Lizzie Doron »Es war einmal eine Familie«

Von Hanno

Vor wenigen Wochen hat der Jüdische Verlag von der preisgekrönten israelischen Autorin Lizzie Doron, die 1953 geboren wurde, das Buch veröffentlicht. Quasi naturgemäß ist dessen Protagonistin Elisabeth ein »Fall der zweiten Generation.« Quasi naturgemäß, da die gesellschaftlich bedingte Erfahrung, Kind einer Überlebenden der Shoah zu sein, Elisabeth erst als Begriff zukommt, als die Sozialarbeitern des Krankenhauses nach dem Tod von Elisabeths Mutter, Helena, den Arzt leise unterrichtet: »Herr Doktor, wir haben hier einen Fall der zweiten Generation.«

»Es war einmal eine Familie« erzählt – wie der Titel mitteilt – die Geschichte einer Familie. Ausgangspunkt ist der Tod der Mutter, von dem aus die Tochter die traditionellen sieben Trauertage (Shiva) in dem Tel Aviver Viertel ihrer Kindheit und Jugend verbringt. Die Tage und Nächte in der Wohnung, die seit dem Krankenhausaufenthalt Helenas verwaist gewesen war, erwecken bei ihr die Vergangenheit, die sie mit dem Wegzug hinter sich ließ, wieder zum Leben. Die ›vergangene Gegenwart‹ – die Geschichte ihrer Mutter – drängt sich Elisabeth durch die Freundinnen der Mutter auf, die zur Shiva in die alte Wohnung kommen. Diese ›vergangene Gegenwart‹ ist das gemeinsame Schicksal Helenas und aller ihrer Freundinnen, die nun an die Tochter herantreten. Genia und Sonia überlebten Auschwitz, Itta Theresienstadt. Für Elisabeth war Theresienstadt Ittas Nachmane: Itta von Theresienstadt. Die Frauen repräsentieren das Gemeinsame mit der verstorbenen Helena. Alle stammen aus einem geschichtlichen Ort: den Vernichtungs‑ und Konzentrationslager, alle teilen den Grund weswegen sie dort ermordet werden sollten: sie sind jüdisch. Sie machen der Tochter ihre Mutter, nicht als Mutter, sondern als Überlebende greifbar. Denn als Helena, bei der Post als Adresse »Auschwitz, Baracke 2, gegenüber vom Krematorium« angab, oder als die Lehrerin nachfragt, ob Helena in Elisabeths Alter auch so hübsch ausgesehen habe, die Antwort bekommt, Helena habe keinen Spiegel gehabt, versinkt die Tochter in Scham, rebelliert und versucht so dem Schatten der Shoah zu entfliehen – etwa indem sie mit ihrem ersten Lover im Auto flieht.

Ruhe findet kein Bewohner des Viertels. Alle Überlebenden existieren in zwei Welten: der des Tages und der der Nacht. Während sie tagsüber die Funktionen wahrnehmen, die nötig sind, um die Familie zu ernähren – eine Anstrengung, die stets von Trauer und Erinnerung, Hinweisen auf die zerstörte Herkunft durchwoben ist – verwandeln sie sich nachts in die lebenden Toten, die die Katastrophe aus ihnen gemacht hat. Sie sind nicht zu neuem Leben erweckt und ebenso wenig zur letzten Ruhe gelegt.

Für die Kinder wie Elisabeth, Dov, Uri, Rivka, Ascher… ist die Shoah ein übermächtiges Moment ihrer Individuation – nichts, das mit der Niederlage der Deutschen abgeschlossen war. Vor allem wenn die Eltern versuchten, ihre Kinder vor der eigenen Vergangenheit zu bewahren, gelang es ihnen nicht, denn die Male und Narben, die ihnen die Katastrophe zugefügt hatte, wirkten zu tief.1 Zwar hatte keines der Kinder eine natürliche Familie – das Ensemble an Personen konnte aufgrund des Fehlens der Familienmitglieder kaum hergestellt werden –, aber eine neue Geschichte begann nach dem Verständnis der Eltern mit der Geburt der Kinder: ihr Leben hatte einen Sinn. Helena feierte zweimal Geburtstag: einmal am 8. Mai, einmal bei der Geburt ihrer Tochter.

