Von Max
Der Autor des stets schwer lesenswerten Blogs NICHTIDENTISCHES hat sich im Rahmen einer Dissertation über »(…)moderne Hexereivorstellungen zwischen Kulturindustrie, Mythologie und Propaganda(…)« auf Feldforschung nach Afrika begeben und teilt nun auf einem extra eingerichteten Blog »Trouvailles und Stimmungsbilder« aus Ghana mit den geneigten LeserInnen. Die Vorskizzen zu seinem Promotionsvorhaben lassen erahnen, wohin die Reise geht:
Der weltweite Anstieg von Hexenjagden in der Moderne mit seinen Hot-Spots im subsaharischen Afrika, Indien, Indonesien und Südamerika lässt sich nicht allein aus der transkribierenden Analyse der Hexereivorstellungen erklären. Eine kritisch-theoretische Darstellung des Problems bedarf einer Integration der zahlreichen Vermittlungen zwischen Staat, Gesellschaft und Individuum. Neben dem globalen Warentausch sind Medien das zentrale vermittelnde Moment von Ideologien, die sowohl aus den Widersprüchen der warenproduzierenden Gesellschaft generiert werden, als auch mit ihren lokalen und kulturellen Vorbedingungen kommunizieren. Um diesen Besonderheiten im Allgemeinen gerecht zu werden und Allgemeinplätze zu vermeiden, ist eine situierte Medienforschung unabdingbar. Die Kritische Theorie liefert dabei einen Begriffsapparat, der das Nebeneinanderdenken von Widersprüchen erlaubt, wie sie in der Kulturindustrie notwendig entstehen und reproduziert werden.
Die aufstrebende Filmindustrie Afrikas hat mit Problemen der Ausbildung und der Distribution zu kämpfen. Zugleich ermöglichen neue technische Möglichkeiten eine qualitativ hochwertige Grassroots-Filmproduktion. In Nigeria entstand mit Nollywood ein ökonomisch starkes Zentrum der afrikanischen Filmproduktion, dessen Erfolge in Ghana derzeit mit Ghallywood wiederholt werden sollen. Das Filmschaffen oszilliert zwischen postkolonialen Ideologien, traditioneller Mythologie, kritischen und affirmativen Diskursen, Selbstreflexion, Publikumsbelustigung und staatlichem Erziehungsauftrag. Das Thema der Hexerei nimmt eine besondere Stellung in den modernen Medien in Afrika ein. Die medienzentrierte Feldforschung in Ghana muss daher diesem Thema höchste Aufmerksamkeit widmen. Handelt es sich jeweils um Kulturindustrie, die wie in westlichen Filmen das Unheimliche als Nervenkitzel kultiviert, um Propaganda auf Kosten Dritter oder um symbolistische Mythologie? Oder sind alle diese Elemente ineinander verwoben? Welcher Ort kommt der Hexerei jeweils zu? Entsteht subtil etwas wie ein Dogma, das die bislang hochdifferenzierten und flexiblen Hexereivorstellungen im subsaharischen Afrika auf einige wenige, visuell markierte und somit rassifizierte Stereotypen zentriert? Erzeugen Hexereifilme eher eine Proliferation der Hexereivorstellungen oder befördern sie die Wahrnehmung dieser als gesellschaftliche, artifizielle Produkte? Wie schätzen die Opfer von Hexenjagden die Auswirkungen von Hexerei-Filmen ein?
Mit Freud, Marx und Adorno sollen Hexereivorstellungen vom Subjekt her und zugunsten der Opferperspektive gedacht werden. Der Rekurs auf die Dialektik der Aufklärung ermöglicht einen geschärften Blick auf die Modernitätsdebatte in der aktuellen Hexenforschung und trägt dazu bei, die Fragmentierung in Einzelwissenschaften in einem interdisziplinären Dialog zu erodieren. Die Produktion des Wissenschaftlers wird selbst als Moment der gesellschaftlichen Praxis begriffen, das nie in unschuldiger Theorie aufgehen kann.
Auch wenn auf dem Ghana-Blog zunächst nur »ethnologische Belange, Befindlichkeiten und Fotos« veröffentlicht werden sollen, könnte man dennoch das grosse Glück haben, hier einem interessanten Projekt ein gutes Stückweit bei der Selbstentfaltung zuzusehen.
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