Antisemitismus, Auschwitz, Deutschland, Dummy, Journalismus, Juden
Von Philipp
Die Herbstausgabe 2005 des »Gesellschaftsmagazins« Dummy widmet sich dem »Thema Juden«. Nachdem man sich dieses Magazin zugelegt hat, liest man interessiert das Editorial und erfährt dort, dass es sich um eine Art Tabu handelt, über Juden in Deutschland zu reden. Der Bereich des deutsch-jüdischen Gesprächs wird als einer von Antisemiten wie Möllemann und »Berufsjuden« beherrschter geschildert, wobei letztere bei deutscher vorsichtiger Kritik »überall latente Judenhasser erspähen« würden.
Gegen all dies setzt man – auch gegen Antisemitismus – das Kennenlernen, das genaue Hinschauen und eine Art neue Sachlichkeit, als wenn Antisemitismus etwas mit realer Erfahrung zu tun hätte. So ist dieses Editorial exemplarisch für jenen unverkrampften neueren deutschen Blick, der alle Klippen des schwierigen und »irgendwie belasteten« Verhältnisses durch jene, aus diversen Reden zu üblichen Anlässen sattsam bekannten Sprachregelungen zu umschiffen meint, »für eine Haltung, die untilgbare Schuld weder leugnet noch instrumentalisiert«, jedoch affektgeladen in zurückhaltenden Nebensätzen vom ersten broderschen Leitsatz – die Deutschen würden den Juden Auschwitz nie verzeihen – schwadroniert, ohne sich auch nur annähernd der Bedeutung dieses Satzes bewusst zu sein, und Israel Verhöhnung des Völkerrechts vorwirft.
Kurz, man will, nachdem man sich der unschuldigen Absichten selbstversichert hat, »informieren, ohne Brisantes auszusparen«. Erstaunlich ist auch, wie oft die erste Person Plural bei diesem Vorhaben Verwendung findet: »Dabei verpassen wir so viel. In der Medienwahrnehmung(sic!) reduzieren wir das Judentum auf seine Opferrolle, ein Volk von Auschwitz…«
Was sich spätestens seit jener rot-grünen deutschen Bundesregierung abzeichnete, dass nämlich Auschwitz sich prima nicht nur zur Legitimierung von Kriegen als verbal-moralische Panzerfaust eignet, sondern auch nationale Identität zu stiften vermag; die Dummy-Redaktion hat es bereits verinnerlicht.
Nach diesem Editorial ist der einzige Beitrag der sich dezidiert den deutsch-jüdischen Verhältnissen widmet ein Interview mit dem Düsseldorfer Rabbiner Julien Soussan, der es versteht, auch noch die dümmsten Fragen exzellent zu beantworten.
In einem Artikel über jüdische Einwanderung nach Deutschland scheint ebenfalls so etwas wie Normalität auf, als vom deutschen Unbehagen berichtet wird, wenn ein Jude sein Jüdisch-Sein bspw. durch das Zeigen des Davidstern der Öffentlichkeit vermittelt.
Im Erguss eines Redakteurs, in dem er sich als unschuldig Verfolgter des H.M. Broder inszeniert, der ihm einmal Antisemitismus vorgeworfen hatte, den jener Redakteur in sattsam bekannter Manier und ohne einen Schimmer von Form, Wesen und Ausmaß dessen, was Antisemitismus ist, selbstverständlich mit Vehemenz von sich weist, ist unbewusst mehr über subtile Formen des Ressentiments gesagt, als etwa in den Phrasen des Editorials.
Sonst ist das Heft eine wüste Sammlung irgendwie interessanter Geschichten – von »Eis am Stiel« über die Israelischen Verteidigungskräfte, Bauhausarchitektur in Tel Aviv und der dortigen Partyszene, koscherer Küche, Flavius Josephus, dem Sicherheitszaun und dessen schlimme Folgen für die Bevölkerung der Westbank, ein Beitrag über Entebbe, der nicht allzu schlecht ist, bloss dadurch nervt, das er J. Fischer als beinahe zentrale Figur pusht bzw. Entebbe als sein Schlüsselerlebnis mit deutschem linken Antisemitismus darzustellen bemüht ist.
Außerdem erfährt der geneigte Leser etwas über die Dominanz von Juden in der us-amerikanischen Kultur, wenn er dies nicht schon immer gewusst haben sollte…. »Dummy« ist ein Paradebeispiel dessen, was M. Postone einmal Normalisierung durch Mikrologisierung nannte. Die Form des Vorgefühls gegen bzw. für Juden ist beinahe durchgehend subtil. Juden – so lernt man – sind ganz nett und auch nur Menschen, die aber doch total anders sind und vor allem weit weg: nämlich in erster Linie in Israel. Die meisten Texte widmet sich Juden in Israel. Dem deutschen Leser wird auch berichtet, wie er selbst Jude werden kann – und was dies kostet.
Hilflos sind durchgehend auch die Versuche der Bestimmung erkennbar, was denn nun jüdisch sei bzw. wer Jude ist. Letztlich gelingt es doch nur, die konstruierte Differenz – allein durch Wahl des Themas und der Kompilation der Artikel – zu manifestieren.
Das repräsentierte Bild von »den Juden« ist von Fotostrecken israelischer Soldatinnen und beschnittener Penisse dominiert – dies ließe gewiss weitere Spekulationen auf der Ebene etwa der Psychoanalyse zu.
Ansonsten gibt es eine hübsche junge Israelin, lächelnd am Stacheldrahtzaun von Auschwitz-Birkenau, zu sehen; der zerfetzte Bus ist obligatorisch; die Kreativität israelischer Juweliere anhand von Judensternanhängern zu bewundern – was wohl als Intention der Dummy-Redaktion – alles in allem einen unverkrampften Umgang mit der Shoa vermitteln will.
Das Gros der Artikel ist von AutorInnen, die – so mein Eindruck – sonst wenig mit »Dummy« zu tun haben und deren Texte teils glücklicherweise jenen deutschen Blick nicht haben; das Heft aber auch nicht retten können.
Denn es ist ein Beispiel dämlicher Lifestyleblätter(und nicht nur dieser), denen die Addition fragmentierten Wissens als das non-plus-ultra gilt. Prinzipielle Oberflächlichkeit gepaart mit einem, dieses nie wettmachend könnenden mikroskopischen, sich subjektiv gerierenden Blick, der in diesem Format üblich ist.
Das gekonnte Ignorieren von politischen und historischen Zusammenhängen ist bloß grenzenlos konform zum so genannten Zeitgeist; bei diesem Thema jedoch sträflich bzw. nur Zeugnis von einem Bewusstsein, das sich nicht einmal ansatzweise die Mühe macht, ein kritisches zu sein bzw. zu werden und so bloß in eine dümmliche Naivität verfällt. Nicht zuletzt auch, indem man sich selbst und dem Leser vorgaukelt, provozierend, rebellisch und tabubrechend zu sein. Nur bleibt dies bei einem Magazin wie Dummy Strategie und dementsprechend verkaufsfördernd, da es ein Publikum zubedienen vermag, das eben diese Attribute für die hippe Selbstkonstitution zu brauchen meint.
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