Von Marek
Die Rezeption der Werke politisch engagierter Künstler wird – auch und gerade in der Linken – oft von politischen Statements bzw. der Einordnung des Künstlers in eine bestimmte politische Strömung vorstrukturiert. Erst recht, wenn das Werk einem explizit politischen Thema gewidmet ist. Diese Herangehensweise ist nicht illegitim, eröffnet sie doch die Möglichkeit der Kritik am politischen Programm des künstlerisch tätigen Linken. Wenn sie jedoch der einzige Zugriff auf das Werk bleibt, werden Sichtweisen abgeschnitten, die für ein künstlerisches und politisches Verständnis berücksichtigt werden sollten. Im Falle von Ken Loach, dem wohl letzten bedeutenden exponiert linken (d.h. in diesem Fall: einer Spielart des Marxismus zuzuordnenden) Filmemacher Europas, der regelmäßig alle ein bis zwei Jahre einen Film in die Kinos bringt, greifen diese Mechanismen seit Jahren besonders gut. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass sein neuester Film »The Wind that shakes the Barley« primär als antiimperialistisches Statement zur Anwesenheit US-amerikanischer und britischer Besatzungstruppen im Irak verstanden wird – vor allem da Loach selbst in Interviews eine solche Sichtweise vorgab. Es drängt sich natürlich auf, die sehr offen dargestellte Brutalität der Besatzungsmacht, mit krassen Folterszenen, als Anspielung auf Abu Ghraib zu verstehen – sie kann aber genau so gut als allgemeine Illustration des Mechanismus »Repression schafft Widerstand« gesehen werden, der ja nicht nur von Linken und Nationalisten herbeigesehnt wurde und wird, sondern historisch in bestimmten Situationen, so auch in Irland, sicher funktionierte.
Erstaunlich ist, dass niemand diesen Film in Beziehung zu Loachs anderem historischen Bürgerkriegsfilm, »Land and Freedom« setzt. Dies ist vor allem deswegen seltsam, da »The Wind that shakes the Barley« auffällig viele Parallelen hinsichtlich Story, Konflikt, Charakteren, Ausstattung etc. aufweist. Beide spielen in einer feudal geprägten, katholischen, agrarischen Umgebung. Beide beschreiben den Kampf einer kleinen militärischen Einheit – in »Land and Freedom« einer Miliz der linkskommunistischen POUM (Partido Obrero de Unification Marxista, Arbeiterpartei der marxistischen Vereinigung) und in »The Wind that shakes the Barley« einer flying column der IRA. Teilweise gibt es in beiden Filmen geradezu identische Szenen – und das sind dann auch noch Schlüsselszenen. Genauso wichtig wie die Gemeinsamkeiten sind die Unterschiede zwischen beiden Filmen. »Land and Freedom« ist die Geschichte des Kampfes zwischen Revolution und Konterrevolution, der durch die krassen sozialen Widersprüche in der spanischen Gesellschaft vorangetrieben wird. Die deutschen und italienischen Interventen auf Seiten Francos kommen im Film de facto nicht vor. (Loach stellt sich damit gegen die die parteikommunistische Geschichtsschreibung prägende Deutung der Kommunistischen Internationale, die den Spanischen Bürgerkrieg als nationalen »Unabhängigkeitskrieg« ansah.) Dagegen geht es in »The Wind that shakes the Barley« um den nationalen Befreiungskampf gegen die britischen Besatzer. Sozialismus ist eine Option für ein befreites Irland – und setzt daher zwangsläufig die nationale Befreiung voraus, ist dieser aber auch nachgeordnet.
Die Nichtbeachtung von »Land and Freedom« – und zumindest teilweise die Unkenntnis bestimmter traditioneller Topoi der sozialistischen Arbeiterbewegung, die Loach ganz selbstverständlich benutzt – führen dazu, dass ein Großteil der Rezensionen am Thema vorbei schreiben. Aus diesem Grund, und aufgrund dessen, dass der Film schon in den Kinos läuft und eine Vielzahl von Rezensionen in diversen Medien erschienen sind, soll hier in erster Linie auf einige Aspekte hingewiesen werden, die bisher kaum thematisiert wurden.