Die Kinder waren der Sieg der Eltern über die Nazis, der lebende Beweis, dass die Intention, das jüdische Volk auszurotten, nicht gelungen war. Die panische Angst der Eltern in Israel war der Armeedienst und der Fronteinsatz der Kinder. In den Kriegen, die die Kinder ›bekamen‹, geriet die Hoffnung auf den Sieg der Eltern verloren: »…da man unsere Kinder tötet, verlieren wir auch noch den Krieg von damals.« Die Eltern, die die Vernichtung überlebt hatten, konnten sich nicht mit dem israelischen Pathos des Opfers für die jüdische Heimstatt identifizieren. Zwar sollten die Kinder kämpfen können, um zu leben, aber keinesfalls weil es gut sei zu sterben. So schrieb Helena an Elisabeths Heimatkundelehrer Schatz. Wiederum aus Scham hatte Elisabeth den Brief aber nicht abgegeben und hielt jetzt, nach dem Tod der Mutter, ihr Testament in den Händen, wie die alte Freundin Chajale sagt.

Der Tod der Mutter und die Erinnerungen der auch sie überlebenden Überlebenden bringen keine weitere Klarheit für Elisabeth. Alle Rückschau und Vergegenwärtigung der Ereignisse schaffen Fakten her. Wie der Nachname der Mutter im gesamten Buch nicht auftaucht und Doron sie auch nicht mit einem solchen Briefe zeichnen läßt, so bleibt auch ihr realer Geburtstag unbekannt. Wovor sie zeitlebens ihr Kind schützen wollte – darin auch den anderen Eltern gleich – hat sie nicht geschafft. Die Traumata der Eltern leben fort durch die Kinder.

Der Originaltitel enthält den Zusatz »Hier«: »Es war hier einmal eine Familie«. Der Ort ist das Viertel in Tel Aviv. Eine Familie im strengen Sinne bestünde nur aus Helena und Elisabeth. Aber alle Nachbarn sind Teil dieser Familie. Diese selbst ist nicht eine isolierte, sondern ein durch die gemeinsam und einzeln durchlittene Geschichte konstituierter Schicksalsverbund. Ebenso liegt die verdrückte Frage nach der Herkunft darin: Woher man die Menschen kennt – von »dort«, Europa und den Lagern, oder von »hier«, dem Nachkrieg. Und auch die Frage von Örtlichkeit in den Metaphern von »Hier« und »Dort« bleibt randständig. Die konkreten Orte sind Auschwitz und Tel Aviv. Alles andere ephemer und dadurch gerade vorausgesetzt: dass Shiva gesessen wird, dass auch Elisabeth wie alle ihrer Altersgenossen zur Armee geht, dass im ganzen Viertel Überlebende leben, dass Israel das Auffangbecken der Überlebenden und Staat der zweiten und dritten Generation ist. Dieser Rahmen dringt immer wieder in die Handlung des Romans, der Erfahrungen eben dieser zweiten Generation nicht nur zur Grundlage, sondern das Erfahren, zweite Generation zu sein, zum Thema hat.

Mirjam Pressler, eine der bekanntesten und anvanciertesten Übersetzerinnen des Hebräischen – sie übersetzte nicht nur bisher alle Romane Lizzie Dorons, sondern auch Aharon Appelfeld, Zeruya Shalev, Batya Gur –, gelingt es fabel-haft die Beschriebung von Jugenderinnerungen und Gegenwart zu verbinden. Sprachlich fließen beide Sphären ineinander. Was in der Welt nicht getrennt ist, wird auch nicht durch die Sprache auseinandergerissen: die gegenwärtige Vergangenheit.

Lizzie Doron: Es war einmal eine Familie, Jüdischer Verlag, Frankfurt am Main 2009, gebunden, 143 Seiten, aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler, 16,80 €

Anmerkungen

  1. Was sich hier fast subjektivistisch in einer familiären Konstellation ausdrückt, ließe sich auch theoretisch ausdrücken: kein Moment der Welt nach Auschwitz blieb von der Katastrophe unberührt. Die Vernichtung des europäischen Judentums war nicht nur die Vernichtung unschudliger Menschen, sondern ebenso das Ende jeglicher ephemerer Hoffnung auf eine vernünftige Einrichtung der Welt, da keine gesellschaftliche Kraft oder Theorie den Henkern in den Arm gefallen ist – und auch in keiner Weise Restitution verschaffen konnte und kann. Die Kinder der Überlebenden wachsen auf in einem Schatten, der ihnen vordringlicher und gewaltiger ist, und in Personen auftritt. In den europäischen Gesellschaften lebten kaum noch Juden nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.()

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