
Von Hanno
Aspekte des internationalen Antisemitismus
Seit der Zweiten Intifada und dem 11. September 2001 häufen sich die akademischen Publikationen, die den »neuen« und »internationalen« Antisemitismus diskutieren, historische Entwicklungsstränge nachzeichnen und/oder versuchen praktische Kriterien der Bewertung von anti-israelischen Anfeindungen und »Kritiken« zu entwerfen. Mittlerweile erscheinen jährlich mehrere hundert Bücher, die mit dem weiteren Themenfeld »Antisemitismus« in Zusammenhang stehen. Sie reichen von lokalen Erinnerungsbüchern, über Studien von Einzelaspekten der antisemitischen Weltanschauung und ihrer Kritik, zu der Auseinandersetzung um Kollaboration in Europa und die Verflechtung verschiedener gesellschaftlicher Institutionen, Einrichtungen und Akteure in die NS-Herrschaft. Primär sind die Darstellungen von gesellschaftlichen Konflikten geprägt – die »Möllemann-Affäre«, der Skandal um die Paulskirchenrede Martin Walsers oder Daniel J. Goldhagens Studie zur Rolle der katholischen Kirche, sowie Auseinandersetzungen innerhalb des akademischen Feldes. Noch im Jahr von »9/11« erschien der erste Titel, der vom »Neuen Antisemitismus« sprach.1 Mittlerweile ist der Begriff soweit angenommen, dass er intensiv diskutiert wird.
Zwischen 2001 und 2002 erschienen auch wegweisende Studien zum Nationalsozialismus. Klaus Holz »Nationaler Antisemitismus«2 ist eine davon, wie auch Thomas Haurys »Antisemitismus von links«3 und Matthias Küntzels »Djihad und Judenhass«4. Im Verbund mit dem von Hermann L. Gremliza herausgegebenen Sammelband »Hat Israel noch eine Chance?«5 und dem Projekt des »Arbeitskreises Kritik des deutschen Antisemitismus«6 zeigte sich dann ein Wandel, eine Neubestimmung antisemitismus-kritischer Positionen im Gefüge der »New World Order« nach dem Ende der Blockkonfrontation an. Das hinterlassene Vakuum einer Neujustierung der politischen und geographisch-nationalen Tektonik der Welt ermöglichte es dem politischen Islam aggressiv voranzuschreiten und sich als Gegenkraft zur »Globalisierung« zu inszenieren.7 Zeitgleich widmete das Fritz-Bauer-Institut sein Jahrbuch 2002 dem Themenkomplex des Nationalismus, Antisemitismus und ethnischen Konflikten in verschiedenen Kulturen.8 Der Boom auf dem wissenschaftlichen Buchmarkt bliebt zwar aus, aber immerhin existieren mittlerweile ein paar Bände, in denen sich AkademikerInnen über den ‘neuen Antisemitismus‘ zu verständigen versuchen. Der Begriff selbst ist in die allgemeine Kommunikation übergegangen.
Diese Neuerung in der globalen Weltordnung ist auch Gegenstand der vorliegenden Aufsatz-Sammlung, der eine Vorlesungsreihe an der HU Berlin im Wintersemester 2003/04 und Sommersemester 2004 vorausging.
