Von Nellie
»The angel would like to stay, awaken the dead, and make whole what has been smashed.« (W. Benjamin)
Will man dem Leid der Shoah‑Überlebenden einen Namen geben, ist das Scheitern angesichts solcher Null-Vokabeln wie »posttraumatische Belastungsstörung« unausweichlich. So notwendig derartige Etikettierungen für Justiz, Medizin oder Psychologie sein mögen, so instrumentell und leer sind sie aber, um das von Menschenhand verübte Grauen in seiner Wirkung reell zu erfassen. Dass Trauer, Demütigung und Gewalterfahrung nicht nur die direkt Betroffenen ein ganzes Leben lang verfolgen, sondern auch deren Kinder, ist mittlerweile als das Phänomen der »transgenerationellen Traumata« bekannt.
Besonders typisch ist hierbei eine Art »Leerstellenbiographie« der eigenen Familie – Kinder erfahren durch ihre Eltern hauptsächlich von Verlust, Tod und Entwurzelung, wobei das Schweigen allerdings die größte Rolle spielt. So muss das ahnungslose Kind sich über Andeutungen, Schuldzuweisungen, Identifikation mit ermordeten Familienangehörigen einen Erinnerungs-Flickenteppich herstellen, aus dem das eigene Leben nur schwer gelöst werden kann. Die eigenen Erfahrungen verschmelzen mit dem Leid der Eltern und werden somit ebenfalls leidvoll. Die Komparatistin Marianne Hirsch bezeichnete diese Art der »verschwiegenen« Gedächtnisweitergabe insbesondere von Überlebenden des Holocaust an die 2. Generation bereits als »post-memory«. Zunehmend problematisiert wurde dieser hochkomplizierte Generationenkonflikt ab den 1980er und 90er Jahren, als die Kinder von Holocaust‑Überlebenden erwachsen ihre Erfahrungen reflektieren konnten. Jenseits der üblichen Eltern-Kind-Probleme ist die Familiensphäre an einer ganz empfindlichen Stelle durchbrochen: Sind Eltern idealerweise Subjektvorbilder für das Kind, in der Erwachsenenwelt verankert und demnach in der Logik des Kindes auch für diese verantwortlich, kann es angesichts des unsäglichen und unverschuldeten Leids, dass die Eltern durchgemacht haben, nur verstummen. Oft wird von Betroffenen geschildert, die gesamte Kindheit lang eine unerträgliche Last getragen zu haben: gleich dem angelus novus im Benjaminschen Aphorismus zur Geschichte, wünschen sie sich, den Schmerz der Eltern zu lindern und zu heilen, was durch die nationalsozialistischen Mörder für immer zerstört wurde. Angesichts dieser unmöglichen Aufgabe ist es nicht verwunderlich, wenn das eigene Leben als unwichtig, als Substitut für die Toten wahrgenommen wird.
Es ist insofern von den Betroffenen selbst als auch in der theoretischen Beschäftigung mit diesem Thema ein hohes Maß an Vorsicht geboten. Auch wenn die Anzahl von Publikationen, Filmen und künstlerischen Auseinandersetzungen mit dem Leid der zweiten Generation stetig wächst, ist niemals zu vergessen, dass die Opfer der Elterngeneration einen ungleich schwereren Stand hatten: sie haben ihre Familien, Freunde, erstgeborenen Kinder für immer in den Gaskammern verloren. Nach dem Krieg geborene Kinder hatten zumindest die Chance, ihr Leben zu gestalten – auch, wenn sie ein schweres Erbe antraten. Es ist immer wieder erkennbar, dass auch Kinder von Überlebenden sich keinem »Opferdeterminus« fügen wollen, obwohl sie ebenfalls schlimme Schädigungen durch die Verbrechen der Nazis erlitten haben. Die daraus entstehenden Konflikte sind in den letzten Jahrzehnten auf ganz verschiedene Weise bearbeitet worden, wobei an dieser Stelle besonders das literarische Werk der Israelin Lizzie Doron von Interesse sein soll.
In ihren drei bisher auf Deutsch veröffentlichten Büchern hat sich Doron, die in Israel als Tochter einer Auschwitz‑Überlebenden geboren wurde, immer wieder den Auswirkungen der Shoah auf die Opfer und deren Kinder gewidmet. Als Folie nutzte sie die eigene Biographie: aufgewachsen in einem Randbezirk Tel Avivs, in dem sich hauptsächlich osteuropäische Juden nach dem Krieg ansiedelten, waren Beschädigung und Angst, Verlust und Schweigen ihre ständigen Begleiter durch die Kindheit. Nach dem Tod ihrer Mutter verfasste sie den in biographische Fragmente zergliederten Roman »Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen?«, der die Versuche der Mutter würdigt, im Nachkriegs-Israel erneut ein menschenwürdiges Dasein aufzubauen.
