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Oliver Uschmann »Wandelgermanen«

Von Lehni

Nach»« und »Voll beschäftigt« ist mit »« nun der 3. aus der »HUI-Welt« des beim Scherz Verlag erschienen.

Die Story dreht sich natürlich wieder um die mittlerweile Ex-WG aus Bochum. Da das Haus aus »Voll beschäftigt« selbst für Hartmut, Susanne und Co. unbewohnbar wurde, kommt der Meister der spontanen Grundsatzentscheidung, Philosoph und Moralist Hartmut auf die Idee, ein Häuschen im schwäbischen Niemandsland der Hohenlohe zu erwerben. In einer Gegend also, in der Bahnstrecken abmontiert statt ausgebaut werden und Jugendliche sich zu »Cool Stall«-Discos treffen, um ein möglicherweise aufkommendes Bewusstsein über die »Idiotie des Landlebens« mit der nötigen ländlichen Vehemenz weg zu saufen. Natürlich kauft Hartmut das Haus im Grünen bei Ebay, ohne lästige Hintergrundinfos und mit allen erdenklichen worst cases zur Folge: Das Haus ist die Bruchbude unter den Bruchbuden, die Frauen der Beiden ergreifen beim ersten Kontakt mit dieser Immobilie und ihrem merkwürdigen Eigenleben die Flucht. Und langsam dämmert es dem Ich und Hartmut, dass die herrliche Natur eben auch in der schwäbischen Provinz diesen kleinen, fiesen Nachteil hat: die Landbevölkerung die es beherbergt.

Die Nachbarschaft setzt sich denn auch im Wesentlichen zusammen aus einer alten Bande von »«, die barfuss und verlottert durch die Wälder ziehen, Wanderwege oder auch nur das Umgehen eines Dornenbusches als grobe Beleidigung des germanischen Urbodens ansehen, Met trinkend auf Walhalla‑ähnlichen Gelagen ihre Füße in natürlichem Fichtennadelextrakt baden und sich beschweren, dass »bevor die Römer kamen, unsere Vorfahren hier glücklich gelebt haben« und: »was früher die Römer waren, sind heute die Amis«. Oder abstrakter gefällig?: »Aufklärung war der letzte Schritt der Entfremdung.«

Nicht weniger beängstigend scheinen deren Sprösslinge von der Wehrsportgruppe »Waldfront« die zwar Moos-Pilzgemische durch die Bong rauchen, aber eben auch Faschomusik hören und sich regelmäßig zum Kampf gegen »den Ami«, der ja morgen schon in den Wäldern stehen könnte, ausbilden lassen.

Da Hartmut und das Ich aber einfach Hilfe für die Restaurierung brauchen, dem Bauamt laut Germanen nicht zu trauen ist, nimmt man relativ widerstandslos zunächst die Hilfe der »Nazis« an und passt sich immer mehr ihren Gepflogenheiten an. Das heißt konkret: Teilnahme am Wehrsport und am »Wandeln«. (»wir wandern nicht, wir wandeln, Es ist kein profanes Spazieren, sondern ein Dienst an der Schöpfung, an der wir uns zugunsten des Profitdenkens mutwillig vergangen haben«)

Einzige wahrnehmbare Gegenwehr gegen die dörfliche Nazivereinnahmung scheint Hartmuts tiefstes Inneres zu leisten – und das im wahrsten Sinne des Wortes: er kriegt völlig groteske »Anuskrämpfe« und furzt unkontrolliert in der Gegend herum, bei soviel deutscher Zackigkeit, Kulturpessimismus und faschistoider Neuheidenmusik. Und nur ganz selten schießt die Erkenntnis des Aufklärers so deutlich aus ihm heraus: »Irrationalismus und Naturverherrlichung sind der Keim reaktionärer Ideologie … führe einfach alles auf Naturprinzipien zurück, und du bist ganz schnell bei Blut und Boden und Volk und Führung.«

Allerdings wartet man vergeblich auf die angemessene Umerziehung der Dorfbevölkerung durch irgendeinen genialen »hartmutesken« Plan. Stattdessen verliert gerade das »Ich« immer mehr die Distanz zu den Dörflern.
Seinen Antrieb sich so einem Stress – diesmal ohne Badewanne und Playstation – auszusetzen, bildet, wie in »Voll beschäftigt«, die Liebe zu Caterina und ihrer Kunst. Solange das Haus nicht fertig ist, bleibt Caterina gezwungen, ihr Talent für endlos viele Sonnenblumenportraits zu vergeuden und zudem treibt ihn die Eifersucht und Sehnsucht kurzzeitig in den Wahnsinn.

Jedoch bleibt der »Kampf für die Aufklärung« in der Provinz aus und man könnte sagen, somit auch die irrationale Vorstellung, dieser Kampf könne gewonnen werden. Die Provinz bleibt also letztendlich Provinz und symbolisch fällt im strömenden Regen an einer trostlosen Haltestelle das Feuilleton unbemerkt aus der Zeitung auf den nassen Boden.