Christina von Braun besteht in ihrer detailreichen und anregenden Einleitung darauf, dass Antisemitismus, kein ‘westliches‘ Phänomen sei, sondern durch den Komplex der »Globalisierung«9 kein Land der Erde unbetroffen ließe. Im Gepäck der stetig vornschreitenden Verdichtung der Welt, wird der historische Abhub der »toten Geschlechter« (Marx) mitgeschleppt, tradiert und den jeweiligen nationalen Formen angepasst. Immerhin habe aber Antisemitismus in Begriff wie Praxis in Europa Form angenommen und gilt seitdem in völliger Negativität als Leit‑ und Vorbild für antisemitische Bewegungen weltweit, wie Hamas und Hisbollah in mannigfaltiger Weise bezeugen.10
En gros ist in dem vorliegenden Buch eine thematische Zweiteilung der Beiträge zu ersehen. Auf die Einleitung folgt ein Part, der die Theorie und Geschichte des Antisemitismus behandelt und einer, der länderspezifische Essays enthält. Neben der Einleitung und dem Beitrag von Klaus Holz über »Die Figur des ‘Dritten‘«, der den theoretischen Horizont eröffnen soll, schließen sich historische Darstellungen an, die den Antisemitismus von der Antike bis zu Gegenwart behandeln. Sachkundigen sind die vorgestellten Theoreme durchaus bekannt. An den wiederabgedruckten Text Holz’ reihen sich Hubert Canciks Darstellung des »antiken Antisemitismus« und seine Rezeption einerseits durch spätantike und christliche Autoren, andererseits durch Nietzsche und Lion Feuchtwanger, Reinhard Rürups gelehrter Essay über den Antisemitismus im deutschen Kaiserreich und der Weimarer Republik, Philippe Burrins tour de force zu den »Bilderwelten« des nationalsozialistischen Judenhasses und Werner Bergmanns Überblick über »Formen und Funktionen des Antisemitismus in Europa nach 1945«, eines Antisemitismus, der nicht nur trotz, sondern wegen Auschwitz fortlebt – darin liege seine neue Qualität.11
Den theoretischen und/oder historischen Darstellungen folgen spezifische Untersuchungen über die Zustände einzelner Länder (Russland, Polen, Rumänien, Frankreich, arabische Welt), in denen der (klassische) Antisemitismus in vielerlei Hinsicht manifester auftritt als in Westeuropa, wo er – so konstatieren die Beiträger – sich zwar als traditioneller Judenhass weiterträgt, jedoch sehr viel stärker vom »sekundären Antisemitismus« geprägt ist.
Vadim Rossman, Professor für Eastern European und Eurasien Studies an der Universität von Austin (Texas, USA), konzentriert sich auf den einflussreichen Führer der Eurasischen Bewegung in Russland, Alexander Dugin; dessen ambivalente und ‘differentialistische Attitude‘ sei ein taktisches Moment, das bei vielen der führenden Figuren der ‘Neuen Rechten‘ Europas zu bemerken sei. Beate Kosmala, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung, geht dem Judenhass und Judenmord, der durch Polen auch nach der Befreiung von den Deutschen in Aktion trat und wahrscheinlich an die 1.500 Juden das Leben kostete, nach und untersucht Stereotype und Aktionen von 1944 bis in die Jahrtausendwende, in der Jan T. Gross mit seiner Studie über den Mord von Jedwabne eine erbitterte Debatte auslöste. Mariana Hausleitner, an den Universitäten Berlin und München tätig, erläutert, wie mit dem Sturz des Regimes von Ceausescus zwei Ikonen der rumänischen Rechten als Nationalhelden installiert wurden – Codreanu, Chef der ‘Eisernen Garde‘ und Marschall Antonescu, der Rumänien während des Zweiten Weltkriegs regierte. Das Gedenken an beide wie an ihre Verbrechen – der Pogrom von Jassy und die Erschiessung von 40.000 ukrainischen Juden am Fluss Bug sind nur zwei – beginnen aber vermehrt Gegenstand der Kritik zu werden. Pierre-André Taguieff, Professor an der Pariser Scienes Po, diagnostiziert eine ‘neue Judeophobie‘ in Frankreich, die nicht staatlicherseits, sondern seitens der »Bürgergesellschaft« auszumachen ist. Dieser ‘neue Hass‘ tat 2002 mit der Brandstiftung an drei Synagogen spektakulär in Aktion. Götz Nordbruch schließt mit einem Überblick über Judenfeindschaft in den arabischen Ländern die länderspezifischen Beiträge. Aufgrund des arabischen Quellenmaterials kommt er zu dem (mittlerweile nicht mehr überrschenden) Resultat, dass die »Protokolle der Weisen von Zion« eine der zentralen und populärsten Schriften im antisemitischen und anti-israelischen Denken des arabischen Raumes sind; ihr Gebrauch wirkt auf die Gesellschaften funktional in die Richtung einer antijüdischen ‘Vergemeinschaftung‘.
