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Die Fälscher

Von Tobias Ebbrecht

Ruzowitzky wagt sich in »Die Fälscher« an die spannende aber komplexe Geschichte des jüdischen Fälscherkommandos im Konzentrationslager und vermeidet es, daraus einen Abenteuerfilm zu machen

In den letzten Jahren haben Filme, die auf der Berlinale Geschichten über die Vernichtung der Juden und die Shoa erzählen, kontinuierlich abgenommen. Zuletzt war »Sophie Scholl – Die letzten Tage« im Wettbewerb zu sehen, doch hier wie in nahezu allen jüngeren Geschichtsfiktionen aus Deutschland, stehen die Deutschen selbst als Opfer im Mittelpunkt. Die dritte Generation der Täternation hat begonnen, sich den Nationalsozialismus und seine Geschichte anzueignen, und wie in der Tradierung im Familiengespräch vermischen sich Versatzstücke der Berichte und Erzählungen der Überlebenden des Holocaust mit den Leidensgeschichten der eigenen Eltern und Großeltern.

Von dieser Tendenz setzt sich Ruzowitzky in seiner Verfilmung der Geschichte der Geldfälscher von ab. Er wählt einen kleinen Ausschnitt der Geschichte und zeigt jüdische Protagonisten, die in der Hölle des Lagers für die Nazis Devisen fälschen sollen. Drucker, Bankbeamte, Grafiker, aber auch »professionelle« Fälscher, werden gezwungen, abgeschirmt vom Rest der Häftlinge, Pfund‑ und Dollarnoten, Briefmarken und Pässe nachzumachen. Sie wissen, dass sie nach dieser Arbeit als Geheimnisträger ermordet werden. Und sie wissen, dass sie mit ihrer Tätigkeit den Vernichtungskrieg der Deutschen und damit auch ihr Leiden und das ihrer Kameraden verlängern könnten.

Seit 1942 lief das »«. Die jüdischen Häftlinge wurden aus unterschiedlichen Lagern in das Konzentrationslager gebracht. Im Herbst 1944 waren es 144 Häftlinge. Im Interview mit der Journalistin Kerstin Eschrich (Die Geldfälscher von , Jungle World 18/2005), erinnert sich der Drucker Adolf Burger, der 1942 als jüdischer Kommunist zusammen mit seiner Frau verhaftet und nach deportiert wurde: »Es gab kaum einen Staat in Europa, dessen Dokumente, offizielle und private, wir nicht in der Werkstatt nachgemacht hätten.«

Burgers Erinnerungsbericht »Des Teufels Werkstatt«, der im März 2007 im Elisabeth Sandmann Verlag in einer Neuauflage erscheinen wird, liegt dem Film »Die Fälscher« zugrunde, der im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale zu sehen war. Regisseur Ruzowitzky hat als Hauptfigur seines Films jedoch den Geldfälscher Salomon »Sally« Sorowitsch (Karl Markovics), der dem Häftling und Fälscher Salomon Smolianoff nachgebildet ist, gewählt. Der Film erzählt wie Sorowitsch in Berlin vom Leiter der Falschgeldabteilung der Berliner Kriminalpolizei Herzog festgenommen wird und in das KZ Mauthausen deportiert wird. Hier wird der Jude als Berufsverbrecher mit grünem Winkel geführt. Es gelingt ihm, durch Sonderanfertigungen von Porträts für die SS, etwas mehr Essen und eine bessere Behandlung zu bekommen. Doch der Film zeigt auch, dass solche »bessere« Behandlung immer der Willkür der Deutschen unterliegt.

Antisemitismus, Hass und Brutalität brechen immer dann hervor, wenn man sie am wenigsten erwartet, genauso wie die »Vergünstigungen«, von denen eine darin besteht, dass Sally nach gebracht wird, wo er im Fälscherblock helfen soll, das britische Pfund nachzumachen. Im Interview berichtet Adolf Burger, dass er anfangs überrascht gewesen sei, wie komfortabel das Leben in der Fälscherbaracke in im Vergleich zu den schrecklichen Bedingungen im Konzentrationslager -Birkenau eingerichtet war. Es gab sogar Schlafpritschen mit weißen Laken. Doch die jüdischen Häftlinge arbeiteten im Wissen um den nahen Tod.