»The Wind that shakes the Barley« ist die Geschichte zweier Brüder, Damian und Teddy. Der im Priesterseminar ausgebildete Teddy ist eines der lokalen Führungsmitglieder der IRA. Damian will als Arzt nach London gehen, als er miterlebt, wie britische Soldaten einen Landarbeiter zu Tode foltern weil dieser in einer Personenkontrolle nur auf Gälisch antwortetet. Die mit ihm Anwesenden versuchen Damian zu überzeugen, sich dem irischen Widerstandskampf anzuschließen, was dieser mit Verweis auf die geringen Erfolgschancen ablehnt. Als Damian den Zug besteigen will, der ihn zur Fähre nach England bringen soll, erlebt er wie ein britischer Offizier einen Lokführer, den Heizer und den Schaffner eines Zuges schwer misshandelt, weil der Lokführer sich – erfolgreich – weigert, Soldaten und Waffen der britischen Armee zu transportieren. Als Folge dieses Ereignisses revidiert Damian seine Pläne und schließt sich der IRA an. Der Lokführer Dan verkörpert im weiteren Film das klassenbewusste Proletariat von dem der junge linken Akademiker Damian lernt. Und so ist es nicht – wie in vielen Rezensionen zu lesen – in erster Linie die Brutalität der Besatzungsmacht, die Damian die Entscheidung zum Eintritt in die IRA treffen lässt (er hat kurz vorher ein wesentlich höheres Maß an Grausamkeit erlebt und sich dem Widerstand nicht angeschlossen), sondern der unerschütterliche, nicht zu brechende Widerstand des Lokomotivführers Dan, der Damian klar macht, was ein organisiertes solidarisches Verhalten zu erreichen vermag. Zudem verdeutlicht die Szene die Bedeutung, die Menschen mit Spezialkenntnissen (die Soldaten scheitern weil nur Dan die Lokomotive fahren kann) für den Widerstand haben – dies zielt direkt auf Damians Ausbildung als Arzt, mit im Guerillakrieg nicht hoch genug zu schätzenden Fähigkeiten, ab. Eindrücklicher als in der Szene, in der Dan sagt »Nein Sir, meine Gewerkschaft verbietet mir Waffen und Soldaten zu transportieren« ist der Slogan »The Union stands behind us, we shall not be moved« selten cinematographisch umgesetzt worden. Hier liegt wohl auch ein Quell für die dominanten Fehlinterpretationen des Filmes: Eine Linke, die – aus guten Gründen – ihre Verbindungen zur Arbeiterbewegung gekappt hat scheitert genauso wie der »bürgerliche« Rezensionsbetrieb am Verständnis eines Werkes, für das »working class« nicht nur eine soziologische Kategorie ist.
Als der Guerillakrieg die britische Regierung zwingt, einen Kompromiss mit den Repräsentanten des irischen Kampfes zu schließen, der die Gründung des »Irish Free State« als Teil des Dominions erlaubt, kommt es zum Bruch zwischen den Brüdern. Teddy wird Offizier in der Armee des Free State während eine Gruppe um Damian und Dan den Kampf für ein völlig unabhängiges und sozialistisches Irland weiterführen will. Der Bruch wird durch das Anziehen einer Uniform verdeutlicht. So wie in »Land and Freedom« ein Milizionär das Räuberzivil der POUM-Miliz gegen die korrekte Uniform der spanischen Volksarmee tauscht, so spaziert Teddy am Tag des Abzuges der Briten in der »Free State«-Unifom durch die Straßen und macht der örtlichen Bourgeoisie seine Aufwartung.
Nicht zufällig sind es der aus einer Mittelstandfamilie stammende Akademiker Damian und der (in England im Gefängnis) sozialistisch geschulte Gewerkschafter Dan, die die soziale Frage mit der Waffe in der Hand beantworten wollen – nicht die landlosen IRA-Volunteers, die wenn es hochkommt, einen Schilling in der Tasche haben. Sie bleiben in ihrem Kampf alleine, weil die vom Bürgerkrieg zermürbte Bevölkerung endlich Frieden will.
