08.11.2007 / 12:03 pm
Von Dennis
»Das Palituch« und »Races High«, so lauten die Namen zweier Lieder von Amen 81, mit denen sich das Nürnberger HC-Trio einiges an Kritik aus der konservativen Punkszene eingehandelt hat: die Texte seien »antideutsch« und somit untragbar. Wir haben die Jungs einfach mal selbst gefragt, wie sie den Trubel um die eigenen Positionen sehen und die Kontinuitäten im eigenen Umfeld einschätzen. Ein Interview ist dabei herausgekommen, das zwar nicht klärt was Punk darf, dafür aber andeutet, wer hier der wahre Zombie ist. Wer wissen will, was es wirklich mit dieser Band auf sich hat, besorge sich die aktuelle Platte »The Hit Pit« und finde es am besten selbst heraus. Von Dennis.
Beatpunk Webzine (Dennis): Amen 81 existiert seit mehr als zehn Jahren. Eure Musik hat im Laufe der Zeit einige feine Stilveränderungen durchgemacht. Stets gleich geblieben ist, dass Ihr Euch in den Texten politisch äußert. Ihr wart auch mit einem Song auf dem »Deutschland in Decline«-Sampler drauf. Für wie wichtig erachtet Ihr es, sich über die Band politisch auszudrücken?
Amen 81: Ich denke, daß es uns allen dreien sehr wichtig ist, uns in unseren Texten politisch zu äußern. Gleichzeitig wird es aber auch immer Texte geben, die eher persönlicher Natur sind.
Ebenso wichtig ist uns aber die Form, was uns am meisten von anderen Bands, deren Texte politische Inhalte haben, unterscheidet. Vielen Bands genügt es in schlechtem oder falschem Englisch die Punk‑ oder gerade Crust-typischen Themen abzuarbeiten. Man nehme einfach die Palette der üblichen Objekte der Wut und reiht ein paar englische Phrasen aneinander. Fertig ist der Text und klingen tut´s auch noch gut!
Alle drei in der Band schreiben die Texte, wobei Thorsten (Schlagzeug) wohl die direktesten (Band intern wird ihm wohl auch eine gewisse Plattheit zugedacht) schreibt. Meistens sind es auch die Texte, über die sich ein paar Leute aufregen. Das heißt aber nicht, dass Rene (Bass) oder Heiko (Gitarre) weniger politische Texte schreiben. Bei ihnen fallen diese nur immer etwas metaphorischer, man könnte auch sagen lyrischer, aus.
Laut Euch, soll Punk ja wieder alles dürfen. An welchen Punkten seht Ihr szeneübergreifende Beschränkungen bzw. was durfte Punk bislang nicht?
Das Zitat »Punk soll wieder alles dürfen« stammt aus dem Text »Tatütata«, in dem in sehr ironischer Weise das Tanzverhalten und oft sexistische Machogebaren auf Punkkonzerten kritisiert wird. Punk soll natürlich nicht alles dürfen, deswegen bezeichnen wir uns ja am Ende des Textes als »Pogopolizei«.
In der Zwischenzeit hat sich anscheinend doch ein etwas ausgeprägteres Bewusstsein entwickelt. Idioten, die anderen den Abend versauen, andere verletzen oder beleidigen, fliegen öfter und schneller raus.
In der Plastic Bomb Nr.55 musste man ein Interview lesen, in dem Euch der Fragensteller, ein gewisser Atakeks, spaltenweise auf die Polit-Anklagebank nagelte. Ihr hättet zwei fragwürdige Texte geschrieben, »deren inhaltliche Stoßrichtung« nicht nur ihn »stark an die antideutschen Positionen« erinnern würden. Verurteilt ward Ihr für den Herrn offensichtlich schon vor der ersten Frage, obwohl er nach eigenem Bekunden ja versuchte, Euch die »Gelegenheit zu geben an verschiedenen Punkten ihre Nähe oder auch Distanz zu den Antideutschen zu erklären«. Ward Ihr überrascht, Euch so rechtfertigen zu müssen?
