Von Lehni
Nach mittlerweile schon 3 Romanen von Oliver Uschmann bekomme ich als kleiner Fan der Hartmut-und-Ich Welt das Gefühl, ich bin nicht nur Zeuge einer marketingtechnisch nicht neuen aber auch nicht schlechten Idee: dem Kreieren einer eigenen (teils surrealen) Romanwelt, die sich jedes Mal herrlich neu erfinden lässt. Neu aber ist für mich, dass ich nun einmal sozusagen live dabei sein, mich auf den jeweils »Neuesten vom Uschmann« freuen kann. Ein Umstand, der mir bei den von mir wohl meistgelesenen Autoren meines bisherigen Lebens Enid Blyton, Stephen King und Terry Pratchett nicht vergönnt war. Sozusagen die Last der späten Geburt. Wie dem auch sei, die Chance ein längeres Interview mit dem Schöpfer der HUI-Welt zu führen, habe ich mir natürlich nicht entgehen lassen.
Beatpunk Webzine (Lehni): Neben deinen »Hartmut und Ich«- Romanen bist bzw. warst Du ja unter anderem noch Autor bei Visions und Testcard. Wie kamst Du zum Roman-Schreiben und bist Du mittlerweile ausschließlich als Autor der HUI-Welt tätig?
Oliver Uschmann: Nein. Ich arbeite immer noch für die Magazine Galore und Visions sowie ehrenamtlich für die Literaturzeitschrift Am Erker. Außerdem habe ich mir den Traum erfüllt, für ein Videospielemagazin zu schreiben, GEE. So, wie ich schon mit 12 im Fanzine-Stil Spielebesprechungen mit nachgemalten »Screenshots« zusammenklebte als Bewerbung an die Power Play, so erfand ich als Kind bereits Geschichten, wo immer ich ging und stand. Dachte mir aus, wie die Menschen im Nachbarstrandkorb wohl leben, welcher Plot sich mit ihnen entfalten könnte. Meinen ersten Romanversuch schrieb ich mit 14 im Wohnwagen meiner Oma in ein Schulheft. Mit 17 fiel ich dann auf einen Zuschussverlag rein und zahlte dafür, dass sie ein paar Kurzgeschichten drucken, zu Beginn des Studiums bekam ich endlich den Fuß in die Tür des seriösen Literaturbetriebs und brachte Geschichten in Magazinen wie Am Erker und Macondo. Dann versiegte mein Schreiben, weil es mir mies ging und weil ich dachte, ich müsste Beckett, Kafka und den Buchpreisträgern nacheifern; ich müsste die Professoren beeindrucken. Von diesem Irrweg holte mich meine Liebste Sylvia Witt und löste den gordischen Knoten, der mir verbot, wirklich nur für mich zu schreiben, mir selbst damit eine Freude zu machen, meinen Stil zu finden, der auch Ernstes über den Humor regelt. Seither entwerfen wir gemeinsam die Hartmut-Welt mit ihren Romanen, der Online-Präsenz, den Live-Shows.
Im »Beipackzettel« deines Verlags liest man auch, Du wärst unter anderem »Theorieadministrator« und »Wortguru«. Was darf man sich denn darunter vorstellen?
Als Theorieadministrator erkläre ich in unserer Online-Gallerie www.haus-der-kuenste.de auf verständliche Art und Weise ein paar Dinge zur Kunst. Er ist sozusagen die einfache Stimme der komplexen Zusammenhänge. Als Wortguru (www.wortguru.de) gebe ich Seminare, Vorträge und persönliche Beratung zum Schreiben und zur Wirklichkeit im Literatur‑ und Kulturbetrieb, vom Uni-Hörsaal bis zur kleinsten VHS. Ab und zu entdecke ich dabei auch Talente, Carsten Wunn etwa, dessen Roman »Kniesel und ich« im Januar bei S.Fischer erscheint. Es lohnt sich also, wenn man schreibt, mal bei mir vorbeizuschauen.
