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Oliver Uschmann »Voll beschäftigt«

Von Lehni

Im Fischer Taschenbuch Verlag erschien soeben der neue von , der u.a. auch für Visions und Testcard schreibt. »Voll beschäftigt« ist die Weiterführung von »Hartmut-und-Ich«, und handelt von einer skurrilen WG um den Weltverbesserer Hartmut und seinem Kumpel – dem Ich.

Die Story ist eine grotesk-anarchistische Komödie, die mich, vielleicht mangels literarischer Bildung, unweigerlich an Emir Kusturica erinnerte. Eine Ansammlung von absurden Anekdoten, wie in diesen Filmen mit Chevy Chase, in der die Hauptfiguren von einer Katastrophe in die andere stolpern. Allerdings könnte man das Stolpern der Bochumer WG-BewohnerInnen auch als gezielte Köpfer vom 10m-Brett bezeichnen, zumindest was den Philosophie-Studenten und »Aktivisten« Hartmut betrifft.
»Voll beschäftigt« spielt also in einem heruntergekommenen Haus im Ruhrgebiet. Nachdem Hartmuts Online-Lebensberatung immer mehr zur Jobberatung für hochstudierte Erfolglose mutiert, wird kurzerhand das »Institut für Dequalifikation« gegründet, mit dem Ziel »Altphilologen zu UPS-Packern, Adorno-Experten zu Lokalredakteuren und Byzantinisten zu Spargelstechern« zu machen. Das geht natürlich nur mit eiserner Hand und praxisnaher Anleitung (»Kompatibilität zum neuen Leben, ganzheitliche Anpassung«) durch Hartmut, der modernen Mac Gyver-Variante Susanne und dem Ich, der die Aufgabe übernimmt, den Klassikliebhaber Sebastian zum prollenden, biersaufenden UPS-Packer zu dequalifizieren. Für heimliche und unfreiwillige Rückfälle in die frühere hochkulturelle Bildung muss Sebastian zur Strafe sofort ein Öttinger kippen, einen Fußballsmalltalk mit Kollegen halten oder eine Zeile von den Onkelz grölen. (»Sebastian vergleicht es mittlerweile damit, dass Fußballvereine freiwillig absteigen, damit sie sich finanziell retten können«). Das Motto des Instituts könnte also lauten: »Entwöhnung des Hirns zur Tauglichkeit für eine materielle Existenz.«

Die Folge ist eine wilde Aneinanderreihung von beißend, komisch-grotesken Situationen, in denen der ganz normale Zynismus des modernen Verwertungssystems offenbart wird. Dass die Kritik des Autors niemals zynisch wirkt, liegt daran, dass es den Sozialpathos, das personifizierte Böse in dieser Geschichte nicht gibt, sondern lediglich ein, sagen wir, zynisches Prinzip entlarvt wird – welches sich aber andererseits herrlich einfach ad absurdum führen lässt. Die Komik ergibt sich vor allem durch die Dialoge und Situationskomik weltfremder Langzeitstudenten oder Prolls, wie man sie nur vom Bau oder der Fabrikarbeit kennt und dem erschreckenden Einfallsreichtum Hartmuts, der, gepaart mit moralischer Empörung über die dreistesten und zynischsten Zumutungen des Alltags, zu wahnwitzigen Gegenmaßnahmen führt.

Das WG-Leben bewegt sich ständig irgendwo zwischen kreativem Überlebenskampf, Kommunikationsguerilla, Trash und Playstation (die neben oder besser mit dem Kater Yannik auch von zentraler Bedeutung ist). Eines von Hartmuts Meisterstücken besteht darin, sich einen Gastvortrag in der Uni zum Thema »Berufsfelder für Germanisten« zu erschleichen, welchen er dazu nutzt den Anwesenden ganz praktisch vor Augen zu führen, was für ein stupides und sinnloses Tun auf sie wartet. Nach einer multimedialen psychischen Attacke, die das Bild beinhaltete, man könne sich ja weiter 32stel widmen, Jobs gibt es aber nur für 4/4 Takt und hierfür könnte man sich ja im Institut dequalifizieren lassen, beginnt die große Exmatrikulationswelle, illustriert durch die Projektion eines riesigen, grinsenden Gartenzwergs.

In einer anderen Szene, in der alle zusammen zum Pur-Konzert gehen, bemerkt der Philosoph und mittlerweile Meisterdichter Hartmut: »Nach dem Liebeslied der Antikriegssong … Verzweiflung auf Knopfdruck. So entfremdet man Menschen von der Erfahrung echter Emotionen, während sie glauben, individuell gerührt zu sein. Es ist schon ein Witz, wenn jemand hier ‚ich’ sagt«, nur um kurze Zeit später vor der Bühne aus lauter Rührung in Tränen auszubrechen.

