruppe beim Feiern und Tanzen beiwohnt. Der Junge macht eben nicht mit – wobei gerade die offen gelassene Frage, ob er dies eigentlich will aber nicht kann; oder ob er kann und nicht will, die Intensität des Films steigert.

Gerade die Distanz wird durch die Wahl des Blickwinkels und die Verlangsamung der Bilder unterstrichen und herausgearbeitet. Walter Benjamin schreibt diesbezüglich in seinem Aufsatz zum »Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit«: »Und so wenig es bei der Vergrößerung sich um eine bloße Verdeutlichung dessen handelt, was man ‚ohnehin’ undeutlich sieht, sondern vielmehr völlig neue Strukturbildungen der Materie zum Vorschein kommen, so wenig bringt die Zeitlupe nur bekannte Bewegungsmotive zum Vorschein, sondern sie entdeckt in diesen bekannten ganz unbekannte, ‚die gar nicht als Verlangsamungen schneller Bewegungen, sondern als eigentümlich geleitende, schwebende, überirdische wirken.’«

II.

Die andere Seite der Ausstellung, wenn man überhaupt diesen Trennungsstrich so klar ziehen will, ist geprägt durch die Erfahrung und Verarbeitung der Lebenswirklichkeit in . »Staatlich organisierte Gedenkveranstaltungen, Zeremonien und militärische Feiern definieren die Tradition und prägen die nationale Identität. Sie sind wirkungsvolle und deshalb gefährliche Phänomene, die Muster der Loyalität und Unwissenheit enthalten. Mich interessiert die Dynamik des Staates, der eine bestimmte Anschauung diktiert, und des Individuums, das sich zu ihr bekennt«, schreibt Bartana den KuratorInnen in ihr Ausstellungsfaltblatt. Dabei verschweigen ihre Filme nicht, dass das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft im konkreten Fall nicht dem des kapitalistischen Normalbetriebes entspricht. Die immerwährende, antisemitische Bedrohung – sei es durch die zweite Intifada oder jüngst durch den Krieg gegen die Hizbollah – ist präsent, auch wenn sie nie expliziert wird. Sie ragt in den Alltag der Menschen hinein, stellt sie vor Entscheidungen, Tätigkeiten und Zumutungen, die in Europa undenkbar sind.

Exemplarisch dafür steht »Trembling Time«, eine Installation die von einer Autobahnbrücke gefilmt ist. Sie bebildert die auf einer vielspurigen Straße entlang jagende Autos, in denen man keine Personen hinter den Lenkrädern, sondern allein blendende Scheinwerfer erkennt. Eine rollende gesichtslose KFZ-Lawine stellt neben Hochhaussilhouetten wohl das klischeehafteste Motiv für Urbanität und Vereinzelung in der Masse dar. Doch Bartana spielt allein mit jener Assoziation, um sie zu zerstreuen.

Gerade in dem Moment, in dem beim Betrachter die Vermutung reift, es würde nichts weiter passieren, verringern die Autos ihre Fahrt. Sie werden von den eigenen fortlaufenden Schatten getroffen und überholt. Sie stoppen, während der Lichtkegel ihrer Lampen noch halbdurchlässig die Reise fortsetzt. Als aussteigende Menschen sich neben ihre Fahrzeuge postieren und für eine Schweigeminute im Gedenken an die Gefallenen der israelischen Kriege innehalten, verschiebt Bartana die Interpretation des zuvor Gesehenen. Anstatt die erneut durch Tempowechsel und Wiederholung umgesetzten schemenhaft, entrückten Autolichter der vermuteten Entfremdungs-Metaphorik zuzuschlagen, enthüllt die Künstlerin vielmehr ein Bild des Aufscheins der Geschichte.

Anders als vorgesehen erweist sich auch die Rezeption der Arbeit »Profile« aus dem Jahr 2002. Bartana zeigt geloopt eine Gruppe von Soldatinnen, die Schießübungen ableisten. Im Vordergrund steht dabei eine Frau, die offenkundig unwillig ist, diese Beschäftigung auszuüben. Man sieht ihr die individuelle Not an, sich in einer Situation zu befinden, in der sie nicht sein will. Während »Profile« unmittelbar an das oben beschriebene Motiv der Vereinzelung anknüpft, vollzieht der Hamburger in seiner Rezeption einen merkwürdigen Paradigmenwechsel. Er sieht den Betrachter, wie die bereits erwähnte Texttafel am Beginn der Ausstellung verspricht, ungewollt in die Rolle des »Aggressors« versetzt, weil er ebenso wie die Soldatinnen Köpfhörer tragen muss, um den Sound der Installation wahrnehmen zu können. Dass man sich mit Bartana in die Situation einer jungen Frau einfühlen soll, kommt den KuratorInnen indes wohl nicht in den Sinn. Auch wenn die Künstlerin kein gutes Haar am israelischen Staat lässt, ist ihre Kritik nicht die ihrer Gastgeber. Während Bartanas Empathie dem Individuum und damit natürlich auch der Soldatin der IDF gilt, scheint es dem eher um eine authentische Bezeugung eigener Weltsicht gelegen zu sein.

III.

Glücklicherweise bleibt die zitierte Wortmeldung der KuratorInnen der einzige Schwachpunkt der Veranstaltung. Es ist ihnen zu Gute zu halten, sich nicht weiter in die Arbeiten eingemischt, nicht expliziter z.B. mit der Einrichtung ihrer Räumlichkeiten die höchst eigene vulgo eigenwillige Kontextualisierung der Werke vorgenommen zu haben. Stattdessen spaziert der Besucher – bis auf eine Ausnahme – durch leere, karge, abgedunkelte Räume, die allein vom projizierten Licht der Filme erhellt sind und in denen allenfalls ein paar Kissen als Beigabe des Museum gefunden werden können. So einladend dies auch hätte sein können, es war einfach zu heiß. Uns blieb nichts weiter übrig, als uns ein wenig vorschnell in Richtung Iced Coffee zu verabschieden. Wer allerdings die mittlerweile einsetzende Regenzeit für einen Abstecher in den nutzen will, hat dazu noch bis Anfang September Gelegenheit.


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