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Horst A. Friedrichs »I‘m One. 21st Century Mods«

Bei den Mods handelt es sich um eine rollerfahrende Jugendsubkultur, die in den 1960er Jahren aus der unteren Mittelklasse der Britischen Inseln entsprungen ist. Ebenso wie die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Gruppen von Rocker, Teds, Punks und Skins sind sie bis heute nie wirklich verschwunden. Während sich aber alle anderen Subkulturen intern weiter ausdifferenzierten (Psychobilly, Hardcore und Subgenres, diverse »-head«-Gruppen wie weiche Suedeheads, Cropheads,…) scheint es so, als sei bei Mods bis in die Gegenwart alles gleich geblieben. Mit »Quadrophenia« bekamen sie cineastische Ehren und von ihren muskalichen Gründungsvätern von »The Who« einen »movie with a message«, die besagte, dass Selbstmord nicht lohnte. Die Mods wurde fixiert auf ein Set von Appearence in Habitus und Kleidung, das sich filmisch, musikalisch und fotographisch leicht anzueignen war. Und es bis heute geblieben ist.

Der in Frankfurt geborene Fotograph Horst A. Friedrichs, hat mit seinem Wohnsitz London, dem Zentrum britischer Mode‑ und Subkultur, die beste Gelegenheit, das wiederholte Revival der Mods beobachten zu können. Das südlich gelegene und an Wochenenden äusserst beliebte Seebad Brighton, das in den 1960er Jahren Schauplatz grosser Schlägereien zwischen den aufgedressten Mods und den lederbehosten Rockern war, bietet noch immer die Kulisse für Treffen der Scooterfahrer (Vespa oder Lambretta) und Musik-Allnighter (Jazz, Soul, Beat, Ska, Northern-Soul…). Die grossen Schlägereien sind aber vorbei; es scheint sogar eine gewisse Öffnung der Szene gegeben zu haben. Bei einigen Bildern ist es schwer auszumachen, ob sie wirklich zwischen 2001 und 2008 entstanden sind, so sehr ähneln sie den Images der sechziger Jahre. Wo aber der »Underground« ist, den Paul Weller während seiner Zeit mit »The Jam« besungen hat, ist fraglich; Jugendsubkultur ist ein gesellschaftliches Segment, ungemein marktfreundlich und irgendwie mit relativ grossen finanziellen Ressourcen ausgestattet.

Friedrichs setzt seine Präsentation der »21st Century Mods« gelungen ins Bild. Eigentlich alle Elemente dieser Subkultur kommen in dem Buch vor: Musik und Tanz, aufgemotzte Roller, aufgemotzte Boys und Männer, aufgemotzte Girls und Frauen. Die Grundausstattung eines Mods auch nach der Jahrtausendwende sind ein Paar Desert-Boots, Jeans, Harrington-Jacke, Paisley-Schal, Button-Down-Hemd, oliv-grüner Parka und Kurzhaarschnitte. Und natürlich Anzüge. Soweit für die Herren, die die Roller steuern. Es wird klar: Zuviel Radikalität darf man nicht erwarten – auch nicht in Fragen der Geschlechterverhältnissen. Frauen nehmen mit Minikleider, Röcken, Rollkragenpullover und –pullundern, und Ponyfrisuren auf dem Sozius Platz. Für Frauen und Männer gilt: In den Schuhen sollte man zu Beat tanzen können. Alles sollte farbenfroh, aber nicht willkürlich bunt, sondern aufeinander abgestimmt sein; Accessoires bilden das ornamentale Element, in dem der und die Einzelne ihre Individualität und Kreativität im Umgang mit den den Mods eigenen Style-Codici beweisen können. Die Mode ist in einem eigentümlichen Sinne smart: weich, anpassbar und vor allem eindrucksvoll – im Aussehen wie im Preis.

