Tiedemanns Beitrag an der Publizierung und Aktualisierung kritischer Theorie ist kaum zu unterschätzen. Auch in dieser, bei Edition Text+Kritik in München erschienenen Sammlung von Erinnerungen, Begleitworten und Polemiken wird dies deutlich.
Durch seine umsichtige und kontinuierliche Arbeit hat Rolf Tiedemann die »Gesammelten Schriften« Theodor W. Adornos und Walter Benjamins1 herausgegeben und damit die zentralen Texte der beiden kritischen Theoretiker verfügbar gemacht. Er teilt mit Benjamin und Adorno die gesellschaftskritische Intention und verteidigt sie gegen philologische, akademische und andere modische Vereinnahmung. Wie auch die älteren Autoren insistiert er auf Kategorien wie Wahrheit, Moral, Vernunft und Kritik, ohne aber deren dialektische Momente außer acht zu lassen. Angesichts der Popularität und der Bedeutung, die Adorno und Benjamin im akademischen und intellektuellen Leben entweder zu Stichwortgebern des affirmativen Geschäfts des Politikmachens herabwürdigen oder sie aber als Vexierbild einer radikalen gesellschaftlichen Veränderung verabscheuen, haben Tiedemanns Äußerungen absichtsvoll eine korrigierende und eingreifende Wirkung.
Das vorliegende Buch versammelt »Erinnerungen, Begleitworte und Polemiken« die zwischen 1968 und 2010 geschrieben wurden. Bisher waren diese kleinen Schriften, sofern überhaupt publiziert, eher schwierig zu finden. Mir ist z.B. Tiedemanns »Abrechnung« über die langjährige Vorenthaltung der abgesprochenen Beteiligung von Walter Benjamins Erben am Erlös der verkauften »Gesammelten Schriften« durch Siegfried Unseld und den Suhrkamp Verlag nur durch Zufall in die Finger geraten. Während der kleine Text Tiedemanns damals am Ende der Schriftwechsel und am Beginn der juristischen Auseinandersetzung entstand, so wird mit seiner Wiederveröffentlichung in »Adorno und Benjamin noch einmal« auch die damalige Lösung des Konflikts preisgegeben. Einige der Polemiken rufen folglich Streitigkeiten ins Gedächtnis, über die damals zwar noch Willi Winkler im »Spiegel« berichten durfte, welche heute aber einer entsorgten Vergangenheit angehören.
Tiedemanns Texte, nicht nur seine Polemiken, sondern auch seine anderen kleinen und größeren Arbeiten, die er hier »noch einmal« versammelt, richten sich gegen das, was den gesellschaftlichen Geschäftsbetrieb möglich macht: gegen eine Historisierung und Instrumentalisierung der Erinnerung, die schon längst Hand an Adorno und Benjamin gelegt hat. Durch den eisernen Griff von herrischem Eklektizismus und sophistischer Exegese, drohen beide Autoren und ihr Anliegen zum Schweigen gebracht zu werden.
Mit »Adorno und Benjamin noch einmal« legt Rolf Tiedemann jedoch auch Zeugnis seines eigenen Weges ab. In seinen Erinnerungen räumt er mit einigen hartnäckigen Mythen des Adorno-Tratsches auf, er stellt Gerüchte richtig und benennt das projektive Element am »Mythos Adorno«, dem er selbst aufgesessen war. Tiedemann schafft eine literarische Verbeugung vor seinem Lehrer Adorno und berichtet auch vom eigenen Weg zu kritischer Theorie. Entgegen aller populärer Vergottung Adornos, die nur zum Zweck des tiefen Sturzes betrieben wird, bleibt bei Tiedemann ein einziger Eindruck: bei aller Genialität2 und aller Fehlbarkeit war Adorno ein »Mensch«.3
Die engen Verflechtungen – im akademischen Neusprech hießen sie: Netzwerke – zwischen denjenigen, die am nach 1945 in Frankfurt neugegründeten Institut für Sozialforschung tätig waren oder zu seinem Umfeld gehörten, werden von Tiedemann anschaulich beschrieben. Es wird deutlich, dass die Studenten ein gemeinsames Interesse verfolgten: neben einem philosophischen Studium fern der noch in den Universitäten sitzenden Altnazis und Arisierungsgewinnlern ging es ihnen um die (materialistische) Erkenntnis über die Gesellschaft. Alle hatten ihre guten Gründe, die Nähe Adornos und Horkheimers zu suchen, ganz gleich, welchen Weg sie nach ihrer Zeit im Bannkreis der beiden Autoren gingen. Wie kritische Theorie noch nie einen Ort, kein Vaterland und kaum eine fixe Heimat hatte, so hatte sie gleichwohl für kurze Zeit von 1923 bis 1933 und nach dem nationalsozialistischen Terror ab 1951 eine institutionelle Basis: zum Institut für Sozialforschung ging man in der postnazistischen BRD, um etwas über ebenjene Gesellschaft zu lernen. Nach dem Tod Adornos 1969 und Horkheimers 1973 sind diejenigen, die sich in der Tradition radikaler Aufklärung sehen, verstreut und noch vereinzelter als sie es trotz des Instituts für Sozialforschung gewesen waren. Die heute mit dem Gegenstand betrauten Magazine und Zeitschriften tragen den Makel der peniblen Exegese, des Vierschrötigen, Verschrobenen, der Besserwisserei.
