Rolf Tiedemann »Theodor W. Adorno zum 40. Todestag«

Von Hanno

Drei Bände aus der edition text+kritik.

»Wo sind wir eigentlich?«
»Im Niemandsland.«
»Zwischen drüben und drüben?«
»Ja.«

Edgar Hilsenrath1

Die drei Bände, die Rolf Tiedemann, ehedem Leiter des Theodor-W.-Adorno-Archivs und (Mit‑)Herausgeber der Gesammelten Schriften Adornos und Walter Benjamins, zwischen 2002 und 2009 veröffentlicht hat, tragen selber Spuren der Zeit an und in sich. »Mystik und Aufklärung« ist die, in der Reihe »Dialektische Studien« wieder aufgelegte Dissertation Tiedemanns über Benjamin. Die Bände »Niemandsland«, sowie »Mythos und Utopie« versammeln hingegen verschiedene, kleinere Arbeiten des Autors aus den letzten vierzig Jahren. Trotz des Alters der Texte sind diese nicht lediglich rückwärts an die Zeit gebunden, sondern sie strahlen auch auf die Gegenwart aus. So sind die Essays, die das Zeitgeschehen aufnehmen, spannungsgeladene Nachweise, dass die Lektüre Kritische Theoretiker hilft, Kritik der Gesellschaft zu betreiben.

Niemandsland
Rolf Tiedemann veröffentlicht unter dem Titel »Niemandsland« (Unort und Utopie) eine Reihe von Essays, die wenn überhaupt verstreut erschienen sind. Ihnen voran stellt er die Einsicht Oscar Wildes, dass hohen wie niederen Formen der Kritik auch stets etwas biographisches anhaftet. Die verschiedene Gewichtung im Thema sieht man den Texten aber kaum an. Allen ist ein Nucleus gemein, auf den Tiedemann insistiert und auch Detlev Claussen hingewiesen hat:((Detlev Claussen, Nach Auschwitz. Ein Essay über die Aktualität Adornos, in: Dan Diner (Hrsg.), Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz, Frankfurt am Main 1988, S. 54–68.)) dass die Dialektik der Aufklärung und die Zerstörung der Vernunftpotentiale der bürgerlichen Gesellschaft in Auschwitz endete und von dort an die gesellschaftliche Form maßgeblich bestimmt. Darin, in der Unabgegoltenheit des Verbrechens und der Tradierung seiner Bedingungen, liegt die auch heute noch gültige Aktualität Adornos und der Kritischen Theorie.

Tiedemann arbeitet diese Einsicht in seinem Essay »‚Weißt du, wie das wird?’ Zur Aktualität von Adornos Theorie der Gesellschaft«2 heraus. Indem er den Gedanken und Wegen kritischer Theorie folgt – und zwar mit und über Adorno schreibt, aber sich mitnichten auf ihn beschränkt3 – gelingt es ihm, sie aktuell zu halten. Und zwar ohne an die im akademischen Betrieb erwarteten Ornamente der sprachtheoretischen Wendung Habermas’ nachzuvollziehen oder die Kritik als äußerlicher Zierrat der Theorie ihres Inhalts zu entledigen.

Alle Essays in »Niemandsland« bewegen sich im Kosmos von Topoi der ‚originären’ Kritischen Theorie und widmen sich vor allem der Kunst, d.h. Theater, Poesie, Prosa, Musik und bildender Kunst, die – wie Tiedemann anläßlich seiner Reflektionen einiger Adornoscher Klavierstück festhält – mit kritischer Theorie im »Wahrheitsbegriff« konvergiert (»Niemandsland«, S 192). Die zu verschiedenen Anläßen verfassten Aufsätze und Reden, die hier abgedruckt wurden, spiegeln auch von ihrer Form und ihrer Intention den eminent praktischen Charakter kritischer Theorie wieder. Niemals ist es bloßer Selbstzweck, über und von Adorno, Beckett, Hamlet, Benjamin, Kafka oder Genet nachzudenken und zu schreiben, sondern Tiedemanns Texte sind (auch in der bisweilen recht ‚bildungsbürgerlichen’ Form) von der Intention der Aufklärung getragen; dies selbst noch in einem Erfahrungsbericht des Autors anlässlich einer Reise nach Prag. Neben aller Gelehrtheit – die griechischen Begriffe stehen in Griechisch im Text, Kenntnisse im Französischen und Englischen sind unterstellt4 – ist Tiedemann aber nie belehrend. Tiedemanns Reflektionen mit Interesse zu lesen befördert vielmehr den Eindruck, dass er selbst nicht unbedingt das Ende des Gedankengangs absehen konnte, als er begann, sich mit einem Gegenstand zu befassen. Der Weg der Reflektion ist entscheidend, nicht das schließende Urteil.