Man kann sie zum Ausgehen, im Urlaub und wohl auch zu gehobeneren Anlässen tragen, ohne wie von der Stange zu wirken. Dies ist die Idee von Mod: Nicht aufzufallen durch die plumpe Durchbrechung der Konvention, sondern die Konvention zu durchbrechen durch ihre Maximierung. Die Maßanzüge sprengen die Bankkonten, die Kosten für Scooter, Magazine, Reisen, Partys auch. Anstelle der gesitteten Weekend-Feiern ihrer Bosse, zogen die Mods sich Speed und Amphetamine, um die 48 freien Stunden durchmachen zu können.

Für die elf Jahre, die Friedrichs die neu-alte Szene begleitet hat, sind jedoch leider wenige Aufnahmen in das Buch aufgenommen worden. Diese 140 Fotos bilden indes die Breite der Mods des 21. Jahrhunderts ab. Der Fotograph begegnet den Protagonisten der Subkultur mit Sympathie. Friedrichs ist ihnen ein Freund, der dokumentiert, so scheint es; einer der die Hochzeitsfotos knipsen darf – wie aber auch das vorherige Umkleiden. Der mit auf die Konzerte und Ausflüge kommt, dessen Einladung, fotographiert zu werden, man gerne annimmt. Was in »21st Century Mod« fehlt ist der Bereich des Shoppings, der Tätigkeit, die die konsumfreudige Haltung einer Jugendsubkultur ausmacht. Und weiterhin deutlich macht, woher die fesche Kleidung, in der man sich abends präsentiert eigentlich herkommt. War damals das Monopol der Londoner Carnaby Street allgegenwärtig, dauert der Kult um die Strasse der Jugendkultur fort. Mit den Stores von Merc, Fred Perry, Lambretta und Ben Sherman und den Mod-Läden Sherry‘s und The Face ist auch heutzutage die Angebotsseite für EinsteigerInnen gedeckt. Wo aber der »echte«, den ominösen Wurzeln verhaftete Mod seine Kleidung herbekommt, bleibt jedem und jeder – so Friedrichs impliziter Rat – selbst überlassen. Hauptsache es passt.

Interessant an Szenen und Subkulturen ist ja, dass hier unter der Selbstwahrnehmung und des Selbstbildes von Individualität, reproduziert wird, was im »erwachsenen« Leben Gang und Gebe ist: Rackets und Cliquen, die die vereinzelten Einzelnen approbieren und gegebenenfalls ein Fortkommen, gesellschaftliche Bewegung qua Zugehörigkeit ermöglichen oder nicht. Mods wollten besser aussehen und härter feiern als ihre Eltern. Sophisticated und smart rebellieren gegen stumpfe Lohnarbeit, der sie aufgrund des excessiven Konsums umso mehr zu folgen genötigt waren.

Von den ganzen Jugendsubkulturen, schien es kurzzeitig, als ob die Vorläufer der Mod, die »Modernists« auch einen intellektuellen Unterschied machen würden. Aber was die Mods betrifft, so ist offen, was eigentlich aus der Sartreschen Existenzialphilosophie und der Intellektualität geworden ist, die im Handgepäck aus Frankreich mitgebracht wurde. Vielleicht ist es die Zeile auch »My Generation«, die Pete Townshed sang: »I hope I die before I get old«. Und wenn dem so sei, solle man bitte gut dabei aussehen – damals wie heute.

Horst. A. Friedrichs: I‘m One. 21st Century Mods. München/Berlin/London/New York 2009 (Prestel). Gebundenes Buch, Pappband, 160 Seiten, 19,5 x 27,0 cm; 70 farbige Abbildungen, 70 s/w Abbildungen; € 29,95.

2 Kommentare zu diesem BeitragAuch was zu sagen?
  1. Hallo zusammen. Ich weiss das das hier nicht rein gehoert aber welches Theme verwendest du für deinen Blog? Kann man das irgentwo downloaden. Wirklich schick! :-)

  2. Hallo Harold, das Theme gibt es so nicht. Wir haben’s selbst gestaltet und zusammen geschoben. Sorry. Aber gute WordPress-Themes findest Du auf jeden Fall unter http://www.smashingmagazine.com

Auch mal das Maul aufreissen?

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