Beatpunk Webzine

»Wir dachten, dass das sehr rebellisch klingt«

Ein verschollen geglaubtes Interview mit Raised Fist. Von Dennis

Der heiße Sommer 2000 bescherte Deutschland vielerlei: z.B einige, ohnehin rare Raised Fist-Konzerte auch in unserer Nähe und ein neues Album (das, man muss es zugeben, das schwächste ist, was die Band bislang herausgebracht hat). Für uns waren das jedoch genügend Gründe um nach Hamburg zu fahren und der Truppe auf den Zahn zu fühlen. Über Sinn und Unsinn in einer Hardcoreband zu spielen haben wir uns am Nachmittag vor der Show in der Roten Flora mit Alexander, Lead-Sänger bei Raised Fist, unterhalten. Das Interview haben Sebastian und ich damals für ein gedrucktes Fanzine geführt, dessen dritte Ausgabe das Licht der Welt allerdings nicht mehr erblickte. Neben der Tatsache, dass man Worte wie ursprünglich benutzt hat, lässt sich Erkenntnisgewinn vor allem auf Seiten derer verbuchen, die schon immer geglaubt haben, Hardcore is more than music: manchmal nämlich noch Arbeiten, Draufzahlen und Mitmachen usw. Faust hoch.

P.S.: Ich habe dieses Interview zwischen anderem Krempel beim Wiedereinzug in Leipzig (Osteuropa) gefunden und auch wenn es inzwischen fast sechs Jahre alt ist, wäre es schade, wenn es für weitere Jahre im Kosmos meiner Ordnung verschwindet ohne veröffentlicht zu werden. Außerdem kann man angesichts der baldigen Veröffentlichung des lang erwarteten neuen Albums »Sound Of The Republic«, dem ersten seit 2002, schon mal einen Rückblick wagen, ein wenig plump zu Burning Heart schielen und sagen: Ich hätte dann gerne Vinyl.

Dennis (Beatpunk Webzine): Na gut. Erzähl mal was über das neue Album (»Ignoring The Guidelines« – Anm.D). Wo sind die Unterschiede zu Euren anderen Platten?
Alexander: Der Hauptunterschied ist wohl der Sound. Der ist besser und viel professioneller.

Verglichen mit dem »Fuel«-Album?
Ja, genau. Es ist nicht so metallisch. Die Metal-Parts haben auf »Fuel« viel Platz eingenommen. Aber jetzt ist der Sound viel dynamischer geworden. Dynamischer Old School sozusagen, aber immer noch mit Metal-Parts.

Habt Ihr im selben Studio aufgenommen?
Nee, wir waren in einem anderen Studio. Es war eine viel teurere Produktion als bei »Fuel« und ich finde, dass kann man auch hören.

Eine Frage zu Eurem Bandnamen. Ich finde, Raised Fist klingt sehr kämpferisch. Hat der einen politischen Hintergrund? Und wo habt Ihr ihn her?
Also, wir haben den Namen aus einem Lied von Rage Against The Machine. »Born with an insight and a raised fist«, das ist eine Textzeile aus dem Song. Wir dachten damals, dass das sehr rebellisch klingt.

Mehr nicht? Also keine weitere politische Bedeutung?
Nee. Wir sehen das mehr als ein Statement. Du glaubst, dass es politisch ist, also ist der Name gut. Verstehst Du?

Eigentlich nicht.
Also, es ist 7, 8 Jahre her, dass wir uns diesen Namen ausgesucht haben und ich weiß auch nicht mehr, was wir uns damals bei dem Namen gedacht haben. Es ist eben ein Bandname und …äh… wir sind eine rebellische Band.

Aha. Einige Eurer Texte sind ziemlich politisch interpretierbar. Bist Du außerhalb der Band irgendwie politisch engagiert?
Nein, eigentlich nicht. Wir glauben, dass Politik ziemlicher Mist ist und deshalb kümmern wir uns auch nicht drum. Raised Fist ist keine politische Band. Ich schreibe die Texte und nicht die ganze Band. Also sind die Sachen die Du hörst und liest auch von mir. Ich bin gegen Rassismus und versuche meine Meinung deutlich zu machen. Aber das ist auch schon alles.

