Navigation

Klaus Theweleit »Tor zur Welt«

Von Hannes

Als im Herbst 2003 die Krise deutlicher sichtbar war als je zuvor, als die Arbeitlosen nicht weniger wurden; als in München eine Art Rote Armee Fraktion in Braun ausgehoben wurde; als die CSU eine Zweidrittelmehrheit schaffte; als die Hälfte der Leute in Bayern nicht mehr zur Wahl ging; als die Regierung in Berlin schwankte und schleuderte‑ da redeten alle, alle, alle über einen Fußballtrainer, der im Fernsehen »Scheißdreck« gesagt hatte.
Holger Gertz, Süddeutsche Zeitung im Oktober 2003


Du Runder, der das Warme aus zwei Händen.
Im Fliegen, oben, fortgiebt, sorglos wie
sein Eigenes; was in den Gegenständen
nicht bleiben kann, zu unbeschwert für sie,

zu wenig Ding und doch noch Ding genug,
um nicht aus allem draußen Aufgereihten
unsichtbar plötzlich in uns einzugleiten:
das glitt in dich, du zwischen Fall und Flug

noch Unentschlossener: der, wenn er steigt,
als hätte er ihn mit hinaufgehoben,
den Wurf entführt und freiläßt –, und sich neigt
und einhält und den Spielenden von oben
auf einmal eine neue Stelle zeigt,
sie ordnend wie zu einer Tanzfigur,

um dann, erwartet und erwünscht von allen,
rasch, einfach, kunstlos, ganz Natur,
dem Becher hoher Hände zuzufallen.

Rainer Maria Rilke – Der Ball


»Zeig mir« sprach zu mir ein Dämon, »zeig mir das Symbol des Menschen, und ich will dich ziehen lassen.« Ich darauf, mir meine schwarzen Stiefel von den Zehen ziehend, sprach: »Dies, Dämon, ist des Menschen schauerlich Symbol; ein Fuß aus grobem Leder, nicht Natur mehr, doch auch noch nicht Geist geworden; eine Wanderform vom Tierfuß zu Merkurs geflügelter Sohle.« Als ein Bildnis des Gelächters stand ich da, ein neuer Heiliger. Doch der Dämon, unbestimmbar seufzend, bückte sich und schrieb mit seinem Finger auf die Erde.

Christian Morgenstern – Das Symbol des Menschen

Klaus , mindestens auffällig geworden mit Männerphantasien und der Könige, hat nun auch ein über Fußball geschrieben. Und in nicht einmal mehr 2 Wochen treffen sich die europäischen Fußballverbände auf portugiesischen Rasenflächen um die beste Mannschaft unter sich zu ermitteln. Dieses sportliche Großereignis wird mehr sein als ein wichtiges Turnier – zumindest ein oft bis zur absoluten Emotionalität gesteigerter Wettkampf. Außerhalb wahrscheinlich noch mehr als innerhalb des grünen Feldes. Zu großen Teilen werden sich die europäischen Nationen in ihren Mannschaften wiedererkennen und auf einen Sieg, vielleicht den Meistertitel, hoffen. Fragt man einen Fan, wie ein Spiel ausgegangen sei, wird man oft hören: »Wir haben gewonnen.«/»Wir haben verloren.« Die Europameisterschaft vermittelt kollektive Identität. Auf dem Rasen, so kann es scheinen, steht weniger die bloße Landesauswahl, als die Nation als Ganze zur Disposition. Zugespitzt könnte das gelesen werden, und in der Tat, das wurde es, als eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln.
Allein schon diese holzschnittartigen Überlegungen führen zum Nachdenken über die gesellschaftliche Bedeutung des Fußballs. Dass dieser Sport mehr Interesse auf sich zieht als beinahe alle anderen medienpräsenten Ereignisse ist das phänomenale Eine, das Andere ist die theoretische Herausforderung einer Interpretation seines Funktionierens in der Gesellschaft: Fußball als Moment im überbaulichen Geflecht, Fußball als Militärersatz zur soldatischen Ertüchtigung, Fußball als Männerdomäne und Macho-Welt, usf.