Wir sind ja, glaube ich, im selben Jahr geboren und ich fand es in »Voll beschäftigt« auffällig, dass wir auch sehr ähnlich musikalisch sozialisiert wurden (dein Vorwort zu »Voll beschäftigt« ist ein Zitat von Such A Surge) und Du – wenn auch nur am Rande – Unmengen von Bands aus den 90ern nennst. Hast Du hierfür ein bestimmtes Motiv oder ist das vielleicht auch einfach Ausdruck einer gewissen Nostalgie, in Form eines Zurückblickens auf die eigene Jugend, die von musikalischer Tagesproduktion und Rezension losgelöst ist? Also sozusagen eine Erinnern an eine Zeit, in der einem die kulturindustrielle Dimension des Ganzen nicht in den Sinn kam?
Das ist schön formuliert und trifft des Pudels Kern. Es ist sicher zum Großteil Ausdruck der Nostalgie und auch ein Versuch, die als »uncool« codierten musikalischen Formate der 90er erstmals in die Gegenwartsliteratur zu holen. Für mich gibt es ja nichts Schlimmeres als dieses affektierte Habitus-Spiel unter Rockmusik-Hörern, Zeitschriftenlesern, Medienmenschen und Popliteraten, in dem ganz genau festgelegt ist, was man mögen darf und was nicht. Dieses Spiel basiert ja nicht etwa auf einer ernsthaften, begründeten Kulturkritik, wie sie etwa die Testcard oder ihr hier entfaltet, sondern nur auf ungeschriebenen Gesetzen der Coolness. Daher macht es mir diebische Freude, durch meine Charaktere in den Büchern zu sagen: Ja, ihr dürft hören, was ihr wollt, auch Such a Surge, Downset und NoFX. Die handfeste Kulturkritik bewegt sich ja auf einer anderen Ebene und wird ab und zu ja auch von Hartmut geäußert, wenn er etwa den Antisexismus harter Crossover-Männer-Musik sarkastisch so kommentiert, dass er sagt: »Da kannst du auch gleich deinen dicken Schwengel rausholen und mit ihm auf den Sexismus einschlagen, bis er um Gnade winselt.«
A propos, wieso eigentlich die Geschlechtertrennung in »Wandelgermanen«, die ja schon über das Cover vermittelt wird. Dass zum Beispiel Susanne so stark im Hintergrund der eigentlichen Handlung bleibt, hat mich überrascht. Um es etwas flapsig zu formulieren: Wurde hier der bisherige Feminismus der Romantik und Dramaturgie geopfert, schließlich lebt ja gerade die Figur des »Ich« auch stark von der Sehnsucht nach seiner Liebsten?
Die Tatsache, dass die Frauen im Hintergrund bleiben, war dieses Mal in der Tat der Dramaturgie geschuldet. Aber ist das unfeministisch? Sie sitzen ja nicht passiv rum. Sie restaurieren einer alten Frau den Garten, organisieren Kunsttage und arbeiten der grün-alternativen Szene zu. Sie sind nicht vom Erfolg der Männer und ihrer Restaurierung abhängig und sie verschwinden für ein paar Tage, ohne sich zu melden, weil sie schlichtweg viel zu tun haben. Nicht als Strafe, sondern einfach, weil sie ihr Leben weiterleben, während die bedeutend hilfloseren Männer sich mit dem Haus einen abbrechen. Sie regen ihre Männer zur Selbstständigkeit an, während sie diese selber längst erreicht haben.
Deine drei Romane drehen sich ja alle um die HUI-Welt der Bochumer WG. Wie stark (auto)biographisch sind die Figuren und wie kamst Du auf die Idee quasi einen Fortsetzungsroman daraus zu machen?
