Beatpunk Webzine

Räuberhöhle-Interview

11.01.2005/Jugendhaus Komma Esslingen – Krawalla aus der Räuberhöhle ist ja fast schon omnipräsent auf unseren Seiten, letzens steuerte sie erst einen Tourbericht bei, nun wurde sie beim Auftaktkonzert ihrer Tour mit Robocop Kraus von uns befragt. Nach einem wieder einmal tollen Auftritt mit unvergleichlichem Charme, widmete sie Beatpunk ein paar freie Minuten, um sich dem Frage-Antwort-Spiel zu stellen. Dabei heraus gekommen ist ein nettes Gespräch, das ihr hier im Folgenden nachlesen könnt.

Beatpunk Webzine (Chris): Was bewegt denn jemanden dazu, seine beiden Kater »Moped« und »Astronaut« , seine Katze »Bratbär« und sein musikalisches Projekt »Räuberhöhle« zu nennen?
Räuberhöhle (Krawalla): Ein ziemlicher Dachschaden?… Woher weißt du denn das? »Moped« ist mein Lieblingswort, ich finde das klingt irgendwie schön. Und »Bratbär« hat sich halt so ergeben. Räuberhöhle, so heißt mein Zimmer, da hängt auch extra so ein Schild an der Tür. Ich hatte vor Jahren mal einen Hasen bei mir wohnen, der hieß »Heavymetalbassgitarre«. Dagegen ist Astronaut jawohl harmlos.

Ihr scheint auf eine normale, im gewissen Sinne konservative Bühnenshow, bei der die Grenzen zwischen Publikum und MusikerInnen klar abgesteckt sind und bei der Kommunikation eine relativ kleine Rolle spielt, eher weniger Bock zu haben. Versucht ihr durch das Puppentheater im Hintergrund und durch dein individuelles Auftreten genau diese Grenze zum Publikum bewusst einzureißen?
So etwas kann man nicht planen, ein Konzept steckt da nicht dahinter. Manchmal läuft das scheiße und das Puppentheater, das ja auf Playback vorproduziert wird, sagt dann »Das war aber schön jetzt«, dann bist du halt immer ein bisschen gefangen, in dem ganzen. Der Publikumskontakt kommt auch nur zustande, wenn ich raus komme. Auf die Interaktion lege ich schon ziemlich viel wert, ich renne ja auch gerne mal in die Crowd.

Und wie reagieren die BesucherInnen dann auf diesen engeren Kontakt?
Das ist ziemlich unterschiedlich. Manchmal gehen sie voll ab, aber an anderen Tagen stehen die Leute einfach nur rum und du denkst, dass es die gar nicht interessiert. Wenn wir z. B. mit Hardcore-Bands unterwegs sind – da gehört es sich einfach nicht, sich zum Sound auch mal zu bewegen. Das ist bei den »harten Jungs« eher nicht so beliebt, alles irgendwie wohl zu pink und zu glitzerig. Da sind sie überfordert und wissen nicht ob das auch cool ist. Aber meistens verkaufen wir gerade dann am Merchandise-Stand trotzdem Unmengen an CDs.

Was hat euch denn dazu bewegt, mal was anderes auf die Beine zu stellen, also die konventionelle Musik mit Gitarre, Bass, Schlagzeug wegzulassen und dafür Sythesizer, Samples oder das Puppentheater zu verwenden? Das ist doch auch mit einer Menge Kleinstarbeit verbunden…
Das hat sich zufällig entwickelt, weil ich, seit ich 18 bin – was schon lange her ist – in verschiedenen Hardcore-Bands gesungen habe und es dann aber eigentlich immer blöd fand, dass frau da immer nur singen »durfte«. Das ist auch so ein bisschen aus Trotz entstanden. Irgendwann habe ich dann aus Langeweile auf einem Keyboard rumgemacht. Es gab damals ja auch eine Robocop Kraus Coverband mit einer Freundin. »Robosnut Blom« hieß das und war ganz schrecklich. Das hat sich dann aber irgendwie doch entwickelt, bis so eine Art Musik dabei raus kam. Diese Musik mach ich seit 1999. Live mit Puppentheater und Bär gibt es das im März zwei Jahre.

Ihr tretet ja schon eher in alternativen Schuppen und Szeneläden auf und du hast vorher so ein bisschen die Frauenrolle in der Szene angesprochen. Wie ist es denn für dich, als Frau weitestgehend alleine auf der Bühne zu stehen, fallen da oft dumme Sprüche?
Es gibt schon diese übliche Anmache, aber weniger als ich dachte. Ich wundere mich oft selbst. Ich glaube, mein Auftreten ist eher ungewöhnlich und deswegen sind die Leute vielleicht auch perplex und wissen meistens nicht, wie sie damit umgehen sollen. Aber das finde ich auch gut. Es gab mal einen Zwischenfall mit so einem Proll, als der »Ausziehen« gerufen hat. Da wäre es dann fast zu einer Schlägerei gekommen, weil ich darauf reagiert habe und andere Frauen auch noch dazwischen gegangen sind. Das war eine unangenehme Situation, weil die Leute dort alle irgendwie komisch drauf waren. Der Typ ist nicht einmal rausgeflogen.