Ihr zum Bestseller avancierter Roman »Ruhige Zeiten«, wiederum in Tel Aviv angesiedelt, beschäftigt sich besonders mit den Bewohnern ihres Viertels, die im Friseursalon des Quartiers darüber streiten, ob jemand eine »leichte« oder eine »schwere« Shoah hatte. Alltägliche Schönheitsfragen lassen sich nicht ohne den Verweis auf die Läuse in Auschwitz diskutieren, auch lässiger Smalltalk wird hier nicht betrieben. Todessehnsucht als Motivation für den Kosmetikbesuch? Nach ihren Wünschen gefragt, antwortet Ida, die als einzige Bewohnerin ihres Schtetls dem Erschießungskommando entkam, stellvertretend für alle anderen Bewohner des Viertels: »Ich bin hier, wie alle, nur zu Besuch. Machen Sie mir eine schöne Frisur. Wissen Sie, die Engel sind wie die Menschen – wenn sie eine schöne Frau sehen, wollen sie sie haben.«
Doron gelingt immer ein besonderer Ton – Respekt ist die Ebene, auf der sie sich den Figuren nähert, egal wie viel Hässliches sie erlebt haben oder wie versponnen sie auch scheinen mögen. In Israel gehören ihre Bücher bereits auf den Schullehrplan – was nicht zuletzt daran liegen dürfte, dass sie auch vielen Israelis eine Stimme gab, die zwar in einem jüdischen Staat lebten, aber dennoch erst spät als Verfolgte der Nazis anerkannt wurden. Nicht selten wurde in den ersten Jahren nach dem Krieg in Israel die Frage gestellt, warum man überlebt habe. Das Misstrauen saß aufgrund der Erfahrungen mit Kollaborateuren und Kapos tief, Empathie für persönliche Motivationen und individuelle Leidenswege war schwer vorauszusetzen – schließlich war aus dem Nichts ein neuer Staat aufzubauen. So erschien Schweigsamkeit und Verdrängung als einzige Lösung, um Ablehnung zu vermeiden. Viele nach der Shoah eingewanderte Juden schildern erst den Prozess gegen Eichmann im Jahre 1961 als neuralgischen Punkt in der kollektiven Auseinandersetzung der Israelis mit den nationalsozialistischen Verbrechen.
Unlängst, im Sommer 2007, sorgte eine israelische Sammelklage von 4000 Kindern von Holocaust‑Überlebenden gegen Deutschland für Aufsehen. So empfindlich war das deutsche Opfer-Gebaren lange nicht gestört worden – zur Debatte standen nämlich Entschädigungszahlungen für Psychotherapiekosten und Arbeitsausfälle aufgrund kindheitsbedingter psychologischer Schäden. Leider ist bis heute nicht klar, was daraus geworden ist. Es hieß, sollte Deutschland sich auf die Verjährungsfrist berufen, würde der Fall in Den Haag verhandelt werden – um eine Präzedenz dafür zu schaffen, dass genozidale Verbrechen unentschuldbare Schäden hervorrufen, die auch folgende Generationen betreffen.
Kurz nach dieser nicht nur bei den braunen Kräften in Deutschland sehr wirksamen Nachricht erschien die deutsche Übersetzung von Dorons drittem Roman, »Der Anfang von etwas Schönem«. Doron selbst hatte sich zwar kritisch zu der angestrengten Klage geäußert, da sie befürchte, die deutsch-israelischen Beziehungen können zu sehr belastet werden. Doch kann man die geschilderten Symptome der Kinder Überlebender sehr genau an ihren Protagonisten ablesen.