Es freut mich, dass du einer derjenigen bist, die das komische Spielchen von Herrn Atakeks durchschaut haben. Wir waren weniger über die Tatsache überrascht uns zu rechtfertigen, als über die Art und Weise WIE dies von statten ging. Mehr noch dadurch, dass mit Atakeks vor dem Interview telefoniert wurde. Am Telefon machte er einen sehr netten und ruhigen Eindruck und so waren wir dann doch ziemlich erstaunt über den Unterton, der alle Fragen des schriftlichen Interviews durchzog. Wir sprachen vorher über politische Standpunkte, Antideutsche und unsere Meinung. Außerdem war dieses Gespräch im Januar, die Veröffentlichung im Juni. D.h. er hätte wirklich genügend Zeit gehabt, andere Fragen zu stellen. Es scheint, ob er ein Haudraufmännchen gesucht hat, um sich mit der Diffamation von uns in eine tolles Licht zu stellen. Trotzdem beschlossen wir mitzumachen – unter der Bedingung, dass wir die druckfertige Version der Befragung noch einmal zu sehen kriegen, bevor sie gedruckt wird.
Der Typ hat Euch alle möglichen politischen Fragestellungen erörtern lassen – von Krieg, George Bush, Afghanistan über Antisemitismus, Palitücher bis hin zu Szenespalten und Sozialkürzungen – immer auf der Lauer, dass Ihr Euch in antideutscher Hinsicht verplappern würdet. Und wenn er glaubte etwas gefunden zu haben, kommentierte er Eure Aussage nachträglich nach gut dünken. Nicht gerade fair, für so ein Frage/Antwort-Spiel.
Wie schon angedeutet, war das einfach eine sehr unehrliche Tour. Das Plastic Bomb hat sicher nicht den Anspruch ein professionelles Heft zu sein, was ja nicht schlimm ist. Im Rahmen eines Interviews sollte man sich aber dennoch an gewisse Standards halten, die ein nachträgliches Kommentieren der erhaltenen Antworten ausschließen. Im Prinzip disqualifiziert er sich selbst als ernst zu nehmender Interviewer.
Wie sehr ärgert Euch solch eine Abzocke?
Um ehrlich zu sein, waren wir anfangs ziemlich verärgert – allerdings mehr über uns selbst und unsere Blauäugigkeit. Schließlich hatten wir uns ja auf die bloße mündliche Zusage verlassen, das druckfertige Interview vor der Veröffentlichung noch einmal zu sehen zu bekommen.
Wir versuchten ihn danach nochmals telefonisch zu erreichen, doch Herr Atakeks wollte sich am Telefon nicht stellen. Schlimmer als die kommentierten Fragen, die zum größten Teil albern sind, ist die Rubrik »Missverstanden und politisch verfolgt«, unter der er das Interview veröffentlichte. Man fragt sich doch nur, wann sich eine Naziband hier politisch äußern darf. Dieses Verhalten ließ uns auch schnell von der Idee, eine eigene Stellungnahme zu veröffentlichen, abrücken. Wir hatten in der Zwischenzeit mitbekommen, dass die Leute, die etwas im Kopf haben, das falsche Spiel ohnehin durchschauen. Jetzt, mit einer gewissen Zeit des Abstands, finden wir die ganze Sache eher amüsant.
Auf seine (Atakeks) Frage, ob Ihr noch in Läden und mit Bands spielen würdet, die den »Anti-Imps« nahe stehen, sagt Ihr im Interview, dass ihr Euch sowieso längst als Antideutsche disqualifiziert hättet. Lacht in der Antwort auf so eine blöde Frage nur der Sarkasmus mit oder werdet Ihr wirklich von Bands/Veranstaltern gemieden?
Wir kriegen es natürlich nur zufällig mit, wenn auf uns Bands und Veranstalter wegen inhaltlicher Differenzen keine Bock haben. Im Normalfall kommen eh nur Leute auf uns zu, die etwas mit uns machen wollen. Über zu wenige Anfragen können wir uns auch nicht beklagen – es ist eigentlich unmöglich, allen Konzertanfragen nachzukommen. Ohne Trotz können wir aber sagen, dass wir auf die Leute, die uns wegen bestimmter Texte oder gar wegen des Plastic Bomb Interviews Scheiße finden, selber keine Lust haben.
