Von Chris
The Now-Denial, eine der derzeit angesagtesten Bands auf dem breit-gefächerten Punk/HC-Absatzmarkt – um mal die Schublade schon an dieser Stelle aufzuziehen – wurde von Beatpunk vor einem ihrer Konzerte auf dem Antifascist Rockaction-Festival im Jugendhaus Fasanenhof/Stuttgart befragt. Herausgekommen ist ein nettes Interview mit sehr netten Leuten, in dem gleich geklärt wurde, was The Now-Denial mit besagten Schubladen anfangen können, was sie von Fußbll halten und warum sie nicht beim »same german game« mitspielen wollen. Von Chris.
Beatpunk Webzine (Chris): »Zu gut angezogen für Crust, zu intellektuell für Hamburger Schule, zu besoffen für Straight Edge, zu politisch für Deutschpunk.« So steht es in eurem Bandinfo. Inwiefern sind Szeneschubladen für euch unwichtig?
Jens: Ich glaube, dass dieser Spruch entstanden ist, weil wir uns selbt nicht in so eine Schublade stecken wollen. So komisch der Spruch vielleicht klingt, so viel Wahrheit liegt auch irgendwie darin. Wir wollen uns gar nicht in so eine Schublade einordnen, weil das viele Leute eben machen. Das war – so habe ich es jedenfalls verstanden – mehr als Provokation gedacht.
Sören: So provozierend war der Spruch gar nicht gemeint. Wir spüren es immer wieder, wenn wir auf irgendwelchen Crust-Konzerten spielen und z. B. unsere T-Shirts nicht passen oder so, dass die Leute schon so eine vorgefertigte Schublade von uns im Kopf haben. Ich glaube, dieser Spruch aus dem Bandinfo hängt damit zusammen, dass über die Jahre, die wir in diesem Zirkus schon mitmachen, solche Schubladen einfach immer unwichtiger werden. Wenn man so eine Subkultur für sich entdeckt, dann steckt da ja ganz viel Identitätssuche dahinter und ich glaube, dass wir inzwischen ungefähr wissen, wer wir sind und so eine äußerliche Identitätsbeschreibung nicht mehr brauchen und deswegen verlieren diese Schubladen an Bedeutung. Schön wäre es natürlich, wenn diese Schubladen auch bei vielen anderen wegfallen würden, weil solche Äußerlichkeiten eigentlich überhaupt keine Relevanz haben.
Trotz räumlicher Entfernung – einer wohnt in Bremen, die anderen in Bielefeld und Münster – seid ihr nun schon seit einiger Zeit zusammen. Kann man so eine Distanz durch eine Bandstruktur kompensieren, die – wie bei euch – auf jahrelangem persönlichen Kontakt basiert?
Christian: Am Anfang waren wir 3 Leute aus Bielefeld und ich in Münster; plus Hans, der jetzt nicht mehr dabei ist. Das war alles so ein bißchen aus der Not geboren, da im Zweifelsfall in Münster ein Proberaum da war, wo alle Sachen drin standen und man nichts hin und her karren musste und in Bielefeld kein eingerichteter Proberaum zur Verfügung stand. Anfangs war das auch alles ja nur so eine Probier-Sache. Die wurde dann allerdings auch von allen relativ schnell als Band gesehen. Wir hatten in kurzer Zeit ein paar Songs im Kasten und haben dann gleich ein paar Konzerte gespielt. Proben waren damals schon immer sehr unregelmäßig, im letzten halbe Jahr haben wir ganze 4x geprobt. Und das funktioniert doch ganz gut. Wir wissen alle, wie wir ticken, wo wir unsere Macken haben und es ist natürlich von Vorteil jemanden persönlich zu kennen.
Sören: Es ist auf jeden Fall schwieriger in drei unterschiedlichen Städten zu wohnen. Aber dadurch, dass wir regelmäßig viele Konzerte spielen, bekommen wir noch genug voneinander mit, so dass es nicht wirklich zum Problem wird. Wir haben zusätzlich noch eine relativ klar verteilte Aufgabenteilung, die das Ganze erleichtert. Es muss nicht immer jede Kleinigkeit mit allen abgesprochen werden, da ist das Vertrauen riesengroß.
Jens: Robin ist ja neu dazu gekommen, den wir vorher noch nicht so kannten. Das war für uns dann wieder eine neue Situation. Die anderen in der Band kennen sich wirklich teilweise schon seit über 10 Jahren und trotzdem klappt das eigentlich jetzt sehr gut mit Robin. Als Band und als kleine Einheit funktioniert es trotz der räumlichen Entfernung ganz gut. Komplikationen und Meinungsverschiedenheiten lassen sich ganz gut aus dem Weg räumen, vielleicht gerade weil wir uns schon so lange kennen.