Zwei Männer, eine Frau – und doch ist es alles andere als eine »normale« Dreiecksgeschichte. Alle drei sind Kinder von Auschwitz‑Überlebenden, nicht mehr ganz jung, nicht alt, aber zumeist weit vom Leben entfernt. Malinka, die sich seit ihrem Erwachsenenalter nur noch Amalia nennt, um nicht mehr polnisch zu klingen, ist Radiomoderatorin in Tel Aviv, ihr Lieblingslied ist »Schweig still mein Kind, hier wachsen Gräber«. Als sie es eines Tages in ihrer Sendung als »Schlager aus dem Lager« ankündigt, wird sie entlassen. Zudem ist ihre Schwester Michaela ihr im Kampf um die Liebe der Mutter stets überlegen gewesen, ihre Beziehungsbiographie ist desaströs, Einsamkeit bestimmt ihr Leben. Als ihr Kinderfreund Chesi wieder in ihr Leben tritt, hofft sie darauf, dass es diesmal die Liebe ist, die sie endlich aus dem Schatten der Vernichtung herausholt. Doch stattdessen möchte der Historiker Chesi mit ihr das polnische Judentum wieder auferstehen lassen, die erste gemeinsame Reise geht nach Krakau und nicht nach Paris, als Souvenir kommen Grabsteine in den Koffer. Missverstandene Gesten und tief sitzende Schmerzen machen die Tragik dieser Geschichte aus. Chesi, der im zweiten Teil des Buches selbst zu Wort kommt, hat alles ganz anders wahrgenommen. Er kämpft in der akademischen Welt als Spezialist für Denunziationen im besetzten Frankreich für die Wahrheit. Seine Mutter lebt mit den Jahren immer mehr in der Vergangenheit, und ihre Erinnerungen treiben ihn an. »Am nächsten Tag schickte sie mir eine Zeichnung, die einen SS-Offizier zeigte, der eine Frau auspeitscht. ‚Ich hob nischt gesen mer licht, ich hob nischt gehert mer musik, ich hob nischt geschmekt mer rojsn.’- Seit damals habe ich kein Licht mehr gesehen, keine Musik gehört, keine Rosen gerochen. […] Men hot mich farbrent. Man hat mich verbrannt.« Er möchte mit Amalia zusammen sein, doch ist besessen von der Idee, Hitler nicht den letzten Sieg zu lassen – ein »judenreines Europa«. Dass es zuviel für Amalia ist, merkt er nicht. Die dritte Figur innerhalb dieser vertrackten Konstellation ist Gadi, »Hinkebein« genannt, der Amalia seit seiner Kindheit liebt. Er ist zwar ausgewandert nach New York, doch zieht es ihn immer wieder nach Israel zurück. In den tristen Straßenzügen seiner Kindheit fühlt er sich zwar schlecht, doch zu Hause. Erst als die Verbindung mit Amalia ein fatales Ende findet, zeichnet sich die Hoffnung auf ein eigenes Leben ab.
Es ist erschreckend angesichts solcher Zeugnisse, dass Geschichtsklitterung und Schlussstrichattitüde auch jenseits rechter Kreise salonfähig geworden sind. Denn was Chesis Mutter im Halbwahn auf ihre Zeichnungen schrieb, ist auch für die Figuren und ihre realen Entsprechungen traurige Gegenwart: Keine Farben, keine Musik, keine Rosen.
Ausgerechnet Martin Walser, der sich durch seine plumpen Schuldverschiebungsbedürfnisse völlig indiskutabel gemacht hat, schrieb 1962 im Vorwort zu Elie Wiesels »Nacht«-Trilogie, dies sei »die einzige Literatur, die notwendig ist.« Doron tritt als Sprecherin der zweiten Generation würdig in Wiesels Fußstapfen. Selten ist so sensibel ein Bild der Auswirkungen der Shoah auf die israelische Gesellschaft gezeichnet worden. Intellektuell und literarisch hochwertig begegnet sie den Opfern und deren Kindern und entreißt sie somit der Gleichgültigkeit.
Lizzie Doron:
– »Der Anfang von etwas Schönem«. 258 Seiten, 19,90 €, Jüdischer Verlag Frankfurt a.M. 2007.
– »Ruhige Zeiten«. Frankfurt a.M. 2005.
– »Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen?«. Frankfurt a.M. 2003.
Weitere empfehlenswerte Belletristik zum Thema:
– Eva Menasse, »Vienna«
– Viola Roggenkamp, »Familienleben«
– Irene Dische, »Großmama packt aus« & »Fromme Lügen«
– Lily Brett, »Zu viele Männer«
– Robert Schindel, »Gebürtig«
– Jurek Becker, »Bronsteins Kinder«
XHTML: Du kannst die folgenden Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>
Keine Kommentare
Zum Kommentar - Formular | Kommentare als RSS-Feed [?] | trackback uri [?]