Der große Konflikt, der im Zentrum von »The Wind that shakes the Barley« wie auch von »Land and Freedom« steht, ist der sich in einer Situation des tatsächlichen Kampfes um soziale und politische Veränderung auftuende – und nicht aufgeschoben werden könnende – Widerstreit zwischen dem Streben nach der Herstellung von Staatlichkeit und der Errichtung staatlicher Strukturen auf der einen und dem Wunsch nach Durchführung der – der Existenz staatlicher Strukturen nicht unbedingt dienlichen – sozialen Revolution. Seine Dramatik gewinnt dieser Konflikt daraus, dass die Befürworter der Herstellung staatlicher Strukturen gemeinsame Ziele mit den Revolutionären haben, gemeinsam mit ihnen Kämpfe und Gefahren durchgestanden haben und Gründe für ihr Handeln anführen, die nicht einfach wegzuwischen sind. Wenn in »Land and Freedom« mit den sowjetischen Hilfslieferungen argumentiert wird, deren Bedingung der Aufschub der Revolution ist, dann weiß das Publikum schon, das die antifaschistischen Milizen erbärmlich schlecht bewaffnet einem gut ausgerüsteten Gegner gegenüberstehen. Wenn in »The Wind that shakes the Barley« auf die Drohung der britischen Regierung mit »sofortigem, umfassenden und zerstörerischem Krieg« verwiesen wird, erscheint angesichts der gezeigten Brutalitäten der Besatzungsmacht eine Nichtannahme des Kompromisses als selbstmörderisches Unterfangen. Dagegen argumentiert in »Land and Freedom« u.a. die spanische Bäuerin mit der Not der Landbevölkerung und der exilierte Deutsche in der POUM-Miliz mit der desaströsen Niederlage der deutschen Arbeiterbewegung aufgrund der nicht stattgefunden habenden Revolution. In »The Wind that shakes the Barley« führt der Gewerkschafter Dan den IRA-Volunteers ihre Armut vor und der Arzt Damian verweist auf die verhungernden Kinder in irischen Bauernfamilien.
Dieser Konflikt wird in »Land and Freedom« wie in »The Wind that shakes the Barley« angelegt, bevor es zum großen Clash kommt. Und Loach gestaltet dies auf identische Art und Weise. In »Land and Freedom« kommt es innerhalb der Miliz zu einer Diskussion, als in einem befreiten Dorf die Felder kollektiviert werden sollen. Hier spaltet sich die Gemeinschaft der Kämpfenden zum ersten Mal in jene, die der Revolution Priorität einräumen und jene, die erst den Krieg gewinnen wollen, bevor soziale Veränderungen auf die Tagesordnung kommen. Fast genau die gleiche Konstellation findet sich in »The Wind that shakes the Barley«. Nur entzündet sich die Diskussion hier nicht am aktiven Angriff auf das Eigentum, sondern an der Verurteilung eines Unternehmers, der Waffenkäufe der IRA finanziert, wegen »Wucher« durch ein Gericht der IRA.
Prekär erscheint die Thematisierung von »Wucher«, in rückständigen unterkapitalisierten Gesellschaften die übliche Funktionsweise des Kreditwesens. Die Abspaltung der Zirkulations‑ von der Produktionssphäre, das Vorgehen gegen deren (angebliche) Agenten – im europäischen Kontext grundsätzlich »die Juden« – ist regelmäßig Bestandteil der konflikthaften Herstellung des nationalen Kollektivs. Dass sich der Streit in »Land and Freedom« am aktiven Zugriff auf die Produktionsmittel entzündet, während in »The Wind that shakes the Barley« auf Geschehen in der Zirkulationssphäre reagiert wird, verweist auf den Unterschied zwischen den Kämpfen. In »Land and Freedom« ist es die soziale Revolution, während »The Wind that shakes the Barley« den nationalen Unabhängigkeitskrieg zeigt, dessen Erfolg die klassenübergreifende Formierung des nationalen Kollektivs gegen den »fremden« Besatzer voraussetzt. Die Antwort auf die Frage nach der Möglichkeit einer Verbindung von nationaler Befreiung und sozialer Emanzipation fällt ziemlich pessimistisch aus.
Im selben Kontext steht die unterschiedliche Darstellung des katholischen Klerus: als faschistische Konterrevolutionäre, deren Liquidierung notwendiger Schritt der Emanzipation ist bzw. als seelsorgerische Betreuer der Guerilla. Die Szene aus »Land and Freedom«, in der nach einem Schnitt das Revolutionslied aus der vorherigen Szene verklingt während die Miliz zum Angriff vorgeht zitiert Loach in »The wind that shakes the Barley«, in dem er das Lied durch ein Gebet ersetzt.
