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Der Feind im Inneren

Von Sebastian

Es gibt hin und wieder gute Gründe Menschen zu schützen. Vor unbedachten Entscheidungen, vor Fehlgriffen, vor Grausamkeiten, vor schlimmen Irrtümern. Oder um es konkret zu machen: manchmal muss man Dich vor Dir schützen, Leser. Wir meinen es doch nur gut.

»«, der seit kurzem in deutschen Videotheken steht – darf auf gar keinen Fall die Schwelle zu Deiner Wohnung überschreiten, denn das kannst Du unmöglich wollen. Vielleicht ist Dir nach einem gemütlichen Abend, nach ein paar Bier und einem flackernden Bildschirm. Das noch fehlende Bildmaterial will jedoch vor dem Entleihen wohl gewählt sein.

Sicher, »« weiß, wie man Aufmerksamkeit schindet. Entweder wirkt der T-34 Panzer auf dem Cover einladend, oder Dich spricht der Originaltitel »« an, der ja nunmal so heißt, wie eine großartige Band. Eventuell weißt Du sogar, dass letztere – also Ian Curtis und Anhang – zur Zeit auf Celluloid gebannt werden und hältst die DVD in Deinen Händen aus irgendeinem unerfindlichen Grund für genau diesen Streifen. Das alles ist jedoch falsch. Wenn Du das Werk von durch den Videotheks-Scanner laufen lässt, hast Du etwas total verkehrt gemacht. Denn Du nimmst mit dem »Feind im Inneren« etwas mit nach Hause, für den man Dich hassen wird oder – sofern es an Gesellschaft mangelt – der Selbsthass nach einer guten halben Stunde auf der Couch Platz nimmt.

Im Grunde wäre das alles, was Du wissen müsstest. Nur ist uns wiederum bekannt, dass Du Leser es nicht so mit Autoritäten hast und unserer Rezensionskompetenz mit nötiger Skepsis begegnest. Hier könntest Du uns aber ausnahmsweise blind vertrauen. Und zwar deswegen:

Die deutsch-ungarisch-britische Produktion erzählt ein Polit-Schauermärchen, das den Volkssturm-Jungen und späteren KGB-Agenten Thomas in den Mittelpunkt einer kruden Story stellt. Dieser wird von verkörpert, der schon in einem anderen Kapitel deutscher, cineastischer Vergangenheitsbewältigung glänzen durfte – im NS-Internats-Drama »«. Durch die Wirren der Zeit folgt man hier nun einem jungen Mann, der mal eben ganz beiläufig die Frage nach dem Sein stellt und das »ganz persönliche Kraft durch Freude-Programm« sucht. Er will doch auch nur die große Liebe finden, aber die Geschichte ist ihm bislang grausam in die Parade gefahren. Der zweite Weltkrieg hat ihn im Wort‑, wie im übertragenen Sinn, mit einer langen Narbe gezeichnet.

Wer den Film unbedarft anschaut, wird danach eine Ahnung haben, was mit dem Topos des Vernichtungskrieges im Osten gemeint war – nur wird diese Ahnung nicht den historischen Forschungen, sondern vielmehr kultiviertem, deutschem Ressentiment entsprechen. Während Nazis lediglich in den Archetypen »armer Jüngling«, und »treuer alter Soldat« auftreten (»Sohn, hörst Du mich?«), besteht die Rote Armee allein aus einem Haufen mordender, stehlender und vergewaltigender Wodkaköpfe. Mit schwülstiger Musik unterlegt, erklärt Thomas, dass er gar nicht anders konnte, als angesichts dessen Schlesien gegen die rote Walze zu verteidigen. Die Nazi-Gebiete werden im Film zu Inseln der Zivilisation, der Nettigkeit und Kulturbeflissenheit stilisiert. Folgerichtig, dass NS-Verbrechen in keiner Silbe und mit keiner Einstellung vorkommen.

Am Ende des Krieges sitzt Thomas allein und verheult am Straßenrand – die Familie wurde zerbombt und die große Liebe dutzendfach missbraucht und schließlich erschossen. Tanja, eine russische Polit-Kommissarin stoppt an dieser Stelle ihren Panzer, springt frisch aus der Luke und nimmt sich des kleinen NS-Veteranen an, der alsbald in eine von Stalins Kriegswaisen-Schulen zum ML-Lehrgang verschickt wird. Der Film ist eigentlich so mies, dass man gar nicht mehr weiter einzelne Charaktere analysieren müsste. Aber Tanja ist dann doch gleichsam platt, wie interessant – weil mit ihr ein, nunja, schlichter Blick der Produktion auf Geschlechterverhältnisse freigegeben wird. Es muss natürlich eine Frau sein, die Thomas aufsammelt, weil die komplette männliche Sowjetarmee reichlich diskreditiert ist. Während sich die Männer im barbarischen Fanal übten und üben, fungieren ihre Genossinnen in dem Streifen als politisch und moralisch völlig saubere, sorgende Mütter des Kriegskommunismus. So war das also, damals.

In der Sowjetunion wird Thomas dann jedenfalls zum KGB-Agenten – nach seiner Erlebniswelt oder der, die die Filmschaffenden von der Roten Armee für ihn zeichnen, kein wirklich plausibler Schritt. Er muss für einen Auftrag nach London, um codierte Nachrichten weiterzugeben und ein wachsames Auge auf die Loyalität seiner MitstreiterInnen haben. Für das Erkennen der Zusammenhänge des Kalten Krieges ist er jedoch zu blöde. Macht aber nichts, ist nicht seine Schuld. Würde man durchsteigen – erklärt sein Vorgesetzter und Freund Dennis – dann würde sich die Blockkonfrontation als einzige Farce entschlüsseln, die zur immergleichen Adresse führt. Ein wenig tapsig platziert man auch noch als Zuckerguß die Weltverschwörung. Die Reststory ist Pomade: Spionage und Gegenspionage, ein bisschen Folter und Flucht mit der Tochter des Vermieters.

Du wirst es ahnen, Leser: der Film ist nichts für Dich, nicht mal für die Eichingers und Wortmanns wäre er noch diskutabel. So richtig prima fände man ihn wohl nur in ost-zonalen Browntowns. Doch dort gibt es glücklicherweise häufig keine Videotheken und oft auch niemanden, den unsere Texte erreichen. Der hier ist bei Dir angekommen und bewahrt hoffentlich vor einem Fehler. Oder um es konkret zu machen: manchmal muss man Dich vor Dir schützen. Wir meinen es doch nur gut.


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