Dass die Hartmut-Welt das Potential hat, so etwas wie die Scheibenwelt im Hier und Jetzt zu werden, haben wir schon sehr früh gemerkt. Das bietet sich einfach an, da hartmuteskes Denken und Handeln ein ganz eigenes Medium ist, mit dem man arbeiten kann, ein ganz eigener Blickwinkel auf die Welt. Autobiographisch ist in meinen Büchern im Grunde alles, ausnahmslos. Natürlich nicht im Sinne einer 1 : 1-Konvertierung von Ereignissen, sondern in dem Sinne, dass alles, was ich erlebe, lediglich auf die Spitze getrieben, zu Ende gedacht und ein wenig ausgebaut wird. Was ich in einer Situation auch hätte tun können, ist für mich nicht weniger real als das, wo ich in Wirklichkeit vielleicht abgebremst habe und es nun Hartmut zu Ende bringen lasse. Die Fiktion führt hier nur den losen Faden möglicher Wirklichkeit weiter, den ich damals in dem Moment los gelassen habe. Stringtheoretiker wissen, was ich meine…
Beim Lesen von »Wandelgermanen« kam bei mir endgültig der Eindruck auf, dass die Figuren Hartmut und Ich, die sich oft streitenden zwei Seiten des Oliver Uschmann darstellen? Ist das einfach auch eine Methode die eigenen Widersprüche in ein Spannungsfeld zu zerren oder liege ich da komplett falsch?
Nein, da liegst du richtig. Ich habe ja schon als Journalist und als Geisteswissenschaftler festgestellt, dass ich einfach nicht zu 100 % auf einer Seite stehen kann. Ich gehöre keiner Schule an, ich schreibe hier für Visions und da für Testcard, ich kann Adorno in Teilen genauso unterschreiben wie Nietzsche. Durch Figuren zu sprechen ist da eine gute Möglichkeit, mehrere Blickwinkel zu beleuchten. In der Rubrik »Wannenunterhaltung« auf www.hartmut-und-ich.de wird dieses Prinzip ja auch für die ungewöhnliche Besprechung von Musik benutzt. Hier kann Hartmut sein Unverständnis ausdrücken, wenn »Ich« so völlig ungebrochen zu Gutmänner-Rock von The Draft oder Jupiter Jones ins Weinen gerät, während »Ich« den Kopf schüttelt, wenn Hartmut Pechsaftha auflegt und von echter Subversion erzählt.
Ich glaube in einem Interview mit Dir einmal im Zusammenhang mit der Frage, wie man dein Schreiben bezeichnen könnte, die Bezeichnung »Post-Popliteratur« gelesen zu haben. Ist die Bezeichnung ernst gemeint, also verstehst Du deine Romane als eine Art Kritik oder Absage an die neue deutsche Interpretation von Pop-Literatur à la Stuckrad-Barre oder Kracht?
Man muss ja erst mal definieren, was Popliteratur war. Männer wie Thomas Meinecke oder Rainald Goetz haben ja schon Pop gemacht, bevor der Begriff von Journalisten und Marketingabteilungen für, ich sag mal vereinfacht, neue Hedonisten wie Stuckrad-Barre oder Kracht verwendet wurde. Wobei Kracht ja mit Marken, Mode und Musik wieder ganz anders umgeht, wie etwa auch in »American Psycho« damit ganz anders umgegangen wird. Nun denn, jedenfalls waren Meinecke, Goetz & Co ja eher linksintellektuell aufgeladen, während Stuckrad-Barre & Co uns deutlich machten, dass wir Amöben sind, wenn wir den Stilknigge des Britpop nicht befolgen, einfach so, weil es eben um Stil ging. Um Stil und eine nahezu zynische Art der Selbstironie, wie sie Menschen eben entwickeln, die tief drin in den Harald-Schmidt‑ und Musikredaktionen arbeiten. Diese alles brechende, nichts an sich ranlassende, Emotionen aus anderen Gründen als Adorno als Lüge hinstellende Dauer-Ironie wollte ich mit den Hui-Büchern unbedingt hinter mir lassen. Hier sind Liebe, Freundschaft und Knuffeligkeit möglich und echt. Den Habitus wiederum, der bei den späten Popliteraten aus Affektiertheit, bei den frühen aus Intellektualismus entstand, verabschiede ich auch. Ich lasse Hartmut jede Menge Kulturkritik äußern, ja, ich will Transparenz, keine Naivität. Aber es ist eben Hartmut, der mit sich und seinen intellektuellen Prämissen kämpft, nicht das ganze Buch, das dem Leser eine Haltung vor den Kopf haut.