Sowohl in »Land and Freedom« als auch »The Wind that shakes the Barley« schlagen die Vertreter der Staatlichkeit die Revolution blutig nieder. Aber im Moment ihres Sieges ist klar, dass auch sie verloren haben. Ihre Niederlage wird jedoch nicht mehr gezeigt, das Bewusstsein um diese wird von beiden Filmen vorausgesetzt. Die spanischen Volksarmisten, die bei der Entwaffnung der Miliz die POUM-Militante (als eine Hauptfigur die Allegorie auf die Revolution) töten, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit den Sieg Francos nicht überleben. Die Ermordung des im Kampf gegen die »Free Stater« verwundeten und unbewaffneten Dan durch einen Free-State-Offizier stellt eine Allegorie auf die Niederlage der sozialistischen Option dar, fortan wird der irische Konflikt von den Konfliktparteien nur als nationaler Kampf geführt werden. Auch Damian bezahlt mit seinem Leben – das Peloton, vor dem er nach einem Kriegsgerichtsverfahren steht, wird von seinem eigenen Bruder kommandiert. Jener Bruder ist, wie Damian in seinem Abschiedsbrief schreibt »innerlich schon ganz tot«, ein »Irish Free State« ohne britische Besatzungstruppen ist kein befreites, souveränes, ungeteiltes Irland – und vor allem jedes Potentials auf progressive Veränderung der Gesellschaft beraubt.
Wenn also Manfred Hernes in konkret schreibt, »Dass sich Damian und die irischen Republikaner für eine sozialistische Option eingesetzt haben, bleibt dabei auf wenige unscheinbare Bemerkungen beschränkt« scheint er entweder einen anderen Film gesehen zu haben oder ein Thema schön mit Margarine beschmiert und dick mit Fleischsalat belegt zu benötigen, um es wahrzunehmen.
Auffällig sind im aktuellen Film die Frauenrollen – und zwar in der Hinsicht, dass Frauen prima facies eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Berechtigterweise entsteht der Eindruck, dass Loach einen Film über heroische Männer in Tweed mit Knarre in der Hand gemacht hat, in dem Frauen keine Rolle spielen. Wenn aber »The Wind that shakes the Barley« eine Spiegelung »Land and Freedoms« darstellt (und alles spricht dafür), dann sollte diesem Eindruck nachgegangen werden. Stellt doch in »Land and Freedom« der Kampf der Frauen in der POUM um Emanzipation – gegen die feudalen Verhältnisse des agrarischen Spaniens und gegen die machistischen Genossen – ein wichtiges Thema dar. Die Entscheidung der republikanischen Regierung, den Frauen in den antifaschistischen Einheiten den Kampf an der Waffe zu verbieten und sie in Küche und Sanitätsdienst zu verbannen ist der erste massive Angriff des sich des faschistischen Putsches erwehrenden Staates auf die Revolution, der sich an der Front bemerkbar macht. Kein anderes publikumswirksames Werk zum spanischen Bürgerkrieg hat die »Frauenfrage« im antifaschistischen Kampf dermaßen thematisiert. Warum also auf einmal die Zurückhaltung in »The Wind that shakes the Barley«?
Die ersten wahrnehmbaren Frauenrollen sind Mütter. Als Landarbeiterinnen versorgen sie die Guerilla mit Lebensmitteln, Quartieren, Informationen etc. Eine Sonderrolle spielt Sinead – Damians spätere Partnerin, die als Kurierin für die IRA aktiv ist. Als die Briten das Haus von Sineads Familie abbrennen und die Familie zu Verwandten umziehen will, weigert sich die Großmutter kategorisch den Hof zu verlassen. Die widerständige, verwurzelte Großmutter – ein Motiv wie es von linken Soli-Plakaten mit nationalen Befreiungsbewegungen bekannt ist. Doch Sinead weigert sich. »Ich will nicht so werden wie sie, ich will woandershin, wo ich ein Leben führen kann!« bringt sie den Horror des Landlebens und die spezifische Motivation junger Frauen, den Kampf aufzunehmen auf den Punkt. Interessant ist die Szene, in der das erste und einzige Mal Frauen in Uniform, als höherrangige Mitglieder der Guerilla gezeigt werden. Das IRA-Gericht, das einzige im Film gezeigte parastaatliche Organ der IRA im befreiten Gebiet, ist nur mit Frauen besetzt – und diese vertreten die sozialistische Option. Nach dem Kompromiss mit den Briten finden sich die einzigen Frauen, die im Film eine etwas herausgehobene Rolle spielen – Sinead und die Richterin – in der »sozialistischen« Gruppe wieder und erleiden mit dieser deren Niederlage. Die Frauenrollen sind demnach in Anbetracht der miesen Situation von Frauen im unabhängigen katholischen Irland und der symbolhaften Inszenierung des Films zu verstehen. »The Wind that shakes the Barley« ist kein revolutionäres Märchen, sondern eine Auseinandersetzung mit dem bewaffneten Kampf für die nationale Unabhängigkeit, der wohl wichtigsten Projektionsfläche für linke Revolutionsromantik nach dem Scheitern der Linken in Spanien. Die großen Emanzipationsbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts, die Arbeiterbewegung und die Frauenbewegung profitieren letztlich nicht von diesem Kampf.
