Navigation

Sonja Eismann (Hg.) »Hot Topic«

Von Janette

»Here’s a pen, here’s some paper. Stop complaining, create your own art«1

Sonja Eismanns Buch »«, benannt nach dem gleichnamigen Le Tigre Song ist eine Textsammlung ausschließlich weiblicher Autorinnen, die »über einen persönlichen Zugang zu einem theoretischen Diskurs Level« kommend, den »Status Quo der Debatte« nachzeichnen wollen. Die »Debatte«, das sind in diesem Fall, Frauen im Pop Buisness, Frauen an den Mischpulten, Schlagzeugen, Computern und all den anderen Orten, an denen wir es so gewohnt sind, Männer vorzufinden. Eismann benutzt den Begriff Popfeminusmus, der dem haarigen alten das Prädikat sexy, lustig und attraktiv zumindest versucht anzuheften. Die Auseinandersetzung um und Befreiung ist aber auch immer eine Debatte um Identität und die hier vorliegenden Texte geben einen ganz guten Überblick über eben jene Identitätsangebote, die das politische Aktionsfeld für Frauen in der westlichen Welt bereithält. Musikerinnen, Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen, DJs, Butches, Mütter, Töchter, Journalistinnen: sie alle sind mit Beiträgen vertreten.

Eismann beklagt in ihrer kurzen Einleitung zum Reader, dass es in Deutschland »keinen radikalen, popbezogenen « gibt und schielt dabei nach Amerika und der dortigen Third Wave des . Denn, so argumentiert die Autorin weiter, »Popkultur soll durch feministische Strategien perforiert und erschüttert werden.« Let’s say the idea is good but that we should be working on conversion. Bei einem Blick auf Einkommensunterschiede und die real existierende Benachteiligung von Frauen haben wir ja auch außerhalb von Popkultur und Szene noch eine Menge zu tun. (Von der Situation weniger privilegiert und freier lebenden Frauen mal ganz abgesehen.) Ja, das ist alles schlimm würde meine Mutter sagen, aber was soll Gevatter Pop dagegen machen?

Durch die gewollt private Atmosphäre gelingt es zwar vielen der im Reader versammelten Autorinnen ihr Anliegen in zum Teil lesenswerte Geschichten zu verpacken, aber nur wenige gehen über diesen Tagebuch-Charakter hinaus und wagen sich tatsächlich an Ursachenforschung und Gesellschaftskritik heran. Aber genau diese Ursachen wären es doch, die uns interessieren sollten. Warum ist es so, dass nur wenige Frauen Schlagzeug spielen, Physik studieren oder Hip Hop-DJ werden? Clara Völker kämpft da in ihrem Text »Platten statt Schminke auflegen« ziemlich allein, fragt nach Rolemodels und etwaiger Technikfeindschaft. Bringt uns hingegen die Bemängelung der Zustände weiter? Bin ich jetzt eine Aktivistin, weil ich mir manchmal meine Klamotten selber nähe? Ist es immer noch bemerkenswert, wenn Frauen Konzerte veranstalten? Beim Lesen einiger Artikel kam es mir so vor, als hätte sich in den letzten zehn Jahren und meinem ersten und auch letzten Besuch auf einem Frauencamp nichts geändert. Abtreibung, Eßstörung, Drag Queens, unrasierte Axelhöhlen, langweiliger Riot Grrrl Punk… ich fürchte, nicht der richtige Weg, um – wem auch immer – den als sexy zu verkaufen.

Da hilft auch die Verpackung »« nicht weiter. Nach selbigem solle Pop also wieder den Dancefloor für die Revolution bereithalten. Diese Forderung kommt mir bekannt vor, hat sie doch schon in den 90ern die Antifabewegung beseelt und in den Ruin getrieben. Ist es nicht fernab der Realität, von der Popkultur zu erwarten, dass sie der Ort sein kann, an dem das gesellschaftliche Ruder herum gerissen werden könne und all die im Pop reproduzierten Klischees und Bilder an Wirkungsmacht verlieren? Pädagogisch zu agieren, wo quasi der ganze Laden auf Herrschaftsprinzipien und Kapital aufbaut? Den Kapitalismus abschaffen ist mir eine schöne aber zu träumerische Forderung geworden, doch sie behält ihren Wahrheitsgehalt auch im Kampf um Gleichberechtigung. Ausserdem sollte vom Kampf um eine befreite Gesellschaft meines Erachtens nach keine Sexyness, sondern vielmehr sein Stattfinden vehement eingefordert werden.