Gerade hinsichtlich der verschiedenen Blickwinkel und Emotionen der Figuren musste ich beim Lesen von »Wandelgermanen« öfter an Pratchett denken. Bei ihm ist ja oft z.B. der Bulle Mumm der Held und das »Licht der Aufklärung« oder Vetinari der zwar zynische und kaltblütige Patrizier, aber eben auch nur jemand, der einsam und in seiner Funktion gefangen ist. Siehst Du in diesem Spiel mit den verschiedenen Perspektiven auch eine Gefahr, dass die Bücher hinsichtlich ihrer kritischen Intention falsch wahrgenommen werden, dass sie für die meisten Leser bloß noch Unterhaltung sind? Viele Rezensionen deiner Bücher gehen ja nicht sehr weit über ein »voll lustig« hinaus und auch Pratchett wird sehr häufig nur als Humorist und bestenfalls Moralist, nicht aber als Aufklärer (an)erkannt.
Der Vergleich mit Terry Pratchett schmeichelt mir und in der Tat versuchen Sylvia und ich bis hinein in die Online-Angebote, die Bonusgeschichten und die kleinsten Details (etwa im Booklet des Hörbuchs) eine »Hui-Welt« zu entwickeln wie es auch eine »Scheibenwelt« gibt. Die Rezeption eines Werkes kann man allerdings niemals steuern, zu viele Faktoren spielen da hinein. Einerseits wird eine Romanreihe, die in der Verlagssparte »Unterhaltung« erscheint, vom Feuilleton automatisch übersehen… andererseits ist »Hartmut und ich« schon heute Thema im Deutschunterricht einiger Schulen. Einerseits habe ich ein Publikum, das jede politische und subkulturelle Anspielung versteht… andererseits lachen sich manche tatsächlich auch nur schlapp oder finden es »platt«, weil sie gar nicht merken, wie mehrbödig es geschichtet ist. Alles in allem denke ich, dass die Art, wie ein Buch im Diskurs dasteht und die Art, was es im Leben jedes Einzelnen bewirkt, völlig auseinander gehen können. Das beste Beispiel ist da die »Harry Potter«-Reihe. Ich lese gerade den letzten Band und ich kriege jeden Abend das Frösteln. Das ist so hart, so brutal und so desillusioniert wie die schlimmste Folge von »24« oder »Lost«. Joanne K. Rowling hat harmlos angefangen und wurde mit jedem Buch härter und pessimistischer. Schon »Der Orden des Phoenix« war ein Biest von bitterer Politparabel. Sie macht den Kindern in aller Deutlichkeit klar, dass man sich seinen Seelenfrieden und sein komplettes Leben äußerst hart erkämpfen muss. Jetzt, wo alles fertig ist, entpuppt sich diese Reihe als trojanisches Pferd. Das wird auch nicht medial so kommuniziert, wirkt aber bei jedem Einzelnen in diese Richtung.
Nachdem man »Voll Beschäftigt« vielleicht als »Sozialkritik auf Höhe der Zeit« lesen könnte, machst Du in »Wandelgermanen« ein ganz anderes Thema auf. In einer früheren Mail hast du angedeutet, dir ginge es vor allem um die drei großen Glaubenssysteme der Provinz. Wie meinst du das genau?
In »Wandelgermanen« landen die Figuren in einer fremden Welt, in der alles seinen eigenen Gesetzen folgt. Mehr noch als je zuvor ist hier auch alles metaphorisch. Die »Wandelgermanen« verkörpern mit ihrer radikalen Naturromantik das Neuheidentum und auch eine Art Extrem-Pantheismus. Der erlösende Restaurateur Herr Leuchtenberg und seine 12 Helfer, von denen einer sich als Verräter entpuppt, ist unschwer als Vertreter des Christentums zu entschlüsseln, des echten, ursprünglichen, das laut Nietzsche nur einen einzigen Vertreter hatte, Christus selbst. Herr Steinbeis und das Amt wiederum sind Rom, sind das Empire mit seinen Gesetzen, Amtsfluren, seinen auch kirchlichen Würdenträgern an den Wänden, die nur Schwerthalter der Macht sind, mit seinem Bürokratismus und seiner Willkür.
