Beatpunk Webzine

Cosey »Auf der Suche nach Peter Pan«

Über Heimat zu schreiben, geht in der Regel nur ausgesprochenen Unsympathen leicht von der Hand. Und trotzdem gibt es unter den unzähligen Versuchen immer mal wieder auch einen gelungen. Einen davon hat der schweizer Künstler Bernard »Cosey« Cosandey bereits in den 80er Jahren vorgelegt und für sein Comic-Album Auf der Suche nach Peter Pan damals auch alle Lorbeeren erhalten, die er ohne Frage verdient hat.

Dass die Geschichte nun ihre Neuauflage im Hardcover erfahren hat, ist zumindest für Sammler und Comic-Historiker ausgesprochen erfreulich; zumal es eine recht ansehnliche Edition geworden ist. Begleitet von Hintergrundartikeln und einem Interview mit dem Künstler geht die Veröffentlichung über das schlichte Verfügbarmachen eines Klassikers hinaus.

Die angesprochene Heimat ist das schweizerische Kanton Wallis gegen Ende der 20er Jahre: Kleine Bergdörfer im Schatten gewaltiger Gletscher, wo man zwischen Trachtenkleid, Kruzifix und Sommerweide darüber nachdenken kann, was »Industrialisierung« eigentlich genau heißen soll. Viel hat sich hier den fünfzig Jahren nach Heidi nicht verändert.

Die eigentliche Geschichte braucht einige Seiten, bis sie sich hinter ihrem Ambiente hervor gearbeitet hat. Durch wenig Text und viel Landschaft erfährt der Leser eine dichte Atmosphäre und das etwas aufdringliche Angebot, sich mit einer recht oberflächlichen Hauptperson zu identifizieren, die als Fremder in diese Gegend kommt. Der Schwerpunkt auf dem Setting wird von editorischer Seite noch unterstrichen: Vor dem Comic befindet sich im Album ein Hintergrundartikel über den Schauplatz der Geschichte – garniert mit Fotos aus dem Staatsarchiv Wallis und einem folgenlosen Einwand gegen die Idealisierung der guten alten Zeit.

So gut das auch gemeint sein mag, täuscht es letztlich doch darüber hinweg, dass die Reise der Hauptfigur in erster Linie eine innere ist, deren weltlicher Ort so beliebig ist wie der Titel des Albums – Sowohl die Figur als auch die Geschichte Peter Pan treten (fast) nur als Zitat in Erscheinung.

Aufgrund solcher Beliebigkeiten ist Cosey kein Vorwurf daraus zu machen, dass seine Thematisierung von Heimat noch hinter die gleichnamige Sparte der Kulturindustrie zurück fällt. Während sich das Fernsehen in den 80er Jahren mit dem »neuen« (oder auch »linken«) Heimatfilm zunehmend den Missständen und Geschmacklosigkeiten provinzieller Barbarei widmet, schleichen seine Figuren auffällig bedächtig durch das Panorama, als hätten sie Angst, die Ruhe zu stören. Krach macht nur der Gletscher, dessen drohender Zusammenbruch den Menschen drastisch an seinen Platz verweist. Dieser unser Mensch allerdings – und erst das macht Auf der Suche nach Peter Pan auch jenseits eines historischen Interesses ungemein lesenswert – kümmert sich kaum darum, strickt sich sein eigenes narzisstisches Abenteuer und bekommt damit am (hier verschwiegenen) Ende auch noch Recht.

Bis dahin wird die sehr persönliche Geschichte entlang diverser Klischees des klassischen Heimatfilms erzählt: Vom Zyklus der Jahreszeiten, ihrem sozialen Milieu, der allgegenwärtigen Natur und dem üblichen Personal vom herzlichen Schankwirt über lustwandelnde Sommergäste bis zum verwegenen Pseudo-Rebellen und Volkshelden. Neu war damals die gelungene Übersetzung ins Medium Comic, bis heute beeindruckend sind die subtilen Verschiebungen ins Innenleben einer im Grunde gesichtslosen Hauptfigur. Auch wenn das Vorwort diesen Verdacht nahe legt, ist Auf der Suche nach Peter Pan keine kritische Heimaterzählung. Ganz ohne ironische Brechungen, erhobene Zeigefinger oder dekonstruktivistischen Budenzauber erzählt Cosey ganz sachte an seinem Genre vorbei und ermöglicht die lustvolle Lektüre des eigentlich Altbackenen.

Von prominenter antideutscher Stelle wurde vor einer Weile verkündet, dass in der Schweiz eine gesittete Bevölkerung lebe, die nachweislich niemals in den kollektiven Wahnsinn verfalle. Für diese Behauptung würde Coseys Heimatcomic sprechen, der unmöglich ein deutscher hätte sein können, weil er tatsächlich eben so unverkrampft ist, wie man hierzulande nur den widerwärtigsten Unfug nennt.

Cosey »Auf der Suche nach Peter Pan«, Cross Cult, 160 S., Hardcover, 26.00 €

Auch mal das Maul aufreissen?

Gib deinen Namen ein

Keinen Namen?

Please enter a valid email address

Keine Email-Adresse?

Gib deinen Kommentar ein