In Eurem Song »Lesson One« sprichst Du Dich eindeutig gegen Faschisten aus. Was ist mit Nazis in Schweden?
Neofaschismus ist bei uns weit verbreitet und ich glaube Schweden ist eines der führenden Länder für »White Power Music«. Du hast diese dummen Chaoten und manchmal kommen sie zu Konzerten. Das ist natürlich Scheiße. Es gibt auch Gruppen die dagegen vorgehen, aber Faschisten sind in Schweden nicht so leicht zu erkennen. Die sehen aus wie jeder andere. Da weiß man manchmal nicht wer Freund und Feind ist.

OK, anderes Thema. Es gibt da ein T-Shirt von Euch mit der Aufschrift »Old School Pride«. Was bedeutet das für Euch? Ich meine, seid Ihr stolz darauf Old School Hardcore zu machen, oder was?
Ja, also das war eigentlich die Idee von »Burning Heart« (Plattenlabel von RF – Anm.D). Wir wollten eigentlich so einen Quatsch nicht, aber »Burning Heart« wollten es. Du musst wissen, in Schweden werden Bands immer schnell gehypt sobald sie ein bisschen Erfolg haben. So ähnlich lief es auch bei Refused, Breach oder Abhinanda. Und als wir damals anfingen Old School zu spielen, waren wir zwar ganz neu, aber auch sehr schnell sehr bekannt in Schweden. Ja, und dann kam die New School-Welle und wir waren so ein bisschen die Außenseiter mit unserer Art von Hardcore. Vielleicht wollten Burning Heart einfach nur Raised Fist aus dem ganzen Brei herausheben. Aber heute spielen ja wieder viele Bands Old School, da sind wir auch nur noch eine von vielen.

Du hast es gerade schon angesprochen, die letzten Veröffentlichungen von Section 8, Refused oder auch Nine sind nicht nur in Schweden richtig eingeschlagen und haben viele gute Kritiken gekriegt. Bands wie Breach oder Refused haben sogar Videos auf MTV laufen. Denkst Du dieser Erfolg und die dadurch zunehmende Kommerzialisierung der Musik beeinflusst die schwedische HC-Szene?
Meinst Du, ob HC Mainstream wird?

Ja.
Also ich finde, Breach ist eine völlig unkommerzielle Band. Die haben eine Entwicklung von einfachem Hardcore hin zu ihrem heutigen Noise-Stil – was richtig heftiger Stoff ist und eigentlich auch im Kontrast zu kommerziellen Bands steht. Vielleicht ist es so das eine gewisse Mainstreamgefahr besteht. Wenn Leute gute Musik machen und das wird von anderen gehört, dann verbreitest Du den Stil. Das ist ganz natürlich. Aber es ist oft so, dass die jeweilige Plattenfirma da noch die Händen mit im Spiel hat. Die wollen meistens, dass Du Videos produzierst. Ich habe unserer Plattenfirma auch gesagt, dass wir kein Video machen wollen…

Aber Ihr habt doch eins gemacht, oder?
Ja. Weißt Du, wenn Du umgerechnet 50000 DM in die Produktion der Platte steckst und dann noch der ganze Promotionquatsch und Du machst dies und jenes, da möchte die Plattenfirma eben etwas zurückbekommen. Das ist sozusagen eine Beziehung. Eine Plattenfirma ist ein Wirtschaftsunternehmen, wogegen eine Hardcoreband fast gar kein Geld verdient. Was kann ich also tun, um bei der Plattenfirma zu bleiben und weiterhin meine Musik zu produzieren?

