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n+1-Research (Hg.) »Ein Schritt weiter«

Mit »Ein Schritt weiter« hat Suhrkamp die wichtigsten Essays der ersten fünf Ausgaben der US-amerikanischen Zeitschrift n+1 in deutscher Übersetzung herausgebracht und macht damit die nonchalante Mischung aus Popkultur und Theorie, den Ansatz der Zeitschrift, Kulturkritik als Gesellschaftskritik zu verstehen nun auch für das deutschsprachige Publikum interessant.

In Zeiten des intellektuellen Niedergangs und des postmodernen anything goes ist es umso schwieriger, »weder von der eigenen Ohnmacht, noch von der Macht der anderen sich dumm machen zu lassen.« Die Redlichkeit der modernen Intellektuellen – von Jean Améry über Hanns Mayer bis zum gerade zitierten Theodor W. Adorno – hat unter den neuesten Aushängeschildern der gesellschaftlichen Diskussion, oder besser gesagt unter denen, die sich dafür halten mögen, nicht mehr dieses scheinende Licht, wie es noch vor ein paar Jahren am Horizont zu sehen war. Das liegt an den gesellschaftlichen Zuständen, in denen so etwas, wie ein gepflegter Umgang – auch mit denen, die dem eigenen Denken vielleicht nicht nahe stehen – schon von vorneherein als Eingeständnis inhaltlicher Schwäche angesehen wird – und man sich deswegen lieber in stumpfer Polemik keine Blöße zu geben versucht; aber auch an den vorgeschriebenen Verhaltensweisen, die – korrumpiert durch die kulturindustrielle Verwahrlosung intellektueller Basisbanalitäten – es als erwiesen schlau erachten, wenn ein Moderator fünf Worte aneinanderreihen kann ohne sich selbst zu widersprechen und man ihn deswegen mit bescheuerten Preisen, wie dem Bambi lobpreist. Der durchaus postmoderne Trend, dass mit besagtem anything goes auch plötzlich jeder etwas zu sagen hat, führte zu allerlei Trugschlüssen und Dummheiten, die weder die gesellschaftlichen Protagonisten, noch die selbsternannten Kritiker der Verhältnisse reflektierten; dazu, dass Begriffe, wie »digitale Bohème« und anderer Quatsch plötzlich en vogue wurden. Dabei ist doch das, was hier vorherrscht, kaum zu übersehen. Während die dumpfe Masse gegenstandslos von Termin zu Termin hetzt, wollen ein paar wenige (die immer mehr werden) ihr selbstausbeuterisches Tun als emanzipatorischen Fortschritt attestiert bekommen – frisch, fromm, fröhlich, frei und selbstbestimmt wird gearbeitet, was das Zeug hält. Die Zumutung liegt dabei weniger in der Selbstbestimmtheit der eigenen Arbeit, sondern in der Bankrotterklärung des mündigen und kritischen Geistes, der – es scheint trotz aller Bekundungen so – seinen Frieden mit den Verhältnissen gemacht hat und nicht wahrhaben will, dass mit dieser Vision eines freieren Lebens der Laden auch nur am Laufen gehalten wird. Die Hoffnungsschimmer dieser Welt sind an einer Hand abzuzählen. Man muss dankbar sein, dass es beispielsweise noch einen Dietmar Dath gibt, der bis vor kurzem zwar für die konservative FAZ, dafür aber in brillianter Art und Weise die Schlechtigkeiten dieses großen Beschisses dort anspricht, wo es weh tut – nämlich auch am eigenen Leib.

In ähnlicher Art und Weise trifft das auf die US-amerikanische Teiljahreszeitschrift n+1 zu. Erst 2004 im Wohnzimmer von Mitherausgeber Keith Gessen von ein paar jungen, talentiert und überaus schlauen Absolventen verschiedener US-Elite-Unis gegründet, zog man in die unmittelbare – und mit ziemlicher Sicherheit auch bewusst gewählte – Nähe zum New Yorker Punkerschuppen CBGBs, in dem sich unter anderem Patti Smith, die Ramones und William S. Burroughs die Klinke in die Hand gaben. Das Redaktionsteam, dem kollektive Wahrnehmung wichtig ist und das dementsprechend als n+1-Research auftritt, tingelte seitdem durch den publizistischen Blätterwald der US-amerikanischen Zeitungslandschaft. Während man mit n+1 als Kollektiv Essays zum Zeitgeist im linksliberalen und linksintellektuellen Feuilleton unterbringt, sind die einzelnen Redakteure auch durchaus selbstständig tätig. Benjamin Kunkel etwa veröffentlichte 2006 den Bestseller »Unentschlossen«,  Keith Gessens Debütroman »All the Sad Young Literary Men« ist im April 2008 in den USA erschienen.

