Von Wauz
Eine Abrechnung mit der Bush‑Ära und dem Post-9/11-Amerika soll »Under the Dome« (von Heyne in der deutschen Übersetzung gewohnt unbeholfen mit »Die Arena« betitelt) sein und rein oberflächlich lässt es sich auch durchaus als eine solche lesen. Stephen King, der sich selbst als »mitte-links« bezeichnet, und zudem schon immer Anhänger der Demokratischen Partei war, spart in seinem jüngsten Machwerk nicht mit bösartigen Anspielungen auf die Regierung Bush/Cheney. Diese wirken auf Dauer fast ein wenig zu plump und offensichtlich – wenn man den Roman nur unter diesen Vorzeichen verstehen will. Doch obwohl King dieses Buch nach eigenen Angaben mit einer Wut über die »Inkompetenz« der ehemaligen Machthaber der USA geschrieben hat und somit viele seiner verbalen Attacken ohne großes Zwischen-den-Zeilen-Lesen leicht den zu treffenden Zielen zuzuordnen sind, würde man ihm doch gewaltig Unrecht tun, wenn man nur diese eine Lesart zuließe, denn die King‘sche Gesellschaftskritik in diesem Psychogramm einer amerikanischen Kleinstadt, die von einem Moment zum anderen durch eine rätselhafte Kuppel vom Rest der Welt abgeschnitten, ist weitaus zeitloser und auf den zweiten Blick auch durchaus vielschichtiger als ein bloßer literarischer Kommentar zu der Präsidentschaft Bush Juniors.
Alleine die Idee des Grundplots ist schon über 30 Jahre alt1 und, wie King im Nachwort berichtet, scheiterte er damals als junger Autor noch am Umfang der Geschichte. Und der ist in der Tat gewaltig: mit 1280 Seiten (gebundene Ausgabe der deutschen Fassung) ist »Under the Dome« nach »The Stand« und »Es« der drittlängste Roman in Stephen Kings Gesamtwerk geworden, das mittlerweile allein über 50 Romane umfasst. Hinzu kommen zahllose Kurzgeschichten, Gedichte, Drehbücher, Kolumnen und auch Sachbücher. King schreibt nunmal seit jeher wie ein Besessener. Eben diese Vielschreiberei hat ihn oft ins Kreuzfeuer der Kritik gebracht: wer so viel produziert, kann einfach nicht – zumindest nicht immer – Qualität abliefern. Und so war das Geschrei natürlich recht groß, als der Autor 2003 mit dem renommierten »National Book Award to American Letters« ausgezeichnet wurde. Der amerikanische Literaturkritiker Harold Bloom etwa nannte die Auszeichnung einen »furchtbaren Fehler« und sah es als Schande, King in einer Reihe mit John Updike oder Arthur Miller zu sehen. In seiner Dankesrede2 am Abend der Preisverleihung hielt King dann ein leidenschaftliches Plädoyer dafür, Populärkultur wahr‑ und ernstzunehmen und nicht Autoren/innen automatisch zu verteufeln, nur weil diese enorme Verkaufszahlen vorweisen können – ein Phänomen das King persönlich nur zu gut kennt : von seinen Lesern geliebt und in die Bestsellerlisten katapultiert und von den Kritikern und in den Feuilletons oftmals verrissen. Doch auch die landläufige Meinung ist nicht gerade positiv: Es wird verächtlich die Nase gerümpft oder man wird müde belächelt, wenn man sich als King-Leser outet. Das »Schreckgespenst Amerikas«, das sich immerhin selbstironisch als das literarische Äquivalent zu BigMac und Pommes bezeichnet, ist und bleibt für viele nunmal nur der Fließbandproduzent trivialer Literatur mit billigen Schockeffekten. So verwundert und erfreut es nun zu lesen wie wohlwollend »Under the Dome« dann doch in der deutschen Presse aufgenommen wurde. Klar, es war bezeichnenderweise erst dieser explizit politische Roman nötig, damit viele der Kritiker den eigentlich immer präsenten Ernst in Kings Werk mal wieder wahrnahmen, aber das soll die Genugtuung, die man als langjähriger Leser empfindet nicht schmälern, wenn »Instanzen« wie Deutschlandradio Kultur von einem »genialen, wie erschütternden Roman« reden. Ein kleiner moralischer Sieg für den Fanboy im Herzen, unbedeutend, aber durchaus angenehm.
