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Jan Off »Ausschuss«

Von Brigate

Kleinstadtpunker Burkhard ist gerade in die große Stadt gezogen. An einem schicksalhaften Abend schließt er Bekanntschaft mit der attraktiven Irina und dem beinamputierten Drogenhändler Krupp, dem er das abhanden gekommene Fortbewegungsmittel aus einem Container fischt. Seine Annäherungsversuche führen dazu, dass Irina sich mit ihrem kleinkriminellen Macker in seinem Bett einquartiert und auch sein dankbarer Bekannter hat alles andere als Glück. Im Auftrag eines Gangsters soll er die Übergabe eines mysteriösen Behälters abwickeln und kann sich dabei nicht sicher sein, ob nicht letztlich er selbst es ist, der da abgewickelt werden soll. In der Folge entwickelt sich eine sehr unterhaltsame Geschichte, der man allerdings ankreiden kann, dass sie oft nur auf einer beschreibenden Ebene verharrt, in der Motive einfach aneinandermontiert werden. Es ist jedes Mal ein Ratespiel, ob das gelesene Kapitel für den Fortgang der Geschichte irgendeine Relevanz besitzt, so etwa an Krupps Affaire, die Vorfälle auf dem Hotelzimmer der Yuppies oder den Gegenstand, der sich in dem geheimnisvollen Behälter befindet.

Ich lese mich also vergnügt durch halbgestrickte Socken und ehe ich mich versehe bin ich auch schon auf Seite 233, und erfahre unter anderem, dass der Autor 1967 in Braunschweig zur Welt kam, irgendwelche National Slam und German Grand Slam Preise gewonnen hat – ich vermute, hier geht es um Tennis oder Wrestling – und Mitglied der kulturbolschewistischen Internationale ist. Hm. Was kulturbolschewistisches kann ich in dem Buch nicht erkennen, ausgenommen, der Nachname der schönen Irina: Majakovski. Das könnte ja ein Bezug auf den großen Dichter Vladimir Majakovski sein. Aber vielleicht ist das mit dem Kulturbolschewismus so wie mit dieser zum Glück mehr und mehr aus der Mode gekommenen Sorte männlicher Jugendlicher, die drei Rage against the Machine‑, einen Bob Marley‑ und einen Hanfblatt‑ Aufnäher auf dem Rucksack haben und sich großzügig mit irgendwelchen hässlichen DDR-Anstecknadeln schmücken. Man stelle sich nun vor, diese Jugendlichen würden anfangen, Bücher zu schreiben.

Gut, sie würden sicher einiges anders machen als , aber auf eins könnte man sich, vorausgesetzt ihr häuslicher Abnabelungsprozess wäre schon so weit fortgeschritten dass sie nicht bei jedem Satz daran denken müssten, was ihre Eltern wohl dazu wieder sagen würden, verlassen: Sie sprächen eine Sprache, so hart wie das Leben selbst. Dass ein besonders abgeklärter Gangster dem/der LeserIn näher gebracht wird durch die Vermutung, er habe wohl früher für den Mossad gearbeitet lese ich dabei als augenzwinkerndes Kompliment für meinen Lieblingsgeheimdienst. Was aber ist mit Sätzen wie: »Jesus, sie war feucht wie der Turnschuh eines Marathonläufers.«?

Es stimmt, so soll man in der Klassenarbeit nicht schreiben, und ja, der im Buch ständig beschriebene Konsum von und Handel mit Drogen ist illegal. Aber: Das Subversionspotential ist gleich null. Der heutigen Literatur sind Kokain und Fickszene, was der Literatur des 19. Jahrhunderts die Nachtigall und Vollmond waren. Die Natur hat sich in der Zwischenzeit als bekanntlich schlechtes Versteck vor der kapitalistischen Rationalität erwiesen. Nachtigallen sind eben bloß Vögel, und so sehr es die dümmlichen Gesichtsausdrücke und das komische Gestöhne von den Leuten die so was machen es auch nahe legen könnten, das Ergebnis der sexuellen Befreiung ist nicht die gesellschaftliche, sondern der Versuch der Unterwerfung der Lust unter kapitalistische Rationalität um den reibungslosen (schmuddel!) Ablauf einer schrottigen Gesellschaftsform zu sichern. Die unmittelbare Erfahrung fügt sich da wenig ein, dass wissen alle, die von ihren Gefühlen mal so richtig weggeboxt wurden. Aber genau auf diese Erfahrung haben sie es abgesehen, egal ob Schnulze, anspruchsvoller Bildband oder authentischer Verliererroman.

Das richtige Buch für Leute die es leid sind, Mutti den unterm Hintern wegzuklauen.


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