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Mark Greif »Bluescreen«

Würden Sie ein Buch lesen, in dem der Autor das Altern lobt, die Prozesse der Reife und des Erwachsenwerdens; der etwas auf Vernunft, Maß und Moral hält; der sich anschickt, qualitative Zeit den Absurditäten von TV und unkonsumierbarem Reichtum vorzuziehen; der eine Vorstellung von Fortschritt als Beschleunigung verwirft und stattdessen nach dem sinnvollen Leben fragt; der hofft, dass sich die aus einer unzumutbaren Gesellschaft resultierenden zwischenmenschlichen Zumutungen abmildern lassen? Ein Buch, in dem die allgegenwärtigen Liberalisierung des Sex’ nicht puritanisch verdammt, sondern einer Befreiung der Sexualität das Wort geredet und im gleichen Zuge die Nötigung des Sexzwanges kritisiert wird; in dem realpolitisch eine einhundertprozentige Besteuerung von Jahreseinkommen über US$ 100.000 und ein Grundeinkommen von US$ 10.000 für jeden Bürger gefordert wird. Bedingungslos. Um Freiheit und Individualität zurück zu gewinnen und Erfahrungen als reale Größe der Gesellschaft wieder zu geben? Ja, nein, vielleicht.

Die Frage wird sich während der Lektüre von Mark Greifs »Bluescreen« auch jenseits seiner konkreten Thesen als obsolet erweisen. Denn ein gewichtiger Vorteil Greifs ist sein virtouses Schreiben. Seine Essays stechen aus der grauen Menge der Konfektionsessays in Deutschland hervor. Zugleich: sie haben ein amerikanisches Sendeformat, ihre Inhalte sind kontextbezogen und sind dadurch die bundesrepublikanischen Erscheinungen gelegentlich nur streifend, nicht treffend. Aber trösten wir uns: »de te fabula narratur«, wusste uns Marx über den Siegeszug des von ihm in England analysierten Kapitalismus vorherzusagen.

Warum, so läßt sich die Erkenntnis der ort‑ und zeitgebundenen Entstehung von Greifs Essays, umdrehen, ist solch ein Buch nicht im deutschen Kulturbetrieb denkbar? Fehlt die Offenheit des Themas, die amorphe Form, verträgt sich das spielerische, das künstlerische nicht mit KULTUR? Oder geht der ‘subjektive Faktor’, sich als Autoren nicht auszuschließen vom Prozess der Reflexion, kein allgegenwärtiger gestrenger Erzähler sondern leibhaftig involviertes Mitglied der Gesellschaft zu sein, gegen die guten Sitten?

Eine Reihe möglicher, sich keinesfalls ausschließender Antworten: Zum einen gibt es wenige, die sich ähnlich wie Mark Greif von der geschliffenen Festung der Akademie ins Essayistische und Künstlerische hinüberbeugen. Allenfalls tauchen sie als politische oder zeitgeschichtliche Kommentatoren auf. Umgekehrt dilletieren viele Kulturschaffende in den Nischen und Zwischenräumen der Akademie (in ihren Trümmern?). Zum zweiten sind Essays in deutschen Zeitungen kaum leicht oder spielerisch, sondern ernst und massiv. Es fehlt ihnen an dem Kindlichen, das Adorno am Essay schätzte, kurz: es sind katechistische Belehrungen in der jeweilis geforderten Länge, die sich noch zum wissenschaftlichen Artikel ausbauen ließen (sogenannte Schubladentexte, die uns in mancherlei Festschrift wiederbegegnen).

Zum dritten gibt es kein geeignetes Publikationsformat, das sich Essays annehmen könnte und zugleich eine gewisse Relevanz besäße. Im popkulturellen Bereich sind schöne und wichtige Zeitschriften marginal, große gewichtige banal und unwichtig. Zum vierten: Greif ist Jahrgang 1975 »jung« – ein Attribut, das in jedem noch so abseitigen Moment als allgemeines Kennzeichen der n+1-Autoren als common denominator herbeigezerrt wird. Was die ergrauten Eminenzen hier implizieren: in diesem Alter würde es kaum einem jungen Mann(!) einfallen, sich mit solch einer Chuzpe in Deutschland bekannt und beliebt (oder unbeliebt) zu machen. Allein dass Greif in den USA einen gewissen Erfolg in literaturwissenschaftlich-akademisch-intellektuellen Zirkeln hat, macht ihn kommerziell für den hiesigen Buchmarkt interessant. Auf unserer Seite des Atlantiks würde ein Mittdreißiger zurechtgestuzt, den Altvorderen, deren Vorrecht in Publizität und Publizistik besteht, nicht den Platz streitig zu machen. Einzig als Epigonen wird den Jüngeren hierzulande ein Weg bereitet. Oder als einer der vielen dummen oder dreisten intellektuellen Bankrotteure, deren aufgeblähter Konformismus zwischen Spex, Spiegel und Neon eingefasst ist.

Sprache ist ein schwieriges Medium: die Gefahr mißverstanden zu werden groß, die Gewissheit, verstanden zu sein, selbst unter Freunden und Geistesverwandten, ein Glücksfall. Vielleicht bedarf es der Anregung, die Mark Greif Dank der treffsicheren und galanten Übersetzung Kevin Vennemanns bietet. Vielleicht führt »Bluescreen« zu gut gemeinten creative-writing-Seminaren. Vielleicht führt »Bluescreen« jedoch ein Stück dorthin wo meine Hoffnung liegt: »Utopia in Our Time!«. Sicherlich ist das Buch eines, nämlich aus der Laufbahn der kulturindustriellen Produktion heraus getreten.

Mark Greif: Bluescreen. Essays, aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben von Kevin Vennemann, Berlin 2011, Broschur, 231 Seiten, 15 Euro.

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