Mystik und Aufklärung
»Mystik und Aufklärung« – die Dissertation Rolf Tiedemanns – erschien erstmals 1965 in den von Adorno und Walter Dirks herausgegebenen Frankfurter Beiträgen zur Soziologie. Dass es 29 Jahre nach der zweiten Edition (1973 bei Suhrkamp, damals noch Frankfurt am Main) wieder erscheint, lässt sich auch wenig wohlmeinend interpretieren. So könnte man – die unübersehbare Aufgeblähtheit des hohlen (auch des akademischen) Individuums vor Augen – Tiedemann Selbstüberschätzung unterstellen. Denn worin sollte in diesen modernen, weil beschleunigten Zeiten noch das Interesse an einem, verglichen mit dem Publikationsaufkommen zu Walter Benjamin, veralteten Buch liegen?5

Gründe für die Aktualität der »Studien zur Philosophie Walter Benjamins«, wie der Original‑ und heutige Untertitel lautet, sind nicht erst seit der eklektischen und sinnentstellenden Berufung des shooting-star der politischen Philosophie Giorgio Agamben auf Walter Benjamin evident.6 Denn mit Benjamin haben wir einen Philosophen, vielleicht eher: einen emphatischen Beobachter, vor uns, der die Forderung an materialistisches Denken, in dem alles gleich weit zum Zentrum stehe, schon vor Adornos Diktum zu erfüllen suchte.7

Wie auch Benjamin geht es Tiedemann in »Mystik und Aufklärung« um Erkenntnistheorie, Ästhetik, Kunstsoziologie und Geschichtsphilosophie. Adorno konstatierte in seinem Vorwort, dass es Tiedemann aber die »vielfach esoterische Sprache« Benjamins zurück in die traditionelle übersetzte. Er stellte weiterhin fest, dass Tiedemanns Arbeit zur Grundlage der »wissenschaftlich« intendierten Beschäftigung gehöre. Ein Blick auf die jüngste relevante Literatur bestätigt dies: kein Werk über Benjamin (egal aus welchem Land) kann Tiedemanns Arbeit übergehen.8

Inhaltlich sind die drei Bände für diejenigen, die Interesse an kritischen und sprachgewandten Arbeiten haben, bedeutsam. Auch deswegen, weil Tiedemann die Kritische Theorie gegen ihre kritischen Kritiker in Schutz nimmt – und bei allen sprachtheoretischen, ästhetischen und sonstigen Wendungen und Interpretationsweisen, den historischen Kontext als theoriebildend herausstellt: den Horizont des nationalsozialistischen Terrors, der Konzentrations‑ und Vernichtungslager, des entfalteten ‚Totalen Krieges’, sowie die theoretische Borniertheit des damaligen Subjekts der Emanzipation und die Herrschaft des Realen Sozialismus. Die Wahrheit hatte weder in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts einen Ort in der Kommunistischen Partei, noch – eine grosse Enttäuschung für die re-migirierten Horkheimer und Adorno – erfüllte sich die Sehnsucht Kritischer Theorie nach etwas Anderem9 auch in den jungen StudentInnen der BRD nicht. Diese verstanden es, positiv(istisch) und weltanschaulich zu werden anstatt die Kritik der Zurückgekehrten aufzunehmen. Das Niemandsland, ein Verweis sowohl auf die zukünftige Utopie wie auf die verwüsteten Flächen der Weltkriege, verharrt im Stande der Negativität der Kritik. Schon Marx hatte dieses wesentliche Moment – Negativität – 1844 in den Deutsch-französischen Jahrbüchern hervorgehoben. Adorno legte dies für den Spätkapitalismus in den Zeiten der binären Weltordnung dar, wie er zugleich methodisch die (moralisch anti-moralische) Notwendigkeit ihrer Überwindung festhielt.

