Warte, warte nur ein Weilchen,
bald kommt der Schwarze Mann zu dir,
mit dem kleinen Hackebeilchen,
macht er Schabefleisch aus dir.
Wenn einem Abzählreim nach mehr als 80 Jahren noch immer spürbarer Grusel anhaftet, lässt sich das kaum über seine historischen Bezüge erklären. Walter Kollos musikalische Vorlage »Warte, warte nur ein Weilchen (bald kommt auch das Glück zu dir …)« mag sich hartnäckig im kollektiven Schlagergedächtnis halten – der Serienmörder Fritz Haarmann und sein Hackebeilchen mögen auf der Liste der Hannoverschen Prominenz auch über 80 Jahre nach seiner Enthauptung noch immer geführt werden; die finstere Faszination wirkt aber jenseits von der pervertierten Kitschoperette und dem zeitgenössischem Schreckgespenst.
Wie schon Fritz Langs Filmklassiker »M – Eine Stadt sucht einen Mörder« beginnt auch die Comic-Adaption »M« von John J. Muth mit diesem Abzählreim. Die Furcht vor dem schwarzen Mann und dessen triebhafte Natur sind das gemeinsame Thema beider Erzählungen, auch wenn Muth den Fokus von einer parodistisch überzeichneten Gesellschaft im Ausnahmezustand auf die Psyche des Mörders verschoben hat. Trotz der großen Nähe zur Vorlage ist seine Arbeit darum weit mehr als die moderne Bearbeitung eines populären Stoffes, und aus dem gleichen Grund ist sie erfrischend unergiebig für die aktuelle Debatte um Internetsperren oder ähnlich gelagerte Fragen der Politik. »M« stellt eine Frage subjektiver Moral und verwickelt den Leser in einen emotionalen Alptraum, ohne ihm die kritische und streckenweise humoristische Distanz der Filmvorlage anzubieten.
Wesentlich für die Wirkung der Graphic Novel ist Muths ungewöhnliche Arbeitsweise. Er hat das Drehbuch von Fritz Lang und Thea Harbou zunächst spielen lassen und diese Nachinszenierung abfotografiert. Die entstandenen Bilder hat er mit Silberstiften, Holzkohlestaub und Pastellfarben bearbeitet und dadurch in unterschiedlichen Stärken verfremdet, wodurch einige Panels wie unscharfe Fotos wirken, andere hingegen wie Gemälde, die den »Quasi-Fotorealismus« fast vollständig ablösen. Seit »M« in den 90er Jahren im Original erscheinen ist, mögen sich vergleichbare Effekte ein wenig abgenutzt haben (Rotoskopie-Filme wie »A Scanner Darkly«, diverse Musikvideos oder Werbespots wirken auf den ersten Blick ähnlich), aber das schlüssig komponierte Wechselspiel von Schärfe und Verfremdung zeigt auch heute noch Wirkung.

Neben der eigentlichen Erzählung enthält der Band ein (auch für Cross-Cult-Verhältnisse) enormes Mehr an Text. Neben Danksagung und Nachwort des Künstlers sind ein ausführliches Vorwort von Georg Seeßlen (12 Seiten) und ein Aufsatz von Jochen Ecke (6 Seiten) enthalten, die sich theoretisch versiert mit Film und Comic befassen. Leider sind vor allem Seeßlens Ausführungen zwar interessant, als Vorwort aber doch entschieden zu viel des Guten. Auch wer seine Begeisterung für Muths »Dialog zwischen allen diesen Kunst-Formen [Film, Fotografie, Zeichnung, Malerei, Montage, Komposition, Comic, Roman]« teilt, bedarf keiner Erläuterung vorab, um »M« mit Gewinn lesen zu können. Wahrscheinlicher ist sogar, dass die psychologische Dichte des Comics unter dieser Sensibilisierung für größtenteils formale Fragen leidet.
Erfreulich ist es aber dennoch, dass Muths »M« zehn Jahre nach seiner Erstveröffentlichung nun doch in einer sorgfältig edierten deutschsprachigen Gesamtausgabe erschienen ist. Und nicht nur wegen der Geschichte selbst, sondern auch weil wirklich lesenswerte »Klassiker aus der Postmoderne« einen gewissen Seltenheitswert haben.
Jon J. Muth: »M – Eine Stadt sucht einen Mörder«, Cross Cult, 192 S., Harcover, 25,00 €



