Von Reed
Die Beschäftigung mit religiösen Themen zählt nicht wirklich zu den Schwerpunkten linker Kritik und das ist auch gut so. Trotzdem führt kein Weg daran vorbei, Dinge zu kritisieren, die eben diesen religiösen Hintergrund haben und Teil eines aktuellen Diskurses um Antisemitismus sind. Kritiker dieses Textes werden monieren, es sei unseriös ein Statement zu einem Film abzugeben, wenn man ihn im Original noch nicht im Kino sehen konnte.
Dem ist folgendes entgegen zu halten: erstens sprechen einige bereits über den Film veröffentlichten Fakten in diversen Medien eine ziemlich deutliche Sprache, zweitens sind die Einordnung der Position des Regisseurs zum Film und die Äußerungen seines Vaters wichtige Bausteine um die diskursive Ausrichtung des Filmes zu bewerten und drittens ist es von immenser Bedeutung ein Werk bei dem das antijüdische Klischee ungeniert nach Außen getragen wird, nicht nur offen zu kritisieren, sondern auch Filmbesucher im Vorfeld darauf aufmerksam zu machen. Ein Ergebnis könnte sein, sich diesen Film bewusst nicht anzuschauen.
Vor einigen Wochen kam der Streifen: »The Passion of the Christ« von Mel Gibson in die Amerikanischen Kinos. Die Ausrichtung der PR ließ von Anfang an keinen Zweifel daran, an wen sich dieser Film richtet. Einerseits wurde er nur in wenigen amerikanischen Metropolen gezeigt und andererseits versendete die PR-Agentur kostenlose Kopien an Kirchenfunktionäre und verschiedenste streng religiöse Gruppen.
Doch zunächst zum Regisseur: Mel Gibsons ist nicht zuletzt seit seinen Filmen BRAVEHEART und THE PATRIOT ein geläufiger Name im Business. Immerhin hat er für die Mitarbeit bei den oben genannten Streifen diverse Oscars erhalten. Bereits in diesen Filmen zeigte sich einerseits eine starke Ausrichtung auf ein omnipotentes Nationalgefühl und andererseits eine völkisch-romantisierende Ideologie. Im Zentrum der Handlung standen in beiden genannten Werken einfache, aber willensstarke Helden, die sich für Volk, Vieh und Boden aufopfern und zur Not eben auch dafür starben.
Zu Mel Gibson kann man biographisch soviel vermelden: er ist in der Nähe von New York geboren und in Australien aufgewachsen, nachdem seine Eltern dorthin ausgewandert sind. Mit zwölf Jahren kam er an ein katholisches College. Danach wollte er Priester werden, landete dann aber über Umwege beim Film. Seit einiger Zeit gehört er zusammen mit seinem Vater einer traditionalistisch-katholischen Sekte an, was eine Erklärung für die konservative Ausrichtung dieses Filmes sein könnte.
Aber nun zum Film selbst: in ihm werden die letzten zwölf Stunden im Leben Jesu dargestellt. Im Zentrum stehen dabei die Qualen Christi, wobei versucht wurde diese mit größtmöglicher Detailtreue, Brutalität und Genauigkeit darzustellen. Bei der verwandten Sprache der Schauspieler im Film wurde von englisch abgesehen und statt dessen eine Mischung aus Aramäisch und Latein genutzt – eingefügt wurden nur einzelne englische Untertitel.
Mel Gibson verweist in verschiedenen Interviews auf den historisch-objektiven Charakter seines Films und selbst der Papst vermeldete kurz: »Ja, so ist es gewesen.« Dies wurde zwar später als Wortlaut dementiert, trotzdem sagte Patrick Foley Erzbischof und päpstlicher Rat: »Doch die päpstliche Umgebung lässt kaum Zweifel: Es ist ein bewegender Film, dessen Gewalt eben das Leiden Christi für die Sünden der ganzen Menschheit umso eindringlicher spiegele«. Kritik an diesem Film kommt ausschließlich von jüdischen Organisationen und Privatpersonen. Sie kritisieren einerseits die Ausrichtung von Gibsons »Passion Christi«, die eine Kollektivschuld der Juden am Tode Jesu festschreiben würde. Also das erneute Bestätigen und Aufleben des alten antisemitischen Stereotypes, nach dem die Juden einzig und allein Schuld am Tode Jesu tragen würden. Vor einiger Zeit propagierten die Kirchen deswegen noch die Verfolgung und Entrechtung der Juden, eben wegen dieses Stereotyps.