Die Story ist insgesamt komplexer und verzwickter als in »Voll beschäftigt« und auch nicht mehr so episodenhaft, dafür wurde aus einzelnen »surrealen« Situationen eine größtenteils surreale Geschichte.
Geblieben ist aber Uschmanns großartiges Gespür für Situationskomik am Rande des Slapsticks und seine Fähigkeit die Gedankenwelt und den Jargon auch noch der hinterwäldlerischsten Volldeppen wiederzugeben. Sei es der Major der »Waldfront«, der als deutsche Version des Full Metal Jacket Ausbilders herhalten muss und ähnlich virtuos wie der UPS-Vorarbeiter in »Voll beschäftigt« seine Untergebenen zur Sau macht, (»bei allem Ehrgeiz, den sie heute haben sollten – und ich verspreche ihnen, wenn sie ihn nicht haben, ziehe ich ihnen die Fußnägel einzeln ab und klebe sie in mein Münzalbum«) oder die boshafte, kettenrauchende Nachbarin und ihre sprachphilosophische Annäherung an den Glimmstengel: »Es gibt Raucher‑ und Nichtraucher. Nichtraucher sind bloß die Negation des Normalzustandes, es gibt nicht mal ein eigenes Wort für sie.«

Beim Lesen erfasste mich dennoch häufiger ein befremdliches Gefühl über die fehlenden »reeducation«-Versuche und darüber, dass die »Germanen« als hilfsbereite, schüchterne Jungs mit menschlichen Sehnsüchten und schrullig-anarchischer Attitüde dargestellt werden. Um das überhaupt zu ermöglichen, lässt Uschmann die gewalttätige Fremdenfeindlichkeit einfach weg. Die Jungs haben eine Wehrsportgruppe aber natürlich keinen erkennbaren Hass auf Ausländer. Sie lassen keine judenfeindlichen Sprüche, zünden keine Häuser an und sind doch irgendwie ganz harmlos.

Den eigentlichen kritischen Kern berührt dies jedoch nicht wirklich. Denn im Grunde geht es um die eben nur vermeintlich gegensätzlichen Ökologieansätzen der »Germanen« und der, in der Region massenhaft angesiedelten, Post-68er. Ihre scheinbar endgültige Annäherung – und das wird in aller Deutlichkeit dargestellt – funktioniert im gefühlten Zustand der Bedrohung durch den äußeren Feind. Denn durch eine Verstrickung verschiedenster grotesker Ereignisse fällt das Gerücht, »die Amis« würden in den Wäldern geheime Manöver abhalten, auf fruchtbaren Boden. Letztendlich wird der Konflikt also mittels des antiamerikanischen Ressentiments überbrückt und die ländliche Spaltung beginnt zu bröckeln.

Interessanterweise wird hierfür historisch Bezug genommen auf die Bundschuhbewegung. Deren Name stammt ursprünglich von einer, im Kern revolutionären aber antisemitischen Bauernbewegung aus dem Spätmittelalter, wurde kurzzeitig im Nationalsozialismus aufgegriffen und schließlich in den 70ern und 80ern von einer badischen Bürgerinitiative gegen den Bau einer Mercedes Teststrecke reaktiviert – schon damals quasi eine Querfront aus heimatschützenden Bauern und linken 68er-Aktivisten.

Und das muss man Uschmann lassen, er stellt linke und rechte Ökos nicht automatisch auf eine Stufe, sondern lässt sie anhand eines konkreten aber nur vordergründigen Konfliktes, dem Bau einer Windradanlage auf heiligem germanischem Boden, ihre Schnittmengen und ideologische Verwandtschaft nach und nach selbst erkennen. Wenn auch meiner Meinung nach zweifelhaft ist, den deutschen Romantizismus und Antiamerikanismus über germanische Mythologie herzuleiten, statt zum Beispiel in der spezifisch deutschen, kapitalistischen Vergesellschaftung des 19.Jahrhunderts zu graben.

Zu versuchen den in sich schlüssig und vollständig zu erklären, würde zum einen den Rahmen sprengen und zudem dessen starkem surrealistischen Charakter nicht gerecht werden. Bei vielen Zusammenhängen fehlt mir aber auch schlichtweg das Verständnis. Relativ unerheblich finde ich dabei noch die Frage, was diese seltsame Uschmann-untypische Geschlechterkonstellation zu bedeuten hat. Zum Beispiel, dass sich die Alleskönnerin Susanne in die Obhut des bildungsbürgerlichen Musikers flüchtet, anstatt, wie üblich, die Herausforderung mit aller Coolness anzunehmen. Wieso diese Verharmlosung und fasst schon liebevolle Beschreibung der Jungnazis, einschließlich Happy End für eine arische Variante von Romeo und Julia?

Am stärksten irritiert hat mich aber der Umstand, dass es weder die Aufklärung ist, die hier dem ländlichen Romantikquatsch und germanischem Mystizismusmüll entgegengesetzt wird, noch der eben erwartete hartmuteske Gegenangriff stattfindet. Vielmehr könnte man den Eindruck bekommen, dass bei Uschmann plötzlich das Schicksal an die Stelle tritt, wo bisher die Rationalität oder doch zumindest der hartmuteske Moralismus zu finden war. Und in diesem Zusammenhang: für was steht die Figur des adressenlosen Restaurateurs Leuchtenberg und seine 12 »Jünger«, der eben kommt, wenn er gebraucht wird und all die unlösbare Probleme löst, wie eine gute Fee?

Wann immer sich eine aussichtslose Situation ergibt, ist das Schicksal in »« oder zumindest der Zufall nicht weit und löst das Problem und nicht etwa »Mac Gyver«-Susanne oder eine verrückte Hartmut-Idee. Das ist wahrscheinlich der grundsätzlichste Unterschied im Vergleich zu den beiden Vorgänger-Romanen. Nichtsdestotrotz: sehr lesenswert, wieder sehr lustig und grotesk und die Aussichten auf eine Fortsetzung stehen nach der Schlussszene besser denn je. Zumindest die Menschen aus dem Ruhrpott können dem Autor derzeit auf seiner Lesetour durch die Region lauschen. Seinen »Wundlauf durch NRW« bestreitet Uschmann übrigens zu Fuß – barfuss.


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