Im Kapitel »Fußball ist Krieg« seines Buches ‑ Fußball als Realitätsmodell bewegt sich Klaus mehr oder weniger an solchen Fragen entlang und schlägt sich konträr zur Überschrift auf die Seite derer, die meinen, Fußball sei eher kein Krieg. gibt sich nicht als Mann der harten Thesen; der Gestus seiner Gedanken ist ein anderer: es geht behutsam und filigran zu. Angefangen mit autobiographischen Annäherungen an den kleinen Klaus und dessen Gekicke in Hinterhöfen mit einer Schweinsblase als Ball, seinem getürkten Auswürfeln des deutschen Meisters bis der Richtige gewonnen hat, hin zu detailliertesten Analysen einzelner Spielabläufe während der Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Korea. Über das Modell Fußball erschließt sich dem jungen Flüchtlingskind die Geographie Europas anhand der Vereinsnamen sowie durch das Mädchenausschlussprinzip schon auf dem kindlichen Bolzplatz die Differenz der Geschlechter.

thematisiert Fußball in derart vielfältigen Zusammenhängen, dass es sinnlos wäre, diese hier summarisch wiederzugeben. Ob er nun den von einem spezifisch niederländischen Raumverständnis ausgehenden Spielstil oder mit Vilém Flusser die Auswirkungen einer zunehmend digitalisierten Welt auf das Denken und Spielen abwägt, er wendet sich immer den »artistischeren« Seiten des Spiels zu und treibt sich nomadisch an den verschiedensten Orten des Phänomens Fußball herum, immer auf der Suche nach etwas aphoristisch Analysierbaren. Aber was ist damit geleistet‑ besser: warum kann es sich lohnen, es zu lesen?

Zunächst, wer wie am Anfang dieses Artikels konkrete Fragen an das richtet, etwa nach der gesellschaftlichen Dimension des Fußballs, wird sich stiefmütterlich behandelt sehen. Das ist auch nicht radikal – jeder muss enttäuscht werden, der sich Provokation erhofft. Hier wird keine Theorie entfaltet, schon gar keine in herkömmlichen Sinne kritische. Klaus Theweleits Schreiben kommt im Ton teilweise unbeschwert daher, wartet allerdings fast ständig mit verblüffenden Beobachtungen auf. Eines der vielleicht zitierwürdigsten Beispiele: weist mit abgedruckten Standbildern des WM-Endspiels Brasilien- (Endstand 2 : 1 für Brasilien) in Einzelheiten nach, dass die Stellung von Schiedsrichter Collina zweimal das Abspiel von Didi Hamann auf die einzig anspielbaren Spieler Metzelder, bzw. später Ziege, unmöglich gemacht hat und Hamann so den Ball an den Brasilianer Ronaldo verlor, der schließlich das 1 : 0 für Brasilien erzielte.

Das Besondere und in der Fußballliteratur soweit ich weiß tatsächlich Einzigartige an ist seine Art der detailverliebten Betrachtung. Der Blick des Lesers wird beinahe chaostheoretisch für die Mikrobetrachtung des Spiels geschärft. sensibilisiert für die Feinheiten einer Sportart, die nicht selten unter dem Signum des Kriegsersatzes und der Disziplinierungsmaschine abgeheftet wird. Ohne diese höchst spannende Facette außer acht zu lassen, legt das Bekenntnis eines Fans zu seiner Passion nieder. Fußball, derjenige Breitensport, mit den meisten Anhängern quer durch alle sozialen Gruppen, bringt es mit sich, dass sich selbst die kritisch Gewillten der Faszination des Leders aus einem unerklärten Grund nicht entziehen (können). So bemängelt die häufig geschmacklose Junge Welt, dass es bei »kribbelt« wenn die deutsche Nationalmannschaft spielt. Sicherlich wird sich noch der ein oder andere mehr plötzlich dabei ertappen, wie er beim nächsten Deutschlandspiel denkt, »hoffentlich gewinnen wir!« (Bislang zum Glück nicht. – Anmerkung der Layoutabteilung) Entschieden ohne der Renaissance eines plumpen deutschen Nationalbewusstseins das Wort reden zu wollen, lese ich Theweleits »Kribbeln« weniger als nationalistische Entgleisung, sondern vielmehr als Ausdruck der Ambivalenz von Lebensverstricktheit und Denken in das ideologische Raster nationaler Identität. Möglicherweise ist die Europameisterschaft der Ort, dieses Verhältnis in seiner Heterogenität schärfer in den Blick zu nehmen. So kann man am eigenen Selbst vielleicht erfahren, wo Kritik zu beginnen hat.

Fußball ist eine Faszination. wird dem gerecht. Das Feld ist ein offenes!

(erschienen bei Kiepenheuer & Witsch 2004/8,90 Euro)


Artikel: versenden versenden   Drucken Drucken

Technorati Del.icio.us Digg Yigg Mr.Wong Webnews Netselektor Blogmarks Linkarena Newsvine 

Es wurde noch kein Kommentar abgegeben.

Reiss die Fresse auf:

XHTML: Du kannst die folgenden Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>




Schubladen
Surftipps
  • Faites Votre Jeu!
  • Communique1
  • Kittkritik