Wer Lust hat, sich über das Hören der Musik, das Herumschnorcheln im Internet und vielleicht das Sammeln der Platten und/oder Zines hinaus mit altem Hardcore/Punk zu beschäftigen, kann auf einen stetig wachsenden Stapel an Büchern zurückgreifen, die in den letzten Jahren zum Thema erschienen sind. Zu den klassischen Fanzine-Berichten sind mittlerweile daumendicke Geschichten über lokale Szenen, Fotobände und wissenschaftliche Arbeiten getreten. Man hat wirklich die Qual der Wahl. Ein weiteres Puzzlestück dieser Literatur bildet der vor kurzem erschienene Band »Network of Friends – Hardcore-Punk der 80er Jahre in Europa«, der hier vorgestellt werden soll. Bevor das aber geschieht, möchte ich mir eine persönliche Bemerkung erlauben.
Was das über mich und die Welt aussagt, weiss ich nicht: aber Hardcore/Punk kommt mir immer mehr wie ein musealer Lebensstil vor. Wer damit als Erstes solche Sachen assoziiert wie alles immer wieder in Frage zu stellen und ein Leben nach eigenen Regeln gegen die Mehrheitsgesellschaft zu führen (und ich sage nicht, dass das falsch ist), mag darüber den Kopf schütteln. Ab und an geh ich zwar noch auf ein Konzert, aber die Szene, die ich kennengelernt habe und in der ich mich ein paar Jahre bewegt habe, ist für mich nicht der Ort geworden, an dem die wirklich tollen Sachen für mich passieren. Bei allen netten Erlebnissen, trotz ein paar Freundschaften die gehalten haben und trotz Straight Edge.
Ein Leben zu führen, in dem sich die Freude an einer bestimmten Musik mit Freundschaft, Spass, der Lösung von eigenen Wert‑ und Stilfragen, der Bewältigung verschiedener Coming-of-age-Sorgen und dem politischen Kampf für eine vernünftig eingerichtete Welt zu etwas Ganzem verbindet, das ist eine Vorstellung, die ich mit Hardcore/Punk assoziiere und die mich ziemlich lange fasziniert hat. Vielleicht ist es einfach so, dass gerade deshalb, weil sich das in meinem eigenen Leben alles in etwas abgespeckter Version realisiert hat, die Beschäftigung mit bestimmten geschichtlichen Formen der Subkultur im Lauf der Jahre zu einem Freizeitvergnügen geworden ist, das sich als dauerhafter erwiesen hat, als der Wunsch dazuzugehören. Vermutlich bin ich da auch nicht der einzige. Auf diesem Weg bin ich jedenfalls auf eine Menge alter Musik gestossen, die mehr als einmal meinen Tag rettete, und auf alte Bands, mit deren Ideen, Ästhetik und Konzepten ich mich beschäftigen konnte. Besonders einige italienische Hardcore/Punk-Bands der achtziger Jahre – wie Wretched, Negazione, Declino, EU’s Arse und Kina – haben es mir angetan. Neben der Musik und den anarchistischen Texten liegt das nicht zuletzt an der italienischen Sprache, die irgendwie oft ein paar Silben zu viel für den Takt zu haben scheint.
Vor diesem Hintergrund war »Network of friends« für mich ein gefundenes Fressen. In langjähriger Arbeit hat der Plastic-Bomb-Redakteur Helge Schreiber ein sehr lesenswertes Porträt jener Szene zusammengefitzelt, in der sich in den Achtzigern die Musik und der Lifestyle des amerikanischen Hardcore-Punk mit der westeuropäischen Hausbesetzer/innen‑ und Juziwelt zu einer neuen Form linker Jugendkultur verbanden. Mit geographischen Schwerpunkten in Italien, Westdeutschland, den Niederlanden, Skandinavien und England hat diese zählebige Verbindung zur politischen und kulturellen Sozialisation zahlloser Leute beigetragen und besteht mit einigen Abstrichen bis heute fort.
»Network of friends«, passend betitelt nach einem Song von Heresy, ist weder ein Buch mit wissenschaftlichem Anspruch, noch ist es die, von einer einzigen Feder stammende Geschichte des westeuropäischen Hardcore/Punk. Eher gleicht das Buch einem großen, mit zahllosen Fotos gespickten Interview. Auf rund 250 Seiten kommen über 50 Protagonist/innen der damaligen Zeit zu Wort, Leute aus Bands, von Fanzines, Labelmacher. Es sind fast ausschließlich Männer. Wer Hardcore kennt, den überrascht das nicht. Schreiber hat ihre Statements eingesammelt, vermutlich auch selbst übersetzt und thematisch sortiert. Den einzelnen Abschnitten stellt er jeweils kurze Einleitungstexte voran, die einen Orientierungsrahmen für die übrigen Stimmen des Buches geben und eigene Einschätzungen enthalten. Es geht im Buch natürlich viel um lokale Szenen, Jugendzentren und besetzte Häuser, Bandgründungen, Tour-Stories, Songtexte, Plattenlabels, Szenekommunikation und Zines. Daneben spielen auch Hardcore-Begleitphänomene wie Straight Edge oder das Skateboarding eine Rolle, das hier in Form von Erinnerungen an eine gewisse Skate Brigade Marl gewürdigt wird. In den Kapiteln »Brit-Punk vs. Ami-Hardcore« und »Amerika zu Gast in Europa« ist dann etwas Raum für die Auseinandersetzung mit den teils mehr, teils weniger geliebten amerikanischen Vorbildern gegeben, die auch selbst zu Wort kommen und ein paar Eindrücke von ihren Europa-Touren zum Besten geben, so z.B. Ian MacKaye (Fugazi), Christopher Jones (Verbal Assault) und Henry Rollins (Black Flag). Der Abschnitt »Was wurde aus den Leuten?« und eine geographisch und alphabetisch sortierte Auswahldiskografie schließen das Buch ab.