Was n+1 und die dahintersteckenden Individuen auszeichnet, ist ihr Stil. Wütend im Unterton, unzufrieden mit den Verhältnissen, weiß man dennoch um den Umstand, dass man auch sich selbst in prekären Sphären bewegt, Kompromisse eingehen muss, um sich nicht vollends aufzureiben. Dies erfolgt jedoch immer mit dem Anstand, sich nicht völlig zu verraten. n+1 hat mehr Fragen als Antworten, stochert im Nebel herum, stellt unbequem fest und will »gemein sein« – ist indes aber überaus smart. Indem man sich ein besonderes Thema herauspickt und anspricht, den großen Zusammenhang darüber hinaus jedoch immer erkennen lässt, »in der Obduktion des Alltäglichen die DNA der realen Machtverhältnisse« also findet, versinken die AutorInnen gerade nicht im Mikrokosmos der Beliebigkeit spezifischer Selfmade-Avantgardisten, die denken, dass die Beschäftigung mit nur einem, nämlich ihrem speziellen Thema gleichzeitig Allwissenheit generiert.

Derlei akademisch-romantischer Scheiß dient lediglich der Selbstlegitimierung eines geistigen Fachidioten-Betriebs, der nur noch positivistisch erkennen kann, anstatt aus den geleisteten Erkenntnissen Schlüsse zu ziehen, die über den Zustand an sich hinausweisen, ihn zumindest aber erträglicher machen könnten. Gespickt mit Widersprüchen, die kein pures Schwarz/Weiß-Schema zulassen und sich deswegen immer im dialektischen Fortschritt befinden, stellt sich n+1 in die Tradition alter US-amerikanischer linker Publikationen, wie Dissent oder Partisan Review. Man sieht sich als »Sozialforschungsinstitut, das zufällig die Form eines Literaturmagazins angenommen hat« und erinnert mit dieser Selbstbetitelung nicht zufällig an die frühe Kritische Theorie, als diese vom universitären Betrieb noch nicht zur Frankfurter Schule verhunzt wurde. »n+1«, heißt es im Magazin der New York Times, »versucht einen Generationenaufstand anzuzetteln gegen Faulheit und Zynismus, erneut eine Lanze zu brechen für kreativen Enthusiasmus und intellektuelles Engagement.« Dass dabei Langsamkeit, Ernsthaftigkeit und Geduld zu Tugendenden erklärt werden, um der schnellebigen Generation, der man selbst angehört angemessen zu begegnen, ist ein weiterer Verdienst der Redaktion.

Manches liest sich in »Ein Schritt weiter« nicht ganz so flüssig. Wenn etwa philosophische Querbezüge und literarisches Fachwissen auftauchen, von denen man noch nie gehört hat. Auch, wenn auf inneramerikanische Diskussionen eingegangen wird, das Namedropping überhand zu nehmen droht oder man auf das spezielle Thema einer Abhandlung einfach keine Lust hat. Überdies sind selbstredend nicht alle Schlüsse und Überlegungen zu unterschreiben, wie dies zunächst ja immer der Fall sein sollte, um eine fruchtbare Auseinandersetzung nicht zu sabotieren. Wenn man jedoch – getreu der n+1-Maxime – das große Ganze nicht aus den Augen verliert, kann man nach der Lektüre von »Ein Schritt weiter« eine ganz fundamentale Einsicht erringen, die hoffen lässt: trotz allem gibt es noch jemanden, der sich mit den Verhältnissen nicht abgefunden hat und dabei gleichzeitig spöttisch und sehr ernsthaft sein kann.

n+1-Research (Hg.): Ein Schritt weiter. Die n+1-Anthologie. Frankfurt/M. 2008, aus dem Englischen von Kevin Vennemann. 293 S., EUR 12.

2 Kommentare zu diesem BeitragAuch was zu sagen?
  1. Sehr nette Rezension, vielleicht wäre sie noch etwas netter, wenn drinstehen würde, worüber diese n+1 eigentlich schreiben, und was für eine Art Progress/«Veränderung des Ganzen« sie sich vorstellen. Das nervt mich auch bei diesen Adorniten, wenn sie balls hätten, würden sie zum Klassenkampf aufrufen, finde ich immer. Aber das liegt wohl an diesen Kulturjobs, die sie sich aussuchen, dass von irgendwelchen Redaktionen dann ihr Leben abhängt, und deshalb müssen sie auch ihr Denken verkrüppeln.

    Hört sich an wie typische Feuilleton-Hampelmänner. Sind sie ja auch, aber ich meine: Langweilt dich das nicht?

  2. zumindest der übersetzer ist einer der, vielleicht auch DER, fähigsten und würdigsten epigonen thomas bernhards und überdem noch denkfähig: zu lesen sei das große interview mit vennemann in der konkret 6/2006. ausserdem selbstverständlich seine beiden romane »nahe jedenew« und »mara kogoj«. ein auszug wurde im »jungle world«-dossier (7/2007) veröffentlicht:
    http://jungle-world.com/artikel/2007/07/19106.html

Auch mal das Maul aufreissen?

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