Aber ist das nicht eigentlich ein Widerspruch zur ursprünglichen Unabhängigkeit im Hardcore?
Meiner Meinung nach wird in dieser Szene viel gearbeitet. Die Leute die Hardcore hören und machen, wollen dass ihre Musik gehört wird. Das verbreiten sie mit Demo-Tapes und Fanzines. Diese Leute arbeiten wirklich hart und wenn sie dazu die Hilfe einer Plattenfirma nehmen, ist da nichts Falsches dran. Wenn die Bands dann kommerzieller werden – aus welchen Gründen auch immer – kann man ihnen vorhalten sich der Plattenfirma zu unterwerfen. Aber wenn Du dir unser Album oder das von Breach anhörst, wirst Du da kaum irgendwelche kommerziellen Teile hören. Wir sind nicht an dem Punkt, dass Burning Heart entscheiden können, was für Musik wir machen.

Kannst Du für Raised Fist definieren, was Du mit Hardcore erreichen willst? Ist es Euch wichtiger das Ganze klein zu halten und nicht aus der Untergrundszene zu verschwinden oder legt Ihr eher Wert darauf von möglichst vielen Leuten gehört zu werden?
Das ist eigentlich egal. Ich will natürlich Platten verkaufen, das ist ganz normal, dann weiß ich auch, dass meine Musik gut ist. Wenn Leute Musik machen, dann wollen sie auch, dass diese von anderen Menschen akzeptiert wird.

Hat das noch etwas mit der ursprünglichen Intention von Punk/HC zu tun, von möglichst vielen Menschen akzeptiert zu werden?
Nein, glaube ich nicht, aber das ist ja auch nicht mehr was es einmal war. Die ganzen Bands werden mit Hilfe der Plattenfirmen alle sehr groß und das man kann auch nicht ändern.
Schau mal, wir haben einen Vertrag mit Epitaph für die USA und mit Burning Heart für Europa und die beiden wollen ordentlich Platten verkaufen. Wäre Raised Fist bei einem kleineren Label, würden die genauso wollen, dass wir viele Platten verkaufen. Also haben wir gar keine Möglichkeit die Sache klein zu halten. Ich würde trotzdem sagen, wir sind eine der unkommerziellsten Bands auf Burning Heart.

Wegen Eures Sounds?
Ja, aber auch in der Denkweise. Wir spielen seit 7 Jahren und haben in der Zeit ca. 15 Touren gecancelt. Als Madball letztes Jahr in Europa waren, wurde uns die Tour angeboten, so richtig mit großem Nightliner und allem, aber wir haben nein gesagt, weil wir einfach nicht wollten. Wir haben schon 3 Kanada-Touren abgesagt und was weiß ich wie viele in Europa, weil wir uns gesagt haben: Wir studieren alle und wir gehen nur auf Tour, wenn wir alle wollen und nicht wenn die Plattenfirma es uns sagt.
Aber die momentane Tour ist auch Scheiße. Wir fahren am Tag durchschnittlich 1000 km. Gestern haben wir mit Shelter gespielt und uns wurde gesagt, dass wir in der Halle schlafen können. Konnten wir dann aber nicht, weil wir eine 10-stündige Fahrt vor uns hatten. Also wieder rein ins Auto und prompt standen wir im Stau. Ich bin total müde. Wenn wir jetzt nach Hause kommen, haben wir eine Woche frei und dann sollten wir eigentlich für einen Monat nach Kanada, denn HC läuft da sehr gut. Aber die Tour haben wir abgesagt, denn nach unserer Europa-Tour und einigen Festivals, wollen wir erst einmal eine Pause. Ich sehe es ja bei anderen Bands, alle lecken Burning Heart den Arsch, weil sie auf Tour wollen. Wir suchen lieber aus.