Viele sprechen nun sogar von einem »Comeback« – und hier sind sich seltsamerweise mal Kritiker und ein Großteil der Fans einig – denn insgesamt wurde King in den letzten Jahren eine zunehmende Einfallslosigkeit und ein deutlicher Qualitätsverlust seiner Werke attestiert3. Eben auch von vielen seiner Anhängern. Eine Meinung, die ich beim besten Willen nicht teilen kann, denn auch wenn er mit »Duma Key« (deutsch absolut peinlich als »Wahn« betitelt) und »Cell« (dt. »Puls«) sicherlich mit die schwächsten Bücher seiner Karriere abgeliefert hat, so schrieb er mit »Lisey‘s Story« (im deutschen einfach dämlich »Love«) seinen ungewöhnlichsten und sprachlich anspruchvollsten Roman, der zudem noch die ergreifenste Liebesgeschichte erzählt, die seinem Geist je entsprungen ist. Auch die Kurzgeschichtensammlung »Just after Sunset« (dt. »Sunset«) und der Abschluss seines Lebenswerkes, der dunkeln Turm-Saga, waren – wenn auch letztere stark polarisierte4 – King in Höchstform. Aber sei es drum, in der Öffentlichkeit verkauft sich das Bild des alten Kämpfers, der nach ein paar Fehlschlägen wieder trifft, nun mal besser und in der Fangemeinschaft wurde diese Mär auch gerne mehrfach zurechtfantasiert.
King knüpft mit »Under the Dome« inhaltlich wie stilistisch an ältere Werke und somit an alte Stärken an, denn der Roman bietet eigentlich ein sehr klassisches King‘sches Szenario: die scheinbar heile Welt einer amerikanischen Kleinstadt wird durch ein schreckliches Ereignis aus der Bahn geworfen. Nach und nach zerbröckelt die friedliche Fasade der Stadt und ihrer Einwohner und es zeigt sich das – meist hässliche und grausame – wahre Gesicht. Hier ist es die unsichtbare und undurchdringbare Kuppel, die sich plötzlich auf den Ort Chester Mills herabsenkt und ihn dadurch komplett von der Außenwelt isoliert. Eigentlich kein neues Thema, bereits in »The Regulators« und »Der Nebel« (Darabonts Verfilmung zählt zu den wenigen gelungenen Adaptionen) behandelte King Isolation und daraus resultierende Gruppendynamiken, doch erstmals findet das Geschehniss auf einem solch großem Schauplatz statt. Nicht eine Straße oder ein Supermarkt, nein, eine ganze Stadt ist auf einmal zum Gefängnis geworden. Und so leitet King das Buch mit einer zweiseitigen Namensliste aller relevanten Charaktere (einschließlich einiger Hunde) ein, eine Liste die sich im Zuge des Lesens häufig als hilfreich erwiesen hat, denn bei all den Namen verliert man schon ab und an den Überblick. Auch der ewige Kampf »Gut gegen Böse«, hier ausgefochten zwischen der Gruppe um den Irak-Veteran und Aushilfskoch Dale »Barbie« Barbara und dem Gebrauchtwagenhändler Jim Rennie und dessen Gefolge, der die Situation nutzt, um die Macht über die Stadt an sich zu reißen und diese zu einem brutalen Polizeistaat umzufunktionieren, ist kein Neuland für King; bildete dies doch auch das zentrale Thema in seinem post-apokalyptischen Roman »The Stand«, dort jedoch mehr mit religiös motivierten Untertönen. Auch wenn King auf alte Erzählmuster zurückgreift, einige der Figuren einer typischen »King-Schablone« entsprechen und von einem anderen Roman aus in Chester Mills gelandet sein könnten, hat man doch nie das Gefühl, aufgekochten, alten Kaffee serviert zu bekommen. Hier liegt sicher eins der größten Talente Kings, denn so oft er sich hinsichtlich Grundinhalt und Charakter-Entwicklung wiederholt (man bedenke nur wie viele seiner Protagonisten in seinen Büchern selbst Schriftsteller sind), so schafft er es doch immer wieder einen mitzureißen, zu überraschen und Figuren zum Leben zu erwecken, die einem nach kurzer Zeit schon sehr nahe stehen. Allerdings fehlt »Under the Dome« ein Held im klassischen Sinne oder eine richtige Hauptfigur, denn für einen Stu Redman (The Stand) oder Bill Denbrough (Es) fehlt es einem Dale Barbara einfach an »Screen-Time«. Auch die anderen wichtigen Personen werden jeweils immer nur kurz beleuchtet, was es etwas schwerer macht als Leser eine Identifikationsfigur zu finden. Aber nur so, indem King sich erzähltechnisch nicht zu sehr an eine einzelne Person bindet, war es ihm möglich, das gesamte Ausmaß der Katastrophe darzustellen und von möglichst vielen Perspektiven zu beleuchten. Dass z.B. die Figur des »Barbie«, der als Irak-Veteran mit Kriegstrauma zudem noch als herumziehender Aushilfskoch das Fremde in der Stadt verkörpert (und später dewegen auch schnell zum Sündenbock ernannt wird), deutlich mehr Potential bietet als es in dem Roman ausgearbeitet wird, ist sicher ein Verlust, aber ein verständlicher und auch ein konsequenter. Denn wie King im Nachwort erwähnt, war es seine Intention ein Buch zu schreiben, bei dem das Gaspedal von Anfang an durchgedrückt ist. Ein Vorhaben, das man durchaus als gelungen bezeichnen kann, denn der Roman steigt mitten im Geschehen ein und gönnt sich nur wenige Ruhepausen und selbst Kings ärgerliche Angewohnheit, manche Dinge unnötig ausführlich zu beschreiben hält sich insgesamt in Grenzen. Und wenn sicherlich bei einigen Figuren, wie angesprochen, ein wenig Potential verschenkt wurde, so bleiben die Akteure in »Under the Dome« keineswegs blaß. Im Gegenteil, gerade die liebevolle und durchaus immer noch recht detaillierte Zeichnung der einzelnen Personen ist es erst, was dem Roman seinen unwiderstehlichen Sog verleiht. In den ruhigen, zwischenmenschlichen Passagen entfaltet sich Kings schriftstellerisches Talent zur vollen Güte und er schafft es oft mit wenigen Worten oder in scheinbar beiläufigen Nebensätzen eine unglaublich greifbare emotionale Dichte herzustellen. Besonders einfühlsame Szenen beispielsweise sind die kleinen Momente in denen King in die Gefühlswelt der 3 jugendlichen Protagonisten (die Skaterkids Norrie, Benny und Scarecrow Joe) eintaucht. Das omnipräsente Gefühlschaos der Adoleszens in Worte zu fassen und treffend zu beschreiben ist wohl Kings herausragenste Gabe und sie zieht sich wie ein roter Faden durch sein Gesamtwerk. Angefangen mit »Carrie« über »Christine« und dem unter seinem Pseudonym Bachmann veröffentlichten »Amok«, bis hin zu »Es« und »Die Leiche« (wohl besser bekannt unter dem Namen von Rob Reiner‘s kongenialer Verfilmung »Stand by Me«) – um nur einige Beispiele zu nennen: King glänzt immer dann, wenn er die Verunsicherung, den Schmerz und auch die Liebe in Worte fasst, die seine heranwachsenden Figuren fühlen und er tut es gerade deshalb, weil er nicht von oben herab oder gar analysierend an sie herantritt, sondern sie ernst nimmt und wertschätzt, in all ihrer Hilflosigkeit und mit all ihren irrationalen Empfindungen. Man meint fast den schüchternen, zu groß geratenen Teenager Steve King wieder herauszuhören, der er einmal gewesen ist. mit solch einer Empathie und Distanzlosigkeit begegnet er seinen Protagonisten. Man könnte sagen, dass King begriffen hat, dass man diesen Lebensabschnitt nicht begreifen kann5 und genau diese Erkenntnis lässt ihn so ungemein glaubhaft das »coming-of-age«-Gefühl einfangen, so daß man ihm auch verzeiht, dass sein Einsatz von Jugendsprache mittlerweile doch ein wenig hölzern und aufgesetzt wirkt. Doch nicht nur den »Guten« widmet King seine Hingabe. Sehr viel Aufmerksamkeit wird gar dem »Bösewicht« der Geschichte, Jim Rennie, geschenkt, einer Figur, die überaus deutliche Parallelen zu Dick