Wenn man sich auf eines verlassen kann, dann auf linke Reflexe. Seid ehrlich, so ein bisschen war Euch doch klar, dass die Texte Unmut in der traditionell veranlagten Punkszene auslösen?
Es war innerhalb der Band nie ein Kriterium, wie gut oder schlecht die Texte oder auch die Musik bei der Punk/HC Szene ankommen. Auch wenn es platt klingt: Wir machen die Musik, auf die wir Lust haben und versehen sie mit den Texten, die uns wichtig sind. Unsere drei unterschiedlichen Herangehensweisen Texte zu schreiben unterscheiden sich inhaltlich und formell voneinander. Jeder schreibt etwas anders, jeden beschäftigen andere Dinge. Bedenken gibt es im Vorfeld ab und zu schon, auch bei der letzten Platte. Aber sollte man sich selber zensieren und wieder gegen Nazis und Bullen schreiben, nur weil man davon ausgehen muss, dass andere Inhalte nicht gut ankommen?
Man darf natürlich auch nicht außer Acht lassen, dass es uns ja schon eine zeitlang gibt und man irgendwann auch gar keine Lust mehr hat, über immer dieselben Dinge zu schreiben und singen.
Die Qualität des Revisionismus innerhalb der Punkszene hat mich aber dennoch ziemlich überrascht. Ich glaube, daß es, parallel zur »normalen Gesellschaft«, auch im Punk immer unpolitischer geworden ist.
Vielleicht gleicht sich Punk auch immer mehr der »normalen Gesellschaft« an, vielleicht gibt es auch gar keinen Unterschied zwischen beiden. Gerade im Hinblick auf Revisionismus und Antiamerikanismus lässt sich doch eine unheimliche Allianz zwischen Pöbel und Gesocks erkennen.
Damit hast Du auf jeden Fall Recht. Der vermeintliche Unterschied zwischen Punkern und übriger Gesellschaft ist im Hinblick auf die Einstellungen bezüglich politischer Positionen spätestens seit Ende der Neunziger wirklich viel kleiner, als von beiden »Lagern« wechselseitig angenommen. Besonders schön konnte man dies auf den diversen Anti-Amerika-Demos und bei der medienwirksamen Vermarktung rund um die »Leiden der Deutschen« während und nach dem 2. Weltkrieg verfolgen. Gut gestärkt durch dieses Gemeinschaftsgefühl konnte man dann auch 2006, gewissermaßen im Kollektiv, die tolle Weltmeisterschaft feiern.
In diversen Foren äußern sich nun sogar antideutsche Punks abfällig über Euch, für die Ihr wegen einiger Aussagen in besagtem Interview jetzt auch unten durch seid. Grandios. Abgesehen davon, dass es überhaupt nicht Eure Aufgabe ist, Euch politisch zu rechtfertigen, habt Ihr doch eigentlichen alles richtig gemacht, oder?
Ich möchte fast sagen, daß eine Band, die wirklich »Everybody’s Darling« ist, anscheinend irgendetwas falsch oder zumindest dies sehr unaufrichtig macht, zumal in der Punk oder Hardcoreszene. Es gab mal eine Phase, da konnte man den Eindruck gewinnen, daß uns alle Leute, die wir trafen, toll fanden. Mich hat das immer befremdet.
Jetzt, wo sich Leute ernsthafter mit unseren Texten beschäftigen, fühle ich mich viel wohler.
Natürlich finden uns jetzt viele »antideutsch«, »scheiße« oder beides, aber das ist wenigstens ehrlich. Zudem ist es sehr unterhaltsam, wenn man die Hysterie verfolgen kann, wenn ein ehemaliger »Fan« sich von seiner Band betrogen und verraten fühlt, weil die auf einmal etwas vertreten, was er oder sie ganz anders sieht. Das kommt davon, wenn man eine Musikgruppe dazu benutzt, um die eigene Identität zu definieren – oder wie heißt es bei NeinNeinNein so schön: »Deine Szene ist ein Zombie«.