Das Buch ist eine recht subjektive Darstellung und hat selbst ein bisschen Fanzine-Charakter. Das kann nerven, etwa wenn liebgewonnene Klischees gepflegt werden, wie das von den Ami-Bands, denen es nur ums Geld geht. So heißt es etwa im Einleitungstext zu »Amerika zu Gast in Europa«: »Der Austausch mit diesen [amerikanischen – N.] Bands war oftmals bemerkenswert gut und in den Folgejahren in vielerlei Hinsicht sehr fruchtbar. […] Erwähnt werden soll aber auch, dass viele amerikanische Bands aus rein kommerziellen Gründen in Europa auf Tour gingen und sich für Land und Leute herzlich wenig interessierten.« (S. 199) Sorry, aber da klingelt bei mir wirklich das Phrasenschwein. Solche Aussagen müssen einem aber nicht den Schlaf rauben, angesichts der Vielzahl der eingefangenen Stimmen, die sich durchaus widersprechen und es dem Leser/der Leserin nahelegen, sich ein eigenes Bild zu machen. Erhellend sind die Tour-Stories befragten amerikanischen Musiker, die auch von Vorurteilen und schrägen Diskussionen mit ihren Gastgebern zu berichten wissen.
Ian MacKaye erzählt: »Das war eine interessante Zeit. Es gab aber auch Orte, an die ich mich erinnern kann, wie z.B. in Belgien, wo es diese Diskussion gab, warum wir gekommen sind. Und ironischerweise stammte die Diskussion von der Person, die das Konzert veranstaltete. Er […] sagte: ’Ich denke, es ist scheiße, dass keiner kommt, wenn europäische Bands spielen, aber wenn ihr als amerikanische Band kommt, dann will jeder diese Band sehen. Das ist falsch, und ihr zieht aus dem europäischen System der Gastfreundschaft bloß euren Nutzen.’ Wir haben für unsere Konzerte keine Garantiegagen vereinbart, es gab keine Verträge. Wir haben nur sehr wenig Geld eingenommen und auch nicht erwartet, dass wir bezahlt werden. Wir haben erwartet, Musik machen zu können und Konzerte mit den Leuten zusammen zu erleben. Also hab ich dem Kerl gesagt, dass er sich verpissen soll, denn man lädt nicht jemanden zum Essen ein, sitzt da und bezeichnet einen als fett und gierig. […] Auf diesem besagten Konzert waren 200 Leute, es war ein richtig guter Abend […]. Diese Art von Diskussionen war schwer zu begreifen […]. Selbst wenn Du von Land zu Land gingst gab es diese schrägen Standpunkte gegenüber anderen oder anderen Ländern. Diese Art von Scheiße eben. Es hat gedauert, bis man verstanden hat, dass das auch nur Menschen sind.« (S. 200f.)
Sich durch die Stories und Statements der Leute zu lesen und die vielen Fotos und Flyer durchzuschauen beschert ein sehr unterhaltsames und kurzweiliges Lesevergnügen. Wer sich für den Euro-Hardcore der achtziger Jahre interessiert, wird an diesem Buch viel Freude haben.
Helge Schreiber (Hg.): Network of friends. Hardcore-Punk in den 80er Jahren in Europa, Salon Alter Hammer 2011, 255 S., 16,90 Euro.




Naldo
11.12.2011
P.S. Übrigens, wo ich gerade schon beim Thema Nostalgie bin – zur Zeit gibt es auf der ARD-Seite zu der Serie Verbotene Liebe, die ich seit einigen Jahren aus irgendwelchen Gründen phasenweise gern schaue, einen »VL-Weihnachtskalender«, in dem die Folgen 1–24 aus dem Jahr 1995 angeschaut werden können. In der Folge 4 treffen sich nun Jan und Julia, die sich tragischerweise in einander verliebt haben, ohne zu wissen, dass sie bei der Geburt getrennte Zwillinge sind, zum ersten abendlichen Date in einer miesen Rocker-Spelunke. Darin Langhaarige und Typen in Lederklamotten, die Julia, die als erste auf der Szene erscheint, genau so übertrieben schmierig, pfeifend und zungenschnalzend und grinsend anglotzen, wie das vielleicht nur gespielte Rocker im Fernsehen können. In der Luft liegen jaulende E-Gitarren-Klänge, von den verräucherten Wänden bröckelt der Putz und neben einem riesigen Kühlschrank voller Bierflaschen hängt – ein Jingo de Lunch-Plakat.