Witze über das Ausdrucken im Webbrowser anguckbarer Dinge werden aufgrund ihres unsagbaren Alters heute kaum noch gemacht. Die darin veräppelte Tätigkeit gehört allerdings noch immer zu den schrecklichsten Dingen, die sich der durchschnittliche Internetheini selbst unter größter Anstrengung vorstellen kann.
Auszüge eines Webcomics auf Papier zu veröffentlichen, ist für manche darum weit mehr als nur ein Wechsel des Mediums oder ein Zeichen des Erfolgs, sondern mindestens anachronistischer Quatsch, wenn nicht gar Verrat an der Zukunft oder etwas ähnlich Schrecklicheres. Leo Leowald – Zeichner im »Zwarwald« und einer der ersten Webcomic-Macher in Deutschland – hat solche Probleme erfreulicherweise nie gehabt, oder er konnte die ideologische Hürde zumindest ohne größere Schwierigkeiten nehmen. Mit »Stopptanz« hat der Reprodukt-Verlag gerade bereits die dritte Ausgabe seiner gesammelten Online-Werke herausgebracht.
Beatpunk-Leserinnen kennen die gekrakelten Momentaufnahmen aus dem Leben eines sympathischen, regelmäßig an den alltäglichen Unzumutbarkeiten des Lebens scheiternden Erzählers aus Titanic, Spex oder Jungle World – oder von zwarwald.de. Die Geschichten sind selten länger als eine Seite und umfassen dabei meist vier Panels. Sie folgen einem persönlichen Blick auf das Leben, ohne dabei übermäßig privat zu werden und handeln vom (Illustratoren)alltag, Zwischenmenschlichem aller Art und schwer zu fassenden Beobachtungen der absurden Normalität um uns herum.
Der grobe Freihandstil wird begleitet von einer oft sonderbar gestelzten Sprache, die völlig frei ist von plumpen Wortwitzen oder einordnender Milieukarikatur; als würde Leowald sich bemühen, den Gedanken so verlustfrei wie nur möglich auf wenige Zeilen zu bringen. Die scheinbar widersprüchliche Verbindung von geschliffener Sprache und reduziertem Zeichenstil ist das Besondere an diesen Strips und trägt dazu bei, dass die Pointen oft irgendwo knapp jenseits des Dargestellten zu liegen scheinen, nicht immer ganz leicht zu verstehen und fast nie erklärbar sind. Erstaunlich ist vor allem die plötzliche Schönheit des adäquat ins Comic verdoppelten Elends: »Splendid isolation« denkt sich der Erzähler auf dem Rückweg von einer fühlbar unangenehmen Party und es klingt wie ein Gedicht.
Die Frage nach dem Humor ist ähnlich schwierig zu beantworten wie die nach dem politischen Gehalt und dabei genauso müßig. Beide sind weder belehrend noch anbiedernd und beides spricht eher aus der, als für die Szene. Ins Regal sortieren könnte man »Stopptanz« irgendwo in Sichtweite der Rattelschnecks und direkt neben Max Goldt.
»Stopptanz« ist nicht besser (und nicht schlechter) als die anderen Zwarwald-Auskopplungen, was vermutlich der ewigen Kontinuität des Webcomics zu verdanken (oder anzulasten) ist. Vielleicht liegt es aber auch am Leben selbst, bei dem es – genau wie beim Zwarwald – gut ist, dass es weitergeht, auch wenn nicht gerade nicht so viel passiert. Mit Blick auf den Vorgänger »Raues Sitten« lässt sich zumindest festhalten, dass es auch mit Nachwuchs scheinbar noch Geschichten zu erzählen gibt, die sich um andere Dinge drehen. Eine gute Nachricht, muss man sagen.
Wer Freude an gedruckten Ausgaben hat, bekommt hier von Reprodukt eine schöne: Das Format räumt den Strips angemessen viel Platz ein, die Auswahl ist gelungen, der Druck hochwertig und das Buch gut verarbeitet. Wer das nicht hat (oder gar zu den oben angesprochenen Gestalten zählt) darf die 18 Euro aber natürlich auch sparen und weiterhin umsonst im Internet unter www.zwarwald.de vorbei schauen.
Leo Leowald: Stopptanz, Reprodukt, 192 S., 18 x 16,5 cm, Klappenbroschur, 18,00 Euro.



