
Von Heinrich
Diesen Sommer erschien ihm Suhrkamp-Verlag eine Auswahl aus der dreibändigen Aufsatzsammlung Visions of Politics des britischen Ideenhistorikers Quentin Skinner. Dabei handelt es sich erst um die dritte deutschsprachige Publikation von einem seiner Werke; seine Hauptwerke – das 1978 erschienene The Foundations of Modern Political Thought und die Studie Reason and Rhetoric in the Philosophy of Hobbes aus dem Jahr 1996 – harren noch der Übersetzung. Wie die Originalausgabe ist auch die deutsche Ausgabe der »Visionen des Politischen« dreigeteilt: Die Themenblöcke – Methodische Reflexionen (I), Überlegungen zum Freiheits‑ und politischen Verständnis der Renaissance (II) sowie zum Republikanismus von Hobbes und dessen Zeitgenossen (III) – markieren zugleich auch Skinners Forschungsschwerpunkte. Vor allem neuere, aber auch einige ältere (jeweils leicht überarbeite) Aufsätze sind in diesem Band versammelt.
Die Auswahl der Themen ist recht klassisch und reicht von Lorenzettis Fresken der Stadt Siena über Macchiavellis Il Principe bis zu Hobbes’ Leviathan. Skinner wartet, gerade in den Aufsätzen zum englischen Republikanismus, mit einem umfangreichen Detailwissen auf, doch nicht aus akribischer Pflichterfüllung des (Philosophie)historikeramtes, sondern – und in diesem Anspruch liegt auch seine methodische Innovation – um die Theorien der Autoren ins rechte Licht (das ihrer, nicht unserer Zeit) zu setzen. »Für mich besteht das hermeneutische Projekt vornehmlich darin, diese Texte wieder als die Handlungen erscheinen zu lassen, die sie einst, in ihrem ursprünglichen diskursiven Kontext, darstellten.« (S. 16) Wenn Skinner etwa vorführt, dass Hobbes’ berühmter Traktatus eingebettet und provoziert wird durch Beiträge heute relativ unbekannter Autoren wie William Bridge oder Philip Hunton, dann, um zu rekonstruieren, was Hobbes tat, indem er den Leviathan oder De cive schrieb, in welche politischen Prozesse er mit welchen Zielen eingriff. Die Fakten als Fakten mögen nur Spezialisten faszinieren, aber Skinners Umriss eines ganzen Kosmos’ politischer Argumentation kann auch den philosophisch, politisch oder geschichtlich Interessierten fesseln.
Methodisch wendet Skinner sich gegen die Konzeption des Vaters der Ideengeschichte Arthur O. Lovejoy, welcher es als Aufgabe dieser (noch recht jungen) Disziplin ansah, die Geschichte weniger so genannter Elementarideen zu schreiben. Diese traditionelle ideengeschichtliche Herangehensweise sei von einem dreifachen Mythos geprägt, dem der reinen Lehre (1), dem der Kohärenz bzw. Systemerwartung (2) und dem der Prolepsis (3). Daher laufe ein solches Projekt, so Skinner, Gefahr teleologisch oder darwinistisch zu argumentieren, also von der Vergangenheit nur zu sehen bzw. zu rekonstruieren, was wir heute gerade für wahr, schön, gut oder auch nur wichtig halten.
Um jenem dreifaltigen Mythos nicht zu verfallen, müsse die philosophisch geprägte Disziplin historischer werden. Statt der Geschichte weniger Ideen sei »die Geschichte ihrer Verwendungen in bestimmten Argumentationen« (S. 60) nachzuzeichnen. Ziel solcher Kontextualisierung ist es, den tatsächlichen, d.i. historischen Gehalt der jeweiligen Theorien herauszuarbeiten. Solche Authentizitätsforderungen formuliert Skinner nicht leichthin; er verteidigt seine Form der Hermeneutik (eine Synthese von Wittgenstein und Austin) unter anderem auch gegen bzw. setzt sie ins Verhältnis zu poststrukturalistischen Zweifeln. Sein Grundgedanke ist es, Texte als soziale Handlungen und soziale Handlungen auch als Texte anzusehen. »Indem wir Texte so kontextualisieren, daß ihre Stoßrichtung innerhalb eines bestimmten Diskurses erkennbar wird, können wir feststellen, war ihre Autoren taten, indem sie diese Texte schrieben.« (S. 16)
Was Vertreter dieser Form der Ideengeschichte als Vorteil betrachten, werfen Kritiker ihr vor: die Historisierung. Wenn es nur noch darum ginge, Archive längst vergangener politischer Debatten zu errichten, dann wäre diese Disziplin zumindest in Hinsicht auf auf zeitgenössische politische Probleme belanglos. Die klassische Ideengeschichte hätte dagegen mit Überlegungen zu deren Lösung aufwarten können – sie hätte die alten Texte nach Antworten auf brennende Fragen durchforstet. In diesem Sinne will und kann Skinner keinen Beitrag zur aktuellen Lage leisten. Doch ist sein Projekt damit noch nicht für belanglos im gerade beschriebenen Sinne zu erklären. Gerade die Distanz zu uns selbstverständlichen Haltungen und Einstellungen, die zu gewinnen Skinners Texte ermöglichen, kann zu neuen Einsichten führen, zunächst zu der, dass, »was wir für ’zeitlose’ Wahrheiten halten mögen, tatsächlich nichts anderes ist als ein kontingentes Resultat unserer Geschichte und Sozialstruktur.« (S. 63). Doch kann der Blick in die Vergangenheit auch neu erscheinende alte Konzepte hervorbringen, die in aktuelle Debatten einzubringen wären. Was richtig oder falsch oder zu tun ist, verraten solche Analysen freilich nicht. »Von der Geschichte des Denkens eine Lösung unserer unmittelbaren Probleme zu fordern, ist also nicht nur ein methodologischer Fehlschluß, sondern auch ein moralischer Fehler.« (ebd.) Skinners Texte beunruhigen statt zu beruhigen – sie veranlassen dazu, Selbstverständlichkeiten zu überdenken. Damit steht er, was die theoretische Haltung angeht, in aufklärerischer Tradition.
