26.12.2009 / 12:47 am

Von Lehni
»Künstlerisch wertvolle Filme sind geschäftlich schädlich, weil sie den Geschmack des Publikums verderben, indem sie ihn verbessern.(Wären sie eines, so würde der Kapitalist aus Konkurrenzgründen die so gefährliche Geschmacksverbesserung riskieren, ebenso wie er die kommunistische Propaganda riskieren würde)« Bertolt Brecht, Film ohne Geschäftswert, 1932
In Zeiten, in denen Moralismus und Populismus in der Filmkultur scheinbar die Rolle der Kritik übernommen haben und Staatsfetischisten wie Michael Moore als Aushängeschilder des politischen Films herhalten müssen, lohnt sich durchaus ein Blick auf die Ursprünge des politisch-proletarischen Films. Auch angesichts der gegenwärtigen ökonomischen Krise, war es ein erfreulich gutes Timing von Suhrkamp, in seiner Filmedition neben Kluges Kapital, Brechts filmisches Meisterwerk »Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt« neu herauszubringen. Die DVD-Box ist versehen mit einer Materialsammlung und einem sehr aufschlussreichen Einführungstext von Heinrich Geiselberger.
Das Projekt wurde 1932 abgeschlossen und entstand in enger Zusammenarbeit mit Slatan Dudow, Hanns Eisler und Ernst Ottwalt. Brechts Erfahrungen bei der versuchten Verfilmung seiner Dreigroschenoper (die in einem Vergleich vor Gericht endete und ihm jegliche Rechte an dem Werk nahm) und das Reflektieren über das Gefangensein des Künstlers in einem »durchkapitalisierten Film‑ und Rundfunkbetrieb«, veranlasste die Beteiligten die Rechte des Films als Kollektiv wahrzunehmen und sich so die nötige künstlerische Freiheit zu sichern, natürlich zum Preis des finanziellen Risikos. Das war ein Novum in der Filmgeschichte.
Erzählt wird in dem Film das Schicksal der Berliner Arbeiterfamilie Bönicke, die im Rahmen der Wirtschaftskrise ihre Wohnung verliert und deshalb in die Arbeiterkolonie »Kuhle Wampe« vor die Tore der Stadt ziehen muss. Zuvor nahm sich schon der Sohn das Leben, verzweifelt von der aussichtslosen Arbeitsuche im krisengeschüttelten Berlin der 20er Jahre und im Angesicht der verschärften Notverordnung der Reichsregierung. Anni, die Tochter der Bönickes – als wichtigste Protagonistin – durchläuft zunächst eine tragische Liebesbeziehung und beschließt, sich dem Druck der »lumpenkleinbürgerlichen Verhältnisse« (Brecht) zu entziehen und eine nicht gewollte Schwangerschaft abzubrechen.
Die Schlüsselszene des Films zeigt die Rückfahrt mit dem Nahverkehr von einem Arbeitersportfest, auf der es zu einer verbalen Auseinandersetzung zwischen Arbeitern und Bourgeoisie kommt. Auf die Frage, wer die Welt denn verändern könne, antwortet Anni, »Na die, denen sie nicht gefällt«, gefolgt von Brechts und Eislers berühmten Solidaritätslied: »Und die Frage konkret gestellt. Beim Hungern und beim Essen:Wessen Morgen ist der Morgen? Wessen Welt ist die Welt?«
Was den Film so bedeutend macht, ist weniger die schlichte Handlung und mit ihr natürlich die klare politische Parteinahme für die Arbeiterklasse und die proletarische Revolution, sondern vielmehr die beachtliche Revolutionierung der Filmtechnik. Speziell die Übernahme von Eisensteins Montagetechnik, die »Episodik« der Handlung, die Autonomie von Bild und Ton und die Typisierung der Rollen waren nicht nur einfach eine Kritik an den kleinbürgerlichen Filmen, sondern auch an nichtsowjetischen proletarischen Produktionen. Brecht wollte die »Basis dieser Apparate«, also die gegenwärtige Gesellschaftsordnung, »erschüttern«. Er forderte mit der Formel »Für Neuerungen, gegen Erneuerung«, dass die technische Revolutionierung der Verwendung der Medien der »Propagierung und Formung« der neuen Ordnung dienen müsse.
Der einführende Kommentar von Geiselberger verdeutlicht dabei immer wieder die filmtheoretischen Überlegungen Brechts, seine intensive Auseinandersetzung mit dem Medium zwischen Faszination und Verachtung. Bei aller Abneigung gegen die Massenmedien sah Brecht den Film dennoch als Methode, die »introspektive Psychologie des bürgerlichen Romans« zu zerschlagen und wertete speziell das Projekt »Kuhle Wampe« als Testlauf für die Durchsetzung seines Programms des »nichtaristotelischen Films«. Es war der Versuch, die Grenzen zwischen dem »Könne« und »Könnte« des Filmschaffenden in der warenproduzierenden Gesellschaft aufzuheben.
Darüber hinaus gibt das Begleitheft, u.a. mit einem Kommentar von Siegfried Kracauer, einen interessanten Einblick in die damalige Zensurpraxis der sozialdemokratischen Reichsregierung und in die erstaunliche analytische Schärfe der Zensoren in ihrer Verbotsbegründung, was Brecht zu der amüsierten Bemerkung veranlasste, der »scharfsinnige« Zensor sei »weit tiefer in das Wesen unserer künstlerischen Absichten eingedrungen als unsere wohlwollendsten Kritiker«.
Alles in allem, eine sehr gelungene Neuedition, dessen Begleitheft nie Gefahr läuft ins vulgärmarxistische Fahrwasser zu geraten, sondern den theoretischen und historischen Kontext der Filmproduktion klar darstellt. Zwar würde man marxistische Anwandlungen vom Suhrkamp Verlag eh nicht erwarten und wie die Neuedition zeigt, sind sie für einen erkenntnisreichen Zugang zu dem Werk auch nicht unbedingt notwendig. Die Aktualität der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus, selbst in der bürgerlichen Öffentlichkeit, und die erstaunlichen Parallelen zwischen der »Kuhle Wampe«-Siedlung und den heute wieder stark wachsenden Zeltstädten in den USA würden eine aktualisierte und politische Betrachtungsweise aber durchaus zulassen.
Brecht/Dudow »Kuhle Wampe oder wem gehört die Welt«. DVD mit einem Essay von Heinrich Geiselberger. 80 Minuten, filmedition suhrkamp 2, Frankfurt/Main
26.12.2009 / 12:47 am
Den gesamten Film kann, in etwas schlechterer Qualität, kostenlos und voller Länge im Internet Archiv sehen: http://www.archive.org/details/KuhleWampe
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