Gibt es für euch einen Zusammenhang zwischen dem aggressiven Hardcore-Sound und eurer Einstellung? Inwiefern spiegeln eure musikalischen Elemente eure Kritik an den Zuständen wider?
Jens: Die Musik, die wir machen ist erst mal sehr spontan. Unsere Musik ist schon sehr aggressiv und angepisst und das spiegelt auch ganz gut mein Gefühl wider. Deshalb macht mir das auch so viel Spaß, weil es ein Ausdruck ist, den ich durch Musik vermitteln will. Ich könnte mir auch vorstellen, was anderes zu machen, aber im Endeffekt sage ich mir immer wieder, dass ich mit der Band zufrieden bin, weil ich hier die Gefühle, die ich habe, ausdrücken kann. Es gibt auch noch eine andere Form von Musik, über die sich andere Gefühle ausdrücken lassen. Bei uns ist das so eine gewisse, alltägliche Wut – gerade auch, wenn man live spielt – und dafür ist die Band ein gutes Vehikel.
Sören: Dem kann ich zustimmen und würde das aber auch gerne mit keinem konkreten politischen Inhalt füllen wollen, weil es bei mir eher so eine emotionale Sache ist, die natürlich irgendwie einen politischen oder sozialen Hintergrund hat. Politisch kann ich mich anders effektiver ausdrücken. Ich mache auch andere Musik, aber bei Now-Denial passen einfach die Emotionen und wie unsere Musik das vermittelt.
Christian: Ich finde, dass man nicht unbedingt harte, aggressive Musik machen muss, um irgend ein bestimmtes Statement zu transportieren. Auch Popsongs können einen radikalen Anspruch haben. Bei uns ist es schon so ein gutes Gefühl, wenn man auf der Bühne steht und bis an seine Grenzen geht. Ich fühle mich gut danach. Es gibt genug Sachen, gegen die man anschreien kann und man hat Lust mitzuschreien.
Am 08. Mai 2005 jährte sich zum 60. mal die Niederschlagung Nazi-Deutschlands. Gerade jetzt weht wieder verstärkt so ein neues Selbsbewusstsein durch die deutsche Gesellschaft: Musikalische Oden an das deutsche Kollektiv; Erinnerungsdiskurse, die die Täter zu Opfern machen, um sich nachher zu wundern, dass bekennende Nationalsozialisten im sächsischen Landtag sitzen; und zu »guter« Letzt eine immer vehementer auftretende Regierung, die mittlerweile außenpolitische Dinge forciert, die vor ein paar Jahren noch tabu waren. Es sieht ganz so aus, als wolle Deutschland sich wieder normalisieren, diesen »lästigen Klotz« Auschwitz ein für alle mal als »schreckliche Erfahrung« ad acta legen. Was denkt ihr denn, sollte Gesellschaftskritik am »same german game«, wie ihr es in eurem Song »viva viva threatening« singt, demnach beinhalten – auch für euch als Band?
Sören: Das ist nicht so leicht zu beantworten. Im Prinzip gibt es diesen Diskurs ja schon seit 1945, das ist ja kein besonders neuer Trend. Neu ist vielleicht, dass so unglaublich viel in den Medien dazu gesendet und so unglaublich viel darüber gesprochen wird. Und das eher mit dem Hintergrund »Klar, wir haben so etwas mal gemacht, aber wir haben aus unseren Fehlern gelernt und jetzt gehts richtig los!« Damit ist unheimlich schwierig umzugehen. Dann kommt wieder das Totschlagargument von irgendwelchen Kids, die sagen »Hey, ich war zu diesem Zeitpunkt noch nicht geboren, was habe ich damit zu tun?! Alle anderen sind auch irgendwie stolz auf ihr Land, warum kann ich das nicht sein?« Es ist schwierig dem entgegenzutreten und passend darauf einzugehen. Aber bei den Kontinuitäten, die bestehen – damit will ich natürlich nicht sagen, dass, wenn heute Ausländer verprügelt werden, es genauso schlimm ist wie zwischen 1933 und 1945, da muss man differenzieren – und auf die sich Rechtsradikale auch beziehen, ist ein deutscher Nationalismus einfach auch unter einem anderen, spezielleren Licht zu betrachten.
