»Satan, kannst du mir noch mal verzeihen/Weil ich heute keine Sünde beging?/Hab’s versucht, doch konnt mich nicht befreien Weil ich wie angekettet an ihr hing!/Oh, Herr der Hölle, ich kann Dir nicht mehr dienen Die Liebe bläst mich weg von dir« (Schleimkeim »Satan«)
Vor einiger Zeit stolperte ich im Buchladen über den Titel »Satan, kannst du mir noch mal verzeihen«, die letztes Jahr erschienene Geschichte der berühmt-berüchtigten DDR Punkband Schleimkeim, die verständlicherweise eher eine Lebensgeschichte des Kopfes der Band, Dieter »Otze« Ehrlich wurde. Auch wenn ich anfangs skeptisch war – mich irgendwelche Punkrock Anekdoten mittlerweile langweilen – kaufte ich mir das Teil sofort und wurde mit einer fesselnden Lektüre belohnt, die nicht nur den Jungs und Mädchen zu empfehlen ist, die noch heute auf ihren Lederjacken den Schriftzug dieser längst aufgelösten Band tragen.
Irgendwie bezeichnend, auf welchem Weg die »Abfallprodukte der Gesellschaft«, die ich mit 16 auf CD hatte, verloren ging. Ich lieh sie damals einem guten Freund aus, der zwar lange Haare hatte und Jim Morrison verehrte, mich aber beim heimlichen Plattenhören im Zimmer seines Bruders auf die, für mich damals tollen, The Exploited brachte. Leider hatte dieser Bruder eine gewisse Affinität zu harten Drogen, weswegen auch mein Freund irgendwann diesen fatalen Weg einschlug. Nicht viel später hatte er seinem Leben freiwillig mit Heroin ein Ende gesetzt. Damit verlor ich nicht nur einen, dann schon ehemaligen, Freund, sondern auch die Schleimkeim CD verschwand für immer. Gerade frage ich mich wieder, wieso ich mir das Album danach nie wieder besorgt habe. Vielleicht will sie mir mein Unterbewusstsein als angemessenes Abschiedsgeschenk für einen selbstzerstörerischen Freund verkaufen? Vielleicht war es das ja auch, irgendwie.
Wie auch immer, dieses Buch ist wirklich atemberaubend. Für jeden, der irgendwann mal »Punk-infiziert« war und in Westdeutschland aufwuchs, ist dieses Buch zudem ein spannender Einblick in eine Welt von Gewalt und Repression aber auch von konsequenter Verweigerung und Improvisation, wie sie in einer kulturindustriell durchdrungenen Gesellschaft wohl nicht vorstellbar ist und die einen Protagonisten hervorbrachte, den die meisten als den Typen in Erinnerung behalten, der seinen Vater mit einer Axt erschlug.
Gerade angesichts der vielen parallelen Wahrheiten und Gerüchte über SK und Otze besteht der Großteil des Buches passender weise aus separaten Beiträgen ehemaliger Weggefährten, aus denen sich ein vielschichtiges Bild des Daseins als Punk in der DDR und des eigenwilligen Charakters der Person Otze ergibt. Oft überschneiden sich dabei die Darstellungen von Ereignissen, was das Ganze aber nur noch unterhaltsamer macht – zwei Versionen einer verrückten Geschichte sind immerhin besser als eine. Was dabei an Geschichten herauskommt fesselt beim Lesen teilweise wie ein spannender Roman. Sei es, dass Otze sich seine ersten Ostmark für das benötigte Equipment dadurch organisierte, maßgefertigte Schlagringe für die Erfurter Hool-Szene herzustellen (die ihn, nicht aus diesem Grund, »Hammerotze« taufte) oder seien es das musikalisches und technisches Multitalent, seine konsequente Arbeitsverweigerung, seine gewalttätige delinquente Grundhaltung gepaart mit einer verworrenen, esoterisch bis satanischen Ader und schließlich sein mysteriöser Tod, den die meisten seiner Freunde den Ärzten einer »Psychiatrie des 19. Jahrhunderts« anlasten, in der er zwangsweise seine letzten Jahre verbringen musste.
Beim Lesen dessen hat man ständig diesen verrückten Sound mit dieser rotzigen Stimme im Ohr, die einem ins Gesicht zu schreien scheint, »habt ihr keine Wut mehr im Wanst…« Die Autoren Anne Hahn und Frank Willmann betreiben gleichwohl keine Heldenverehrung und thematisieren neben den ständigen Knastaufenthalten, die die DDR-Behören für aufmüpfige Arbeitsverweigerer durch eine ganze Reihe von Paragraphen ermöglichte, auch seine zeitweilige Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden als IKMO »Richard«. Beim Lesen des Buches taucht man in eine Welt ein, die den meisten Leser nicht nur
zeitlich unvorstellbar weit weg erscheint.
Wahrscheinlich wäre es auch nicht möglich gewesen, in dem Buch Personenkult zu betreiben oder Nostalgie zu wecken. Zu erdrückend und übermächtig war einerseits der Gewaltapparat der deutschen Interpretation des »real existierenden Sozialismus« und andererseits haben einfach zu viele der Weggefährten von »Otze« auf die Schnauze bekommen, oder wurden zumindest von ihm beklaut. Man bekommt beim Lesen eine leise Ahnung, wieso Schleimkeim eine, wenn nicht die wichtigste und wahnsinnigste deutschsprachige Punkband ist und man gelangt am Ende vielleicht auch zu dem Schluss, dass es so etwas wie eine Art surreale Einöde, in Form des thüringischen Hinterlandes zu Zeiten des Verfalls der DDR bedurfte, um etwas so Verrücktes auszuspucken. Die Popgeschichte spricht schnell von Ikonen, vor allem, wenn sich die betreffende Person schnell genug aus dem Leben bugsiert haben. Dennoch drängt sich ungewollt immer der Gedanke an Sid Vicious auf. Aber soviel ist klar: »Otze« Ehrlich war der bessere Musiker, der bessere Songschreiber.
»Satan, kannst du mir noch mal verzeihen« ist ein wirklich tolles Buch, dessen Lektüre ich mindestens ebenso spannend empfand, wie in den 90ern als »zu spät Gekommener« die alten Chaos Tage Fanzines zu verschlingen. Letzten Endes enthält es eine Sammlung von biographischen Erzählungen über eine Figur, die ihr Ende fand, wie sie es in Genres wie Film und Roman wohl finden muss. Im Fall »Otze« gerät dies aber schlicht zu einer deprimierenden Darstellung einer tragische Lebensgeschichte.
Nach dem Lesen kam mir der Gedanke, dass folgende Textzeile für »Otzes« eigenes Schicksal passender gewesen wäre, so wurde daraus nur einer der wenigen richtig schlechten Songs über eine verflossene Liebe: »Ich war minus du warst plus – der Strom fiel aus und dann war Schluss«.
Hahn, Anne/Willmann, Frank: Satan kannst du mir noch mal verzeihen. Otze Ehrlich, Schleikeim und der ganze Rest, Mainz: Ventil Verlag 2008