Gesellschaftskritik scheint in Zeiten, in denen MIA. und andere MusikerInnen unverblümt fordern, sich der deutschen Geschichte und damit auch des deutschen Menschheitsverbrechens Auschwitz, zu entledigen oder andere zahlreiche, namhafte, sich vielleicht sogar links-wähnende KünstlerInnen eine Radioquote einführen wollen, immer wichtiger zu werden. Siehst du Räuberhöhle als sprichwörtlichen Schlag ins Gesicht dieser unsäglichen popkulturellen Deutschtümelei?
Ja absolut! Ich versuche, das auch so oft es geht klarzustellen. Ich werde oft in so eine Rolle gedrängt: die ist aus Berlin, macht Electro und früher hatte ich noch Lieder, zu denen ich auf Deutsch gesungen habe – was ich deswegen jetzt für mich ablehne. Man kann natürlich Songs machen, die gute deutsche Texte haben, aber wegen diesem Schubladen-Ding versuche ich mich davon irgendwie abzugrenzen. In Interviews passiert es eben oft, dass ich als deutsches Aushängeschild angesehen werde und da kann ich nicht oft genug erwähnen, dass ich Deutschland hasse.

Du gehst ja mit verschiedenen politischen Themen zum Glück sehr offensiv um, positionierst dich eindeutig: Israelsolidarität, Absage an Nationalismus und Antiamerikanismus. Auf der Bühne hältst du dich mit politischen Äußerungen zurück, was ich persönlich als sehr angenehm empfinde. Es gibt also gewisse Basisbanalitäten bei dir und du sprichst Dinge an, die viele Linke eher außer Acht lassen oder nicht hören wollen. Kam es denn wegen deines politischen Selbstverständnisses schon zu Konfrontationen mit Publikum oder VeranstalterInnen?
Ja, oft. Wenn man in »linken« Läden spielt, dann bleibt das leider eh nicht aus. Wir haben jetzt schon mehrmals in Oslo z. B. Konzerte gehabt. Da gibt’s auch so ein besetztes Haus, wo dann »Boycott Israel«-Transpis hängen, mit Köpfen von Kindern, die auf Zitronenpressen ausgedrückt werden drauf. Also totale antisemitische Klischeebilder, wie die Nazis sie nicht besser hätten hinkriegen können. Das ist dann ziemlich krass, wenn du da alleine stehst und erklären musst, warum du das total scheiße findest. Dort gibt es halt fast gar keine Auseinandersetzungen zu diesem Thema. Andererseits macht so eine Erfahrung auch klug und die nächsten Shows haben wir dann woanders gespielt. Dann doch lieber in hippen Szeneläden als bei solchen so genannten »antizionistischen Linken«.

Im letzten Jahr warst du ja ziemlich viel unterwegs. Von Touren in Skandinavien, über Polen, bis zu AJZs, Bauwagenplätzen und Festivals hierzulande. Es lässt sich der Eindruck gewinnen, als hättest du eine menge Bock darauf, zu touren, neue Leute kennen zu lernen. Wo spielst du denn am liebsten?
Die Frage lässt sich schwer beantworten. Ich glaube, das kann man nicht genau sagen. Am liebsten spiele ich ja im Ausland. In Polen und Schweden z. B. war das echt total super. Es kommt eher auf die Leute an.

Wie kommt ihr denn im Ausland an?
Ziemlich gut. Da hat man ja oft auch den Bonus, nicht aus dem jeweiligen Land zu kommen, was oft schon mal eine Menge Leute zieht. In Norwegen haben wir z. B. in Bodø, das ist fast am Nordkap, gespielt und die freuen sich da ziemlich, wenn jemand den weiten Weg auf sich nimmt, um dort ein Konzert zu spielen.

Und wo bleibt da das Privatleben?
So ein richtiges Privatleben gibt es nicht. Aber irgendwie brauche ich das auch nicht. Das ist mein Privatleben.

