Dem Kassenschlager »Feuchtgebiete« von Charlotte Roche war Anfang 2008 nicht zu entkommen. Sämtliche Feuilletons fühlten sich über Wochen verpflichtet, die Story des Buches irgendwo zwischen Ekel-Werbung und notwendiger Gegenidentifikationsvorlage zum grassierenden Schönheitswahn zu verorten. Einen schwer lesenswerten Text hat nun der Psychoanalytiker Thomas Ettl vorgelegt. Dort wird neben zahlreichen spannenden Deutungsversuchen auch ausführt, warum die Heldin des Romans keinen emazipatorischen Gegenentwurf zur strahlenden Selbstzurichtung bieten kann und das Leiden an der Gesellschaft lediglich mit anderen Mitteln zu lösen versucht.
Nun hat sich die erste Aufregung gelegt, in die Feuilletons ist wieder Trockenheit eingekehrt und es ist die Zeit für eine nüchterne Bestandsaufnahme gekommen. Die zeigt: der Roman bebildert eine erschütternde Trostlosigkeit und wird darüber zum Zeitdokument einer Kindheit.de. Verschiedene Rezensionen haben dies im Blick, ohne jedoch das Trostlose konsequent in Relation zu Helens Sexualität zu setzen, zumal auch diese bisweilen vor Trostlosigkeit trieft. Die Sexualität lässt sich jedoch nicht von der individuellen Lebensgeschichte, von Gefühlen, Wünschen, Hoffnungen, Ängsten und Konflikten abkoppeln.



