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Oliver Decker/Tobias Grave (Hg.) »Kritische Theorie zur Zeit«

Für Christoph Türcke zum sechzigsten Geburtstag

Christoph Türcke kann unter den Nachlassverwaltern kritischer Theorie getrost als derjenige bezeichnet werden, der am wenigsten die Hände auf der Erbmasse hält. Anders als Rolf Tiedemann, Gunzelin Schmid Noerr, Gerhard und Hermann Schweppenhäuser sind sein vorrangiges Thema nicht die Theoretiker um das Frankfurter Institut für Sozialforschung. Türckes Bücher kauen sich nicht mit philologischer Hingabe durch die alt-aktuellen Texte von Adorno, Horkheimer, Marcuse oder Benjamin, um sie immer neuen LeserInnen zuzuführen. Der in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) angestellte Philosoph wird aus einem überzeugenderen Grund zu zu einem der »gegenwärtigsten Vertreter« (7) kritischer Theorie: er stellt sich inhaltlich in jene Tradition, die Karl Marx und Siegmund Freud zusammen bringt und bearbeitet vor diesem Hintergrund Probleme, die in der frühen Kritischen Theorie ihren Platz nicht fanden.

Ein Schwerpunkt von Türckes Arbeiten liegt in der Religionskritik, der sich seine ersten Veröffentlichungen widmen und mit denen er seinen akademische Laufbahn auf die Gleise setzte: zu nennen wären seine Dissertation »Zum ideologiekritischen Potential der Theologie. Konsequenzen einer materialistischen Paulus-Interpretation« (1979) und seine Habilitationsschrift »Vermittlung als Gott. Metaphysische Grillen und theologische Mucken didaktisierter Wissenschaft« (1986). Es folgten 1992 »Kassensturz. Zur Lage der Theologie« und im Jahr 1995 der Band »Religionswende«. Seit Beginn seiner Leipziger Zeit schlug Türcke vermehrt kulturkritische Breschen. So entwickelte er eine Theorie der Sensation in dem Buch »Die erregte Gesellschaft« (2002) und formulierte eine kritische Theorie der Schrift in »Vom Kainsmal zum genetischen Code«. In den letzten Jahren scheint Türcke z.B. mit seiner »Philosophie des Traums« (2008) oder seinem neusten Buch »Jesu Traum. Psychonalyse des Neuen Testaments« (2009) wieder vermehrt zu psychoanalytischen Themen zu publizieren. Mit Oliver Decker – einem der Herausgeber des vorliegenden Sammelbandes – veranstaltet Türcke schließlich eine jährliche Tagung unter dem Motto »Kritische Theorie – psychoanalytische Praxis«, die versucht, die (kultur)kritischen Potentiale der Psychoanalyse präsent zu halten bzw. für heutige Fragen nutzbar zu machen.

Die vorgenannten Schwerpunkte, Interessen und Aktivitäten spiegeln sich auch in der Festschrift zum 60. Geburtstag des Philosophen, die bei zu Klampen erschienen und bei diesem Hausverlag des Lüneburger Ablegers kritischer Theorie blendend aufgehoben ist. Im Gegensatz zum zeitgleich veröffentlichten »Menschentiere. Sensationen. Ein Bilderbogen«, der Türcke hauptsächlich von seinen Leipziger Grafik‑ und Kunststudenten in Geschenkpapier geschlagen wurde, ist der umfangreiche Sammelband »Kritische Theorie zur Zeit« an ein breiteres Publikum gerichtet. Auch wenn man Türckes Werk nicht im Einzelnen kennt, sind die 33 Beiträge des Sammelbands erkenntnisreich, lesenswert oder zumindest unterhaltsam. Sie hangeln sich zumeist entlang der Themen des Jubilars, die manches Mal lediglich den Anstoß für eigene, von Türcke abgekoppelte Reflexionen liefern, während sie in anderen Beiträgen über die Arbeiten Türckes erschlossen werden. Die Texte reichen dabei von dichten philosophischen Aufsätzen bis zu Beiträgen, die sowohl in Form und Inhalt das Klischee einer trockenen wissenschaftlichen Festschrift aushebeln. So haben auch ein Gedicht von Werner Balzer, Aphorismen von Vittorio Hösle, ein Notenblatt von Helmut Lachenmann und eine Beschreibung des untergegangenen Archipel (West‑)Berlin von Richard Faber in das vom Typographen und Buchkünstler Till Gathmann großartig gestaltete Buch Eingang gefunden.

Zu den für eine gesellschaftskritisch-philosophische Debatte interessanten Beiträgen gehören Wolfgang Fritz Haugs »Variationen über den Spruch ‘Ich kaufe, also bin ich‘«, Gerhard Boltes »Wertgesetz und Kapital. Zur geschichtlichen Tendenz des Kapitalismus« und Detlev Claussens »Wieviel Heimat braucht der Mensch?« – die man auch ausserhalb des abgesteckten Rahmens der Geburtstagspublikation diskutieren könnte und sollte.