Vor allem in diesen Länderbetrachtungen geht es um den besagten »Neuen Antisemitismus«, der seit der Zweiten Intifada ideologisch vorherrschen würde und den traditionellen, als ‘rassistisch‘ apostrophierten Antisemitismus, als Leitideologie antisemitischer Bewegungen abgelöst haben soll, obschon beide Formen miteinander verschränkt seien.
Dieser ‘Neue Antisemitismus‘ werde, so schliesst Brian Klug den Band, als neu deshalb wahrgenommen, da zum einen der Antisemitismus links konnotiert ist12 und zum anderen die spezifische Form des Antisemitismus sich geändert habe: Feindschaft gegen Israel.13
Während die nicht-jüdische Seite ihren Judenhass politisch hoffähig macht, ihn meint, als ‘Antizionismus‘ zu entschärfen, affiziert der Hass auf den jüdischen Staat sowohl die diasporischen jüdischen Gemeinden und individuelle Juden außerhalb Israels. Klug selbst differenziert aber in der historischen Rückschau: »According to the view under discussion in this paper, anti-Zionism is inherently or invariably antisemitic. But as this historical excursus has shown, anti-Zionism and antisemitism are in fact independent variables: one can exist without the other. Certainly, antisemitism can, and sometimes does, take the form of anti-Zionism; but as we have seen, it can also take the opposite form.« (S. 231).14
Klugs Problem liegt in seiner positivistische Herangehensweise, die weder Ideologiekritik kennt, noch eine Ahnung von der gesellschaftlichen Funktion hat, die der Antisemitismus erfüllt.15 Zwar gesteht Klug zu: »hostility is hostility«; er plädiert aber dafür, nicht bei jedem Anwurf gegen Israel vom Antisemitismus zu sprechen. Das würde die Differenzen und Nuancen übersehen, die in verschiedenen antizionistischen Argumentationen stecke und sowohl den Gesellschaftsanalytiker wie auch das Handeln gegen Israel-Feindschaft lähmen. Andererseits würde der Begriff »Antisemitismus« seine Bedeutung verlieren, wenn er synonym mit Antizionismus gesetzt werde. Dies würde letztlich die Effektivität des Protests mindern. (S. 239) Soviel Differenzierungsvermögen mögen – auch vor dem historischen Panorama des nationalsozialistischen Antizionismus16 – ersteinmal diejenigen an den Tag legen, die meinen ihre »Kritik« von (nicht zu leugnenden) Menschrechtsverletzungen oder von Staatlichkeit per se, zuallererst und vor allem bei Israel anbringen zu müssen. Und dies bei all ihrer blinden Wut, rastlosen Energie und pathischen Projektion.17
Dieser Sammelband unterscheidet sich von nachfolgenden Sammelbänden zum Thema in der angeräumten Länderthematik, die jedoch einen schnell vergänglichen wie ebenso aber konstanten Zeitkern besitzt.18 In den Jahren nach 9/11 war die Perspektive der linken und linksliberalen Öffentlichkeit vornehmlich auf Deutschland und die globale linke Bewegung fokussiert,19; es waren vornehlich akademische Instituionen, die eine internationale Bestandsaufnahme wagten.20 Deswegen, und weil er mittlerweile als eine Art ‘Standardwerk‘ gilt, ist der von von Braun und Ziege herausgegebene Band, bei allem möglichen Ärger, den man mit verschiedenen Beiträgen haben mag, eine anregende und lohnende Lektüre.
Christina von Braun/Eva-Maria Ziege (Hrsg.): »Das ‘bewegliche‘ Vorurteil. Aspekte des internationalen Antisemitismus«, Würzburg 2004, 244 S., broschiert, 38 €
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