Klaus Holz/u.a. (Hg.) »Die Verneinung des Judentums«

Von Hanno Plass

Antisemitismus als religiöse und säkulare Waffe

Der Band des Colloquiums »Antisemitismus« aus dem Jahr 2008 des Duisburger Instituts für Sprach‑ und Sozialforschung (DISS) ist schillernd betitelt: »Die Verneinung des Judentums«. Ist hiermit gemeint, Antisemitismus negiere im Hegelschen Sinne von aufheben, bewahren und auf neuem Niveau zur Geltung bringen? Oder meint es im ganz alltagssprachlichen Gebrauch der Verneinung als Aberkennung der Geltung, Realität und Gestalt des Judentums? Diese Frage bleibt spezifisch unbeantwortet. Die Antwort, zu der sich die Herausgeber bereit finden ist die simple Wahrheit, dass das Judentum – weder in der Form der subjektiven Religiösität, noch der objektiven Religion – Verantwortung für antisemitische Schein-Argumente trägt.

Von diesem, durch Wolfgang Benz und Klaus Holz belegten, Resultat kommt schon die Einleitung. Es folgen mehr oder minder interessante, anregende und ansprechende Beiträge so unterschiedlicher AutorInnen wie Kurt Lenk (emeritierter Politiologe an der RWTH Aachen), Andreas Disselnkötter (Mitarbeiter der Tribüne – Zeitschrift für das Verständnis des Judentums), Heiko Kauffmann (Mitbegründer und langjähriger Sprecher von PRO ASYL), Moshe Zuckermann (Geistes‑ und Sozialwissenschaftler an der Tel Aviv University), Jochen Müller vom Verein ufuq.de – Jugendkultur und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft, Regina Wamper, Jobst Paul und Siegfried Jäger vom DISS, Uwe Puschner und Gregor Hufenreuter vom Friedrich-Meinecke Institut, Klaus Holz (Generalsekretär der Evagelischen Akademien in Deutschland) und Yves Kugelmann (Chefredakteur des jüdischen Wochenmagazins tachles, sowie weiterer in der Schweiz ansässiger Zeitschriften).

Wesentlich gibt der Sammelband die Vorträge des Colloqiums wieder. So sind die meisten Artikel auch in einem essaystischen Stil gehalten. Es werden Diskussionspunkte mit abgedruckt und auch der Anmerkungsapparat ist zumeist auf ein Minimum reduziert. Dadurch wird die Fülle der Beiträge (re‑)präsentiert aber zugleich auch die weitergehende inhaltliche Argumentation beschränkt. Wie das Colloquium aufgebaut war, wird nicht verraten. Die Herausgeber strukturierten das Buch letztlich nach drei Gesichtspunkten: »Historische Analysen«, »Jüdische Perspektiven« und »Aktuelle Analysen«, die unterschiedlich gewichtet wurden. Während die »Historischen Analysen« nur zwei Artikel (Lenk und Hufenreuter/Puschner) umfassen, werden drei »Jüdische Perspektiven« referiert und ein Gespräch zum Thema angeführt. Die »Aktuellen Analysen« bilden den Hauptteil des Bandes, der auch die problematischsten Beiträge beinhaltet. Einerseits einen Text von Moshe Zuckermann, der mittlerweile von jeder noch so instrumentellen Vernunft befreit scheint. Zuckermann schreibt, dass der Krieg von Hamas und Hisbollah gegen Israel wesentlich anti-zionistisch motiviert sei, jedoch – so steht es in Klammern – »eventuell auch antisemitisch durchsetzt« sei. Zuckermann resumiert: »Wer noch immer nicht den Unterscheid zwischen Judentum, Zionismus und Israel, mithin zwischen Antisemitismus, Antizionismus und Israel-Kritik begriffen hat, wird zwangsläufig miteinander vermengen, was auseinandergehalten gehört« (S. 106) Die Frage, wie aber Antisemitismus (vor und nach Auschwitz) mit Anti-Zionismus und Israel-Kritik vermittelt sind, bleibt bei den bornierten und verblendeten Anwürfen gegen »Anti-Deutsche« unbeantwortet. Dies sollte aber bei Zuckermann, der Feinde Israels (wie bei der Konferenz »Stop the Wall« 2004 in Köln oder der Hamburger Tierrechts-Aktion Nord) noch kritisch-theoretisch beweihräuchert, leider nicht verwundern.

