07.08.2009 / 3:19 pm
Comic, Cross Cult, David Brin, Graphic Novel, Scott Hamptonl

Ihrem provokanten Nachklang zum Trotz ist die Idee von Nazis im Superheldencomic schon beinahe so alt wie das Genre selbst. Im Golden Age of Comic Books, in dem viele noch heute fortgesetzte Reihen ihren Anfang fanden, waren sie nahezu allgegenwärtig. Und das nicht nur als anonyme Wehrmachtstölpel, mit denen sich Duffy Duck und andere Kombattanten der United States Armed Forces in unzähligen Propagandafilmchen herum schlugen, sondern auch als handlungstragende Supervillains wie dem ersten Red Skull oder Captain Nazi (beide 1941).
David Brins graphic novel »The Life Eaters«, die kürzlich bei Cross Cult in deutscher Übersetzung erschienen ist, betritt auch dahin gehend kein Neuland, dass sie den okkultistischen Firlefanz der Nazis beim Wort nimmt und den Deutschen übernatürliche Hilfe an die Seite stellt. In diesem Fall sind es die Götter der nordischen Mythologie, die sich pünktlich zum D-Day offenbaren, um den alliierten Streitkräften mit Hammer, Blitz und Donner entgegen zu treten.
Vielleicht ebenfalls nicht ganz neu, aber dennoch bemerkenswert, ist die Vielschichtigkeit, in der sich diese »Was wäre, wenn …?«-Geschichte entfaltet. Das erste Drittel des Bandes ist die grafische Umsetzung von David Brins preisgekrönter Kurzgeschichte »Thor Meets Captain America« (1986), die zwei folgenden Kapitel erzählen die Ereignisse der folgenden Jahrzehnte, in denen die Nazis den Krieg gewonnen, ihn aber darum noch lange nicht beendet haben.
Unter ungewöhnlich expliziter Bezugnahme auf die Shoah, findet die nationalsozialistische Vernichtung um der Vernichtung willen ihren Sinn im Willen der Asen, deren Macht aus dem Massenmord gespeist wird. Der Einbruch des Phantastischen – die Nekromantie – markiert das irrationale Moment der antisemitischen Vernichtungideologie und beantwortet so die Frage, mit der sich Held Chris am Anfang der Geschichte beschäftigt: »Warum existierten solche Kreaturen überhaupt? War das Böse auf der Welt nicht auch ohne sie schon allgegenwärtig gewesen?«
Es bedarf keiner subversiven Umdeutungen, das ideologiekritische Anliegen des Comics aus seinem auf-die-Fresse-Antifaschismus heraus zu kitzeln. Der Appell an die menschliche Restvernunft ist unübersehbar und gerät gerade an seinen kritischen Punkten zu einer Zumutung im besten Sinne des Wortes. So ist ein Bündnis der drei abrahamitischen Religionen gegen die blutrünstigen Götter der Vorzeit ein nicht ganz unproblematischer Partner im Dienste der Aufklärung, und die Existenz eines freien Staates Israel-Iran trägt ebenfalls ein gehöriges Maß an Unruhe in die Lektüre.
Gerade in ihren Details wird David Brins Erzählung von Illustrator Scott Hampton noch weiter ausgefeilt. Oft abstrakte Szenenbilder verdichten sich in detaillierten Abbildungen von Gesichtszügen, wo es um menschliche Individuen geht. Anonyme Massen verschwinden hingegen im Schatten. Einzige Konstante sind die Asen, die stets als monolithische Fremdkörper aus ihrer Umgebung ragen – so zum Beispiel eine Formation von Kampfhubschraubern im Abendhimmel, denen voran ein langhaariger Wikingergott mit gezogenem Schwert auf einem Pegasus fliegt.
Ob das Vietnamkriegszitat nun davon berichtet, wie die Nazis die Expansion ihres Vernichtungskriegs betreiben oder ob der historische Krieg der USA in die Nähe des zweiten Weltkrieges gerückt werden soll, ist nicht endgültig zu beantworten. Genau in diesem Mangel an Eindeutigkeit liegt aber auch der Reiz der Erzählung. Ohne die Spezifika einzelner militärischer Auseinandersetzungen zu Gunsten allgemeinen Kriegsgräuels zu verwischen, sucht die Geschichte auch nach allgemeinen Motiven und Positionen, die sie zu Verhandlung stellt.
Eine Superheldengeschichte ist »The Life Eaters« nur der Idee nach. Auch wenn Thor und Loki ihre Auftritte im Marvel Universum hatten, sind Brins Asen eher die aus Geschichtsunterricht und Heavy-Metal‑Ästhetik bekannten Zottelbärte. Ihre Gegenspieler sind Menschen als Träger von Gewissen und Vernunft und keine populären Kostümträger. Ausschließlich männliche Menschen, sollte an dieser Stelle betont werden. So wie der Protagonist des erstens Kapitels durch den Genuss fragwürdiger Chester-Nimitz-Romane auf die richtige Idee gekommen ist, wurde auch »The Life Eaters« nicht gerade in der Sprache der Emanzipation verfasst. Es gibt keinen Grund zur Sorge – die Landser-Romantik erfährt ihre Dekonstruktion und letztlich gewinnt die bemerkenswerte Geschichte an den wenigen Konventionen, an die sie sich hält. So unschön diese im Einzelnen auch sein mögen.
Die Cross Cult Ausgabe ist optisch von ausgezeichneter Qualität und die Übersetzung gut gelungen. Wer sich an retuschierten Hakenkreuzen stört, wird das Original bevorzugen, aber ansonsten ist die deutsche Ausgabe dieser fordernden Erzählung hiermit nachdrücklich empfohlen.
David Brin, Scott Hampton: »The Life Eaters«, Cross Cult, 160 S., Hardcover, 25,00 €
07.08.2009 / 3:19 pm
XHTML: Du kannst die folgenden Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>
Ein Kommentar
Zum Kommentar - Formular | Kommentare als RSS-Feed [?] | trackback url [?]