In dem Film wird weiterhin von angeblichen Juden der Satz zitiert: »Sein Blut kommen über uns und unsere Kinder«. Anfangs wurde dieses Zitat noch mit den englischen Untertiteln unterlegt, aktuell sind diese entfernt, wenngleich der Satz dennoch in der Filmsprache fällt. Das Wissen um seine bloße Existenz im Film – trotz aller Kritik – ist ein deutliches Zeichen und eine Positionierung Mel Gibsons. Selbst die konservative F.A.Z erkannte zu Recht eine mehr als verkürzte Darstellung: »hier der Blutdurst der Juden, dort Jesus und die seinen, dazwischen als zaudernder Kosmopolit Pontius Pilatus.«
Als Nebenschauplatz formierte sich sehr schnell die Debatte um die Antisemitischen Äußerungen von Gibsons Vater Hutton. Dieser soll angeblich dem US-Radiosender Talkline Communications Network ein Interview gegeben haben, in dem er über den Holocaust gesagt haben soll: »Es ist alles – vielleicht nicht alles – Fiktion, aber das meiste schon.« Des weiteren vermeldete er zur Shoa sinngemäß, die vor dem Zweiten Weltkrieg in Europa lebenden Juden seien vermutlich nicht von den Nazis umgebracht worden, sondern ausgewandert.
Unabhängig davon bleiben mehrere Fakten bestehen. Der Film »The Passion of the Christ« unter der Regie von Mel Gibson bedient das antijüdische Klischee der »Gottesmörder.« Diese neuerliche Aufnahme ist überraschend, denn der christlichen Antijudaismus schien in seiner Bedeutung seit einigen Jahrzehnten hinter den primären und sekundären Antisemitismus zurückgetreten zu sein. Trotzdem ist er eine der Voraussetzungen für den Holocaust gewesen: »Im Gegenteil! Die auf Ausrottung zielende Gewalt gegen Juden erfand im letzten Jahrhundert einen mehrheitsfähigen rassistischen Antisemitismus und gipfelte im Massenmord der Schoa, dem Holocaust, einer kalt verwalteten, industriellen Vernichtung und Verwertung von Juden, Jüdinnen und ihren Kindern. Dass die umliegenden Länder und Kulturen, die ebenfalls vom Christentum geprägt sind, zusahen und wegsahen, den Juden kaum Hilfe anboten, kann nur begriffen werden, wenn wir den rassistischen Antisemitismus als Folge‑ und Begleiterscheinung des gewalttätigen christlichreligiösen Antijudaismus verstehen.« (NICO RUBELI-GUTHAUSER, Christlicher Antijudaismus).
Die Gründe den Film zu produzieren sind wahrscheinlich vor allem in der Religiosität Mel Gibsons zu suchen, der – wie bereits erwähnt – einer konservativ-katholischen Sekte angehört und von sich behauptet die Geschichte exakt umgesetzt zu haben, wie sie sich laut den Evangelien vollzogen haben soll. Dazu gehört dann eben aus seiner Sicht auch die Darstellung der Juden als Gottesmörder. Die Äußerungen von Mel Gibsons Vater Hutton zeigen einmal mehr, wohin die erzkonservative Richtung des Christentums führen kann. Alles in allem bleibt ein blutrünstiger und religiöser Film, der mit antisemitischen Stereotypen hausieren geht. Es verwundert kaum, dass »Die Passion Christi« momentan so erfolgreich ist; spielt er doch indirekt mit dem antisemitischen Ressentiment. Trotzdem muss an dieser Stelle auch auf die Kritik verschiedenster kirchlicher Organisationen hingewiesen werden. Wie wirkungsvoll diese Kritik bei den Christen ankommt, bleibt abzuwarten.
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