Weitaus diffiziler ist es mit dem Beitrag von Klaus Holz1, der um die »Paradoxie der Normalisierung« kreist.2 Denn die von Holz wortreich und erfrischend dargebotene ,Figur des Dritten‘, auf die seit seiner Habilitationsschrift alle seine Theorie hinausläuft und die er zirkulär durch sich selbst zu belegen versucht. Problematisch wird, dass die Genese des Antisemitismus in dem Resultat der Theorie verschwindet: wenn die a-historische und abstrakte ,Figur des Dritten‘ etabliert ist, kann sie nicht mehr darüber Auskunft geben, weswegen sie gerade am Antisemitismus entwickelt wurde. Mehr noch: Sie kann nicht über die Spezifik des Antisemitimus – why were the Jews sacrificed3 – aufklären, sondern verliert begriffliche Schärfe in sozialwissenschaftlichen Allgemeinplätzen: die Trias aus A vs. B, A und B vs. C, ist anwendbare Sozialtechnik. Mit Aufklärung über die Gesellschaft hat sie aber nichts mehr zu tun.4

Diese inhaltlichen Schwächen werden von interessanten Beiträgen von Jobst Paul, Jochen Müller und Siegfried Jäger nicht aufgewogen. Die zahlreichen redaktionellen und gestalterischen Schlampereien tun ihr übriges: Das Buch sieht nicht nur so öde aus, wie Diskursanalyse oftmals ist (sofern sie nicht genötigt ist, ideologiekritisch zu sein), sondern hätte auch ein sorgfältiges Lektorat nötig gehabt.

Klaus Holz/Heiko Kauffmann/Jobst Paul (Hrsg.): Die Verneinung des Judentums. Antisemitismus als religiöse und säkulare Waffe (Edition DISS, Bd. 22), Münster 2009, 22 Euro.

Anmerkungen

  1. Es sei daran erinnert, dass Holz neben Elfriede Müller und Enzo Traverso einer der Autoren des zu Recht heftig kritisierten Dossiers »Schuld und Erinnerung« in der Jungle World, 47/2002 war; dieses sei entgegen der späten Veröffentlichung schon im Mai desselben Jahres bei der Redaktion der Jungle World eingereicht worden, aber erst spät veröffentlicht, worduch es ,mißverständlich‘ geworden sei, wie Holz bei einem Vortrag in Hamburg im April 2007 sagte. Der als Kommentar zu Politik Israels gegenüber den palästinensischen AraberInnen intendierte Artikel wurde im Mai 2002 abgeschlossen, zu einer Zeit, in der es die meisten Toten Israelis durch Suicide-Attacks gab: 210 von Anfang März bis Ende Mai. Ende März, nach 131 Toten durch Selbstmord-Bomber, startete Ariel Sharon die Operation »Schutzschild«, die den Selbstmord-Terror effektiv einschränkte. Die Einordnung des »Dossiers« als in das Spektrum des antisemitischen Antizionismus durch Lars Rensmann (Demokratie und Judenbild, Wiesbaden 2005, S. 318f.) führte auf dem Fachportal H-Soz-U-Kult zu heftigen Auseinandersetzungen, die hier nachzulesen sind: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006–1–056.()
  2. Diese »Paradoxie der Normalisierung« bezieht sich auf einen deutschen Nationalismus, der nach 1945 sich als ,normal‘ oder als aus der ,bürgerlich‘ ausgibt, aber um eben ,normal‘ zu sein, antisemitische Stereotypie tradieren und eine Verdrängung der Schuld und Verantwortung für die Katastrophe reproduzieren muss.()
  3. So der Titel eines Essays von Anson Rabinbachs in der New German Critique: »Why were the Jews Sacrified? The Place of Anti-Semitism in the Dialectic of Enlightment«, New German Critique, N0. 81 (Herbst 2000), S. 49–64.()
  4. Die vorgebrachten Anhaltspunkte einer Kritik harren einer Entfaltung.()

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