10.08.2007 / 1:53
Von Sebastian
Subkommandante Markus hat aus Geldnot eine Bank klar gemacht. Nach einem Waffenschieber-Job für Nordkorea, der an einem Strick sein Ende gefunden hätte, wäre nicht Frau Merkel mit einer Bundeswehr-Taskforce rettend zur Hilfe geeilt, musste dringend eine einträgliche aber gleichsam moralisch integere Geldquelle her. Die »Big-Raushole« von Kim Jong-Ils Henkersklotz wollte bezahlt sein und auch für die nahende Kleinfamilie mit Musti und Fricka durfte ruhig noch etwas übrig bleiben. Hätte sich nur nicht Kathrina – die Markus WG-Zimmers aufgrund von Tittenheften unter der Matratze übernahm – mit der dort lagernden Million Richtung Südsee verdrückt.
Derart haushoch geht es her, in Andreas Michalkes »Bigbeatland«, das in den letzten vier Jahre allwöchentlich auf der Comicseite der Jungle World linksradikale Biotope mit Pinsel und Tusche einzäunte und dies auch in Zukunft tun wird. Die Strips der politischen Punkrock-Lindenstraße liegen mittlerweile via Reprodukt gesammelt in Buchform vor.
Was man für eine Ausgeburt entrückter Fantasie halten könnte, hat manchmal jedoch gar nicht soviel damit zu tun. Sieht man von den größten Ungeheuerlichkeiten aus Michalkes Storyboard ab, dann destilliert sich ein amüsantes Bild von dem heraus, was Teilnehmende gern als »Szene« oder auch »Scene« zu schimpfen pflegen. Dem dort nicht beheimateten Comicfreund sei soviel verraten: Michalke schraffiert seine Figuren nah dran, an der Wirklichkeit.
Verschrobene antiimperialistische Politzombis, hedonistische Pop‑, pardon Rock-Linke, identitäre Antideutsche und natürlich Menschen, die »irgendwas mit Medien machen« tummeln sich in einer halbwegs urbanen Großfamilie, von der man die Trennung zwar lauthals proklamiert, mit ihr dann aber doch wieder zerknirscht und grittelnd am WG-Frühstückstisch beisammen sitzt. Dort, wo jeder jeden kennt aber nicht leiden kann, werden absurde linke Lebenspraxen mit all ihren Konflikten, Liebeleien und Schrulligkeiten aus einer sympathisierenden Erzählperspektive auf Brötchenhälften verschmiert.
Der große Verdienst der Reihe ist es, den grießgrämigen Ernst der real-existierenden Vorlagen fortwährend aus den Angeln zu heben und einem beherzten Lachen Platz zu schaffen. Das gelingt, indem Michalke die jüngsten Spaltungen der Linken auf die Spitze treibt und sie zusammen mit der grässlich-lebensweltlichen Politisierung des Privaten hübsch überzeichnet.
Allerdings: was in der Jungle World im Resonanzraum der Gegenwart prima funktioniert, wird gebunden zwischen zwei Pappdeckeln bisweilen zum Problem. So hantieren Michalkes Zeichnungen mit aktuellen Begebenheiten und Ereignissen, die in die Handlung eingebettet oder gleich gänzlich in Einschüben thematisiert werden. Weil das Buch nun aber von der Zeit gelöst ist, in der seine Strips entstanden, ist beim Lesen ein ums andere Mal die Erinnerung oder das Internet gefragt, soll nicht hier und da Ratlosigkeit zurückbleiben. Die Kanzlerkandidatur Stoibers, der Irak‑ und der Libanon-Krieg, sowie die schwarz-rot-geile Fußball-WM 2006 erfordern dies wohl kaum; ob aber die Durchsuchung des FSK Hamburg oder Martin Homanns Tätervolk-Rede noch ähnlich präsent sind, darf bezweifelt werden.
Das spricht natürlich nicht gegen Bigbeatland in Buchform. Gerade, wenn man die Reihe über Jahre in der Jungle World verfolgt hat, gerät das Blättern in dem grünen bzw. beigen Büchlein1 zu einer wahlweise angenehmen oder unangenehmen Zeitreise – je nachdem, wie es so lief. Am Comic liegt es jedenfalls nicht. Denn das gehört zu den Charmantesten, die sich derzeit finden lassen!
Anmerkungen
10.08.2007 / 1:53
Ich erlaube mir, die Links zu den Online-Bezugsquellen nachzutragen:
Bigbeatland mit beigem Cover bei:
Bigbeatland mit grünem Cover im Jungle Shop:
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