Cheney aufweist. Eine großartige Charakterwandlung darf man hier jedoch nicht erwarten, denn wie auch in seinen früheren Werken sind Kings Schurken nun mal böse und bleiben das meist auch, was nicht bedeutet, dass sie simpel gezeichnet sind. Ein Jim Rennie kommt in all seiner Einseitigkeit doch erfrischend vielschichtig daher. Von religiösem Wahn und Machtgier getrieben, schreckt »Big Jim« vor keiner noch so brutalen Manipulation und auch nicht vor Mord zurück und ist somit eine ideale Projektionsfläche für die Wut, die sich im Laufe des Romans ob der dramatischen Ereignisse beim Leser aufbaut.Trotz dieses sehr klassischen Antagonisten wird Rennie aber glücklicherweise nicht zur personifizierten Schuld hinstilisiert. Gegen Ende von »Under the Dome« stellt sich ebenso heraus, dass auch er nur ein Rad in einem Getriebe ist, das nur am Laufen gehalten wird, weil alle sich daran beteiligen. Obgleich des anklagenden Grundtenors verfällt King somit nicht in die Rolle des Richters. Dies verleiht dem Buch einen intelligenten Twist.
Das Finale ist fulminant und nervenaufreibend. Zum Glück schreckt King nicht davor zurück, auch unbarmherzig mit seinen Charakteren umzugehen, was »Under the Dome« eine zwingende Konsequenz verleiht. Die Aufklärung selbst (keine Sorge, es folgen KEINE Spoiler) macht aus der spannenden Geschichte erst ein wahrlich großes Werk, denn hier gelingt ihm ein Kunstgriff, der auf den ersten Blick nach dem extrem hohen Tempo, das der Roman von Anfang an vorlegt, vielleicht zu leise wirkt aber bei genauerer Betrachtung eine unglaubliche Vehemenz entwickelt. Man bleibt erschöpft und nachdenklich zurück, wenn King einen mit einem angenehm unaufdringlich tiefgründigen letzten Satz entlässt. Man bleibt aber auch zufrieden zurück: denn bei all seiner Tiefe und bei all seinen politischen wie philosophischen Ansätzen ist »Under the Dome« letztendlich glänzende Unterhaltung, durchgängig intelligent und vor allem extrem spannend. Sprachlich auf hohem Niveau mit netten Spielerein versehen, z.B. wenn der Leser selbst auf einmal persönlich angesprochen wird, spart King nicht an Humor. Dies verleiht dem Buch noch mal eine angenehme Wärme und Menschlickeit. Bei all der Wut, die King beim Schreiben wohl empfand, wirkt er nie rachsüchtig. Oft hat er betont, dass er die Menschen über die er erzählt nicht verachtet und dies ist sicher der entscheidende Faktor, der den Roman davor rettet, eine all zu kalkulierte Abrechnung zu sein. An keiner Stelle gibt er den erhabenen Außenstehenden, der distanziert herablassend sein Urteil fällt. King selbst ist durch und durch amerikanisch – was er selbst schon mehrfach betont hat. Das stellt ihn mit den »Bewohnern« seiner Bücher auf eine Stufe und macht diese somit extrem glaubwürdig. Allerdings resultiert dies nicht in einer bedingunglosen Solidarisierung oder gar Identifikation mit dem »einfachen Volk«. Dafür ist King glücklicherweise doch zu unbequem, denn er liebt es anzuecken und zu provozieren. Er tut dies aber stets mit einem gewissen Grad an Respekt, womit er verhindert, dass seine Werke zu einseitig werden oder zum Sprachrohr der eigenen Meinung oder der, die man ihm gern aufobtruieren würde, zu verkommen.
Mit »Under the Dome« hat Stephen King vielleicht nicht seinen besten, aber doch einen seiner bewegensten Romane geschrieben. Nun bleibt noch zu hoffen, dass die geplante filmische Umsetzung zu einer Mini-Serie für den amerikanischen Sender HBO unter der Federführung Stephen Spielbergs6 den hohen Qualitätsstandard der Vorlage wahrt und ähnlich anspruchsvolle Unterhaltung bietet.
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