Von vielen, sogenannten feministischen Themen, hoffte ich nach dem Lesen der Einleitung, dass sie überhaupt nicht im Buch auftauchen. Sie tun es aber doch. Warum 2008 unbedingt noch zehn Seiten zu Rasur (ja oder nein) geschrieben werden müssen, ist mir schlichtweg schleierhaft, zumal dann abschließend bemerkt wird, dass es wohl jede selbst wissen muß, was sie mit ihrem Körper so veranstaltet. Anstatt – wenn man schon Körperbehaarung diskutieren will – zu untersuchen, wie es zu geschlechtsspezifischen Zuschreibungen über die Körperwahrnehmung gekommen ist, beschreibt Li Gerhalter in ihrem Essay »Angora« nur ihr persönliches Unbehagen in Anbetracht der Zustände und treibt mir Fremdscham ins Gesicht, als sie sich an die Verwunderung über die rasierten Axeln »einer beliebten Elektronik-Musikerin« auf einem Konzert erinnert. Auch die Darstellung der Bouvier-Schwestern in den Simpsons wird hier ganz schnell zu einem »spiegelverkehrten Bild von Frauen«. Schuld ist der Mainstream und die Kosmetikindustrie. Klar.

Über Anorexie und Drag Queens zu lesen war auch irgendwie interessant, aber da kann ich auch irgendein Boulevard Magazin auf RTL schauen. Schade fand ich zudem, dass sich Barbara Schulz, in ihrem sonst sehr coolen Text, die ironisch gemeinte Erwähnung nicht verkneifen kann, dass die drei Frauen von TGV schon mal gleichzeitig ihre Periode bekommen. Es ist vermutlich auch dieser persönliche Zugang zum Thema , der mich beim Lesen so gestört hat, denn Sonja Eismanns Ansatz vom Privaten, das politisch sei, lässt die Debatte am Küchentisch, obwohl sie doch auch ganz woanders hin gehört. Der gern verwendete Slogan und die damit einhergehende Forderung, aus dem Privaten heraus, die »Popkultur zu erschüttern« geht dem Fakt auf den Leim, dass die vorherrschenden Verhältnisse Teil eines verrückten System sind. Eismann geht es aber nun mal um persönliches und deshalb wird die Forderung hier auch nur zur Legitimationsgrundlage der eigenen Meinung.

Unsere Identität suchen wir uns nicht nur selbst, Attribute werden uns zugeschrieben. Was weiblich ist und was nicht wird auch von außen gemacht. Genau dort gilt es anzusetzen. Also endlich Musik machen, Fußball spielen, Physik studieren und Krach schlagen, ohne, dass das tatsächlich noch jemanden wundert. Ehrlich, es ist nicht einfach weibliche Rolemodels zu finden. In der Hochkultur und im geschätzten Underground machen sie sich rar. Doch es gibt sie und hoffentlich verschwenden wir nicht noch mehr Zeit damit, nach ihnen zu suchen. Das Angebot zu einem Kollektiv zu gehören, klingt erstmal verlockend. »Wir, die Frauen, die was bewegen!« Aber wir brauen keine neuen Begriffe, wir brauchen – wie Eismann richtig bemerkt – Netzwerke, Foren und Projekte. Identität und Bewusstsein kommen dann von Selbst. Vielleicht liegt darin schon eine kleine Befreiung, zumindest von Begriffen.

ist eine nette Geschichtensammlung von Frauen, die in der Popkultur ihre Nischen und Wirkungsplätze gefunden haben. Die Revolution wird hier nicht gestartet aber immerhin hat mal wieder jemand am Lautstärkeregler gedreht und das Thema Frauen in der Gesellschaft ein paar Plätze weiter nach oben in die Diskussionscharts geschoben. Anpassung und Gewöhnung sind nämlich auch die größten Feinde dieser Debatte.

Anmerkungen

  1. Petethepiratesquid »All my friends put records out«()

Artikel: versenden versenden   Drucken Drucken

Technorati Del.icio.us Digg Yigg Mr.Wong Webnews Netselektor Blogmarks Linkarena Newsvine 

  1. Sonja 23.05.2008 / 1:56 pm

    Huhu, Janette, schön, dass du Hot Topic gelesen hast, schade nur, dass einiges an dir vorbei gegangen zu sein scheint. Wenn du schreibst

    »Abtreibung, Eßstörung, Drag Queens, unrasierte Axelhöhlen, langweiliger Riot Grrrl Punk… ich fürchte, nicht der richtige Weg, um – wem auch immer – den Feminismus als sexy zu verkaufen.«

    Da hast du wohl übersehen, dass ich in der Einleitung bemerke, dass ich finde, dass Feminismus durchaus glamourös (und damit sexy) sein KANN (wie jede linke Befreiungsideologie meiner Meinung nach inhärent sexy ist, wenn man nicht die abgenudelten warenförmigen Konzeptionen von Sexyness meint), aber nicht MUSS. Es gibt doch wirklich schon genug Disziplinierungs-Dispositive, denen Frauen täglich unterworfen sind. Sollen sie jetzt auch noch mit marktkompatibler Sexyness weitere Frauen für ihre »Armee« rekrutieren und Männchen die Angst vor der feministischen Bedrohung nehmen? Hihi, über dieses absurde Bild hat sich schon Tammy Rae Carland vor Jahren amüsiert.