Ich habe eigentlich die ganze Zeit beim Lesen darauf gewartet, dass es einen verrückten Plan gebe, die Dorfbevölkerung umzuerziehen (oder sie endgültig in die Wälder zu jagen). Es bleibt aber dabei, dass es lediglich von Hartmuts Seite ein immer deutlicheres Unwohlsein über den Umstand gibt, nicht nur mit den »Germanen« leben zu müssen, sondern sich aus Kalkül heraus, immer weiter in ihre Welt hineinziehen lassen. Wieso bleibt die gewohnte hartmuteske Reaktion aus, wieso geht der Widerstand des Aufklärers Hartmut nie über Flatulenz und wütende Standpauken (ohne jede Wirkung) hinaus?
Du implizierst hier stillschweigend eine Gleichung, die da lautet: Romantik = böse und Aufklärung = gut. Die kann ich so nicht mehr stehen lassen. Mir ist klar, dass Natur-Romantik, Irrationalismus, Schwärmerei und Neuheidentum auf vielen Wegen in faschistoide Gefilde führen können; das ist nicht zuletzt in dem von euch mit in die Welt gesetzten Buch »I can’t relax in Deutschland« gut nachzulesen. Ebenso sind mir sämtliche ökofaschistischen und neurechten Romantikmodelle bewusst; die Eiche von Torsten etwa, um die herum er sein Haus bauen will, bezieht sich auf eine Anekdote aus der neurechten Szene rund um Magazine wie »wir selbst«, die eher ihr Haus verrücken als den Baumwuchs umzulenken. Dennoch weigere ich mich, deshalb jeden naturromantischen Zug in mir und anderen per se als faschistoid zu zensieren. Diese Romantik kann manchmal erst der entscheidende emotionale Antrieb sein, sich etwa umweltpolitisch zu engagieren. Ob der Weg dann vom Umweltschutz zum Reformismus, zum Konservatismus, zum »Öko-Kapitalismus«, zum Marxismus oder zum Anarchismus führt, liegt jeweils an Milieu und Biografie. Und tun wir doch bitte nicht so, als wäre die Aufklärung nicht dialektisch gewesen. Ich bin zu diesem Roman bei der »Wundlauf-Tournee« Ende August 300 Kilometer barfuss durch NRW gelaufen und habe dabei einige Resultate von Aufklärung und Rationalismus gesehen: Betonstädte, Autoverkehr, Mannesmann-Werke so groß wie ganze Städte, Feinstaub, eben die »Moderne«. Da wird man schnell wieder zum Romantiker.
Gerade in diesem Sinne würde es mir ja nicht um eine Idealisierung der Aufklärung gehen, sondern höchstens deren Verteidigung gegen eine Regression. Die Gleichungen würden also eher lauten: Romantik als Programm = böse und Aufklärung = 0. Der Kommunist in mir würde zudem wahrscheinlich sagen, dass ein ernsthaftes Glauben an die Wirksamkeit von Umweltpolitik in der warenproduzierenden Gesellschaft ja politisch gesehen schwärmerisch und romantisch ist. Die Natur zu lieben und die Kehrseite der Aufklärung zu verabscheuen macht mich ja nicht zum Verfechter der Romantik. Zudem ist dein Rückgriff auf die Bundschuhbewegung auch ein gutes Beispiel, dass aus falschen Motiven gegen ein Unrecht zu sein, ja höchst problematisch sein kann. Bezüglich des Romans ging es mir aber eher um die Verwunderung über meiner Meinung nach wenig Aktionismus seitens Hartmuts, der ja bei weniger schlimmen Zumutungen auch schon härtere Geschütze aufgefahren hat.