Ist die Nürnberger Szene auch ein Zombie? Es kursieren noch düstere Erinnerungen an Demos in Nürnberg mit intifadafeiernden Autonomen und offen stalinistischen Gruppen. Wann und wie habt ihr begonnen alte politischen Denkschemata zu hinterfragen? Hat Euer Umfeld dazu beigetragen?
Nürnberg ist eine sehr eigentümliche Stadt und hat – im Hinblick auf die linksradikale Szene – eine ziemlich kauzige, äußerst konservative Ausprägung. Die Altautonomen hatten hier, wie in vielen anderen Städten auch, bis etwa 2001 eine subkulturelle Hegemonie am Leben erhalten. Das vereinende Interesse waren – auch exemplarisch‑ die Aktivitäten gegen Nazis. Die in Nürnberg sehr stark antiimperialistisch geprägte Szene, welche aus der starken 80er-Hausbesetzerbewegung hervorging, war insofern gut, da diese maßgeblich daran beteiligt gewesen war, dass Nazis hier nie einen Fuß in die Tür gekriegt haben. Andererseits gingen viele politische Diskussionen und Entwicklungen, die in anderen Städten stattfanden, fast 20 Jahre lang an den meisten vorbei. Gut kann man dies auch daran sehen, dass es bis Ende der 90er in der einzigen Volksküche praktisch unüblich war, etwas ohne Fleisch anzubieten.
Die Zäsur fand, wie andernorts auch, 2001 statt. Bei uns als Band hatte das szeneinterne Abgrenzen etwa Ende der 90er begonnen, wobei die uns wichtigen Antinaziaktivitäten ein komplettes Sich-aus-dem-Weg-gehen unmöglich erschienen ließen. Man lernte zu dieser Zeit viele neue Leute, meist aus dem antinationalen Spektrum kennen, und überprüfte, leider erst ziemlich spät, die eigenen Positionen. Ehrlicherweise musste man sich dann auch eingestehen, sehr lange Zeit ein typisches Antifaherdentier gewesen zu sein.
Wir haben ja auch exilfränkische Kollegen in der Beatpunk-Redaktion und so mancher von ihnen fragt sich, wie man es denn schafft, nicht aus Franken wegzuziehen und trotzdem einen klaren Kopf zu behalten. Euer Text »Franken soll flennen« kommt der Art Ablehnung sehr nahe, die auch Heimatfeind Lehni über seine Herkunft hervorbrachte (»Zwei Bayern und zwei Schwaben schissen in ’nen Graben und aus dem Gestank entstand ein Frank’«).
Lokalpatriotismus, in Franken leider sehr verbreitet, war uns schon in unseren Anfangstagen ein großer Dorn im Auge, zumal vor einigen Jahren wirklich viele »Punks« mit Frankenaufnähern herumliefen. Vor diesem Hintergrund entstand auch der quasi erste Teil von »Franken soll flennen«, der sich reimender Weise ganz plakativ und etwas platt »Nürnberg soll brennen« nennt. Trotzdem wohnen wir alle drei immer noch hier und das ist, ganz profan, der Tatsache geschuldet, dass zwei von uns hier mittlerweile eine eigene Familie, plus der leider dazugehörigen Lohnarbeit haben. Dazu kommen noch langjährige Freundschaften und nicht zuletzt unsere Band.
Abschließend ein Textzitat, diesmal von unserem Gitarristen, der im Lied »…mit 3 Ps« geschrieben hat: »wahrscheinlich ist es irgendwo schlechter aber auch nirgendwo besser und vielleicht ist es irgendwie besser aber auch nirgendwo schlechter«.
Stimmt wahrscheinlich. Vielen Dank.
08.11.2007 / 12:03 pm
dennis: es heisst ’wart’ und nicht ’ward’.
XHTML: Du kannst die folgenden Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>
Ein Kommentar
Zum Kommentar - Formular | Kommentare als RSS-Feed [?] | trackback uri [?]