Böckelmann, Meier (Hg.) »Die gouvernementale Maschine«

Von Sebastian

Zur politischen Theorie Giorgio Agambens

Was liegt auf dem Nachtschränkchen von Pop-Linken? Was muss man lesen, um sich an der Uni in den Reigen der Geschwätzigkeit einzufügen, was im Munde führen, um ein anerkanntes Mitglied in diesem Elends-Zirkus zu werden? Zu den Spektakel-Intellektuellen dieser Tage – also all den postkolonialistischen, postmodernen, hegemonietheoretischen oder postoperaistischen AutorInnen – gehören Chantalle Mouffe, Ernesto Laclau, Alain Badious, John Holloway, Jacques Rancière, Maurizio Lazzarato, Antonio Negri und Michael Hardt. Sie kommen immer und überall gut an. Ein wenig aus diesem Kreis linker Theoretiker fällt Giorgio Agamben heraus. Das liegt an seiner theorieimmanenten Vermeidung eines – wie man so sagt – Standpunktes: einer nicht unternommenen Verortung im politischen Koordinatensystem.

Der italienische Jurist und Philosoph, der seine Brötchen an der Universität Venedig verdient, hat philosophisch die Losung ausgegeben, dass die politische Trennung in links und rechts nicht mehr funktioniere, weil die denkbaren politischen Systeme ihrem Charakter nach verschwimmen. Ähnlich verhält es sich mit Agambens eigenen Referenzen: Martin Heidegger und Carl Schmitt auf dem rechten Ende der Skala,1 Hanna Arendt in der Mitte und Walter Benjamin, Michel Foucault und Guy Debord auf deren linker Seite bilden die Bezugspunkte eines politischen Denkens, das die gewaltsamen Schlaglichter der Geschichte begrifflich fassen und erklären will. Ob dies mit einer theoriegeschichtlich völlig inkonsistenten Puzzelei überhaupt möglich ist oder ob sie nicht mehr vernebelt, als aufklärt, wäre zu untersuchen. Eine Linke, die bereits aufgrund der Thematik daran ein großes Interesse haben müsste, zeigt sich aber dazu kaum in der Lage.

Zu affirmativ und formelhaft fiel die Agamben-Rezeption bislang aus. Dessen politische Theorie, die im wesentlichen in der bislang in drei Bänden vorliegenden »Homo Sacer«-Buchreihe entfaltet wurde, reduzierte man auf positive Aussagen über die eigenen Arbeitsschwerpunkte bzw. destillierte aus den Schriften ein universelles Begriffsgeklingel heraus. In antirassistischen Gruppen freute man sich über Agambens Versuch, die Leerstelle politischer Subjektivität durch den Flüchtling und Staatenlosen neu zu besetzen, und sah darin die Antira-Praxis politisch ungemein aufgewertet. In der Restlinken fungierte der »homo sacer«, das Kerntheorem von Agambens politischen Schriften, lediglich als universelle Chiffre für gesellschaftlich ausgegrenzte Menschen.

Eine ernsthafte linke Diskussion um die Bücher lässt sich bislang kaum finden. Auch dem von Janine Böckelmann und Frank Meier herausgegebenen Sammelband »Die gouvernementale Maschine. Zur politischen Theorie Giorgio Agambens« gelingt es nicht, diese Lücke zu schließen, obwohl Unrast vor der Veröffentlichung begründete Vermutungen in diese Richtung zuließ. In dem dezidiert linken Verlag erschien jetzt allerdings keine gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit einem angesagten Theorieentwurf, sondern ein mehr oder minder dröges Uni-Buch, das sich wohl lediglich durch den Preis von der sonstigen geisteswissenschaftlichen Fachliteratur positiv abhebt, aber inhaltlich weit hinter den Erwartungen zurück bleibt.

Wie dem Vorwort der Herausgeber zu entnehmen ist, wurden die Beiträge in drei Bereiche untergliedert. »Zunächst sind die Artikel aufgeführt, die die grundlegenden gedanklichen Figuren herausarbeiten. Daran anschließend wird der Frage nachgegangen, inwiefern Agambens Thesen auf andere Fachbereiche und Phänomene übertragbar sind und in der Praxis Anwendung finden können. Ein dritter Teil schließlich beschäftigt sich mit dem Verhältnis Agambens zu anderen BezugsautorInnen.« Soweit, so nachvollziehbar. Wie die thematischen Blöcke dann mit Leben gefüllt wurden, muss aber verwundern. Während der »Homo Sacer« durch Johannes Scheu im Kontext von René Girards Opfertheorie betrachtet, das »Problem der Unentscheidbarkeit bei Agamben und Derrida« durch Elke Lachert gewälzt und der Messianismus in Agambens Kafka-Lektüre durch Vivian Liska dargestellt wird, kommen die für eine fundamentale Gesellschaftskritik wichtigen Fragen gar nicht vor. Zu allererst: warum schweigt sich Agamben über die Produktionsbedingungen aus? Warum wird die Schnittstelle zwischen Kapital und Staat von ihm überhaupt nicht betrachtet? Inwieweit ist gesellschaftliche Herrschaft an spezifische historische Konstellationen gebunden, oder inwieweit lässt sie sich ihrem Charakter nach überhistorisch rekonstruieren? Und daran anknüpfend: drohen seine Schriften nicht in eine sehr vereinfachende Totalitarismuslogik zu verfallen?

