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Kolja Mensing »Minibar«

Von Niklas

Eigentlich ist es ja Wettbewerbsverzerrung ein Buch zu rezensieren, das ich während einer Zugfahrt gelesen habe, und zwar ganz bestimmt nicht zum Vorteil des Werkes. Auch wenn die immer gleich erscheinende Aussicht (hier: eine best-of-collection Deutschlands traurigster Agrikultur‑ und Industrielandschaften) einen förmlich dazu zwingt sich auf etwas anderes zu konzentrieren, ist es doch unmöglich ein Buch so in seiner vollen Tiefe – soweit vorhanden – zu würdigen.

Der bei ICEs eigentlich begrüßenswerte Komfort eines kaum wahrnehmbaren Fahrgeräusches wird spätestens durch die Unmöglichkeit, die als Gespräche getarnten Belanglosigkeiten anderer Reisender zu ignorieren, getrübt. Gespräche, die ohne jegliche Form von Spontaneität auskommen und die so sicher sitzen wie der Betonscheitel von Ulrich Meyer, dessen neueste Enthüllung das peinliche Schweigen der beiden Wehrdienstleistenden vor mir immerhin um ganze 5 Minuten unterbrochen hat.

Der letzte Rest kontemplativer Bemühungen wird durch die zahlreichen Zwischenstopps zunichte gemacht. Die jeweiligen Bahnhöfe wären ohne die Hinweisschilder kaum auseinander zu halten, sie wirken wie in architektonische Formen gegossene Zeugnisse des gescheiterten Versuchs, ihre durchweg rationalisierte Funktion ästhetisch zu verkleiden (dass sie dennoch alle ganz individuell von unglaublich erfolgreichen Kreativköpfen entworfen wurden, versteht sich von selbst).

All das wird nur noch von dem Fremdschamgefühl übertroffen, das sich bei dem Versuch der Lokführer einstellt, das neue Klassenziel »zweisprachige Ansagen« (deutsch und vermutlich englisch) zu erfüllen…

Wer also jemals in romantisierender Art und Weise über das Erlebnis einer Zugfahrt geschrieben hat, muss diese zu einer anderen Zeit, in einem anderen Land und ganz bestimmt mit einer anderen Bahngesellschaft unternommen haben. Sich wirklich in ein Buch vertiefen geht so jedenfalls nicht. Wieso hat es bei Kolja Mensings »Minibar« dann doch funktioniert?

Dies begründet sich zunächst einmal in der ganz profanen Tatsache, dass es sich bei dem Buch nicht um eine zusammenhängende Story, sondern um mehr oder weniger lose miteinander verbundene Kurzgeschichten handelt, was das Lesen unter solch widrigen Umständen erheblich erleichtert. Viel bedeutender allerdings ist, dass es bei ihm – im Gegensatz zu dem, was heute sonst so Popliteratur genannt und als solche verkauft wird – nicht darum geht, den mit ausreichend Identifikationspotential ausgestatteten und vermeintlich coolsten Antihelden seit Bukowski zu präsentieren, dessen mit Pathos aufgeladene Lebenswelt zwangsläufig mit dem Erleben der eigenen Realität kollidiert. Die Geschichten in »Minibar« wirken gerade deshalb, weil sie in einem Milieu der Alltäglichkeit angesiedelt sind. Sie handeln von gewöhnlichen Menschen und deren Verhältnis zu einander, plastisch wird das beschrieben, was Adorno »lonely crowd« genannt hat, »ein Sich-Zusammenrotten von Erkalteten, die die eigene Kälte nicht ertragen, aber auch nicht sie ändern können.«

Deshalb kann man das Buch auch in so ernüchternden Umgebungen wie einem überfüllten Bahnabteil lesen. Viele der Geschichten erheben nämlich gerade solche Situationen zum Gegenstand der Erzählung; besonders und lesenswert gemacht werden sie durch die Art des Erzählens, durch eine Schreibweise, die, ohne es seitenlang auszuexerzieren, einfach durch die sorgfältige Wahl der Wörter die jeweiligen Realitäten als das entlarvt, was sie sind.

Eine Geschichte über einen mit Hausbesuchen beschäftigten Wärmetechniker z.B. endet mit dem Satz: »Später sagte er, dass er an diesem Abend zum ersten Mal daran gedacht hatte, sein ganzes Leben mit einem Streichholz und einem Benzinkanister in Flammen aufgehen zu lassen.« Auf gerade einmal zwei Seiten wird die aus den Produktions‑ und Reproduktionsbedingungen der bürgerlichen Gesellschaft resultierende Routine so überzeugend illustriert, dass der Glaube an ihre Vorzüge zumindest auf einer emotionalen Ebene demontiert wird. Der Schreibstil ist dabei ruhig und präzise, er wertet durch die Auswahl der beschrieben Handlungen und Erfahrungen und nicht durch eine störend eingefügte Moral.

Viele der im Buch beschriebenen Szenarien kommen ohne große Handlung aus, oft spielen sie sich nur in einem Raum ab. Die Charaktere existieren ohne Namen, werden oft nur über ihre Funktion beschrieben, kurz: sie sind austauschbar. Letztlich spiegeln die Geschichten pointiert das wieder, was einen ohnehin umgibt. Nur mit einem weitaus höheren Unterhaltungswert, und das ist schon mal ziemlich viel.


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  1. […] (Beatpunk, 24. März 2008) […]

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