Dass die in der Geschichte des Films angelegten politischen Problematiken kaum zur Kenntnis genommen werden, dürfte in erster Linie an der visuellen Inszenierung liegen. Die Bildsprache (der beiden Filme) ruft den Eindruck hervor, dass Loach nicht nur Filme über eine andere Zeit, sondern auch aus einer anderen Zeit macht. Mit einer obzessiven Exaktheit wird hier bis auf die letzte Schirmmütze, die letzte Patronentasche historisch korrekt gearbeitet. Die Korrektheit im Detail korreliert nicht ganz mit der Korrektheit hinsichtlich der Darstellung der historischen Prozesse – selbst bzw. gerade wenn die hochgradig symbolische und allegorische Erzählweise in Rechnung gestellt wird (so ist z.B. die tragende Kraft der sozialen Revolution in Spanien eher die anarchosyndikalistische CNT gewesen als die vergleichsweise kleine POUM). Die Filme sind eben keine Lehrfilme für den Geschichtsunterricht. Sie eröffnen Widersprüche, die sie nicht auflösen – und dieses Anliegen hat Priorität gegenüber der historiographischen Akkuratesse.
Die wohl vorrangig dem Budget geschuldete Beschränkung auf eine kleine Gruppe von Menschen (in der dann einzelne Personen ganze politische Strömungen, Parteien, Klassen, Schichten etc. verkörpern) findet ihre Ergänzung in den ländlichen Schauplätzen des Films. Dabei wird mit Klischees nicht gespart. Während Spaniens Erde rot und steinig ist, ist Irland so saftig und grün, wie es sich die Kerrygold-Werbung nie traute zu zeigen. Das der auch einem Fantasy-Schinken entsprungen sein könnende Wald, in dem sich die IRA-Kolonne versteckt, kein sicherer Schutz sondern Ort der Überraschung und Verhaftung ist, bewahrt kaum vor Romantik. Die Übertragung der allegorischen Darstellungsweise von den handelnden Personen auf die Landschaft und Handlungsorte, ja auf die ganze Inszenierung, schärft jedoch nicht die Wahrnehmung der Widersprüche sondern lässt diese im Pulverrauch verschwimmen. Das Fehlen optischer Brüche, die sozialistisch-realistische Darstellungsweise, die zur Identifikation mit den »Guten« einlädt, spachtelt viel zu und erfordert ein reflektierendes Sehen, gegen das sich der Film jedoch massiv sperrt. Der kalkulierte und ungebrochen Einsatz von Emotionalität ist aus einer aufklärerischen Perspektive wirklich zu bemängeln. Das mit seinen Charakteren empathische Kino Loachs wird ja in der Linken gerne als Propagandafilmlieferant genutzt (die Frequenz mit der »Land and Freedom« in linken Kneipen läuft ist beeindruckend). Die permanente kalkulierte emotionale Überwältigung des Publikums macht »The Wind that shakes the Barley« eigentlich zum besseren Propagandafilm, nur die sperrigere Geschichte dürfte ihn davor bewahren, das Schicksal von »Land and Freedom« zu teilen.
Bei dem Konflikt zwischen Revolution und Staatlichkeit, zwischen sozialer Emanzipationsbewegung und den Notwendigkeiten, die sich aus dem militärischen Kampf ergeben, handelt es sich um wohl das entscheidende Moment beim Scheitern des letzten global vorgetragenen Versuches praktischer Gesellschaftsveränderung in Richtung Kommunismus. Ein Kino, das ernsthaft dem Ziel menschlicher Emanzipation verpflichtet ist, sollte diesen Widerspruch ehrlich auf die Leinwand bringen – die beiden hier besprochenen Filme sind seit langer Zeit die einzigen publikumswirksamen, die versuchen diesen Anspruch einzulösen. In diesem Versuch sind sie im Wortsinne anachronistisch.
Insofern mag der hier besprochene Film klüger als sein Macher sein, klüger als die meisten Rezensionen ist er allemal.
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