Von der »heimlichen Hauptstadt« der BRD, Frankfurt am Main, in die Provinzen wie nach Lüneburg, Oldenburg oder Hannover abgedrängt geht niemand mehr aus spezifischem (Lern‑)Interesse irgendwohin, um bei XY zu studieren. Diejenigen, denen institutionell die Nachlassverwaltung Horkheimers und Adornos zugeschlagen wurde, betreiben vieles, aber keine kritische Theorie, kein »entfaltetes Existenzialurteil« über die Gesellschaft.4 Den am Starnberger See und in der Senckenberganlage lebenden Erben verliehen andere Adorno-Schüler den polemischen Gegentitel der »unkritischen Theorie«.5 »Kritische Theorie«, einmal als Deckname für marxistische Gesellschaftskritik entworfen, ist mit Habermas, Honneth und Co. der Beliebigkeit des kulturindustriellen Medienrummels und der Verfügungsgewalt mitsamt Deutungsmacht akademischer Karrieristen und blitzblanker Bescheidwisser anheim gefallen. Von ihrem Inhalt – sei’s revolutionärer Materialismus, sei’s Theorie als Platzhalter für die richtige Praxis, sei’s Erfahrung von Historizität und Materialität – sind nur Bruchstücke geblieben.
Rolf Tiedemann ruft hingegen z.B. mit seiner Erinnerung an seine erste Adorno-Vorlesung in Frankfurt die Sprengkraft und die Bedeutung kritischer Theorie ins Bewusstsein zurück: »Wenn Hegel über den Charakter von Dialektik als bloßer Methodologie hinausgeht, dann indem er in bestimmter Weise die Vernunft, durch die die philosophischen Begriffe gebildet werden, zur Struktur der Sache, zum Inhalt des Wirklichen selber erklärt; die Dialektik ist bei Hegel stets eine Dialektik der Identität, die Wirklichkeit und Vernunft in eins setzt. Dadurch gibt sie aber das Sein in seinem Vorrang gegenüber dem Denken auf, die Natur, das Objekt wird zum ’das Sein, welches in Wahrheit Subjekt’ ist. Das ist aber seit Marx’ Einsicht in die Wirklichkeit des Kapitalismus’, vollends seit den geschichtlichen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts nicht länger zu halten; Dialektik wurde für die Kritische Theorie zu einem Denken der Nichtidentität, das offene Wider-Vernunft als Struktur der geschichtlichen Wirklichkeit erkennt; die den gesellschaftlichen Antagonismus als Widerspruch in seine Begriffe aufnehmen muß. – So oder so ähnlich die Gedanken, die ich aus jener Vorlesung vom Sommer 1958 mitnahm und die für mich das wahrhaft Aufregende waren, das ich so klar und deutlich bei der Lektüre von Horkheimers und Adornos Schriften nicht erkannt hatte und das mich seit jeher nicht mehr losgelassen hat.« (29)
Dieser Gedanke gerät mit Tiedemanns Selbstverständnis als »Philosoph« in Widerspruch. Einerseits: Die Insistenz auf die Philosophie als Medium kritischer Theorie schränkt diese ein auf die Geistes‑ und Reflexionstätigkeit. Andererseits ist kritische Theorie als Feld ihrer Tätigkeit keineswegs auf Philosophie einzuengen. Leo Löwenthal hat kritische Theorie an der Literatur, Henryk Grossmann und Friedrich Pollock haben als zeitgenössische Kritik der Politischen Ökonomie, Franz Neumann als Kritik des Rechts kritische Theorie weiter getrieben. Zwar ist das Projekt eines kollektiven Forschungs‑ und Kritikzusammenhangs unter dem Dach des Instituts für Sozialforschung gescheitert; dennoch würde die Bestimmung von kritischer Theorie als Philosophie einen Rückzug bedeuten: einen Rückzug aus jener »Kritik im Handgemenge« (Marx), das die gesellschaftlichen Widersprüche im Begriff aufnimmt und reflektiert. Das utopische Moment, das das untergründige und implizite Kraftfeld kritischer Theorie stellt, zielt auf anderes als die Sphäre des Geistes – auf die Abschaffung des Elends, nicht im Denken, sondern in der Realität.