Jens: Ich hab vielleicht eine ein bißchen einfacherere Antwort. Dieses neue deutsche Bewusstsein, das in den Medien und auch in der Musik immer mehr transportiert wird – damit kann ich wirklich überhaupt nichts anfangen. Ich bin zwar in diesem Land geboren, aber im Endeffekt ist das scheißegal. Ich habe auf nichts stolz zu sein. Das einzige wozu ich vielleicht irgendwie beitrage, ist zu mir selbst oder zu meinem Umfeld. Zu so einem Gebilde, wie Nation oder Ähnlichem trage ich im Endeffekt als Einzelner ja gar nichts bei. Ich gebe einen Scheiß auf Deutschland, weil ich mich nicht damit identifiziere und so einfach ist diese Diskussion für mich manchmal. Ich habe mit Deutschland nichts zu tun, ich bin zwar hier geboren, aber wenn ich mich so umschaue und Nazis sehe oder die Vergangenheit oder die Auswüchse, die unsere Gesellschaft annimmt, dazu sage ich Fuck Off! Ich bin Mensch und kein Deutscher, Bielefelder oder Westfale. Mit diesen Identitäten will ich nichts zu tun haben. Das ist eine ganz einfache Forderung und da bin ich auch so platt, um das so zu sagen.
Christian: Zu diesen Deutschpop-Samplern: Ich finde, das ist echt eine gefährliche Sache und ich glaube, dass dieses Beispiel mit Mia. zeigt, wie dumm die eigentlich sind. Die werden da für so einen Scheiß instrumentalisiert. Dieser ganze »Neue Deutsche Welle«-Kram, die gehen da alle – im wahrsten Sinne des Wortes – ziemlich blauäugig an die Geschichte ran. Und das ist eine heikle Geschichte, da muss man sehr vorsichtig sein. Mit Vorsicht zu genießen ist allerdings auch, dass einige Bands von ihren Labels einfach auf solche Compilations draufgestellt werden und die deswegen oft nichts dafür können. Da sollte man dann mit vorschnellen Urteilen ein wenig aufpassen. Im Falle von Mia. mag das vielleicht nicht so gewesen sein, aber ich kenne Bands, denen das so passiert ist. Alles in allem ist das eine sehr komische Geschichte.
Robin: Die Stimmung in Deutschland ist schon so, dass Menschen aufgrund fehlender nationaler Identifikation weniger selbstbewusst sein können, als Menschen anderer Länder, die mit gutem Gewissen ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln können. Das könnte Grund für die schlechte wirtschaftliche Lage und das mangelnde politische Interesse hierzulande sein.
Jens: Und genau das ist das gefährliche, weil es eben so ist.
Einige von euch scheinen neben der Musik noch ein anderes Steckenpferd zu haben: den Fußball. Glaubt ihr, dass sich Fußball und Punk irgendwie verbinden lassen?
Jens: Das ist genauso, als ob sich Punk und Kochen vereinbaren lassen. Im Endeffekt mache ich mir da gar nicht so viel Gedanken. Ich habe Spaß daran, wenn ich mit coolen Leuten Fußball spielen kann. Ich hab mal im AJZ in Bielefeld in einem Team gespielt, das sich selbst schon auch als links verortet hat und das war sehr nett. Dieses ganze Bunte Liga-Ding wird auch immer größer, zumindest in Bielefeld, wo diese ganze Sache auch schon immer einen zumindest antifaschistischen Hintergrund hatte, schließen sich immer mehr »Normalos« und so an, was manchmal ganz schön im Macker-Verhalten sich niederschlägt, womit ich ein Problem habe, auch wenn ich jetzt nicht super der PC-Fanatiker bin.
Sören: Ich hab Spaß an Fußball, ich hab Spaß an Punk-Musik und das hat beides nichts miteinander zu tun. Über alles andere habe ich mir noch nie Gedanken gemacht.
Punk scheint momentan nicht mehr als Verbalradikalität zu sein. Auch Subkulturen sind dazu da, die Menschen für den Alltag im Kapitalismus zurecht zu stutzen. Reflektiert man das als Band?
Sören: Auf jeden Fall, wir spielen Konzerte auf denen das einem sehr krass vor Augen geführt wird, dass diese Subkultur eine Schublade der vorherrschenden kapitalistischen Kulturbetriebe ist und darüber rege ich mich natürlich auf, aber irgendwie kann es ja auch gar nicht anders sein, da es einfach nicht möglich ist, sich außerhalb zu positionieren. Klar würde ich mir das wünschen, dass ein bißchen kritischer mit vielen Dingen umgegangen werden würde. Es gibt ja diesen schönen Satz »Let´s make Punk a threat again« und da kann man eigentlich nur fragen, ob Punk jemals wirlich eine Bedrohung war.
Subkulturen sind per se natürlich nicht fortschrittlich. Ich denke da an verkürzte Kapitalismuskritik, Macker-Gehabe, Antisemitismus und ein latenter Antiamerikanismus, der auch ziemlich vehement vertreten wird. All diese Dinge spielen im Punk, wie auch der Linken immer noch in weiten Teilen eine große Rolle. Ist man sich als Band dessen bewusst und versucht ihr da zu intervenieren?