    Und wie kommst du denn auf den »langweiligen Riot Grrrl Punk«? Der spielt doch im Buch eigentlich gar keine Rolle, da ich immer die Erste bin, die davon enerviert ist, dass widerständige Musik von Frauen auch jetzt im xten Jahr nach Riot Grrrl formelhaft immer nur auf diese Bewegung reduziert wird. Damit schreibst du diese Limitierung, von der ich weg will, natürlich fort. Wenig insight verraten leider auch Aussagen wie solche:

    »treibt mir Fremdscham ins Gesicht, als sie sich an die Verwunderung über die rasierten Axeln »einer beliebten Elektronik-Musikerin« auf einem Konzert erinnert.«

    Vor wem schämst du dich denn so fürchterlich? Und was wäre deiner Meinung nach die Überwindung des Selbstzurichtungsparadigmas, das nach wie vor fast ausschließlich für Frauen gilt (auch wenn der Metro-Mann jetzt – wir leben ja schließlich im Kapitalismus – werbemäßig ziemlich vereinnahmt wird)? Fresse halten, brav rasieren, und dann irgendwas von der Veränderung der Verhältnisse murmeln, wenn es noch nicht mal die Entscheidungshoheit über den eigenen Körper gibt? Come on. Oder habe ich dich da ganz falsch verstanden?

    Du hast jedenfalls Li Gerhalter in ihrem Artikel zu Körperbehaarung nicht richtig verstanden, wenn du schreibst:

    »Anstatt – wenn man schon Körperbehaarung diskutieren will – zu untersuchen, wie es zu geschlechtsspezifischen Zuschreibungen über die Körperwahrnehmung gekommen ist…«

    Genau das macht sie ja – sie beschreibt z.B. die öffentliche, gegenderte Wahrnehmung von Körperbehaarung als »viril/ungezähmt/sexuell aktiv« konnotiert und vermutet, dass Männer durch behaarte Frauen eine Bedrohung ihrer begünstigten Geschlechterrolle orten könnten. Hingucken please!

    Ach, du schreibst doch selbst: »Das Angebot zu einem Kollektiv zu gehören, klingt erstmal verlockend.«
    Eben – daher ist Solidarisierung und Kollektivierung das Gebot der Stunde, und nicht die Streuung von durch den (verinnerlichten) patriarchalen Blick induzierten Lookism-Antagonismen. Da stehst du doch drüber! Und die »Problematik des Küchentisches« liegt doch eher darin, dass »weibliche« Themen genau so pejorativ wahrgenommen werden, eben als zu einem »inneren, rein reproduktiven« Sphäre gehörenden Diskurs, der die »Allgemeinheit« nichts angehe. Da hat sich tatsächlich seit den 1970ern nicht viel geändert und deswegen kann ein Autor wie Thomas Glavinic auch heute noch ungestraft behaupten, »Männerbücher« seien für alle, »Frauenbücher« nur für Frauen da. Wichtig ist es doch, sich als Frau dieser sexistischen Hierarchisierung nicht auch noch anheim zu geben.
    Aber wir wissen ja, it is a long and winding road, und schon Le Tigre sangen, one step forward, two steps back.

    Und es kann natürlich nicht nur darum gehen, dass Frauen Fußball spielen (machen sie z.B. auch in Hot Topic) oder Physik studieren, was ja eh schon passiert, wenn auch noch zu wenig, sondern dass sich die geschlechter-klischierten Zuweisungen endlich auflösen. Wie Julie Miess schon ironisch und plakativ in ihrem Lemmy-Artikel anmerkt, müssten dann alle halt mal eine Blumenampel knüpfen oder ein Drahtfahrrad zurecht biegen. Hihi.

    Hot Topic ist ja nicht ein verabsolutierendes Kompendium des Status Quo, sondern soll eher als ein exemplarischer, punktueller Überblick funktionieren, der vor allem eines will: kollektivieren und agitieren! Schafft ein, zwei, drei viele Netzwerke! In diesem Sinne:
    nur das Allerbeste,
    Sonja

Reiss die Fresse auf:

XHTML: Du kannst die folgenden Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>




Schubladen
Surftipps
  • Communique1
  • Kittkritik
  • Found Magazine