In begegnet Sally dem jüdischen Kommunisten Burger (August Diehl), dem jungen Russen Kolja, für den er zum künstlerischen Mentor wird, und er trifft Herzog wieder, der nun die staatlich beauftragte Fälschungsaktion leitet. Herzog ist in »Die Fälscher« ein SS-Mann mit Stil, mit Tendenzen zum »modernen« Manager, und schätzt die Arbeit »seiner Juden«. Der Film läuft dabei durchaus Gefahr, durch die Bedienung bekannter Filmstereotypen, aus Herzog einen zweiten Oskar Schindler zu machen. Aber gerade durch das Schauspiel von David Striesow wird deutlich, dass Herzog in Grausamkeit den anderen SS-Schergen in wenig nachsteht, dass er es genießt, Macht über das Leben der Häftlinge auszuüben, und dass er lediglich zu seinem eigenen Vorteil bereit ist, Sally Zugeständnisse zu machen, als dieser Herzog eine gelungene Fälschung des Dollars anbietet.

Sally befindet immer mehr im Widerspruch zwischen dem Sichern des eigenen Überlebens, der Solidarität mit seinen Mithäftlingen und der Notwendigkeit, die Unternehmungen der Deutschen zu sabotieren. Insbesondere im Zusammenspiel mit Burger wird dieser Konflikt entfaltet. Denn Burger besteht darauf, den Krieg nicht weiter zu verlängern und die Arbeiten zu verzögern. Im Interview berichtet Adolf Burger, wie sie die Pfundnoten an den falschen Stellen durchlöcherten, damit die Fälschungen erkennbar sind. Sie durchstachen die Ecke, in der die steinerne Britannia abgedruckt war, das Wahrzeichen Großbritanniens, was Engländer niemals tun würden.

Burgers antifaschistische Haltung ähnelt im Film der Ganovenmoral von Sally und das führt beide zusammen: Kameraden werden nicht verraten. So entfaltet sich gerade in den Spannungen zwischen diesen beiden Figuren die Grundfrage von Moral unter Bedingungen, die jede Form moralischer Entscheidung für die zum Exemplar Gemachten eliminieren sollen. Obwohl die Gefahr besteht, dass »Die Fälscher« als Abenteuergeschichte das Lager zum Ort moralischer Erziehung umdeutet, verhindert dies doch letztlich die bewusst gewählte Beschränkung des Films. Ruzowitzky zeigt nur einen kleinen Ausschnitt, die Geschehnisse in den Blöcken 18 und 19, und er versucht nicht, die Geschichte der Shoa oder der Konzentrationslager zu erzählen. »Ich hätte es nie gewagt, den alltäglichen Horror eines ‚normalen’ KZs darzustellen«, so der Regisseur. In einer Szene jedoch, der vielleicht schlechtesten des gesamten Films, rutscht Ruzowitzky in die schablonenhafte Ästhetik der Geschichtsfiktion ab. Als die Häftlinge in ankommen und duschen sollen, bedient sich der Film jenes Effekts, den Steven Spielberg für »Schindlers Liste« erfand. Das ängstliche Warten, ob aus den Duschen Wasser oder Gas kommen wird, als Spannungselement für die Zuschauer.

Der Film zeigt die Nazis als Täter und er zeigt die jüdischen Häftlinge als Opfer. Das ist heutzutage schon sehr viel. Ähnlich wie der amerikanische Film »Die Grauzone«, der über das jüdische Sonderkommando in erzählt, interessiert sich »Die Fälscher« für die Grautöne, für den Konflikt, unter Todesdrohung zum Handlanger der Nazis werden zu müssen, und dabei dennoch so etwas wie Moral oder Gewissen zu bewahren. In seinem Essay »Die Grauzone« berichtet Primo Levi über die »hybride Klasse der Häftlinge«: »Sie ist eine Grauzone mit unscharfen Konturen, die die beiden Bereiche von Herren und Knechten voneinander trennt und zugleich miteinander verbindet. Sie besitzt eine unvorstellbar komplizierte innere Struktur und enthält in sich soviel, wie ausreicht, um unser Bedürfnis nach einem Urteil durcheinanderzubringen.« Im Film werden die jüdischen Häftlinge im Fälscherkommando unterschiedlich dargestellt. Konflikte zwischen Kommunisten, Kriminellen und angepassten Bürgern setzen sich auch in dieser Ausnahmesituation fort. Und trotzdem ist der Lageralltag immer präsent und damit auch das, was Täter und Opfer deutlich voneinander trennt, die Macht der Deutschen über das Leben ihrer Opfer: im Hof hören die Fälscher das Schuhläuferkommando, eine Strafaktion, die zahlreichen Häftlingen in das Leben kostete.