Ganz nebenbei müssen auch noch solche Banalitäten, wie der Stress mit dem Ordnungsamt, eine Ölpest und der tote Schalke-Fan im Kofferraum bewältigt werden. Mittlerweile muss das Institut wegen des Andrangs arbeitsloser, überqualifizierter Akademiker und Ingenieure wie das Haus in Fight Club wirken, während die Dequalifizierungsmaßnahmen erschreckende Erfolge zeigen.

Dann aber kommt ein kleiner Bruch in der Geschichte und eine wirklich witzige und schöne Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf. Der Zynismus des Institutsprojektes scheint zunächst in dem Moment für den Erzähler unerträglich zu werden, als die erfolgreiche und vom ihm vergötterte Malerin im Institut auftaucht, um sich mangels Job und Geld zur Anstreicherin dequalifizieren zu lassen. Die Schilderungen der Ängste und Sehnsüchte des Erzählers für die Malerin sind dabei teilweise zum Schreien komisch. So z.B. als sie das erste Mal in der Wohnung steht und er nervös auf seiner Playstation herumdrückt: »Meine Hände sind eiskalt vor Aufregung, die Kälte fließt durch das Joypad und das Kabel in die Plastation. Meine Spielfigur zittert und zeigt mir den Vogel.«
Die Hauptfiguren erhalten dabei ihren Charme auch durch dieses Underdogmilieu, in dem Menschen zwar hochtheoretische Abhandlungen über C-Action-Movies mit Titeln wie »Der Söldnerfilm als Sozialdrama und der Krieg als Schule der Moral« verfassen können, an den dümmlichen Anforderungen des modernen Arbeitsalltags aber gewollt oder ungewollt scheitern, wo sie das machen, was unsereins höchstens bei Kneipengesprächen in Sätze packt und die meistens mit »Man müsste eigentlich mal…« beginnen.

Dabei geht es wie angedeutet nicht um Sozialpathos (und selbst der Ordnungsamttyp entpuppt sich als sensibler Mensch mit Sehnsüchten), sondern um die Entlarvung eines Prinzips. Neben der Sozialkritik wird immer auch die Fähigkeit zur Reflektion sichtbar. So schildert Uschmann z.B. einerseits die Brandrede des UPS-Vorarbeiters, in der er seine »faulen Packsäue« anschnauzt, dass sie theoretisch nicht einmal den Raum verlassen müssten, um vom Chef zum 1-Euro-Jobber degradiert zu werden, »dann könnt ihr auch gleich stehen bleiben, bevor wir draußen vorm Tor das Gesocks reinholen, oder?«, oder als er in einer anderen Szene folgende Beobachtung macht: »ein Rudel winziger Teenager (…) irgendwann werden sie Abi machen, anfangen Soziologie zu studieren und dann bei uns vor der Tür stehen, um sich dequalifizieren zu lassen. Ein Tetrapack Rotwein steht zwischen ihnen. Noch sitzen sie aus freien Stücken mit Fusel auf der Straße«.
Andererseits bietet er keine politischen Lösungen oder Ideen. Im Gegenteil, Hartmut und Co amüsieren sich bei einem kühlen Bier über das ritualisierte Treiben einer Hartz-IV-Demo, auf der sich die Parolen von Linksradikalen und Neonazis erschreckend ähnlich sind. »Voll beschäftigt« gibt höchstens einen kleinen Hinweis, dass es nicht nur notwendig, sondern auch extrem spaßig sein könnte, ein wahnsinniges System hin und wieder als solches zu entlarven.

Dieser ist wirklich witzig und unterhaltsam, diese Art von Gesellschaftskritik meiner Meinung nach angenehm politisch, und die Geschichte schreit irgendwie danach verfilmt zu werden (lebt Kusturica eigentlich noch?). Letztendlich muss ich zugeben, meine Haltung bezüglich Romanen, also aus Zeitmangel nur noch hin und wieder Terry Prachett zu lesen, gründlich revidiert habe. Wärmstens empfohlen sei nicht nur den Poptheoretikern die Website HARTMUT-UND-ICH, die einen sympathischen Ausflug garantiert in die »HUI‑ Welt«.

Das Hörbuch zu »Voll beschäftigt« ist bei Mundraub erschienen und bei Eichborn und Rough Trade erhältlich (u.a. mit Bela B und Trini Trimpop)


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  1. Thomas Morschhäuser 17.05.2007 / 10:28 pm

    Ich verstehe das Kapitel nicht, in dem die WG die leerstehende Wohnung erkundet. Die Szene kommt mir vor als wäre sie aus einem Sciencefiction Film. Ist die Wohnung von ein Schimmelpilzbefallen, der Visionen auslöst oder sind die Figuren bekifft???

Reiss die Fresse auf:

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