Tiedemann widerlegt die anfängliche, eigene Charakterisierung auf den sich anschließenden 390 Seiten. Der Ausweg, den er als (auch) gelernter Philologe in der Philosophie fand, liegt aber stets außer ihr: in der gesellschaftlichen Praxis. Deren reflexives Element ist die Theorie. Sie erschöpft sich aber nicht in ihrer begrifflichen Reflexion und lässt sich umgekehrt nicht auf eine »emanzipatorische« Praxis runter brechen.6 Die Spannung zwischen beiden aufrecht zu erhalten und nicht das eine in dem anderen aufzulösen, ist zentral für kritische Theorie.7 Das die Praxis jedoch häufig »versperrt« ist, liegt weniger an der Theorie. Die Linke scheitert vielmehr stetig an den Erfordernissen, eine »zur Überschallgeschwindigkeit«8 beschleunigten Gesellschaft theoretisch zu fassen, um sie adäquat zu kritisieren. Damit wird ihre Praxis als zu oft bar jeder Bestimmung und willkürlich.
Rolf Tiedemann beendet sein Buch »Adorno und Benjamin noch einmal« mit einer »Autobibliographie«. 122 Titel führt er auf, von Rezensionen über Editionen über Monographien. Üblicherweise hätte eine Bibliographie Freunde, Schüler und Kollegen als Teil einer Festschrift besorgt. Tiedemann muss es selbst erledigen. Wie traurig. Der Charakter des Buches ist das Ende, »noch einmal«, ein letztes Mal, Erinnerungen, erste und letzte Texte… Das Glück der »120 Jahre« war bisher den allerwenigsten geneigt, noch weniger aber jenen, die sich um kritische Gesellschaftstheorie kümmerten. So sehr man sich weitere Invektiven, Essays und Bücher von Rolf Tiedemann und ihm selbst alles Gute wünscht: dass dieses Buch einen Schlusspunkt markiert, ist unübersehbar.
Rolf Tiedemann: Adorno und Benjamin noch einmal. Erinnerungen, Begleitworte, Polemiken, edition text+kritik, München 2011, 395 S., 46 Euro.
Anmerkungen
- Nicht zu vergessen ist seine Beteiligung an der sechsbändigen »Judaica«-Ausgabe Gershom Scholems.(↩)
- Detlev Claussen: Theodor W. Adorno. Ein letztes Genie, Frankfurt am Main 2003.(↩)
- Im Wortsinn des Jiddischen: eine aufrechte, gute Person.(↩)
- Max Horkheimer: Traditionelle und kritische Theorie, Gesammelte Schriften, Band 4, Frankfurt am Main 1988, S. 201.(↩)
- So der Titel des von Gerhard Bolte 1989 im Lüneburger Zu Klampen-Verlag herausgegebenen Sammelbandes, der Beiträge von Christoph Türcke, Ulrich Sonnemann, Gerhard Schweppenhäuser und anderen versammelt. Tiedemann selbst wirkte an dem 1983 in Hamburg abgehaltenen »Adorno-Symposium« mit, das als Gegenveranstaltung zu der Adorno-Konferenz des Instituts für Sozialsforschung gedacht war.(↩)
- Das hat die Neuen Linken in der BRD häufig versucht und ist nicht zuletzt deshalb bedeutungslos geworden. Neuerdings hierzu: Jens Benicke: Von Adorno zu Mao. Über die schlechte Aufhebung der antiautoritären Bewegung, Freiburg 2010; siehe dazu auch Hannings Besprechung: http://www.beatpunk.org/papier/jens-benicke-von-adorno-zu-mao/.(↩)
- Theodor W. Adorno: Marginalien zu Theorie und Praxis, Gesammelte Schriften, Frankfurt am Main 1997, Bd. 10·2, S. 761, 766, 769.(↩)
- Adorno, Marginalien zu Theorie und Praxis, S. 769.(↩)




Peter Garloff
19.06.2012
Dem Rezensenten vielen Dank für die einfühlsame Buchbesprechung. Sie trifft wohl entscheidende Punkte: Ich habe selbst vor 15 Jahren eine Benjamin-Dissertation verfaßt, und schon damals ist mir bei Tiedemann, dem verdienten Benjamin-Editor, dieser wehleidig-kultur-und medienkritische, ja, fast manirierte Nach-uns-die-Sintflut-Ton aufgefallen. Dass Tiedemann jetzt »noch einmal« das politische Potential der kritischen Reflexionswissenschaften bemüht und beschwört, ist in der Tat nur noch als traurig einzustufen: Trauer, die im Begriffe ist, in Melancholie umzuschlagen, angesichts des Umstands, dass den Benjamin‑ und Adornobewunderern der ersten Stunde keine Festschriften zuteil werden.
Django Jargon
7.12.2012
Danke für die Rezension, Tiedemanns Buch werde ich lesen. Kleine Korrektur: Die kritische Theorie hatte niemals nicht ein »Anliegen«. Warum steht in Adornos Jargon der Eigentlichkeit.