Ist touren für Euch nicht so wichtig?
Es ist schon wichtig, denn es ist die einzige Möglichkeit für unsere Fans uns zu sehen, aber wir gehen eben nur auf Tour, wenn wir wollen und nicht wenn die Plattenfirma meint, wir müssten jetzt ein neues Album promoten. Oft sind es solch kleine Touren wie diese, bei denen dann auch kaum Geld reinkommt. Man fährt für 3 Wochen in einem kleinen Van herum und hat am Ende nur 3000 Mark erspielt, abzüglich der Ausgaben. Heute Abend z.B. spielen wir für 15 Prozent der Einnahmen (Eintrittspreis in der Flora 7 DM – Anm.D) und gestern Abend waren es nur 10 Prozent. Wir kriegen also fast keine Kohle. Aber wir machen das auch nicht fürs Geld. Wenn ich mit Musik Geld verdienen wollte, würde ich eine andere Band machen und wie HIM klingen.

Spielt Ihr denn noch in anderen Bands?
Ja, ich spiele in verschiedenen Bands. In einer Country-Gruppe und in einer Death Metal-Kombo und unser Drummer Matte ist mit einer Gothic Band bei Century Media unter Vertrag. Es ist eben nicht alles Hardcore. Auch Burning Heart nicht. Die haben sich ebenfalls verändert.

Sie sind viel größer geworden.
Es hat sich eben ein bisschen gewandelt. Ich kenne Peter (Ahlqvist, Chef von Burning Heart – Anm. D) ziemlich gut und habe die Veränderungen genau mitbekommen. Er hat früher Konzerte organisiert und in so einer Psycho-Metalband gespielt. Er war es, der Green Day zum ersten mal nach Schweden holte, als sie noch keiner kannte. Aber er ist und war immer sehr ehrlich und hängt sich in die Sachen rein an die er glaubt. Er war es auch, der Refused unter Vertrag genommen hat und mit ihnen eine Platte gemacht hat, und das Ding floppte anfangs. Genauso mit Millencolin. Er hat ihnen eine Chance gegeben und irgendwann haben die Leute die Platten wie blöd gekauft. Die Alben haben jedes Mal Gold erreicht.

Ich habe gelesen, dass Epitaph die Hälfte von Burning Heart aufgekauft haben.
Ja, das stimmt, Peter hat jetzt sehr viel Geld. Aber ich finde das nicht schlimm. Die Leute sollen wissen, dass Peter sein Vertrauen auch immer in kleinere Bands setzt und sich für alle Gruppen auf Burning Heart einsetzt. Als wir unser Album aufgenommen haben, hat Peter mich jeden Tag angerufen. Verstehst Du? Der Präsident von Burning Heart ruft mich jeden Tag an und fragt wie es läuft. Als er erfuhr, dass ich noch keinen Ton eingesungen hatte und wir aber nur noch eine Woche Aufnahmezeit hatten, wollte er sofort ins Studio kommen. »Kann ich was helfen? Braucht Ihr mehr Zeit? Bau keinen Scheiß, Alle!«, hat er gesagt. Er war viel nervöser wegen des Albums als wir.

Ok, meine letzte Frage hat eigentlich nichts mit dem vorangegangenen Thema zu tun. Aber warum sind so wenige Frauen in Hardcore involviert? Ich finde, die HC-Szene ist sehr männerdominiert.
Hm, schwere Frage. Hardcore hat viel mit Aggression zu tun und wenn Du Deine Wut in die Musik einfließen lassen kannst, dann machst Du guten Hardcore.

Heißt das, dass Frauen nicht die gleichen Aggressionen wie Männer haben?
Nein, aber sie entwickeln sie anders. Es kommt doch eher selten vor, dass Frauen sich prügeln oder herumbrüllen. Du kannst noch so ein netter Kerl sein, aber wenn Du böse wirst, kommt in den meisten Männern das Tier zum Vorschein. Und diese ganze Hardcore-Szene ist eben total männlich. In Amerika hast Du diesen ganzen Macho-Scheiß, dieses »Ich bin der Härteste« und so. In Schweden ist das Ganze irgendwie netter. Deshalb funktionieren die US-Bands in Schweden auch nicht. Madball geht gerade noch, aber Bands wie 25 Ta Life haben in Schweden überhaupt keine Chance. Da besteht noch ein großer Unterschied zwischen dem Macho-Scheiß und Europa.

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