Was indes an dem Buch mit Blick auf die Autorenauswahl insgesamt auffällt, ist eine Leerstelle. Einerseits als mangelndes Gespür für das Problem der männlichen Dominanz im Intellektuellenbetrieb – 32 Männer und eine einzige Frau haben Texte für Türcke beigetragen! – und andererseits, nämlich politisch als Zeugnis eines Abschieds. So sind es vor allem ältere Vertreter der Linken der 60er, 70er und 80er-Jahre, die zusammen mit den jüngeren, akademischen Herausgerbern für Christoph Türcke hier ihre Federn gespitzt haben. Es handelt sich folglich um ein Umfeld, das seinen Arbeitsmittelpunkt (mittlerweile) an Lehrstühlen hat und dessen Praxis sich (heute) in Seminaren und Fachzeitschriften weitgehend erschöpft. Sicher kann auch diese Tätigkeit an der Universtität emanzipatorisch wirken, sofern sie Studenten Kritik vermittelt und sie zum Denken motiviert. In den letzten Jahren ist diese Praxis jedoch zusehends und unfreiwillig ins Ornamenthafte abgerutscht. Das Schlimmste was Adorno, seinen Texten und seinen Schülern passieren konnte, waren Anerkennungen und Ehrungen, wie das sogenannte Adorno-Jahr. Das Schreiben und Reden über Adorno begünstigte seitdem die Abfertigung seiner Kritik. Umso mehr die kritische Theorie über Sekundärliteratur, Biographien und Briefwechsel-Editionen aufgebläht wurde, umso mehr wurde sie musealisiert. Gewiss kann man das den Erblassverwaltern der »Frankfurter Schule« kaum vorwerfen. Rolf Tiedemanns Adorno-Reflexionen oder Detlev Claussens Adorno-Biographie lassen sich als schlaue Interventionen gegen den Weltlauf lesen und sind so wohl auch intendiert. Nur tatsächlich vom Publikum gelesen werden sie wattiert, weichgespült und aus einem einzigen Grund: um über diesen komischen Adorno ein wenig Bescheid zu wissen.

Der »Kritische[n] Theorie zur Zeit« fehlen folglich Beiträge von Theoretikern die noch jünger als Fünfzig sind und sich gesellschaftskritisch auch außerhalb des Campus einmischen, also in die Zeit als Lauf der Geschichte praktisch eingreifen wollen. Nicht im Sinne von Stichwortgeber für all die ruinösen, sozialen Bewegungen, sondern durch eine Praxis des Begriffs, der nicht peinlich ist, mit offenem Visier eine Abschaffung der unvernünftigen Realität zu fordern und einer nahtlosen Durchakademisierung linker Kritik einige Stolperfallen zu stellen. Damit stehen sie Türcke näher, da es ihnen nicht um sophistische Theoriepflege geht, sondern um die theoretische Durchdringung der Außen‑ und Innenwelt des Menschen, um sie grundlegend zu verändern.

Gleichwohl erlauben die Zirkel linker Intellektueller und ihrer LeserInnen keine Fehltritte. Die »three strikes and you‘re out«-Doktrin von Law-and-Order-Befürwortern ist noch ein vergleichsweise nachsichtiger Umgang, gemessen an den hastigen und langlebigen Zerwürfnissen in diesen Kreisen. Dass man Christoph Türcke heute in der Gemengelage mit dem Namen »linke Szene« häufig als publizistischen Geisterfahrer wahrnimmt, reicht zurück zu einem Vortrag auf dem konkret-Kongress 1993, in dem er die Unterschiede zwischen Ethnien disktuieren wollte und dafür vom Publikum ausgebuht und niedergeschrien wurde. Ob er sich heute »nun für die Zapatisten und für Naomi Kleins No Logo! aus[spricht], dessen Gedankenarmut er früher zerlegt hätte, für Greenpeace und für das von Pierre Bourdieu formulierte ‘Gegenfeuer‘ der NGOs«1, oder ob er tatsächlich den 11. September 2001 als Rückkehr der Gewalt des Westens gegen die Dritte Welt interpretiert2, kann ich nicht beurteilen. In Kenntnis einiger von Türckes Schriften scheint es mir aber, dass politisch derart hirnrissige Positionen wohl eher die Ausnahme bilden.

Türckes Bücher beweisen im Übrigen, dass sie lohnen gelesen zu werden; mögen einige ihrer Konsequenzen auch politisch unhaltbar sein. Diese Unhaltbarkeiten anzusprechen und zu diskutieren ist um den Gehalt der Schriften willen sinnvoll und mit Christoph Türcke möglich. Eine solche Auseinandersetzung in die Festschrift zu verlagern und ihr dort Platz einzuräumen, hätte das Buch noch um einiges spannender gemacht. Aber wenn ich raten darf: Gesprächsverweigerung oder Desinteresse linker Kritiker werden dies wohl eher, als die beiden Herausgeber verhindert haben.

Oliver Decker/Tobias Grave (Hrsg.): Kritische Theorie zur Zeit. Für Christoph Türcke zum sechzigsten Geburtstag, zu Klampen Verlag, 2008, 362 S., 39,90 Euro.

Anmerkungen

  1. Fabian Kettner, »Die Protokolle der Weisen von Hollywood. Christoph Türckes affirmative turn« in: Prodomo 1–2005()
  2. Ebd.()
Auch mal das Maul aufreissen?

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