Inhaltlich bricht er mit dieser, wenn es um den Begriff der Freiheit geht. Durch Isaiah Berlin wurde der Terminus der negativen Freiheit, der auf Bentham zurückgeht, populär. Unter negativer Freiheit ist die Abwesenheit von Handlungshindernissen zu verstehen – Handlungsfreiheit mit anderen Worten. In der aktuellen Debatte gibt es bedeutende Stimmen, die einen solchen Freiheitsbegriff für zu eng halten. Der Kommunitarist Charles Taylor etwa plädiert dafür, Freiheit nicht nur als Möglichkeitsbegriff, sondern als Verwirklichungskonzept zu begreifen. Als Bindeglied wäre »eine gehaltvolle Idee des objektiven menschlichen Wohlergehens« (S. 140) nötig, die Taylor auf der Basis eines Hegelschen Ankennungsbegriffes entfaltet, deren Bestehen Berlin dagegen bestreitet. Mit Rückgriff auf Theoretiker aus Renaissance, die wiederum auf solche der römische Antike zurückgreifen, will Skinner ein drittes Konzept in die Debatte einbringen, wonach negative Freiheit und Tugendideal auf eine sonst für inkohärent gehaltene Weise miteinander in Verbindung gebracht werden können. In seinem Aufsatz »Die Idee der negativen Freiheit. Macchiavelli und die moderne Diskussion« skizziert er, wie in den italienischen Stadtrepubliken ein römischer Freiheitsbegriff zu neuer Blüte fand, am prägnantesten formuliert von Macchiavelli. Unter Freiheit verstehe dieser ebenfalls negative Freiheit, doch, so schreiten seine Überlegungen zu sozialer Freiheit voran, sei diese nur in einer einzigen politischen Ordnung gewährleistet, nämlich in jener, in welcher die Gemeinschaft selbst als frei gelte. Daraus folgt, dass seine eigene Freiheit nur sichern kann, wer sich dem Dienst an der eigenen Gemeinschaft verschreibt und dass die Bürger dazu bestimmte Qualitäten oder Tugenden kultivieren müssen. Statt einem gemeinsamen Verständnis davon, was das gute Leben ausmache, wäre zur Verbindung von negativer und sozialer Freiheit nur eine »Konzeption der ’Temperamente’ oder Dispositionen, die uns dazu führen, unsere jeweiligen Ziele auszuwählen oder zu verfolgen« (S. 167) nötig. Wäre dies richtig, wäre eine Grundannahme der Theorie der negativen Freiheit (und unserer politischen Systeme) brüchig geworden, wonach diese wesentlich eine Theorie der individuellen Rechte sein müsse. »Im Gegenteil ließe sich der Kern seiner [Macchiavellis, H.] Theorie wie folgt formulieren: Soziale Freiheit kann keine Frage der Sicherung persönlicher Rechte sein, da sie unweigerlich mit dem Erfordernis einhergeht, sozialen Pflichten nachzukommen.« (S. 168 f.)
Von allen in diesem Band versammelten Aufsätzen wagt dieser über Macchiavellis Discorsi den weitesten Sprung – hinein in die aktuelle Freiheitsdebatte. Beide Aspekte oder Konsequenzen von Skinners Methode lassen sich an diesem daher mustergültig aufzeigen. Nicht alle seine Rekonstruktionen stehen in so direkter Linie zu Fragen der Zeit. Andere führen eher vor, wie heute als überzeitlich geltende Überlegungen zunächst im Dienst eines konkreten historischen Ziels standen. Ob aus diesen genetischen Überlegungen Konsequenzen für die Geltung der Konzepte folgen, steht freilich auf einem anderen Blatt.
Quentin Skinner: Visionen des Politischen, Suhrkamp, 450 S., 14 Euro.
XHTML: Du kannst die folgenden Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>
Keine Kommentare
Zum Kommentar - Formular | Kommentare als RSS-Feed [?] | trackback url [?]