Lediglich Tilman Reiz streift in seinem Beitrag »Der Ausnahmezustand in dem wir leben. Politische Ordnung und entgrenzte Verfügungsgewalt« einen Aspekt aus diesem Fragenkomplex, indem er sich darum bemüht, das von Foucault entwickelte und von Agamben fortgeführte Biopolitik-Modell auf das Kapitalverhältnis zurück zu beziehen und damit das postmoderne Theorem materialistisch einzunorden. So schlägt er vor, auch die Reproduktion, also die materielle Versorgung des Einzelnen als Teil der Biopolitik zu verhandeln. »Marx‘ These etwa, dass sich der kapitalistische Arbeitslohn danach bemisst, was für die (…) Reproduktion der Arbeitskraft nötig ist, skandalisiert eine Einbindung von Lebensfunktionen, die zugleich politisch relevant und ökonomisch funktional ist. Biopolitik wird daraus, wenn kollektiv wirkmächtige Kräfte entweder nur das Niveau der Reproduktion zu steigern versprechen oder umgekehrt darauf aus sind, es für bestimmte Arbeiter wirklich auf das physisch Unverzichtbare zu reduzieren.«

Dies wäre ein erster, zarter Ansatzpunkt für eine kritisch-linke Diskussion, für die das vorliegende Buch aber leider keinen Raum lässt. Neben den Sachfragen müsste schließlich noch einmal grundsätzlich das theoretische Fundament Agambens umgegraben werden. So scheint es mir für die Auseinandersetzung mit seinem Werk notwendig, die in den 90er Jahren hitzig-geführten Diskussionen über das Spannungsverhältnis von postmoderner-poststrukturalistischer Philosophie und Kritischer Theorie noch einmal neu aufzulegen. Erste erfreuliche Schritte in diese Richtung gingen die röteln in dem Buch »Aber das Leben lebt nicht« (Verbrecher Verlag 2006), als auch Volker Weiß und Sarah Speck in »Herrschaftsverhältnisse und Herrschaftsdiskurse. Essays zur dekonstruktivistischen Herausforderung kritischer Gesellschaftstheorie« (Evangelisches Studienwerk, LIT 2007).

Weil Agambens Werk die Ursachen und den Charakter von heutiger gesellschaftlicher Gewalt und Herrschaft meint entschlüsselt zu haben, halte ich es für notwendig, seine Texte zu lesen und gewissenhaft zu diskutieren. Inhaltlich wird das aber wohl zu einem ernüchternden Befund führen: Agambens theoretischer Aufriss, der den gewaltsamen Kern unserer Zeit im spezifischen Verhältnis des Individuums zu Staat und Recht identifiziert, ist nicht nur fragmentarisch, sondern leider inkonsistent und halbgar ausgefallen. Nur wäre es zu bequem, ihn deshalb einfach links liegen zu lassen und mit einem genervten Augenrollen der weiteren Rezeption lediglich passiv beizuwohnen. Eine aufmerksame Agamben-Lektüre würde auf einer anderen Ebene nämlich noch eine kaum zu überschätzende ideologiekritische Funktion erfüllen: sie würde der Begeisterung für das Spektaklistische des Intellektuellen-Betriebs auf die Spur kommen und zumindest thematisieren, warum mit einem gesteigerten Maß an Performance, Verworrenheit und Wahnsinn, auch ein gesteigertes Maß an Popularität einher geht. Das vorliegende Unrast-Bändchen taugt für eine Erhellung dieser Problemstellungen aber nicht.

Janine Böckelmann, Frank Meier (Hg.) »Die gouvernementale Maschine. Zur politischen Philosophie Giorgio Agambens«, Unrast Verlag 2007, 218 S., 18 €.

Anmerkungen

  1. Gerade der Einfluss des deutschen Juristen und NS-Theoretikers Carl Schmitt auf aktuelle internationale linke Theoretiker wie z.B. Mouffe ist nicht zu übersehen und müsste noch einmal gewissenhaft untersucht werden. Gleiches gilt für die Rezeption von Schmitt durch die Kritische Theorie (v.a. Neumann, Kirchheimer und Benjamin).()

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