Ihr geht im Februar auf Australien-Tour. Wie kam es denn dazu?
Das ist etwas peinlich, aber die von der EU zahlen das. Irgendwie bin ich da auch noch nicht so durchgestiegen. Zum einen ist das die Botschaft und die EU, zum anderen aber auch wohl eine Frau, die irgendwie Räuberhöhle‑»Fan« ist. Das Festival heißt »Euro Trash« und soll die europäische Kultur in Australien präsentieren. Neben finnischen, schwedischen und anderen Bands haben die auch mich eingeladen, um ausgerechnet Deutschland zu repräsentieren. Ich habe lange mit der Veranstalterin diskutiert. Auch in meinem Blog gab es Diskussionen dazu.Ich hab mich dann entschieden, das zu machen. Aber natürlich nicht ohne meinen Hass auf dieses Land auszukotzen. Ich lass mir noch was ganz Spezielles einfallen, weil unklar ist, ob das Puppentheater mit kann. Es wird auf jeden Fall extra T-Shirts geben. Am Besten wäre es natürlich mit Bildern zu arbeiten. Vielleicht ein Film oder so. Der Rest der Tour kam einfach so zustande und ich glaube, das wird ganz schön krass, weil die Orte, an denen die Shows stattfinden, teilweise 800 km voneinander entfernt sind. Ich weiß gar nicht, wie die sich das vorstellen.

Soweit ich informiert bin machst du ja eigentlich alles selbst. Von der Musik, über die Samples und die Cover-Gestaltung bis zum Brennen der CDs. Nun ist der Sound ja ziemlich angesagt momentan, deine CDs verkaufen sich ganz gut. Wäre es dir denn nicht lieber, ein Label zu haben, das sich um den ganzen Kram kümmert, damit du weniger Stress hast?
Also die Single ist ja bei Audiolith rausgekommen. Schon mal ein Schritt der Überwindung für mich. Langsam ist mir es nicht mehr superwichtig, jede einzelne CD selbst zu brennen, aber bei einem »richtigen« Label muss man einfach zu viele Kompromisse eingehen. Ich krieg das ja auch von anderen Bands mit. Die haben dann so komische Labels, die dich auf blöde Deutschland-Heimat-Sampler drauf packen, ohne dass du was davon weißt. Ich gebe eh ungern Sachen ab, ich muss am liebsten alles immer selbst machen. Ich buche auch die Touren selbst. Trotzdem muss ich zugeben, dass mir das alles langsam über den Kopf wächst. Ehrlich gesagt, habe ich noch nie so viel gearbeitet.

Du investiert also definitiv eine Menge Zeit in die Musik. Neben Räuberhöhle gab es ja auch noch die mittlerweile aufgelösten Minipli 550 und außerdem häufen sich in letzter Zeit die Gerüchte, dass du bald ins Mosh-Geschäft einsteigen wirst. Wann ist denn bei dir eine Schmerzgrenze erreicht, wann würdest du sagen: bis hier her und nicht weiter?
Da kann noch einiges kommen. Ich merke schon, wenn man auf Tour beispielsweise wenig Schlaf hat, aber ich brauche das irgendwie auch. Den Stress zuhause natürlich nicht, aber wenn ich zuhause bin, habe ich auch definitiv mehr zu tun, als auf Tour.

Neben deiner Megapeng-Site gibt’s ja noch deinen Weblog. Wie bist du denn auf die Idee gekommen? Erzähl doch einfach mal, was man da so lesen kann…
Auf die Idee gekommen bin ich, weil ich für meine Website immer ganz artig Tourberichte in ein Buch geschrieben und das dann zuhause abgetippt habe. Wenn man dann aber mal sieben Wochen auf Tour ist, dann wird das ziemlich anstrengend und irgendwie wusste ich, dass ein Freund aus Atlanta so einen Weblog hat und dann dachte ich mir, ich mach das auch. Da kann man dann von unterwegs aus schreiben und hat weniger Arbeit. So was verselbstständigt sich auch ganz schnell, eigentlich war ja auch nicht der Plan, da persönliche Sachen reinzuschreiben und jetzt weiß trotzdem irgendwie jeder, dass ich meine Höhle renoviert habe.

Wie bist du denn zu der ehrenvollen Aufgabe gekommen, bei einem Von Spar-Musikvideo mitzuwirken?
Thomas, den Sänger, kenne ich noch von so Hardcore-Geschichten – ich habe früher in Berlin Konzerte organisiert – und er singt ja auch bei Oliver Twist. Und er hat einfach angerufen und gefragt, ob ich mitmachen will. Eigentlich dachte ich, dass ich nur kurz durchs Bild laufen muss, aber irgendwie sollte ich dann das Intro sprechen. Und so kam das dann zustande.

Was dürfen wir denn in Zukunft von dir erwarten?
Ich plane eigentlich nicht so weit. Ich weiß auch nicht, wo das hingeht. Ich hätte nie gedacht, dass es mal so »groß« wird. Das war ja anfangs nur so ein Spaß und mittlerweile bin ich mit Robocop Kraus auf Tour! Eine meiner absoluten Lieblingsbands! Hab ich ein Glück. Erst mal habe ich jetzt bis Australien geplant. Dann will ich neue Lieder machen und für die Aufnahmen dann in ein richtiges Studio gehen. Klar das dann auch endlich mal ein Longplayer auf Vinyl erscheint. Danach ist natürlich wieder Touren angesagt.

Vielen Dank für das nette Interview!
Ja, danke gleichfalls!

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