Ich gebe zu, dass Hartmuts Zurückhaltung in diesem Fall auch dramaturgische Gründe hat. Die beiden sollen bis zu einem gewissen Grad Spielball der surrealen Kräfte bleiben. Den Pessimismus bezüglich wirksamer Umweltpolitik in der warenproduzierenden Gesellschaft teile ich so nicht, da in mir kein Kommunist lebt, höchstens anarchistische Anteile, eine libertär-liberale Promenadenmischung mit tiefstem Misstrauen gegen alle Kollektivismen. Die ökologische Bilanz des Realsozialismus ist verheerend, wenn wir Kuba mal ausnehmen, aber Kuba ist ja in vielem die Ausnahme und ich kenne mich nicht gut genug damit aus. Generell scheint mir wirklich wirksamer Umweltschutz nur in zwei radikalen Richtungen denkbar zu sein. Entweder voll futuristisch unter Ausnutzung aller technologischen Möglichkeiten sowie pragmatischer, »kalter« Marktanreize oder aber in einem archaischen und somit wieder romantischen »zurück zur Natur«. Ersteres nachzulesen in »Öko-Kapitalismus« von Paul Hawken, letzteres von den Wandelgermanen ansatzweise praktiziert und in der Bob-Ross-Szene auf die Spitze getrieben. Die neue Mainstream-Umwelt-Religion, in welcher Madonna heldenhaft asketisch mit dem Linienflug statt dem Privatjet zu »Live Earth« kommt und alle mal am »Licht aus!«-Tag fünf Minuten symbolisch die Funzel ausmachen, während die Regierung schnell den Bau von 30 neuen Steinkohlekraftwerken absegnet, widert mich hingegen nur an.
Demnach würdest Du mir auch nicht zustimmen, dass die einzig radikale kritische Handlung der beiden Bochumer im Verlassen der Provinz bestand?
Nein. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass die Germanen erfolgreich hätten »umerzogen« werden müssen, wäre das Verlassen der Provinz ja ein Aufgeben, eine bloße Flucht. Daran ist nichts subversiv. Die Frage muss auch nicht sein: Verhalten sich Hartmut und »Ich« kritisch, sondern ist das Buch selbst ein Beitrag zur Aufklärung? Und hier denke ich: Auf jeden Fall. Gerade weil es die Beweggründe dieser Leute humoristisch überzogen darstellt und auch die Schnittpunkte mit vermeintlich »linken« oder »grünen« Aktivisten in der nächtlichen Plenarsitzung aufzeigt, leistet das Buch einen Blick aus der Vogelperspektive auf das ganze ideologische Problemfeld von Romantik und Naturverehrung und sogar auf plumpen Antiamerikanismus und ein Selbstverständnis der »Germanen« als Anti-Imperialisten gegen Rom. Welche Komödie schafft das sonst? Mir geht es als Autor nicht ums pädagogische Befehlen, welcher Haltung nun zuzustimmen ist, sondern erst einmal darum, dass überhaupt ein Überblick und ein Bewusstsein geschaffen wird. In welche Diskurse gerate ich hinein, wenn ich »nur« unschuldig für die Natur schwärme? Wer erst einmal beginnt, sich solche abstrakten Fragen zu stellen, ist bereits um einiges aufgeklärter als der, der nur ganz vage und pflichtschuldig weiß, dass er irgendwie gegen diese Waldschrate sein muss, um politisch korrekt dazustehen.
Ja gut, da hast Du natürlich recht. Um noch mal Pratchett zu bemühen: ähnlich wie er zeichnest Du deine Figuren ja insgesamt sehr liebevoll und höchstens ironisch, statt zynisch und sogar die Romanze einer der »Waldschraten« kriegt ein happy end verpasst. Wie wichtig ist dir dieses konsequente Verweigern von bösartigem Zynismus gegenüber deinen Figuren, und seien es wandelgermanische Halbnazis?
Prinzipiell sehr wichtig, da mir Zynismus und ständiger ironischer Bruch im Zwischenmenschlichen bekanntlich verhasst ist. Die Menge ist eine Bestie, aber jeden Einzelnen kann ich größtenteils liebevoll betrachten. Wobei ich schon mal andeuten darf, dass sich das mit dem vierten Buch ändern wird. Das gerät mir gerade auf dem Labortisch zu einem sehr aggressiven Wesen.. und ich lasse es zu.
Vielen Dank für dieses ausführliche Gespräch.
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