Am Ende werden die Fälscher in befreit. Andere Häftlinge reißen den Bretterzaun zum Block nieder. Ungläubig schauen die Häftlinge des Fälscherkommandos auf ihre ausgemergelten Kameraden von außerhalb des Zauns. Diese Bilder sind keine Rekonstruktionen und auch keine der üblichen Nachstellungen der Fotografien aus den befreiten Konzentrationslagern. Die Aufnahmen scheinen beinahe surreal und traumhaft. Dieses Ende erstaunt, weil zuvor im Film durch die Nichtdarstellung der Eindruck des Lageralltages gerade im Kontrast mit der Eingeschlossenheit im Fälscherblock viel präsenter geworden war, als es diese Bilder sein können. Tatsächlich wurden Adolf Burger und die anderen Häftlinge nicht in befreit. Die Nazis brachten das Fälscherkommando zusammen mit dem Geld Mitte März 1945 nach Österreich. Zunächst kamen sie in das KZ Mauthausen. Kurz vor dem Ende wurden sie ins KZ Ebensee gebracht, wo Burger am 5. Mai von amerikanischen Truppen befreit wurde.

Das Schicksal des SS-Mannes Herzog lässt der Film offen. Es bleibt unklar, ob Sally Herzog fliehen ließ oder ihn umbringt. Das historische Vorbild für Herzog war der SS-Mann Bernhard Krüger, Leiter der »Operation Bernhard«. Krüger lebte noch bis vor wenigen Jahren unbehelligt in Deutschland. Im Interview mit Kerstin Eschrich erzählt Burger: »Ich habe ihn immer im Auge gehabt und wusste stets, wo er sich aufhält. Vor drei oder vier Jahren ist er gestorben. Zu Hause habe ich seinen Totenschein.« Zehn Jahre hielt sich Krüger nach Kriegsende versteckt. Er wartete, bis die Fälschungsdelikte verjährt waren. Unterschlüpfen konnte er bei seinem ehemaligen Papierlieferanten Hahnemühle in Dassel bei Einbeck wie Eschrich rekonstruiert. Dann tauchte er wieder auf. Und angeblich war sein Vergehen nun nicht mehr justiziabel: »Dabei war er es, der als Leiter der Fälscherwerkstatt die Ermordung von sieben kranken Häftlingen befohlen hat«, berichtet Burger.

»Die Fälscher« belässt es bei Ambivalenzen. Er entlastet die Täter nicht, wie andere deutsche Geschichtsfiktionen, aber er gibt ihnen auch keinen großen Raum. Am Ende ist der Film bei Sally, der mit dem falschen Geld, das er aus mitgenommen hatte und das er beim Spiel im Casino absichtlich verliert, auch die Vergangenheit abzuschütteln versucht. »Die Fälscher« versucht nicht, Geschichte zu rekonstruieren, sondern sie zu erzählen. Damit setzt sich der Film vom gängigen deutschen Primat der Authentizität ab. Auch von diesem Authentizitätswahn in deutschen Gedenkstätten weiß Adolf Burger im Gespräch mit Kerstin Eschrich zu berichten: »Besonders empört ihn auch, dass Amerikaner, die originalgetreu den Block des Fälscherkommandos auf dem Gelände nachbauen wollten, abgewiesen wurden. ‚Es hieß, das sei ein Plagiat, weil die Bretter nicht aus den vierziger Jahren stammten.’«

Auch wenn »Die Fälscher« diesen Authentizitätsdiskurs vermeidet und seine Figuren facettenreich zeichnet, auch wenn er die Täter nicht zu Opfern und die Opfer zu (Mit‑) Tätern macht, löst sich auch Ruzowitzky letztlich nicht aus dem deutschen Vergangenheitsdiskurs, indem die Verbrechen zum Menschenrechrechtsauftrag werden: »Für mich geht es da ganz stark um heutige, universelle Fragen – und deshalb hat mich der Stoff auch so gereizt: Darf man im KZ Pingpong spielen, während gleich nebenan Menschen zu Tode gefoltert werden? Das ist doch nichts anderes als die Frage: Darf man All-Inclusive-Urlaub machen, wo gleich nebenan Menschen hungern? Dürfen wir unser reiches, behütetes Leben genießen, angesichts all des Leids in der Welt?« Also doch das KZ als moralische Erziehungsanstalt? Der Film zeigt etwas anderes, als der Regisseur bekundet. Er zeigt, dass das Konzentrationslager jenseits aller dieser Fragen existierte und trotzdem immer auf sie bezogen werden muss. Weil hier hinein Menschen gesperrt wurden, die zu Nummern gemacht, zur Vernichtung bestimmt waren. Im Sonderkommando in oder in der Fälscherwerkstatt von kommt dieses Universum zu sich. Aber nicht als philosophisches Beispiel oder Institut der moralischen Entscheidung, sondern als Ausdruck des mörderischen Antisemitismus und der präzedenzlosen Vernichtung der europäischen Juden, die die Deutschen ins Werk gesetzt haben.


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