Auf diese Notwendigkeit macht auch Rolf Tiedemann aufmerksam, der sich nicht scheut, sich als Epigone zu bekennen. Dies auch, weil es töricht wäre, sich quasi-geniale Gedanken einzubilden und das Subjekt wie den deus ex machina auf die Bühne der Öffentlichkeit zu wuchten. Gerade gegen den Schöpfungsanspruch der Theorien, die en vogue mit dem Zeitgeist sind, gelte es zu argumentieren.

»Niemandsland« und »Mystik und Aufklärung« werden zum 40. Todestags Adornos nun auch zusammen mit dem hier schon besprochene Buch Tiedemanns »Mythos und Utopie«10 als Paket angeboten. Nach all meinen lobenden Worten sollte für Interessierte der geringe Verkaufspreis11 der handwerklich sehr schönen Bücher ein weiterer Anreiz sein, diese bei dem kleinen und hervorstechenden Verlag edition text+kritik zu ordern.

Rolf Tiedemann: Theodor W. Adorno zum 40. Todestag. Drei Bände von Rolf Tiedemann, edition text+kritik, München 2009, insgesamt 804 Seiten, 69 €.

Anmerkungen

  1. Edgar Hilsenrath, Deutsch-deutsches Gespräch, in: ders., Zibulsky oder Antenne im Bauch, Gesammelte Werke Bd. 5, Berlin 2007, S.7.()
  2. »Niemandsland«, S. 141–155.()
  3. Darin liegt das Eingeständnis, dass Kritische Theorie ein kollektives Projekt gewesen war.()
  4. Oder die Texte bieten gute Gelegenheit, sich alles anzueignen.()
  5. Ein einsames Exemplar der Erstauflage ist derzeit antiquarisch für 50 € zu finden – die private Verfügbarkeit des Titels außerhalb der Universitäten kann ein Motiv sein.()
  6. Vgl.: Magnus Klaue, Auschwitz ist überall, in: Konkret 9 (2002), S. 52 f. – Shimon Peres, der 86jährige Präsindent Israels hat in seiner Rede zum 65. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations‑ und Vernichtunglagers Auschwitz, Benjamin in seiner Rede vor dem deutschen Bundestag genannt und ihn wohl erstmals in diesem Hause bekannt gemacht.()
  7. Zu Agamben und seiner ihm dienlichen Erfindung und Stilisierung eines Briefwechsels zwischen Benjamin und Carl Schmitt siehe Tiedemanns Leserbriefe an die FAZ und Konkret, die kommentiert in »Niemandsland« Eingang gefunden haben, S. 88 ff.()
  8. Eines ist mir doch druckfrisch untergekommen: Der Sammelband »Walter Benjamin und das Wiener Judentum zwischen 1900 und 1938« (Hrsg. von Sascha Kirchner, Vivian Liska, Karl Solibakke, Bernd Witte, Würzburg 2009), kommt ganz ohne Verweis auf Tiedemanns Schrift aus; es erschreckt zu sehen, dass hingegen Giorgio Agamben, der Affirmator des ‚Ausnahmezustands’ die leitende Sekundärliteratur des Buches darstellt.()
  9. wie es Horkheimer im Spiegel-Interview vom 11. August 1969 ausdrückte.()
  10. www.beatpunk.org/papier/rolf-tiedemann-mythos-und-utopie/()
  11. Faktisch gibt es drei Bücher zum Preis von zweien.()

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