Christian: Wir benutzen auch Floskeln und da werden Sachen auch verkürzt wieder gegeben. Das geht bei Texten auch nicht anders. Ich finde man hat eine Verantwortung. Wenn wir auf der Bühne stehen, dann habe ich keinen Bock, einen Mob von der Bühne aus zu dirigieren. Wenn so Asi-Verhalten auftaucht, haben wir auch schon Konzerte abgebrochen, z.B. bei so Macker-Windmühlen-Gepose. Natürlich muss man da was sagen, auch wenn man einen Spielraum zugestehen sollte. Nicht jeder hat die gleiche subjektive Empfindung wie ich, was solche Dinge anbelangt. Andererseits nehmen die Leute schon auch manchmal was mit von den Konzerten. Auch, wenn man es manchmal nicht denkt.
Robin: Es gibt eben Leute in der Szene, die sich nicht für Inhalte interessieren, sondern nur körperlichen Spaß haben wollen. Das ist ganz normal, dass es das gibt. Und es wäre doch schlimm, wenn Punkrock zu einer elitären Angelegenheit werden würde, bei der man nicht mehr nur der Musik wegen auf ein Konzert gehen darf.
Sören: Was die konkreteren politischen Sachen, die du angesprochen hast, angeht – da direkt darauf einzugehen, finde ich schwierig, weil es so viele unterschiedlichen Sachen gibt, die man bei einem Konzert ansprechen müsste. Wir machen das eher mit Verteilen von Textblättern oder immer mal wieder ein paar Ansagen zwischen den Songs. Wir präsentieren unsere Meinung schon, auch wenn wir sie niemanden aufdrücken wollen. Es ist ein Angebot, mit uns Spaß zu haben und sich mit unserer Meinung auseinanderzusetzen. Ich sehe keinen pädagogischen Auftrag mehr in der Band.
Christian: Während eine Band spielt ist vielleicht auch der Zeitpunkt nicht gut, um politische Diskurse zu führen. Im Zweifelsfall ist das alles eher Entertainment und keine Infoveranstaltung. Bei einem Konzert wollen 50 % der Leute ihren Spaß haben. Wir machen Textblätter und das ist dann ein Angebot.
Ihr ward jetzt auf England-Tour, Eure neue Platte wurde – zurecht – fast überall positiv bewertet und besprochen. Habt ihr manchmal Angst durch den Erfolg etwas vereinnahmt zu werden, die Leute nur noch das Label »Now Denial« kennen?
Christian: Ich finde es schon auffällig, dass bei den meisten Reviews, die du angesprochen hast, immer auf unsere »Message« verwiesen wird. Im Zweifelsfall ist das schon die halbe Miete. Man darf das auch nicht überbewerten, wir verkaufen ja auch keine 10.000 Platten.
Sören: Ich finde das relativ bemerkenswert, dass wir immer unter das Label »politisch« subsumiert werden. Klar, wir haben irgendwie politische Texte, aber das haben doch 98 % aller Hardcore-Punk-Bands und ich finde, dass unsere Texte immer aus einer sehr persönlichen Perspektive geschrieben sind. Deswegen verwundert mich dieser permanente Verweis auf das Politische. Diesbezüglich könnte ich dieser Vereinnahmung auch zustimmen, denn im Zweifelsfall sind Now-Denial auch dafür gut, um zu zeigen, dass Hardcore/Punk immer noch irgendwie politisch ist. Da ist ein bißchen was Wahres dran. Bewusst genutzt wird das von uns aber nicht.
Was darf man denn in Zukunft von euch erwarten, was ist geplant?
Christian: Immer mal locker machen haben wir uns gedacht. Weil ja ein paar von uns auch in anderen Bands spielen, haben wir die Konzerte in letzter Zeit etwas runter gefahren. Dann werden wir uns wohl um ein paar neue Songs kümmern und release-mäßig kommt der »Deutschland in decline«-Sampler im September auf Heartfirst raus, an dem wir uns beteiligen und dazu in verschiedenen Städten die Release-Shows begleiten werden. Dann sind wir gerade in Korrespondenz mit einem Japaner, der eventuell eine Diskographie-CD von uns machen will. Vielleicht gehen wir auch noch nach Australien irgendwann, die Möglichkeiten würden jedenfalls bestehen.
Sören: Was ich ganz angenehm finde ist, dass wir alle fünf es gerade so nehmen wie es kommt. Wir schmieden keine großen Pläne, über den Punkt, das wir uns einfach so mal auflösen, sind wir hinweg und deswegen schauen wir mal, was so kommt.
Vielen Dank für das Interview und viel Glück für die Zukunft.
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